Wie geht es im Amateursport weiter?

Rückkehr zum Freiluftsport trotz Corona: Verbände berufen sich auf eine irische „Studie“

Ein Fußballer und ein Schiedsrichter stehen sich dicht gegenüber.
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Auf Distanz gehen – beim Fußball ist das nicht immer möglich. Wie groß ist aber die Gefahr der Ansteckung?

Wie lange müssen sich die Amateursportler noch gedulden, um in größeren Gruppen wieder Sport treiben zu können? Viele Verbände fordern eine Rückkehr auf die Sportplätze.

Rotenburg – Die Stimmen werden lauter, die Forderungen immer deutlicher. Das jüngste Positionspapier der Gesellschaft für Aerosolforschung hat nicht nur dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) neuen Rückenwind gegeben, um abermals auf das vermeintlich geringe Covid-19-Infektionsrisiko beim Freiluftsport hinzuweisen und eine Rückkehr auf die Plätze einzufordern. Einen öffentlichkeitswirksamen Aufruf hatten auch 28 niedersächsische Großvereine gestartet, gefolgt vom Sprecher der Sportbünde in Niedersachsen, Michael Koop aus Lingen. Gemein ist allen: Sie „stürzen“ sich auf eine Studie aus Irland – vielmehr: auf einen Bericht der Irish Times. Reicht das, um guten Gewissens die Outdoor-Aktivitäten, auch die mit Körperkontakt, wieder freizugeben?

Der Umgang mit Corona dürfe nicht dazu führen, dass die Politik den Blick vor den Realitäten versperre, betont Koop. Der Vorsitzende des Kreissportbundes Emsland hat allein schon beruflich täglich mit dem Thema Corona zu tun – er ist Apotheker. Er sehe am starren Festhalten an den bisherigen Vorschriften und Regelungen viel eher die Gefahr, „dass wir damit einen ungleich höheren Kollateralschaden produzieren. Das, was wir heute bereits feststellen können, ist ein großer körperlicher und auch psychischer Lockdown gerade bei den Jüngsten. Durch die fehlende Möglichkeit, sich im Sportverein auszutoben, soziale Kontakte zu vertiefen und dort wichtige gesellschaftliche Werte vermittelt zu bekommen, befinden sich viele Kinder und Jugendliche heute schon in einem Ausnahmezustand. Wir sind inmitten einer Bewegungspandemie, an deren Ende in zehn Jahren junge Erwachsene mit einem ausgeprägten Krankheitsbild stehen könnten“, ist seine große Befürchtung. Koop fordert von der Politik einen schnellen Paradigmenwechsel. „Sport im Freien muss wieder möglich sein, ohne gleich in Hysterie zu verfallen“, betont er.

Sport im Freien muss wieder möglich sein, ohne gleich in Hysterie zu verfallen.

Michael Koop, Sprecher der Sportbünde in Niedersachsen

Viele weitere Kreissportbünde schließen sich dem Appell an, auch Jörn Leiding, Vorsitzender im Kreis Rotenburg. Er sagt fast schon beschwörend in Richtung Politik: „Verliert den Sport nicht aus den Augen und denkt ihn gefälligst von Anfang an mit.“ Und er fragt: „Warum sollen die gleichen Kinder, die morgens getestet im Klassenraum zusammensitzen, nicht nachmittags zusammen Sport betreiben?“

Seit mehr als einem Jahr ist der Breiten- und Amateursport quasi zum Zuschauen verdammt. So könne es nicht weitergehen, betont auch Koop und nennt „wissenschaftliche Studien in Europa, durchgeführt an Hunderttausenden Menschen“, die eindeutig ergeben hätten, dass die größte Ansteckungsgefahr in geschlossenen Räumlichkeiten bestünde. Auf Nachfrage unserer Zeitung verweist der Emsländer konkret auf die Berichterstattung der „Irish Times“. Hierbei handelt es sich allerdings genau genommen nicht um eine wissenschaftliche Studie. Die Tageszeitung hatte die Daten auf Anfrage vom Health Protection Surveillance Center (HPSC), das die Fallzahlen in Irland überwacht, erhalten und daraus auch eigene Schlüsse gezogen. „Von den 232 164 Fällen von Covid-19, die bis zum 24. März dieses Jahres im Land registriert wurden, waren 262 auf die Übertragung im Freien zurückzuführen, was 0,1 Prozent der Gesamtzahl entspricht“, heißt es in dem Artikel. Dabei handelte es um „20 Ausbrüche im Zusammenhang mit sportlichen Aktivitäten und Fitness, bei denen es 131 Fälle gab“. Und doch sind diese Zahlen nicht wirklich belastbar, denn herangezogen wurden Fälle, die explizit mit einer Outdoor-Aktivität in Verbindung gebracht wurden. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle anderen Infektionen folglich in geschlossenen Räumen stattgefunden haben müssen. Zudem könne nicht genau festgestellt werden, wo die Übertragung stattgefunden habe.

