Seit mehr als 50 Jahren Schiedsrichter

Als Paul Rahmel den großen Bayern widersprach

Das Trikot an und die Rote Karte griffbereit in der Hand: Paul Rahmel wartet seit mehreren Monaten auf seinen nächsten Einsatz als Schiedsrichter.
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Das Trikot an und die Rote Karte griffbereit in der Hand: Paul Rahmel wartet seit mehreren Monaten auf seinen nächsten Einsatz als Schiedsrichter.

Rotenburg – Wer Paul Rahmel in Rotenburg besucht, kommt in ein Reihenhaus, das von innen komplett aufgeräumt ist. In einem der Räume steht ein Schreibtisch, über dem der Meisterbrief hängt. Direkt daneben ziert die eingerahmte Urkunde für 50 Jahre „Schiedsrichterei“ die Wand. 2018 hat das Urgestein sie bekommen. Und noch immer pfeift Rahmel Spiele der Jugend, Damen und Herren von der 1. bis zur 4. Kreisklasse. Damit gehört er im Kreis Rotenburg zu den Unparteiischen, die pro Saison die meisten Fußballspiele leiten. Mit fast 80 Jahren! Doch seit November bleibt seine Pfeife still – wegen Corona.

Alles begann mit einem Knöchelbruch. Deshalb kam Rahmel Anfang 1967 zum Schiedsrichterwesen, nachdem er sechs Jahre selbst aktiv gespielt hatte. Sein Heimatverein TuS Hemsbünde fragte an, ob er nicht Schiedsrichter werden wolle. Dass ihm das bis heute „so viel Freude“ bereiten würde, hätte der 79-Jährige damals noch nicht gedacht. Doch nach zahlreichen Aufstiegen in die nächsthöhere Spielklasse entwickelte sich die neue Leidenschaft immer mehr.

Rahmels persönlicher Höhepunkt war ohne Frage das Bundesliga-Duell zwischen dem FC Bayern München und Borussia Mönchengladbach, bei dem er Mitte der 1970er-Jahre als Assistent dabei sein durfte. Schiedsrichter war damals Manfred Harder aus Lüneburg. Nach dem Spiel wurde das gesamte Gespann in den Münchener Fernsehturm zum Essen eingeladen. „Das war nach jedem Heimspiel der Bayern gang und gäbe. Dann floss auch immer ordentlich das Bier“, erinnert sich der Rotenburger und ergänzt, dass „der Bayern-Tisch zu uns rüberrief, dass wir alle jetzt mal die Schiedsrichterspesen versaufen würden. Das passte mir persönlich gar nicht und ich widersprach dieser Aufforderung.“ Anschließend wurde Rahmel nicht mehr als Assistent in der Bundesliga eingesetzt. Nach zehn Spielleitungen in der 2. Bundesliga war auch dort Schluss für ihn. „Dieses Erlebnis am Abend könnte der Grund dafür gewesen sein, dass sich die Verantwortlichen gedacht haben, mich aus dem Kader der 2. Bundesliga zu werfen“, vermutet Rahmel bis heute.

Zur Person

Alter: 79.

Beruf: Tischlermeister im Ruhestand.

Verein als Spieler: TuS Hemsbünde.

Schiedsrichter seit: April 1967.

Vereine als Schiedsrichter: TuS Hemsbünde, Rotenburger SV, TuS Westerholz.

Tätigkeiten als Schiedsrichter: Spielleitungen bis zur 1. Fußball-Bundesliga, zehn Jahre Ansetzer im Kreis Rotenburg, seit zwei Jahren Schiedsrichter-Pate für neue, junge Unparteiische.

Auszeichnungen: Unter anderem die goldene Pfeife für 35 Jahre Schiedsrichterei, Urkunde für 50 Jahre Schiedsrichterwesen, goldenes Ross für besondere Leistungen im Verband.

Dass die Leidenschaft für die Pfeiferei auch weiterhin groß ist, ist daran zu erkennen, dass der Rentner pro Saison bis an die 100 Spiele leitet. „Ich bin oft dreimal pro Wochenende unterwegs. Freitags am Abend, Samstagmittag und am Sonntag, an dem es dann auch mal zwei Spiele sein können“, erzählt Rahmel stolz.

