Kleine Clubs fürchten um ihre Zukunft – Vorsitzender Knaack bezieht Stellung

Der Kampf um die Talente

Ins Netz gegangen: Talente beim Sichtungsturnier vor einem Jahr in Westerholz.
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Ins Netz gegangen: Talente beim Sichtungsturnier vor einem Jahr in Westerholz.

Rotenburg – Die Lage ist angespannt, der Ton wird rauer. „Wir haben die Schnauze voll!“, sagt Carsten Tietjen, Vorsitzender des SV Rot-Weiß Scheeßel ganz direkt. Im Mittelpunkt der Kritik: Der neue Jugendförderverein A/O/B/H/H, der zur kommenden Saison den JFV A/O/Heeslingen ablöst. Zwei talentierte Fußballer aus Scheeßels bisheriger U 12 wechseln in diesem Sommer ohne vorherige Info zum Nachbarn in den Norden. Auch andere Vereine monieren dieses Vorgehen, müssen seit Jahren immer wieder ihre guten Spieler abgeben und beäugen den großen Rivalen deshalb mit Skepsis.

Die Antwort beginnt mit einem Eingeständnis: „Ja, es ist richtig, dass wir Spieler von RW Scheeßel ohne eine vorherige Information an den Verein zum Probetraining eingeladen haben. Dort ist uns ein Fehler unterlaufen, der so nicht passieren soll. Durch den Umbruch, den wir gerade im JFV erleben, sind noch nicht alle Abläufe optimiert“, betont Klaas Knaack. Er ist der neue starke Mann des erst in diesem Jahr gegründeten JFV A/O/B/H/H/ – erster Vorsitzender und Sportlicher Leiter für den Leistungsfußball in Personalunion. Knaack ist spürbar um Entspannung bemüht. „Da wird in der Vergangenheit auch nicht alles glattgelaufen sein”, ahnt er. Bei Tietjen hat er sich persönlich am Telefon entschuldigt, künftig solle so etwas nicht wieder vorkommen: „Die Trainer haben Vorgaben bekommen, es läuft alles über unseren Tisch. Wir informieren die Vereine vorab schriftlich.”

Ganze Teams werden abgemeldet

Zumindest in einer Sache herrscht bei allen Vereinen Einigkeit: Hochtalentierte Spieler sollen möglichst hoch spielen – und eben hier ist der JFV A/O/B/H/H mit seiner U 19 in der Niedersachsenliga, seiner U 17 in der Regionalliga sowie drei weiteren Teams in der Landesliga (U 17 II, U 16 und U 15) eine gute Anlaufstelle. Nur: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um zu wechseln? „Lasst die doch bis zur C-Jugend in ihren Heimatvereinen bolzen, dann können sie immer noch hoch”, appelliert Tietjen. Er schätzt, dass in den vergangenen Jahren 15 bis 20 Spieler aus Scheeßel nach Heeslingen gewechselt sind. „Denen wird erzählt, dass sie das Sprungbrett für die Nachwuchsleistungszentren sind.“

Dieter Lemmermann, langjähriger Jugendtrainer der JSG Gnarrenburg, hat festgestellt: „Wenn Spieler in den Stützpunkt reinkommen (also im D-Juniorenalter, Anm. d. Red.), ziehen sie die Aufmerksamkeit auf sich. Da werden viele abgegriffen.” Lemmermann, der vier Jahre lang den Jugendnationalspieler Keke Topp (SV Werder Bremen) in Gnarrenburg trainiert hat, hat in der abgebrochenen Saison mit seiner U 16 in der Bezirksliga gespielt. Drei seiner Spieler seien vom JFV A/O/B/H/H angesprochen worden – er konnte sie alle vom Bleiben überzeugen und kritisiert: „Die haben keinen Blick dafür, was bei uns passiert, wenn drei Mann weggehen. Da wird mit einem Selbstverständnis in anderen Vereine rumgewildert, das ist unanständig.” Der Vorwurf vieler Vereine: Nicht nur die übermäßig talentierten Jungs werden angesprochen.

Die Folgen bekommt aktuell der TuS Zeven zu spüren. „Diese massive Abwerbung führte dazu, dass unsere U 16 mangels Spieler für die kommende Saison abgemeldet wurde“, beklagt sich Jugendobmann Jan Koziol. „Dieses Jahr müssen wir Jugendobmänner auch ganz klar feststellen, dass der JFV selten so aggressiv vorgegangen ist.“ Der Zevener spricht im Gegensatz zur Vergangenheit von einem „einigermaßen sauberen Ablauf“ – der Verein wurde kontaktiert.

Nur noch vier Spieler der bisherigen U 16 bleiben dem TSV Apensen erhalten, wie der Verein aus dem Kreis Stade mitteilt. Ein Großteil wechselt zum JFV A/O/B/H/H. Knaack wirft ein, dass es sich ursprünglich um Jugendliche des TuS Harsefeld handelte, die nach Auflösung der JSG Apensen/Harsefeld vor einem Jahr beim TSV Apensen verblieben waren. Nun aber gehört der TuS Harsefeld zum JFV A/O/B/H/H. Schon in der Saison 2014/2015, so klagt der TSV Apensen, wurde „uns der Großteil der Jahrgänge U 12/U 14/U 15 abgeworben. Dort haben wir schon 35 Spieler an den JFV A/O/H verloren.“ Der Verein spricht von einem „Kinder-Reise-Tourismus“ durch den Landkreis.

