Kurt Nagel vom FC Oppenwehe ist seit mehr als 40 Jahren Schiedsrichter und hat fast 900 Spiele geleitet

Mit der Pfeife verwachsen

Seit 20 Jahren steht Kurt Nagel nur noch sporadisch auf dem Fußball-Platz. Er arbeitet jetzt als Senioren-Ansetzer. - Foto: Hanke

Oppenwehe - Von Maik Hanke. Er wurde schon bepöbelt, bespuckt und mit einem Gehstock zu Fall gebracht – trotzdem ist Kurt Nagel mit Leib und Seele Fußball-Schiedsrichter. Kürzlich wurde er für 40-jährige Arbeit geehrt. Allmählich denkt der Oppenweher, der im Juni 70 Jahre alt wird, ans Aufhören. Aber noch ist es nicht so weit. Jetzt stellt er sich erst einmal für eine weitere Wahlperiode als Senioren-Ansetzer zur Verfügung.

Sein schwerstes Spiel pfiff Kurt Nagel in den 90er-Jahren in der Bezirksliga. Vlotho spielte gegen den Lokalrivalen Winterberg, für den es um den Aufstieg ging. Winterberg brauchte den Sieg, lag zehn Minuten vor Schluss mit 1:2 hinten, berichtet Nagel.

Die kritische Szene: Freistoß für Winterberg nahe des Vlothoer Tors. Der Schütze läuft an, schießt und hebt den Ball ins Netz – aber der Treffer zählt nicht. Nagel hatte den Freistoß noch nicht freigegeben.

Der Freistoß wird wiederholt. Doch dieses Mal hält der Torwart den Ball und schlägt ihn weit nach vorne. Ein Vlothoer Stürmer bekommt die Kugel und schießt seinerseits das Tor. Statt 2:2 steht es 3:1. Kalte Dusche statt heiße Schlussphase. Zu allem Überfluss krakeelten die Zuschauer, dass das Tor aus Abseitsposition gefallen sei.

„Da ging das Theater los“, erinnert sich Nagel heute. Spieler und Zuschauer – alle gingen auf den Schiedsrichter los. Nagel dachte über Spielabbruch nach, leitete die Partie dann doch durch die letzten Minuten. Aber sie war ihm entglitten. „Es ging drunter und drüber“, sagt Nagel. Er verteilte noch drei Rote Karten. Nach dem Schlusspfiff sah er nur zu, dass er in seine Kabine kam.

„Da habe ich mir gesagt, ich pfeife nie wieder“, berichtet Nagel. „Und nächste Woche bin ich doch wieder gefahren.“ Das Warum kann er nicht recht erklären. Schiedsrichter zu sein, macht ihm einfach Spaß. Er ist mit der Pfeife verwachsen. Dabei weiß er: „Schiedsrichter ist auf Deutsch gesagt ja eigentlich ein Scheißjob. Wir sind immer die Dummen.“

Zwischen 800 und 900 Spiele hat Nagel geleitet, zunächst beim niedersächsischen SV Hunteburg und ab 1976 für den FC Oppenwehe. Nagel pfiff mehr als zehn Jahre lang in der Bezirksliga, assistierte auch in der Verbands- und Landesliga.

Geschichten hat er mittlerweile so einige parat. Etwa die, als er bei Schnee und Regen 100 Kilometer zu einem Spiel ins Münsterland fuhr. Nach der weiten Anreise ließ er trotz der widrigen Witterungsverhältnisse spielen. Damals seien Spiele noch seltener ausgefallen als heute. Als der Platz nach dem Match völlig ramponiert war und die Heimmannschaft auch noch verloren hatte, war am Ende wieder einer der Depp – der Schiedsrichter.

Einmal ging sogar ein Spieler auf Nagel los, als der nicht einmal als Schiedsrichter auf dem Feld stand: Bei einem Hallenturnier war der Oppenweher Zeitnehmer, als einem Jugendlichen die Sicherungen durchbrannten. Der Spieler verließ das Spielfeld, schmiss den Zeitnehmertisch um und bespuckte Nagel. Warum, weiß Nagel bis heute nicht.

Aber der Schiedsrichter-Senior hat ein dickes Fell. Er riss sich zusammen, als er angespuckt wurde, und er blieb cool, als ihn einmal ein alter Mann mit Krückstock während eines Spiels die Beine wegzog. „Da hab ich gelernt, im Spiel nicht mehr so nah an der Außenlinie entlang zu laufen“, sagt Nagel heute ganz pragmatisch.

1996, als sich Nagel künstliche Hüften einsetzen lassen musste, war es mit dem regelmäßigen Pfeifen aus. Danach – und bis heute – ist er nur noch sporadisch im Einsatz. Aber fürs Pfeifen hat er sowieso kaum mehr Zeit. Nagel ist beim Fußballkreis für die Schiedsrichter-Ansetzungen bei den Senioren-Spielen zuständig – bereits seit 27 Jahren. Das fordert täglich zwei bis drei Stunden Arbeit. Für Nagel machbar, denn wegen seiner Hüften war er Frührentner.

Senioren-Ansetzer zu sein, werde immer schwieriger, sagt Nagel. Weil es einfach immer weniger Schiedsrichter gibt. Bis jetzt ginge es noch, aber es kämen kaum mehr junge Leute nach.

„Viele hängen die Pfeife schon früh wieder an den Nagel“, sagt der 69-Jährige. Gerade wenn Anfänger Unsicherheit zeigen, würden sie schnell angepöbelt. Das sei heute nicht anders als vor 40 Jahren. Viele Jung-Schiris machen das heute nicht mehr lange mit. „Von zehn Neuen hören fünf schnell wieder auf“, hat Nagel beobachtet. „Aber wenn man das erste oder zweite Jahr überstanden hat, bleiben die meisten.“ Auch wenn es ja nicht gleich 40 Jahre sein müssen.

Nagel sagt, bald werde er sich vom Schiedsrichter-Posten zurückziehen. Im Alter verliere man allmählich den Draht zu den Jüngeren. Einmal hat er sich aber noch belatschern lassen: Am Montag stehen wieder Wahlen des Fußballkreises an, auch der Job als Senioren-Ansetzer wird neu entschieden. Nagel stellt sich noch einmal zur Verfügung. „Jetzt will ich die 30 Jahre noch voll machen“, sagt er. Und dann pfeift er für sich ab und hängt seine Pfeife endgültig an den Nagel.

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