An einem typischen Sonntag packt er vormittags die Tasche und bereitet sich auf die Ansetzungen vor. Nach dem Mittagessen fährt er zu seinen Spielen. Dort trifft der Rotenburger auf viele Bekannte. „Dadurch, dass ich aber niemanden bevorzuge, sehr konsequent in meinen Entscheidungen bin und lieber erst einmal mit den Spielern rede, gebe ich im Schnitt nur jedes dritte Spiel eine Gelbe Karte“, berichtet Rahmel.

Sein letztes Spiel leitete er im Oktober in Hesedorf – allerdings mit mehr als einer Verwarnung. Seitdem wartet der Tischlermeister im Ruhestand auf seinen nächsten Einsatz. Wie ihm geht es seit knapp drei Monaten auch zahlreichen anderen Schiedsrichtern. Was Rahmel besonders an den fehlenden Spielen stört, ist die ausbleibende Kommunikation mit seinen Kollegen. „Da bleibt einem derzeit nur der monatliche, digitale Lehrabend“, an dem er bislang jedes Mal teilgenommen hat. „Ich bin überrascht, wie hoch die Resonanz unter den Schiedsrichtern ist. Im Schnitt sind wir immer um die 50 Personen“, verrät er. Auch den persönlichen Kontakt zu den Spielern vermisst Rahmel: „Ich mache die Schiedsrichterei gerne für die Spieler. In meinen Augen hat es jeder verdient, einen von der Leistung her guten Schiedsrichter zu haben.“

Geehrt: Paul Rahmel ist mittlerweile mehr als ein halbes Jahrzehnt als Schiedsrichter aktiv.

Zudem reizt es ihn, seinen „Körper fit zu halten“. Dafür geht Rahmel mindestens einmal die Woche laufen – während der fußballfreien Zeit sogar zweimal. „Ich habe mir mehrere Strecken rausgesucht, die alle bis an die zehn Kilometer lang sind“, so der passionierte Läufer, der im August seinen 80. Geburtstag feiert und seit drei Jahrzehnten gerne nach Kitzbühel zum Skifahren reist. Als weiteren Ausgleich an seinen fußballfreien Wochenenden setzt sich Rahmel häufig aufs Fahrrad, geht spazieren und schaut Samstagabend die Bundesliga in der Sportschau. „Wenn ich mir das anschaue, juckt es mir schon in den Fingern, selbst endlich wieder auf dem Fußballplatz zu stehen und eigene Spiele zu leiten“, sagt der Referee des TuS Westerholz wehmütig. Wie lange er aber noch der Pfeife und den Karten treu bleibt, wisse er noch nicht genau. Das hänge vor allem davon ab, wie lange „sich das mit der Pandemie und den fehlenden Spielen hinzieht und ob ich die Motivation bis dahin nicht verliere.“ Wahrscheinlich ist das eher nicht, denn Rahmel war in seinen über 50 Jahren als Schiedsrichter bislang nur ein Jahr verletzungsbedingt nicht aktiv.

Und wenn er mal nicht selbst auf dem Platz steht, ist er seit zwei Jahren bereits als Schiedsrichter-Pate unterwegs. Dabei geht es darum, dass ein erfahrener Unparteiischer einem neuen, jungen Kollegen bei seinen ersten Spielen begleitet und unterstützt. „Wenn man einem was sagt, dann wirkt das schon“, spielt Rahmel besonders auf die Eltern an, die bei den Jugendspielen am Seitenrand stehen und die jungen Schiedsrichter mit teils beleidigenden Sprüchen zum Aufhören bewegen. „Das Patensystem zahlt sich bereits jetzt aus“, ist der Rotenburger überzeugt.

Persönlich hatte er nur selten Probleme mit Zuschauern und Spielern. Nur an die eine Geschichte kann Rahmel sich noch ganz genau erinnern: „Das muss in meinem zweiten Jahr als Schiedsrichter gewesen sein, 1969 also.“ Zu der Zeit gab es noch keine Gelben und Roten Karten, die Platzverweise wurden noch mündlich ausgesprochen. „Da habe ich in einem Spiel neun Platzverweise verteilt“, erzählt Rahmel schmunzelnd von einem absoluten Novum seiner langen Karriere.

Von Hendrik Denkmann

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