Leben in Deutschland, Bürgerkrieg in Syrien: Adnan Abdulkadirs schwieriger Spagat

„Bei so viel Grausamkeit kann ich oft nicht hinsehen“

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Den Bürgerkrieg in seinem Heimatland Syrien versucht Adnan Abdulkadir, Fußballer beim Bezirksligisten Rotenburger SV II, möglichst auszublenden. Aber das gelingt nicht immer. ·

Visselhövede - Von Lars Kattner. Mit Freunden abhängen, zur Schule gehen, Fußball spielen: Adnan Abdulkadir macht das, was eigentlich jeder junge Mensch in seinem Alter macht. Doch der 19-Jährige aus Visselhövede, der sich beim Bezirksligisten Rotenburger SV II längst einen Stammplatz auf der rechten Außenbahn gesichert hat, muss einen Spagat bewältigen.

Denn auf der einen Seite möchte er in Deutschland ein unbeschwertes Leben führen, auf der anderen Seite geht sein Blick immer wieder Richtung Syrien. In seinem Heimatland tobt seit fast drei Jahren ein grausamer Bürgerkrieg.

Die Grenzen zwischen Gut und Böse scheinen in Syrien längst aufgeweicht. Vielleicht hat es sie auch nie wirklich gegeben. Die militärische Auseinandersetzung zwischen Truppen der Regierung von Präsident Baschar al-Assad und den Kämpfern unterschiedlicher Oppositionsgruppen hat jedenfalls eine Dynamik entwickelt, die für Außenstehende schwer bis gar nicht zu verstehen ist.

Das geht Adnan Abdulkadir nicht anders. Obwohl er sich nicht nur in deutschen Medien informiert, sondern auch bei Al Jazeera oder NBC, fehlt ihm der Überblick: „Es gibt so viele unterschiedliche Gruppierungen, wer welche Interessen verfolgt, ist schwer zu sagen. Aber bei so viel Grausamkeit kann ich oft nicht mehr hinsehen, gerade, weil so viele unschuldige Kinder sterben.“

Vor elf, vielleicht zwölf Jahren – so ganz genau kann sich Adnan Abdulkadir nicht mehr erinnern – ist er mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. Als politisch Verfolgte mussten seine Eltern samt den drei Söhnen und drei Töchtern sowie Oma und Onkel, ihre Heimatstadt Qamischli, gelegen direkt an der Grenze zur Türkei im Nordosten des Landes, verlassen. Adnan Abdulkadirs vierte Schwester wurde schon in Deutschland geboren. „Wir sind Kurden, deswegen mussten wir fliehen“, sagt er knapp.

Zunächst ging es nach Bellen bei Brockel. Ein echter Kulturschock, gerade für seine Eltern, wie der 19-Jährige zugibt. Aber spätestens mit dem Umzug in die Heidestadt hätten sich alle akklimatisiert.

Wie er mit der heutigen Situation in Syrien umgeht? „Ich versuche, das alles auszublenden. Und das klappt gut.“ Zwar sei der Bürgerkrieg innerhalb der Familie natürlich ein Thema, nicht zuletzt wegen der Verwandschaft vor Ort, aber sonst hätten andere Dinge Priorität. Zum Beispiel Fußball. Und da läuft es für Abdulkadir derzeit wirklich gut.

Zu Saisonbeginn aus der A-Jugend des FC Verden 04 (Niedersachsenliga) an die Wümme gewechselt, taucht er seit dem sechsten Spieltag regelmäßig in der ersten Elf der RSV-Reserve auf. Auf seine Ausdauer und Schnelligkeit möchte Trainer Joachim Kroll nicht mehr verzichten. „Als Moslem rauche und trinke ich nicht“, sagt die Offensivkraft. „Ein echter Vorteil.“ Mittelfristig möchte Abdulkadir den Sprung in die Erste schaffen. „Manchmal trainiere ich dort schon mit. Natürlich ist das Niveau ein anderes, aber, und das soll auf keinen Fall überheblich klingen: Ich würde es mir zutrauen.“ Aus menschlicher Sicht dürfte es jedenfalls keine Probleme geben. „Ich komme mit jedem klar, mit mir hat keiner Probleme“, stellt Abdulkadir klar. Ohne Frage ein Pluspunkt, der ihm auch außerhalb des Platzes in die Karten spielt. Mangelnde Integration? Fehlanzeige.

Bliebe noch zu klären, warum er sich eigentlich nicht den Bezirksliga-Fußballern des VfL Visselhövede angeschlossen hat. „Ganz einfach, wir wollen bald nach Rotenburg umziehen. Deswegen spiele ich schon jetzt dort Fußball.“

In Syrien ist Adnan Abdulkadir seit der Flucht seiner Eltern übrigens nicht mehr gewesen. „Das werde ich aber sicherlich irgendwann nachholen. Aber im Moment ist dafür vielleicht nicht die beste Zeit.“

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