Ehemaliger Profi zu Besuch in Rotenburg / „Oben war es zu voll“

Ahmet Kuru hat viele Optionen

Auf Stippvisite in der Heimat: Ahmet Kuru, hier in Rotenburgs Fußgängerzone, hatte ein volles Programm.

Rotenburg - Von Matthias Freese. Plötzlich sind diese Stimmen wieder da. Sie singen das so vertraute Lied von den drei weißen Tauben mit dem leicht veränderten Refrain, als Ahmet Kuru bei seinem alten Club Eintracht Braunschweig vorbeischaut. Natürlich haben sie ihn erkannt, der Aufstiegsheld von 2005 muss wie in alten Zeiten Autogramme schreiben. Und dann stimmen die Fans des Fußball-Drittligisten „Kuru, Kuru, Kuru“ an – die Zeile, die einst nach jedem seiner Tore erklungen war. „Es ist schon toll, wieder da zu sein“, meint der 37-Jährige, der die vergangenen Tage in seiner Heimatstadt Rotenburg bei den Eltern verbracht und einen Abstecher nach Braunschweig unternommen hat.

Kuru lebt inzwischen in Ordu, in der Nordtürkei, direkt am Schwarzen Meer gelegen – mit seiner Frau und der zehn Monate alten Tochter. Seine Fußball-Karriere hat der Mittelstürmer vor drei Jahren beendet. Oder vielleicht auch nur unterbrochen. So genau weiß er es selbst nicht. „Ich habe mit dem Gedanken noch nicht abgeschlossen. Ich bin noch fit“, betont der Deutsch-Türke. Deshalb trainiert er auch regelmäßig beim jetzigen Amateurligisten Orduspor, seiner letzten Station als Spieler, mit. „Ich versuche dort, den jungen Spielern als großer Bruder zu helfen. Der Präsident hat mir vor zwei Wochen auch schon gesagt, dass sie mich nach der Winterpause brauchen.“ Doch Kuru ist sich nicht sicher, ob er wirklich auf den Platz zurückkehren will, zurück ins Rampenlicht. In Ordu ist er ungefähr so ein Fußballheld wie in Braunschweig. Im finalen Entscheidungsspiel gelingt ihm am 29. Mai 2011 gegen Gaziantep der 1:0-Siegtreffer. „Ich habe sie nach 26 Jahren wieder in die erste Liga geschossen – und eine Woche später geheiratet“, erinnert sich Kuru an die geballten Glücksmomente.

Seine Karriere beginnt jedoch in der Wümmestadt, beim Rotenburger SV. In der C-Jugend spielt er erst unter Hans-Peter Kandt, dann unter Gerd Rathjen, der ihm den weiteren Weg ebnet. „Er hat eine große Rolle dabei gespielt, dass ich so weit gekommen bin. Ich habe jeden Schritt mit ihm abgewägt“, betont Kuru. 1997 geht es in die Jugend von Werder Bremen. Deutscher A-Jugend-Meister werden die Hansestädter dank seiner Tore, der renommierte Spielerberater Norbert Pflippen nimmt ihn unter seine Fittiche, er erhält einen Profivertrag – alles läuft auf eine Zukunft im Weserstadion hinaus, sein großes Ziel, greifbar nahe. Dann fällt er fast zwei Jahre wegen Rückenproblemen und einer langwierigen Schambeinentzündung aus. „Das ist Schicksal, da kann man nichts machen. Ich bin aber stolz auf mich, so stark zurückgekommen zu sein.“ Allerdings läuft Ahmet Kuru bei Werder wie gegen eine verschlossene Schiebetür. Als er im Frühjahr 2002 auf den Platz zurückkehrt, ist Claudio Pizarro zwar schon bei den Bayern, die Konkurrenz bei den Profis aber dennoch immens groß – Ailton, Klasnic, Reich, Charisteas. Der Angreifer aus der zweiten Mannschaft darf nur beim Training reinschnuppern und am Wochenende weiter auf Platz elf seine Tore schießen. Statt Kuru ziehen sie seinen Sturmpartner Nelson Valdez 2003 endgültig hoch – der Paraguayer wird 2004 Deutscher Meister. „Oben war es zu voll, da musste ich einen anderen Weg gehen“, erinnert sich Kuru. Einen Umweg quasi.

