ANPFIFF: Handball-Oberliga

Die Reise ins Ungewisse: Der Virus, Verletzungen und ein Verbot belasten den TuS Rotenburg

Weniger Zuschauer, viele Verletzte und die Angst vor der nächsten Corona-Auszeit im Nacken – die Voraussetzungen für Rotenburgs Handballer könnten vor dem Saisonstart besser sein.
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Weniger Zuschauer, viele Verletzte und die Angst vor der nächsten Corona-Auszeit im Nacken – die Voraussetzungen für Rotenburgs Handballer könnten vor dem Saisonstart besser sein.

Rotenburg – Mit den persönlichen Vorsätzen ist das so eine Sache. „Ich habe keine Lust mehr, da draußen den Derwisch zu machen – daran arbeite ich“, verrät Nils Muche. Kaum vorstellbar, dass aus dem so emotional und lautstark agierenden Trainer des TuS Rotenburg plötzlich ein gechillter, ein zurückhaltender Übungsleiter wird, der an der Seitenlinie des Handball-Oberligisten steht. Oder besser noch sitzt. Schließlich birgt die am Wochenende beginnende Saison aus diversen Gründen zahlreiche Unwägbarkeiten, die den Puls auch mal fix hochschnellen lassen können. Der Wümme-Sieben steht eine Herausforderung der besonderen Art ins Haus, eine Reise ins Ungewisse.

Weniger, weil der TuS Rotenburg die vergangene Saison alles andere als erfolgreich bestritten hat und ihn wohl nur der coronabedingte Abbruch vor dem Abstieg bewahrt hat. Vielmehr sind es die drei gefährlichen „Vs“, die sich Muche und seinen Mannen wie große Felssteine in den Weg legen und denen sie schuldlos gegenüberstehen – das Virus, die aktuelle Verletztenseuche und das bestehende Verbot von Backe in der Pestalozzihalle. „Wir müssen es nehmen, wie es kommt“, sagt der Coach und meint deshalb: „Ich bin nicht euphorisch, aber auch nicht skeptisch und nicht besonders hibbelig.“

Teammanager Johann Knodel wirkt aber schon recht zweifelnd, wenn es um die Durchführung der Saison geht, während die Corona-Infektionszahlen wieder steigen. „Ich schätze, dass wir drei Spiele machen und dann sowieso alles abgebrochen wird. Das ist so mein Gefühl“, merkt er an. Seit Monaten hat er allen Bedenken zum Trotz die neue Spielzeit vorbereitet – inklusive der Maßnahmen, die wegen eingeschränkter Zuschauerkapazitäten getroffen werden mussten. Aufgrund der Abstandsregeln finden in der Pestalozzihalle nun 130 Fans Platz. Und die bekommen im ersten Heimspiel am 10. Oktober (19.30 Uhr) gleich mal die HSG Delmenhorst, für Muche der Titelfavorit, zu sehen. Der Auftakt steigt am Sonntag (17 Uhr) beim TV Bissendorf-Holte, ebenfalls einem Aufstiegsanwärter. „Wir haben gleich zu Anfang zwei ziemlich gute Gegner“, warnt Knodel da vor zu großen Erwartungen.

Zumal – und das ist aktuell das größte Problem – die Verletztemisere in Rotenburg vor der Saison so richtig gewütet hat. Niko Dolk hat es am ärgsten erwischt. Der Neuzugang vom Regionsoberligisten TV Jahn Schneverdingen, als Linkshänder für die rechte Seite und dank seiner Statur auch für die Abwehr fest eingeplant, „ist für die Saison raus“, wie Muche berichtet. Während einer Meniskus-OP wurde festgestellt, dass er einen Kreuzbandriss erlitten hat. „Er war gerade auf dem Weg, die große Diskrepanz zwischen Regionsoberliga und Oberliga hinzukriegen – jetzt hat sich das rein sportlich erst mal erledigt“, meint Muche.

Verletzt: Yannick Kelm plagt sich mit einem Bandscheibenvorfall und wird den Start verpassen.

