Gegen den Mangel im Amateur-Fußball

Bestanden – im Selbstversuch zur Schiedsrichter-Lizenz

Keine Sorge: Vincent Wuttke zeigt jetzt nicht einfach auf der Straße seinen Mitmenschen die gelbe Karte. Der 23-Jährige ist nur stolz darauf, am Schiedsrichter-Anwärterlehrgang teilgenommen und auch noch bestanden zu haben.
+
Keine Sorge: Vincent Wuttke zeigt jetzt nicht einfach auf der Straße seinen Mitmenschen die gelbe Karte. Der 23-Jährige ist nur stolz darauf, am Schiedsrichter-Anwärterlehrgang teilgenommen und auch noch bestanden zu haben.

Der Mangel an Schiedsrichtern ist im Fußball ein allgegenwärtiges Problem. Die Suche nach geeigneten Unparteiischen gestaltet sich schwierig. Aber warum nur? Um die Prüfung zu bestehen, brauchen die Anwärter zwar Fleiß und Lernwillen, aber auf keinen Fall Zauberei. Diese Erfahrung hat jetzt zumindest unser Autor gemacht. Ein kleiner Selbstversuch der anderen Art.

Unterstedt – Die Regeln sind unmissverständlich: Wer das Mehrzweckhaus der SG Unterstedt betritt, muss einen Mund-Nasen-Schutz tragen, sich die Hände desinfizieren und den Zwei-Meter-Abstand zu seinem Nebenmann einhalten. Der Verhaltenskodex ermöglicht es, dass die Schiedsrichter-Anwärter im Fußball-Kreis Rotenburg ihre Abschlussprüfung ablegen dürfen. Unter diesen Voraussetzungen war es eine absolute Premiere im Niedersächsischen Fußballverband (NFV). die zweifelsohne geglückt ist. Schließlich haben elf Anwärter – zu denen auch unser Autor gehört – die Prüfung bestanden. Zudem haben fünf Unparteiische ihr Wissen und ihre Scheine im Crashkurs aufgefrischt.

Schiedsrichter-Unterricht wie in der Schule? Mitnichten!

So, aber der Reihe nach: Direkt zu Beginn des Anwärterlehrgangs löst sich die Sorge in Luft auf, dass die sieben Kurstermine sich wie einige Unterrichtsfächer „damals“ in der Schule – also monoton und alles andere als kurzweilig – gestalten könnten. Ganz im Gegenteil: Kreisschiedsrichterlehrwart Sören Busch und sein Stellvertreter Calvin Dieckhoff sorgen mit ihrer lockeren Art für eine entspannte Atmosphäre. Zudem versorgt Hannes Kettenburg alle Teilnehmer mit Kaltgetränken und Snacks. Hier lässt es sich auf jeden Fall aushalten. Auch wenn sich der zweite Vorsitzende der SG Unterstedt eher im Hintergrund hält, achtet er genauestens darauf, dass sich alle Anwärter an das Corona-Hygienekonzept des Vereins halten. Egal, wie groß der Bedarf an Schiedsrichtern ist – die Gesundheit geht trotzdem vor.

Busch überzeugt als Schiedrichter-Anwärter mit Wissen und Witz

Busch bildet inzwischen seit zwölf Jahren Schiedsrichter aus. Die Erfahrung ist ihm anzumerken. Mit einer beneidbaren Lässigkeit beantwortet er alle noch so detaillierten Fragen seiner Zuhörer – ohne sich anstrengen zu müssen. Dabei schafft es der Stader aber nicht immer, ernst zu bleiben. In bester Erzähllaune und für jeden Witz zu haben informieren Busch und Dieckhoff ihre „Schüler“ über Grundlegendes, was ein guter Nachwuchsschiedsrichter wissen sollte.

Dabei verarbeiten sie ironische Einwürfe gekonnt, spielen sich sprachlich gegenseitig die Bälle zu und unterstützen ihren Vortrag visuell. Insgesamt 17 Kapitel gilt es für das Lehrwart-Duo, zu vermitteln – mit Informationen unter anderem übers Spielfeld, Abseits, die Spieler und Elfmeter.

Theorie und Praxis – die Mischung macht’s für Schiedsrichter

Zudem schneiden Busch und Dieckhoff auch allgemeine, wissenswerte Fakten an, wie etwa die Organisation als Schiedsrichter, nützliche Accessoires und das Auftreten auf dem Platz. Zu jedem Thema gibt es eine Dia-Show und einiges an Textmaterial, aber auch praktische Einheiten. Für den Ernstfall bekommt zudem jeder Anwärter ein Schiedsrichter-Heftchen, wo alle wichtigen Informationen niedergeschrieben sind.

Auch beim jeweiligen Praxisteil, quasi den Mitmach-Übungen, wird großen Wert daraufgelegt, den Mindestabstand zu wahren. Körperkontakt ist verboten. Kein Problem für den Kurs. „Das Verhalten der Teilnehmer war wirklich vorbildlich und sehr diszipliniert“, lobt Busch. Zur Belohnung versorgt er seine „Schüler“ immer wieder mit lustigen Fußballvideos – oder aber mit Rollenspielen. Unvergessen bleiben dabei die ersten Versuche der Teilnehmer, als Linienrichter verschiedene Signale zu geben.

