Gedanken vor dem Saisonstart

Amateurfußball in Zeiten von Corona: Der Ritt auf der Rasierklinge

Das etwas andere Teamfoto in Zeiten von Corona beim Rotenburger SV. Auf dem Sportplatz selbst gilt für die Spieler während der Partien und des Trainings aber keine Abstandsregel.
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Das etwas andere Teamfoto in Zeiten von Corona beim Rotenburger SV. Auf dem Sportplatz selbst gilt für die Spieler während der Partien und des Trainings aber keine Abstandsregel.

Rotenburg – Der nächste Schritt zurück zur Normalität wird am Wochenende auf Niedersachsens Fußballplätzen vollzogen. Doch wie viel Normalität ist mitten in der immer noch existierenden Corona-Krise zu ertragen? Ist der Amateurfußball vorbereitet oder hat er sich zu schnell zu weit vorgewagt? Und wann werden auch im Kreis Rotenburg die ersten Partien abgesagt, weil sich Spieler angesteckt haben? Der Sport vollführt einen Ritt auf der Rasierklinge.

Beim Blick auf die Amateurplätze der Region wird in der Vorbereitungszeit der Eindruck vermittelt, als hätten die Vereine den Ernst der Lage verstanden. Als hätten sie sich eingestellt auf die Situation, die einen deutlich erhöhten Einsatz der Ehrenamtlichen erfordert. Eingang und Ausgang der Sportplätze sind oft voneinander getrennt, Namenslisten werden geführt, Desinfektionsmittel an prominenter Stelle bereitgestellt. Alles gut also? Mitnichten!

Manch einer setzt die Verhaltensregeln nur oberflächlich um

Zu beobachten ist: Nicht jeder nimmt es mit den Verhaltensregeln ernst, manch einer verfolgt sie nur oberflächlich – oder sie überfordern ihn, weil sie organisatorisch nicht immer leicht umzusetzen sind. Mehrfach ist uns von Freundschaftsspielen berichtet worden, die vor mehr als 50 Zuschauern stattfanden, ohne, dass die Besucher die Partie wie vorgeschrieben sitzend verfolgt haben. Mindestabstände auf den Rängen? Nicht allerorten werden sie eingehalten.

Auch unter den Sportlern ist manch Verhaltensregel aufgeweicht worden. Wenn nach dem Training längst nicht mehr jeder zweite Duschkopf trocken bleibt, sondern wieder gut Betrieb in der Nasszelle herrscht, wenn Händeschütteln und Abklatschen statt Ellenbogenbegrüßung oder Ghettofaust zurückkehren – dann stimmt der laxe Umgang zumindest nachdenklich.

Abklatschen gehört wieder zum Standardprogramm

Mitunter offenbart sich auch eine unbedarfte Naivität. „Abklatschen gehörte heute zum Standardprogramm!“, textete Landesligist SV Ahlerstedt/Ottendorf vor zwei Wochen nach einem Kantersieg und bebilderte den Facebook-Post mit Spielern, die die Hände zum kollektiven Jubeln ausbreiteten. Menschliches, Allzumenschliches, aber nicht gerade vorbildlich. Mancherorts scheint die Normalität die Realität wieder überholt zu haben. Dabei gibt es genügend Warnschüsse, wie etwa die Coronafälle bei Oberligist Lupo Martini Wolfsburg.

Der Amateurfußball ist ja keine Oase. Wir können uns nicht zweimal die Woche testen lassen“, weiß Torsten Krieg-Hasch, der Sportliche Leiter des Rotenburger SV aus der Oberliga, und rechnet deshalb damit, dass es während der Saison zu regionalen Schwierigkeiten und möglicherweise Spielabsagen wegen Coronafällen kommen wird. „Wir wollen nicht derjenige sein, der alles zum Stillstand bringt“, sagt er. Deshalb achte der RSV auch sehr darauf, dass das Hygienekonzept umgesetzt werde.

Wie ehrlich sind die Vereine, wenn es Coronafälle gibt?

Dass es immer wieder mal zu Verfehlungen kommt – oft auch aus alter Gewohnheit – ist nachvollziehbar. Doch die Kernfrage ist: Wie ehrlich sind die Vereine, wenn es positive Coronafälle in ihren Teams geben sollte? Transparenz oder Vertuschung? Proaktiv handeln oder besser nichts sagen? In der Vorbereitungszeit, in der zwei Fälle bei der SG Unterstedt und einer im Nordkreis bei einem S 40-Team bekannt wurden, war es noch relativ einfach, nichts an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. In der Saison dürfte das nicht mehr möglich sein.

„Das kann jedem passieren. Wir würden damit offensiv umgehen“, betont Peter Grewe, Präsident des RSV. Krieg-Hasch ergänzt: „Wir sind da in der Pflicht. Der Rotenburger SV kann es sich nicht erlauben, irgendwas unter Verschluss zu halten. Und das würden wir auch nicht wollen.“

Der Amateurfußball könnte sein Privileg verspielen

Zudem würde der Amateurfußball nicht nur seinen Spielbetrieb riskieren, sondern könnte auch ein Privileg verspielen, das er gegenüber den Profivereinen (mit Ausnahme von RB Leipzig) derzeit genießt. Was die Großen nicht dürfen, ist den Kleinen erlaubt – das Spielen vor Publikum. Und gerade für die Amateure sind Kartenverkauf und Catering finanziell ungleich wichtiger als für die Profivereine.

Nicht nur die Bundesliga-Clubs stehen nach ihren bisher erfolgreich verlaufenen Geisterspielen weiter unter Beobachtung – auf die Amateurvereine trifft es ebenfalls zu, wenn sie einen erneuten Lockdown verhindern wollen.

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