So wird es doch wieder ein Regionalligist. Nach mehreren Gesprächen mit Trainer Michael Krüger geht es für den damals 22-Jährigen im Sommer 2004 zu Eintracht Braunschweig. „Das hat gepasst. Besser konnte es nicht laufen“, sagt Kuru. Am dritten Spieltag gelingen ihm beim 6:2 gegen den VfB Lübeck vier Tore – eines davon per Fallrückzieher, das später zum Tor des Monats gewählt wird. Kuru wird in der Stadt Sportler des Jahres, in der Liga Torschützenkönig und steigt mit den Löwenstädtern 2005 in die 2. Bundesliga auf. Ein Wechsel zu Galatasaray Istanbul, damals von Eric Gerets trainiert, scheitert. Nicht etwa, weil Kuru Fan des Stadtrivalen Fenerbahce ist. „Braunschweig wollte mich nicht gehen lassen, obwohl Galatasaray eine Million Dollar Ablöse angeboten hatte“, ärgert er sich noch rückblickend. Braunschweig hält die Liga, doch ein Jahr später läuft es nicht mehr bei der Eintracht und bei Kuru, der nächste Wechsel bahnt sich an – ab der Rückrunde ist er zurück in der Regionalliga, damals noch die dritthöchste Liga. Holger Stanislawski überzeugt ihn trotz des zwölften Platzes nach der Hinrunde vom FC. St. Pauli. Bereits Ende April stehen die Hamburger auf Rang eins und lassen sich davon nicht mehr verdrängen – der nächste Aufstieg in Liga zwei.

2008 ist die Zeit reif für die Türkei – der Traum von der Süper Lig wird bei Aufsteiger Antalyaspor wahr. Kuru wartet lange auf seine Chance. Erst am 20. Spieltag darf er erstmals von Beginn an ran – und erzielt prompt gegen Galatasaray den 1:0-Siegtreffer. Es bleibt sein einziges Ligator in dieser Saison, aber ein umso wichtigeres, denn der Club hält die Klasse. Neue Angebote aus der zweiten Liga in Deutschland liegen vor, doch er bleibt, wechselt in der folgenden Serie im Winter zu Orduspor und steigt erstmals in der Türkei auf. Über die anschließende Hochzeit mit Nisar Ertürk – der Bräutigam im schwarz abgesetzten weißen Anzug und mit schwarzer Fliege – wird fast ähnlich begeistert in den größten Zeitungen des Landes berichtet.

Sportlich geht es aber runter in die dritte Liga – Bozüyükspor, Bandirmaspor, Pazarspor und erneut Orduspor lauten die weiteren Stationen bis zum vermeintlichen Karriereende. Ganz schön viele Clubs – „in der Türkei ist das aber normal“, meint Kuru. Ebenso wie die Zahlungsmentalität der Vereine: „In Deutschland wird immer pünktlich gezahlt. In der Türkei musst du auch mal Geduld haben.“

Geduld scheint er auch jetzt zu haben. „Rund 15 Jahre als Profi – finanziell war das okay“, räumt er ein, gibt aber zu bedenken: „Fußballer zu sein, sieht einfach aus, ist jedoch eine sehr anstrengende Geschichte, bei der du körperlich und psychisch sehr stark sein musst, um Geld zu verdienen und oben zu spielen. Nach dem Fußball ist das Leben dann oft nicht so einfach.“ Deshalb wägt er bewusst in Ruhe ab. „Ich bin am überlegen, ob es nach dem Fußball als Trainer oder Berater weitergehen soll, ich denke aber als Berater. Die Menschen haben nicht mehr so viel Geduld wie früher, da ist man als Trainer schnell raus“, sagt Kuru. Schon jetzt beobachtet er ab und an Spieler, zuletzt war er am vergangenen Wochenende auch in Ottersberg. Der Aufbau einer Fußballschule in der Türkei reizt ihn ebenfalls. „Für meine Zukunft nach der Karriere habe ich also Ideen.“ Nur mit Fußball sollte es schon etwas zu tun haben. „Wenn du 30 Jahre gegen den Ball trittst …“, meint Kuru, ohne den Satz zu vervollständigen. Für ihn ist es auch durchaus denkbar, irgendwann ganz nach Deutschland zurückzukehren. „Wenn, dann habe ich die Vorstellung, in Rotenburg oder in Braunschweig zu leben.“ Dann würde sich der Kreis wieder schließen.

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