Über Grindel, ihren Entdecker und heutige Gehälter

DFB-Funktionärin Doris Fitschen im Exklusiv-Interview 

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Doris Fitschen im Sommer 2016: Ihren Posten als Teammanagerin der Frauennationalmannschaft hat die 48-Jährige inzwischen abgegeben. 

Rotenburg - Von Matthias Freese. Sie ist eine Pionierin: Doris Fitschen, 144-fache Nationalspielerin und vierfache Europameisterin, war eine der ersten Stars im Frauenfußball und erlebte seinerzeit die Gründung der Bundesliga mit. Als Teammanagerin der Frauen-Nationalmannschaft erlebte die 48-Jährige, die beim FC Hesedorf und TuS Westerholz groß wurde, im Sommer den Olympia-Triumph hautnah mit, um diesen Posten nach sieben Jahren aufzugeben und sich wieder komplett ihrem Hauptjob als Marketingleiterin für den Frauenfußball beim DFB zu widmen. Im Exklusiv-Interview spricht Fitschen über die alten und neuen Zeiten.

Frau Fitschen, hat der Kreis Rotenburg eigentlich die DFB-Zentrale in Frankfurt übernommen?

Doris Fitschen: (lacht) Naja, wir sind hier jetzt ganz gut vertreten.

Kannten Sie denn den Rotenburger Reinhard Grindel schon persönlich, bevor er DFB-Präsident wurde?

Fitschen: Ich habe ihn eigentlich erst kennengelernt, als er hier Schatzmeister wurde, vorher kannte ich ihn nur vom Namen her.

Und wie ist er so?

Fitschen: Wir haben ihn das eine oder andere Mal zur Nationalmannschagft eingeladen. Da hat er einen sehr sympathischen Eindruck gemacht und war auch zu Späßen aufgelegt. Beruflich habe ich nicht so viel mit ihm zu tun, aber wenn, dann läuft das alles super. Ich denke, er hat auch schon einiges bewegt in der Zeit als Präsident und auch schon als Schatzmeister. Und ich hoffe, das jetzt auch wieder ein bisschen Ruhe einkehrt. Es stehen schließlich große Aufgaben an.

Warum haben Sie eigentlich den Posten als Teammanagerin aufgegeben?

Doris Fitschen 2003 im Rotenburg: Mit ihrer Mutter besuchte sie das Länderspiel der U19-Nationalmannschaft.

Fitschen: Zum einen bin ich ja parallel Leiterin Marketing für den Frauenfußball gewesen. Da ist es dann schon schwer gewesen, die Aufgaben so zu verbinden, dass man beides zu 100 Prozent machen kann. Ich war im Jahr im Schnitt 100 Tage unterwegs. Da war es an der Zeit, neue Wege zu gehen. Deswegen war Olympia für mich auch noch ein riesiges Ziel. Als Spielerin hatte ich zwei Mal daran teilgenommen. Das waren die schönsten Erlebnisse, das hat sich jetzt bestätigt, von daher war es ein super Abschluss.

Was war denn emotionaler? Der Olympia-Erfolg oder Ihr Abschied als Teammanagerin?

Fitschen: Der Olympia-Erfolg. Das ist nicht zu toppen, vor allem im Maracana-Stadion. Wir waren schon bei der Auslosung dort, da war das Stadion leer und es war schon ein grandioses Gefühl. Es ist unbeschreiblich, das war eine ergreifende Atmosphäre, als wir auch noch mit der gesamten sportlichen Leitung dort verabschiedet wurden.

Das heißt, Sie kehren jetzt komplett in den Marketingbereich beim DFB zurück?

Fitschen: Ja, jetzt eben zu 100 Prozent. Da ist noch einiges rauszuholen, gerade was die Allianz-Frauen-Bundesliga angeht. Da kommt keine Langeweile auf.

Welche Sprüche über Frauenfußball können Sie eigentlich nicht mehr hören?

Fitschen: Früher gab es noch Fans, die „Trikottausch“ gerufen haben, das hat sich ja mittlerweile alles gelegt. Frauenfußball ist inzwischen anerkannt, aber es ist schon so, dass mit dem Frauenfußball noch nicht das ganz große Geld zu verdienen ist. Was mich immer stört, sind diese Vergleiche mit dem Männerfußball. Das kann man aber nicht vergleichen.

Schauen Sie aber nicht auch mal ganz neidisch zu den Männern, wenn man sieht, was da so an Summen gezahlt wird?

Fitschen: Ehrlich gesagt nicht so. Die Spielerinnen und wir alle wissen, dass sich der Frauenfußball super entwickelt hat. Gerade die Nationalspielerinnen können von ihrem Sport leben und haben eine privilegierte Stellung, das war vor zehn Jahren noch anders.