Nächstes Sorgenkind ist Stammkeeper Yannick Kelm – Bandscheibenvorfall! „Er wird nicht operiert und macht Stabi-Übungen. An Sport ist aber noch nicht zu denken“, erklärt der Trainer und ruft damit den Zweikampf zwischen Matthis Köhlmoos und Michael Bauer um die Nummer eins aus. Zwei weitere Rekonvaleszenten kommen hinzu: Rückraumspieler Jens Behrens musste am Schultereckgelenk operiert werden und wird noch einige Zeit ausfallen, gleiches gilt für Rechtsaußen Daniel Barkholdt nach seinem Kreuzbandriss. Und zu allem Überfluss fehlt mit dem Rückraumlinken Sören Heyber auch noch der Mann mit dem größten Wumms für das Spiel in Bissendorf. Nach seiner Ausbildung hat der Polizist jetzt regelmäßige Wochenenddienste.

Bei diesen Sorgenfalten gerät das dritte Problem fast in Vergessenheit – das weiterhin bestehende Backeverbot, das der Landkreis für seine Hallen ausgesprochen hat. „Solange das besteht, werden wir in unserem eigenen Saft schmoren. Wir schaffen es bis jetzt ja nicht mal, die Talente, die wir selbst in Rotenburg haben, zu uns zu bringen. Das hapert an der Klebe“, beteuert Muche und denkt vor allem an die bei der Oberliga-Konkurrenz spielenden Paul Schröder (HC Bremen), Niko Korda und Klaus Fuhrmann (beide SV Beckdorf). Dabei, schränkt der Coach ein, sei das Thema Backe mittlerweile bei vielen eine reine Kopfsache: „Ich brauchte früher nie Klebe. Du musst nur richtig in den Ball reinkneifen und ihn nicht mit den Fingern streicheln. Außerdem sind die neuen Bälle mittlerweile so gummiert – die kleben schon ohne Klebe.“

Verletzt: Niko Dolk.

Für sein Team sei es übrigens kein Vorteil, dass die Gegner (wie von diesen gerne behauptet) in Rotenburg auf ihr gewohntes Harz verzichten müssen. „Es ist eher ein Nachteil: Wir bekommen deshalb keine Spieler und müssen auswärts überall mit Backe spielen, können damit aber nicht mal trainieren.“

Operiert: Jens Behrens.

So oder so: Muche geht gar nicht mal so pessimistisch in die neue Saison. „Wenn die Jungs gesund bleiben, sind wir etwas konstanter als letztes Jahr. Das Team ist unheimlich zusammengewachsen. Es sind alle ein Jahr älter geworden – das macht was aus. Die Sachen, die ich sehe, sind gut.“ Das gilt auch für Thies Stieghahn, der weiterhin in der A-Jugend spielen soll, aber zum Oberliga-Kader gehört. „Er macht das wirklich gut. Natürlich können diese jungen Spieler noch nicht gleich Bäume ausreißen“, weiß Muche und sieht vielmehr den inzwischen 22-jährigen Michel Misere oder Kilian Behrens in der Pflicht: „Die müssen dieses Jahr – und sie werden es auch“, ist der Trainer überzeugt. Froh ist er zudem über die Zusage von Rückraumspieler Chris Ole Bruns, der mit einem Studium in Köln geliebäugelt hatte. So bleibt es bei den Abgängen von Rechtsaußen Luka Bruns (pausiert) und Spielmacher Max Nowosadtko (Studium in München). Wobei vor allem auf der rechten Siete durch die Verletzung von Dolk und den weiteren Ausfall von Barkholdt eine Vakanz entstanden ist. „Aber jeder Linksaußen kann auch Rechtsaußen spielen“, denkt Muche an Jan Nowosadtko oder Martin Nowakowski.

Der jahrelang als Linksaußen fur Furore sorgende Lukas Misere dürfte indes eine neue Rolle im Rückraum erhalten. „Klar ist er da eine Option, er kann links, rechts und Mitte spielen. Oder als Linksaußen. Und es ist kein Geheimnis, dass wir nicht so weitermachen können wie bisher“, betont Muche.

Von Matthias Freese

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