Mehr finanzielle Unterstützung gefordert

24 Großvereine üben Kritik am Landessportbund

Geldscheine, Basketball, Tennisbälle.
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Natürlich geht es ums Geld: Je mehr Mitglieder die Vereine verlieren, desto weniger fließt in die Kasse.

Rotenburg – Nicht nur Videokonferenzen, sondern auch offene Briefe scheinen Konjunktur zu haben. Vergangene Woche verfassten 24 niedersächsische Großsportvereine in einer nie dagewesenen Solidaritätsaktion ein solch öffentlichkeitswirksames Schriftstück, das sie an den Landessportbund (LSB) richteten. Die Vereine üben deutliche Kritik und fühlen sich und ihre Probleme zu wenig beachtet. „Wir stellen fest, dass den Breitensportvereinen nicht die erforderliche finanzielle Hilfestellung gewährt wird, die sie dringend benötigen“, heißt es. Der LSB, der sich als Lobbyist der Vereine bezeichnet, reagierte in gleicher Form.

Während die Sportorganisation den Mitgliederrückgang nach der neuen Bestandserhebung von durchschnittlich 3,7 Prozent als positives Ergebnis dargestellt hatte, betonen die Verfasser des Briefes, diese Zahl „versperrt den Blick auf die Riesenprobleme der Großsportvereine“. Sie berichten allein bei sich von 11 700 Vereinsaustritten, denen keine Neueintritte gegenüberstünden. Gleichzeitig entwickelten sie ein Perspektivpapier, in dem sie eine stärkere finanzielle Unterstützung einfordern und einen Lockdown-Öffnungsplan skizzieren.

Die Großvereine hätten zum Jahresende einen Rückgang von bis zu 23 Prozent zu beklagen. „Seit Monaten befinden sich große Teile unserer hauptamtlichen Mitarbeiter in (erneuter) Kurzarbeit, mit Mehreinnahmen aus zusätzlichen Veranstaltungen ist auch in diesem Jahr nicht zu rechnen, mit Neueintritten sowieso erst einmal nicht. Normalerweise kommen im Januar und Februar mehrere Hundert Neuanmeldungen, in diesem Jahr Fehlanzeige“, klagen die Unterzeichner, zu denen unter anderem Hannover 96 (Niedersachsens größter Vereine mit rund 20 000 Mitgliedern), aber auch der Todtglüsinger SV (circa 8 000) und der Buchholzer FC (circa 6 000) aus dem Nachbarkreis Harburg sowie der TuS Harsefeld (circa 3 000) aus dem Kreis Stade gehören. Aus dem Kreis Rotenburg hat sich keiner der größeren Vereine diesem Aufruf angeschlossen, obwohl auch sie über dem Schnitt liegen: Der VfL Sittensen bleibt mit 2 164 Mitgliedern zwar der größte Verein, büßte aber 4,75 Prozent ein. Der TV Sottrum, an zweiter Stelle liegend, ist unter die 2 000er-Grenze gerutscht (1 874) und verlor nach Angaben des Kreissportbundes 8,27 Prozent seiner Mitglieder. Dahinter liegen der TuS Zeven (1 782/-6,65 Prozent), der TSV Bremervörde (1 506/-4,26 Prozent) und der TuS Rotenburg (1 328/-5,35 Prozent). Utz Bührmann, Schatzmeister des TuS Rotenburg, sagt dennoch: „Das ist erfreulich wenig, uns trifft es also nicht so schlimm.“ Er weiß aber, dass es speziell in den größeren Städten teilweise anders aussieht. Der ländlich geprägte Kreis Rotenburg verfügt mit seinen rund 80 000 Mitgliedern über einen der höchsten Organisationsgrade in Niedersachsen (2019: 50,4 Prozent).

„Großsportvereine mit mehreren tausend Mitgliedern, eigenen Vereinsanlagen und hauptamtlichen Personal stehen vor völlig anderen Problemen und Herausforderungen als kleine Ein-Spartenvereine beziehungsweise Sportvereine ohne eigene Sportanlagen und ohne hauptamtliches Personal“, schreiben die Briefverfasser. „Bislang können die Großsportvereine nur bedingt von den staatlichen Hilfen profitieren. Das Mittel der Kurzarbeit senkt die Personalkosten, jedoch ist auch dieses Mittel in seiner Wirkmächtigkeit beschränkt, da zur Krisenbewältigung ja sogar teilweise mehr Arbeit anfällt, als durch das Brachliegen des Sportbetriebs wegfällt.“

Auszug aus dem Lockdown-Öffnungsplan der 24 Großvereine – Sportampel Niedersachsen

Ab dem 1. März:
- Sonderöffnung Outdoor für Kinder und Jugendliche bei einer Inzidenzzahl bis 100 unter Einhaltung des Mindestabstandes.

Ab dem 7. März:
Bei einer Inzidenz unter 35:
- Keine Differenzierung zwischen Indoor- und Outdoor-Sportarten.

- Feste Trainingsgruppen, kontaktloses Training, Gruppengröße in Abhängigkeit der Möglichkeit zur Einhaltung des Mindestabstandes.

Ab 29. März:
Zulassung der Ferienbetreuung / Sportcamps.