Es sind lustigen Szenen, die die lockere Atmosphäre einmal mehr unterstreichen und die Stimmung innerhalb des Kurses ausmachen. Es fühlt sich nach kurzer Zeit schon an wie in einer Mannschaft – „genau das sind wir ab sofort auch“, betont Dieckhoff zwischen verschiedenen Phrasen und Anekdoten immer wieder.

Beispiele gefällig? Busch erzählt zum Beispiel von „einem Spieler, der mich mehrere Spiele in Folge einfach nur Mäuschen genannt hat“. Außerdem hat der Lehrwart zu Beginn seiner Schiedsrichter-Laufbahn einmal den Sohn einer Arbeitskollegin mit Rot vom Platz verwiesen. „Ich sag’s mal so: Er war danach nicht sehr freundlich zu mir. Dann habe ich seiner Mutter damals davon erzählt. Und plötzlich war er wieder super nett.“ Es sind Geschichten, die neugierig machen. Generell schaffen es Busch und Dieckhoff, den Anwärtern immer wieder Mut zu zusprechen – vor allem den Jüngsten in der Gruppe.

Mut für den Schiedsrichter-Vorbereitungstest

Ist ein Themenabschnitt beendet, stehen Übungsfragen an, die gemeinsam besprochen werden. Es sind ja schließlich Übungsfragen. Wie beim Führerschein heißt es während der zehn Tage dann auch nach den Lehrveranstaltungen: Heftchen raus, lernen ohne Ende und fleißig die Online-Prüfungen schreiben. Immerhin steht bereits vor dem Ernstfall zum Abschluss ein kleiner Vortest an, bei dem 15 der 30 Fragen richtig beantwortet sein müssen. Das ist aber für keinen Teilnehmer eine Hürde.

Als der entscheidende Tag dann doch gekommen ist, macht sich ein flaues Gefühl im Magen breit. Neben den Corona-Regeln, die es zu beachten gilt, liegt der Fokus schließlich auf den 30 Fragen – in der Abschlussprüfung müssen nämlich 25 richtig beantwortet werden. Ein eigener Stift ist Pflicht. Zeitgleich dürfen nur acht Prüflinge im Raum sein, sodass die Anwärter in zwei Gruppen geteilt werden.

Ein „Kumpeltyp“ als Schiedsrichter-Prüfer

Vor Beginn der ersten Tests stellt Sören Busch den Prüfer vor – „er ist ein echter Kumpeltyp“, sagt der Lehrwart über Jürgen Bockelmann. Der stellvertretende Vorsitzende des NFV-Bezirks Lüneburg erklärt die Fragen sehr genau und hilft allen Anwärtern damit ungemein weiter. Die 45 Minuten, die eigentlich für den Test eingeplant sind, werden nicht mal im Ansatz benötigt. Nach einer knappen Viertelstunde ist der Zettel ausgefüllt, die Kreuze hinter den 30 Fragen platziert. „Bitte tut mir den Gefallen und beantwortet jede Frage – auch wenn ihr sie nicht wisst“, gibt Bockelmann während der Prüfung noch einen Tipp. Anschließend verkündet Mats Baur, Schiedsrichterausschus-Vorsitzende im Fußball-Kreis, dass die Ergebnisse direkt im Anschluss auf dem Parkplatz bekannt gegeben werden.

Gut 20 Minuten nach der Abgabe kommt Baur ins Freie auf den Parkplatz und hat eine erfreuliche Nachricht dabei. Alle acht Prüflinge der ersten Gruppe haben bestanden – ausnahmslos ohne Fehler. Mehr als die mündliche Bestätigung bekommen die Anwärter erst einmal nicht. Das obligatorische Foto mit den Neu-Schiedsrichter fällt aufgrund der Abstandsregeln aus. Da der Prüfungstermin der anderen Gruppe ansteht, geht’s direkt nach Hause. Wie es den Mitkämpfern im zweiten Durchgang ergeht, ist wenig später auf WhatsApp zu lesen. Zwei Anwärter sind durchgefallen. „Kein Problem. Sie holen die Prüfung in einem Nachbarkreis nach“, verkündet Busch.

Dieser Tage ist nun auch endlich die E-Mail mit den Zugangsdaten fürs Schiedsrichterportal angekommen. Ab sofort können die elf neuen Unparteiischen auf den Plätzen der Region also zur Pfeife greifen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Was bei einem Kaiserschnitt auf Frauen zukommt

Was bei einem Kaiserschnitt auf Frauen zukommt

Meistgelesene Artikel

Kreisligist TV Stemmen schlägt RW Scheeßel im Test gleich mit 7:2

Kreisligist TV Stemmen schlägt RW Scheeßel im Test gleich mit 7:2

Kreisligist TV Stemmen schlägt RW Scheeßel im Test gleich mit 7:2
Krause kämpft für Disc-Golf-Anlage in Rotenburg

Krause kämpft für Disc-Golf-Anlage in Rotenburg

Krause kämpft für Disc-Golf-Anlage in Rotenburg
Basketball-Zweitligist verpflichtet Schinkel und holt Saidi zurück

Basketball-Zweitligist verpflichtet Schinkel und holt Saidi zurück

Basketball-Zweitligist verpflichtet Schinkel und holt Saidi zurück
5:4 in Hamburg - Nun träumen Rotenburger Tennis-Herren vom Titel

5:4 in Hamburg - Nun träumen Rotenburger Tennis-Herren vom Titel

5:4 in Hamburg - Nun träumen Rotenburger Tennis-Herren vom Titel

Kommentare