Die Anzahl an Spielern, die zur nächsten Saison aus dem Kreis Rotenburg zum JFV A/O/B/H/H wechseln, beziffert Knaack auf „vielleicht zehn über alle Jahrgänge.” Ein Talent kommt auch aus der U 11 des VfL Sittensen – dessen Jugendobmann Jörg Tomelzick bringt vollstes Verständnis auf. Er betont: „Wir sind mit dem bisherigen JFV A/O/H sehr gut ausgekommen. Wir können unseren talentierten Spielern auch nicht die Ausbildung bieten, die ein leistungsorientierter Verein bieten kann. Einem Talent die Niedersachsenliga zu ermöglichen und im Fokus großer Vereine zu stehen, finde ich in Ordnung.“ Eben so hat es auch sein Sohn Sven mittlerweile zum Oberligaspieler bei den Heeslinger Herren gebracht. „Aber einen einzelnen Jahrgang aufzupumpen, empfinde ich als nicht nachhaltig.“ Auch kurzfristige Wechsel „ohne vorherige Ankündigung“ kritisiert Tomelzick als „unsportlich. Durch diese Vorgehensweise haben wir im Winter einen Tag vor Wechselschluss unseren Torwart der U 14 verloren und jetzt zwei Spieler aus demselben Jahrgang.“ Die Jungs wechselten zum Rotenburger SV. „Wenn das die Zukunft im Kreis Rotenburg ist, können wir den Jugendfußball über kurz oder lang begraben“, sagt Tomelzick.

Die Befürchtung teilt Frank Braasch, Abteilungsleiter und Trainer beim Jugendförderverein Concordia, der seit 2010 existiert und dem sieben Stammvereine angehören. „Früher war ich schon ein großer Befürworter von A/O/Heeslingen“, erzählt er. Nun glaubt er, dass A/O/B/H/H versucht, einen möglichst auf Bezirksebene spielenden Unterbau für seine Leistungsmannschaften zu schaffen und dabei um noch mehr Talente anderer Vereine wirbt. „Ich sehe da eine dramatische Entwicklung, die uns Kleinen Angst machen muss. Es geht nicht um die Sahnehäubchen, die habe ich schon immer zur rechten Zeit ziehen lassen. Aber meinen Unterbau kann ich mir doch nicht zusammenkaufen. Genau dieser Unterbau macht uns endgültig den Garaus”, meint Braasch. Er sieht die Gefahr, dass der Trend der sinkenden Mannschaftsmeldungen dadurch verstärkt werde, die kleineren Vereine noch mehr Altersklassen nicht besetzen und zudem viele ambitionierte Trainer ebenfalls zum JFV A/O/B/H/H abwandern könnten.

Knaack legt Einspruch ein: „Wir wollen die Anlaufstelle für talentierte Fußballer sein, werden aber nicht anfangen, andere Vereine kaputtzupflücken“, beteuert er. „Natürlich holen wir Spieler, um unsere Ziele mit der U 17 und U 19 zu erreichen. Wir rennen aber nicht los und machen dann zweite Leistungsmannschaften auf. Die Jungs in unseren zweiten Mannschaften kommen überwiegend aus Harsefeld und Bargstedt. Für die gleiche Spielklasse brauche ich mich als Spieler nicht ins Auto zu setzen. Wenn ich zum Beispiel als Scheeßeler zu Hause Bezirksliga spielen kann, muss ich nicht zu A/O/B/H/H in die gleiche Liga gehen. Wir holen nur Spieler, die das Potenzial haben, uns zu verbessern. Und meist ist es ein Spieler, selten sind es zwei, aus einem Jahrgang eines Vereins.” Außerdem verspricht der Vorsitzende: „Wenn ein Spieler zu uns kommt, darf er auch mit Freigabe zurück zu seinem Heimatverein.” Die Talente kehrten dann oftmals gut ausgebildet heim – wie jetzt zum Rotenburger SV.

Schreiben an DFB, NFV und die Politik

Inzwischen belassen es aber nicht alle Vereine dabei, den sportlich übermächtig scheinenden Konkurrenten ohne Gegenwehr walten zu lassen. Das fängt bei der Überlegung an, keine Spieler mehr zu den Stützpunkt- oder Sichtungsmaßnahmen zu schicken. RW Scheeßel hat sogar schon den Niedersächsischen Fußballverband um Hilfe gebeten: „Sollen wir uns ergeben oder kämpfen?“, fragt Tietjen darin Präsident Günter Distelrath. „Wenn es so weitergeht, werden viele Vereine auf dem Land sterben.“ Der TSV Apensen hat sich schriftlich mit konkreten Vorschlägen (etwa die Abschaffung der Jahrgangsmannschaften) an DFB-Präsident Fritz Keller gewandt und sieben Fragen formuliert. „Ist diese Entwicklung vom DFB gewollt?“, lautet eine davon. Nach der Corona-Krise wolle der Verband das Thema aufgreifen, sei als Antwort gekommen. Braasch setzte wiederum seine CDU-Parteifreunde aus dem Kreistag und den Landtagsabgeordneten Marco Mohrmann (CDU) darüber in Kenntnis. Er erhofft sich zudem, dass sich die Jugendausschüsse der Kreise mehr als bisher einbringen. Sein Vorschlag: Die jungen Kicker mit einem pauschalen Zweitspielrecht ausstatten. Tietjen plädiert unter anderem dafür, Auswahlspieler erst ab der U 15 zu einem JFV wechseln zu lassen. Tomelzick wiederum spricht sich für einen runden Tisch der Jugendobmänner aus.

Knaack, der in Hollenstedt (Kreis Harburg) wohnt und vier Jahre lang auch als Trainer beim JFV A/O/Heeslingen tätig war, signalisiert jedenfalls Bereitschaft: „Wir sind offen für Gespräche. Wer sich auf den Schlips getreten fühlt, soll mich anrufen“, betont er eindringlich.

Von Matthias Freese

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