Mehrere Dutzend von 550 Bundesliga-Profis hatten schon Corona

Zwar spiegelt das Ergebnis eine Studie in China mit deutlich weniger Fällen sowie auch Untersuchungen der University of California wider. Letztlich gibt es in Europa aber keine weiteren aktuellen Studien. Womit sich auch die Frage stellt: Warum ist die Zahl der positiven Corona-Fälle in den Fußball-Profiligen so hoch? Allein in der Bundesliga waren von den rund 550 Spielern bereits mehrere Dutzend Spieler betroffen. Eine Anfrage unserer Zeitung zu den genauen Zahlen ließ die Deutsche Fußball-Liga unbeantwortet. Auch zur Frage, wo es genau zu den Ansteckungen gekommen ist – ob auf dem Sportplatz, in der Kabine oder im privaten Umfeld – schwieg die DFL. Im Gegensatz zum Profifußball ist andererseits vom Amateurbereich, der von Sommer bis Ende Oktober spielen durfte, kein einziger Fall im Kreis oder Bezirk bekannt, bei dem es erwiesenermaßen zu einer Übertragung auf dem Sportplatz gekommen ist. Es bleibt also diffus.

Trotz dieser unklaren Lage hat auch Günter Distelrath, Präsident des Niedersächsischen Fußball-Verbandes (NFV), unlängst die Initiative von 28 niedersächsischen Großvereinen begrüßt. „Fakt ist auch, dass wissenschaftliche Studien belegen, dass die Infektionsgefahr beim Fußball sehr gering ist“, behauptet er und verweist zudem auf die jüngste Offensive der deutschen Aerosolforscher. Einer von ihnen, Dr. Gerhard Scheuch, hat in einem vom DFB auf dem Portal fussball.de veröffentlichten Interview betont: „Spielformen, Zweikämpfe, also ein ganz normales Mannschaftstraining sind problemlos möglich. Kleingruppen und Training streng auf Abstand ergeben keinen Sinn.“ Auch er beruft sich auf die Irland-Zahlen, betont aber via Twitter auch: „Die Publikation der Irish Times (...) ist keine Studie“. Am Rande bemerkt: Selbst die Iren haben trotz deutlich niedrigerer Inzidenzwerte als in Deutschland ähnlich starke Beschränkungen, was den Mannschaftssport im Amateurbereich angeht. Besonnenheit scheint also angebracht.

Fakt ist auch, dass wissenschaftliche Studien belegen, dass die Infektionsgefahr beim Fußball sehr gering ist.

Günter Distelrath, Präsident des Niedersächsischen Fußballverbandes

Unbestritten ist wohl, dass die Ansteckungsgefahr draußen deutlich geringer als drinnen ist. Für den Fußball stellt sich aber auch die Frage: Wenn Aerosole laut Scheuch der Hauptübertragungsweg sind und dementsprechend die Gefahr unter freiem Himmel extrem niedrig ist, wie verhält es sich mit dem Tröpfchentransport in einer Jubeltraube? Oder wenn sich zwei erhitzte Gemüter auf dem Platz dicht gegenüberstehen und die Spucke fliegt? Oder der Schiedsrichter einen Spieler zum ernsten Austausch zu sich bittet? Studien hierzu? Fehlanzeige. Auch die Publikation der Aerosolforscher bezieht sich letztlich auf „keine neuen Daten aus Studienergebnissen“, konstatiert auch die „Deutsche Welle“ in ihrem Faktencheck.

Für manch Trainer und Sportler sind die Öffnungswünsche der Verbände angesichts der aktuellen Zahlen ohnehin „aus der Zeit gefallen“ oder sie bewerten sie als „unverhältnismäßig“ zum jetzigen Zeitpunkt. Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Viele Arbeitnehmer befinden sich im Homeoffice – aber wie groß ist die Akzeptanz der Arbeitgeber, wenn diese Menschen abends wieder auf den Sportplatz gehen?

Aufschrei von 28 Großvereinen aus Niedersachsen

Der Aufschrei der Vereine in Richtung Politik ist gleichfalls nachvollziehbar, schließlich geht es auch um ihre Zukunft. Nicht zuletzt deshalb haben sich die Großvereine in Niedersachsen an die Landesregierung gewandt und mit Verweis auf die Aerosolforscher auf zeitnahe Lockerungen gedrungen. Sie plädieren unter anderem dafür, inzidenzunabhängig den Outdoor-Sport für Kinder und Jugendliche bis 20 Teilnehmern und den kontaktlosen Outdoor-Sport für Erwachsene in Gruppen bis 20 Teilnehmern zuzulassen. Die Fußballverbände würden gerne noch weiter gehen.

Michael Koop verweist zudem auf die zahlreichen und funktionierenden Hygienekonzepte, „die die Sportvereine bereits im vergangenen Jahr in Kooperation und auf Vorschlag der Politik umgesetzt haben.“ Dieses sei ja für die Vereine keine reine Beschäftigungstherapie als Antwort auf Dekrete der Ministerien gewesen, sondern sollte aus tiefer Überzeugung heraus die Breiten- und Amateursportler vor den Gefahren des Virus schützen und es gleichzeitig ermöglichen, die Aktivitäten besonders im Outdoorbereich durchführen zu können. „Wir brauchen endlich wieder den Mut, die Realität wahrzunehmen“, meint Koop. Zu verstehen sei dieses als Aufforderung an alle gesellschaftlich Verantwortlichen, auch die körperliche und geistige Entwicklung junger Menschen im Blick zu haben. Sport gehöre definitiv dazu.

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