Inzidenz unter 25: - Trainingsbetrieb mit Körperkontakt in festen Gruppen mit maximal 20 Personen Indoor/Outdoor, Sportveranstaltungen ohne Zuschauer.

Inzidenz unter 10: - Keine Einschränkungen für den Sport. Individualsport muss unabhängig vom Inzidenzwert auch in kommunalen Sporteinrichtungen immer möglich sein.

Sie bemängeln außerdem die fehlende Perspektive für den Wiedereinstieg in den Sportbetrieb. „Die zu tragende Last wiegt damit immer schwerer! Dabei sind es doch allen voran unsere Großvereine, die im Breitensport professionell vorangehen, investieren und Strukturen schaffen, von denen nicht zuletzt auch ,die Kleinen‘ profitieren. Und das ist gut so! (...) Gerade die Großsportvereine leisten im Bereich Sport- und Vereinsentwicklung innovative und kreative Arbeit“, stellen sie weiter fest. Ohne eine nachhaltige und kraftvolle Unterstützung des Landessportbundes werde es deshalb nicht gehen. Diese werde nachdrücklich eingefordert.

Die Großvereine fordern eine Kompensation für den Entfall von Mitgliedsbeiträgen als notwendige Hilfestellung. November- und Dezemberhilfen, die Überbrückungshilfe II sowie der verbleibende Sport-Sondertopf würden den Breitensportvereinen mit fest angestelltem Personal und eigenen Sportanlagen keine ausreichende Hilfe sein. Ihr Vorschlag deshalb: „Zuschuss pro verlorenem und pro nicht gewonnenem Mitglied, Anspruch auf eine Sonderförderung, wenn zum 1. Januar weniger Mitglieder im Verein sind als ein Jahr zuvor.“ Für die Dauer von zunächst zwölf Monaten solle der Verein 2021 deshalb für jedes verlorene Mitglied und jedes nicht hinzugewonnene Mitglied 60 Euro erhalten. Die Bemessung solle durch die Betrachtung eines Fünf-Jahres-Zeitraumes anhand der durchschnittlichen Mitgliedersteigerung erfolgen. Die Vereine schlagen einen Sport-Mitglieder-Ausgleichs-Fonds in Höhe von sechs Millionen Euro vor.

Reinhard Rawe, Vorstandsvorsitzender des Landessportbundes, hat auf die Kritik reagiert, ist aber auf die Forderungen nicht konkret eingegangen. Er verweist darauf, dass er „im Rahmen eines Vortrages im Ausschuss für Inneres und Sport auf die zum Teil erheblichen Mitgliederrückgänge der Großsportvereine mit konkreten Angaben aus der aktuellen Bestandserhebung hingewiesen und den besonderen Förderungsbedarf erläutert“ hat. Und seit dem 15. Februar werde auf Bundesebene über konkrete zusätzliche Unterstützungsleistungen verhandelt. „Parallel dazu sind wir als LSB mit dem Land Niedersachsen in konkreten Gesprächen, wie den Großsportvereinen im Rahmen der Landesrichtlinie für das Corona-Sonderprogramm gesondert geholfen werden kann.“

Die Vereine betonen wiederum, dass es ihnen nicht nur um die finanziellen Aspekte geht: „Öffnungen der Sportstätten im Rahmen des pandemiologisch Verantwortbaren ersehnen wir uns alle – das Staccato aus dem Frühsommer sind wir aber nicht noch einmal in der Lage mitzugehen“, schreiben sie und erinnern an das vergangene Jahr mit „5er-, 10er-, 20er-Gruppen, mit Mindestabstand, ohne Mindestabstand, ohne Kontakt, mit Kontakt, als Einzelsportler, als Mannschaft, Indoor, Outdoor, mit Umkleidennutzung, ohne Umkleidennutzung, Spritzschutz in Duschen, Desinfektion, soll, kann, muss .... Im Zweiwochenrhythmus die Trainingsorganisation zu ändern, hat sowohl die Sportlerinnen und Sportler, die Trainerinnen und Trainer als auch die Verwaltung an ihre Grenzen gebracht.“

Sie fordern deshalb schnellstmöglich Sonderregelungen für Kinder und Jugendliche, denn bereits der erste, deutlich kürzere Lockdown habe gezeigt, wie sehr sich die Kinder und Jugendlichen motorisch verschlechtert hätten. Notwendig und sinnvoll sei eine schnelle 10-plus-1-Regelung (zehn Trainierende und ein Übungsleiter) – Indoor und Outdoor.

Für die Zukunft schwant den Großvereinen jedenfalls Böses: „Der Treue-Akku unserer Mitglieder ist fast aufgebraucht“, erklären sie. „Selbst Mitglieder, die ihrem Verein bisher weiterhin die Treue halten und ihre Beiträge zahlen, werden ihre Bereitschaft hierfür nicht endlos aufrechterhalten, sofern das Sportangebot langfristig eingeschränkt ist. Weitere Austritte sind die Folge. Eine weitere Austrittswelle wird die Großsportvereine zum 30.06.2021 erreichen, wenn das gesamte Sportangebot weiterhin still steht.“

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