Ärgert es Sie denn nicht, dass Sie in den Neunzigern als Spielerin so erfolgreich waren und nicht heute, wo es finanziell lukrativer ist?

Fitschen: Nein, ich bin froh, dass ich auch heute noch ganz nah dran bin. Es gibt viele, die damals gespielt haben und völlig raus sind. Es waren früher andere Zeiten, nicht so professionell. Das hatte auch seine Vorteile, man konnte sich ein zweites Standbein aufbauen. Fußball lief da noch mehr nebenbei.

Was kann eine Nationalspielerin heute so verdienen?

Fitschen: Ich weiß es gar nicht so ganz genau, schätzungsweise zwischen 5 000 bis 8 000 Euro.

Und zu Ihrer aktiven Zeit?

Fitschen: Ich bin schon zwei Mal Europameisterin geworden, ehe ich überhaupt mal ein bisschen Geld verdient habe, vorher gab es nicht mal Fahrtgeld. Erst danach konnte ich mein Studium damit finanzieren, habe aber immer noch ein, zwei Tage gearbeitet.

Moment! Sie sollen doch schon als junges Mädchen von Ihrem damaligen Trainer Fritz Rathjen Ihr erstes Gehalt als Fußballerin bekommen haben ...

Fitschen: Das stimmt, zwei Mark. Unsere Mannschaft war relativ neu, wir haben am Anfang alle Spiele verloren und auch kein Tor geschossen. Da hat Fritz gesagt: „Wer das erste Tor schießt, kriegt zwei Mark.“ Danach kam aber lange nichts (lacht).

Fritz Rathjen war Ihr Entdecker?

Fitschen: Ohne Fritz hätte ich überhaupt nicht die Möglichkeit gehabt, Fußball zu spielen. Er hat mich zehn Jahre lang zu jedem Training und jedem Spiel abgeholt. Meine Eltern hätten das mit der Landwirtschaft gar nicht leisten können, mich durch die Gegend zu kutschieren.

Haben Sie noch Kontakt in die Heimat?

Fitschen: Wir haben immer noch eine Runde und wenn ich mal zu Hause bin, versuchen ich die Westerholzerinnen von damals einzuladen – letztes Mal Anfang September. Eigentlich treffen wir uns auch immer vor Weihnachten, da sind Fritz und seine Frau Inge dann auch dabei, aber auch Spielerinnen wie Iris Everding (jetzt Schmökel, Anm. d. Red.). Wir sitzen dann bei meinen Eltern und erzählen immer die gleichen Geschichten von früher. Und jedes Mal werden sie ein bisschen mehr ausgeschmückt.

Ihr alter Verein, der TuS Westerholz, kämpft in der Landesliga um den Klassenerhalt. Was sagen Sie aus der Ferne dazu?

Fitschen: Das habe ich ehrlich gesagt nicht so verfolgt, aber natürlich wünsche ich dem Verein, dass er erfolgreich ist.

Sie haben bis 1988 in Westerholz gespielt, waren aber 1986 schon Nationalspielerin. Wäre es heute noch denkbar, als Landesligaspielerin berufen zu werden?

Fitschen: Die Landesliga war damals ja bei uns zunächst die höchste Liga, dann wurde irgendwann die Oberliga Nord gegründet, ich habe mein Abitur gemacht und wollte dann auch in der höchsten Liga spielen. Das war wichtig, wenn man Nationalspielerin sein wollte. Deshalb bin ich 1988 zum VfR Eintracht Wolfsburg gewechselt.

Also ist ein Sprung aus einer tieferen Klasse in die Nationalelf heute nicht mehr möglich?

Fitschen: Es ist schwierig, weil es wichtig ist, Woche für Woche auf hohem Niveau zu spielen. Wir wollen, dass unsere Nationalspielerinnen sich mit den besten messen. Das Leistungsgefälle im Frauenfußball ist auch höher als im Männerfußball. Martina Müller hat mit dem VfL Wolfsburg mal in der zweiten Liga gespielt – das wurde dann auch akzeptiert.

Wie sehen Sie die Zukunft des deutschen Frauenfußballs – rosarot?

Fitschen: Es gibt viel zu tun, aber ich sehe sie schon sehr positiv. In anderen Ländern wird allerdings auch sehr viel gemacht, vor allem in England, aber auch in Frankreich und in Holland. Da müssen wir als DFB dran bleiben, damit wir nicht überholt werden. Von daher ist es gut, dass ich mich jetzt auf meinen Marketingjob konzentrieren kann.

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