WM-Abenteuer für Anna-Lena Freese beginnt

„Ich habe gemerkt, dass ich es kann“

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Erika-Fisch-Stadion in Hannover statt Olympiastadion in Peking. Anna-Lena Freese absolvierte gestern mit ihrem Coach Björn Sterzel das letzte Training vor dem Abflug zur Leichtathletik-Weltmeisterschaft in der chinesischen Hauptstadt.

Hannover/Brinkum - Heute um 15.05 Uhr steigt Anna-Lena Freese in den Flieger, Ziel Peking. Damit nimmt das Projekt Weltmeisterschaft für die Sprinterin des FTSV Jahn Brinkum Fahrt auf. Einen Tag vor der Abreise sprachen wir mit der 21-Jährigen und ihrem Trainer Björn Sterzel (33) über Rituale vor dem Wettkampf, die Ziele bei der WM, Rückschläge und darüber, dass schon bald eine zeitliche Schallmauer durchbrochen werden könnte.

Herr Sterzel, schon im Dezember 2013 haben Sie gegenüber dieser Zeitung gesagt, dass Anna-Lena Freese in nicht allzu ferner Zukunft zeigen werde, dass sie eine „gestandene Frau“ geworden ist. Ist es so gekommen?

Björn Sterzel: Absolut. Im Endeffekt hat sie in diesem Jahr eindrucksvoll gezeigt, dass ihr der Übergang von der Jugend- in die Erwachsenenklasse nahtlos gelungen ist. Und das ist nicht selbstverständlich. Sie hat sich direkt auf diesem neuen Niveau behauptet, sogar etabliert. Sie hat bewiesen, dass sie in Deutschland ganz vorne mitsprinten kann. Daher kann ich das mit der „gestandenen Frau“ nur wiederholen (lacht).

Was macht den Übergang in den Erwachsenbereich so schwierig?

Sterzel: Eine jugendliche Athletin muss erstmal lernen, mit ihrem Talent umzugehen. Eine gestandene Athletin weiß dagegen, was sie kann, was sie tun muss, wie sie leben muss. Das zweite ist der Wettkampf, mit dem Druck, der da herrscht, umgehen zu können. Zum Beispiel die Deutsche Meisterschaft in Nürnberg: Es war klar, dass es eine Minimalchance gibt, noch auf diesen Peking-Zug aufzuspringen. Diese wirklich kleine Chance dann so eindrucksvoll zu nutzen, zeigt für mich eine wesentliche Stärke von Anna: dieses Mentale.

Anna-Lena Freese, durch die jüngsten Erfolge sind die Zeiten vorbei, als Sie noch etwas unter dem Radar geflogen sind. Immer mehr Menschen erkennen Sie: Wie gehen Sie mit dieser gesteigerten Publicity um? Es flattern doch sicherlich einige Autogrammanfragen herein.

Anna-Lena Freese: Wenn meine Mama anruft und sagt, seit Tagen kommt Fanpost, dann ist das natürlich schön – vor allem zu wissen, dass die Leichtathletik – mein Sport – wahrgenommen wird. Auf der anderen Seite ist es schon noch ungewohnt, ich stehe halt nicht so gerne in der Öffentlichkeit. Aber natürlich freue ich mich über Autogrammanfragen. Ich mache das gerne, weil ich nie damit gerechnet habe, dass ich mal Autogramme geben werde. Aber man muss da auf dem Teppich bleiben. Ich habe jetzt nichts erreicht, um sagen zu können, ich bin der Superstar.

Dass Sie nicht unbedingt nach der ganz großen Bühne lechzen, zeigt auch der Fakt, dass sie noch immer für den FTSV Jahn Brinkum starten. Wieso ist Ihnen das wichtig?

Freese: Beim FTSV Jahn Brinkum weiß ich, dass mich dort alle in jeglicher Form unterstützen. Es ist einfach mein Heimatverein. Ich bin dort glücklich, es passt einfach alles, wieso sollte man dann wechseln? Nur weil ich jetzt etwas Erfolg habe, vergesse ich ja nicht, was der Verein für mich über all die Jahre geleistet hat.

Sterzel: Man darf das nicht unterschätzen. Anna ist sehr heimatverbunden. Sie kommt aus der Ecke. Das ist wichtig. Das soll so bleiben.

Gehen wir mal weg von der Heimat – 7600 Kilometer Luftlinie weiter östlich von Brinkum liegt Peking. Morgen geht‘s in den Flieger. Begleitet Sie ein Glückbringer?

Freese: Ja, ich habe 2011 von meiner Mama zur ersten U18-WM einen Schutzengel-Anhänger bekommen. Seitdem ist er immer bei internationalen Auftritten an meiner Tasche dran.

Also ist schon etwas Aberglaube dabei. Haben Sie sonst irgendeinen Spleen vor einem Wettkampf?

Freese: Tatsächlich ziehe ich immer erst den rechten Schuh an. Das ist schon immer so gewesen. Einmal habe ich erst den linken angezogen, aber dann ging das überhaupt nicht, so dass ich erstmal beide wieder ausziehen musste (lacht).

Alle fürchten den Jetlag. Gibt es eine Strategie dagegen?

Sterzel: Es ist eigentlich ganz einfach: Du darfst einfach nicht pennen im Flugzeug. Einfach abends tot ins Bett fallen. So gewöhnst du dich am schnellsten dran. Aber trotzdem dauert es seine Zeit, deshalb ja die frühe Anreise. Man sagt, bei sechs Stunden Zeitverschiebung braucht man sechs Tage, um wieder im normalen Rhythmus zu sein.

Ihr sportlicher Rhythmus passt. Die Saison schürt Erwartungen. Staffel-Gold und Einzel-Silber bei der U23-EM in estnischen Tallinn, dazu Silber und Bronze bei der Deutschen Meisterschaft in Nürnberg. Haben Sie mittlerweile realisiert, dass Sie in der absoluten deutschen Sprint-Spitze angekommen sind?

Freese: Ich verstehe das immer noch nicht so ganz. Ich habe gestern in meinen Umzugskartons (Freese ist Anfang August aus dem Sportinternat in eine eigene Wohnung gezogen, Anm. d. Red.) die Startnummer aus Tallinn gefunden, da wurde mir erstmal bewusst, wie frisch das noch ist. Es fühlt sich weiter weg an.

Herr Sterzel, Anna-Lenas Paradediszplin sind die 200 Meter, doch auch die 100-Meter-Zeit wurde in diesem Jahr runtergeschraubt auf 11,30 Sekunden. Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Sterzel: Es ist einfach eine logische Folge. Wenn ich die 200 Meter noch schneller laufen will, muss ich mich auf 100 Metern verbessern. Der fliegende Bereich ist von jeher Annas Stärke, unser Ziel ist es jedes Jahr, in der Beschleunigung noch zuzulegen. Ganz wichtig ist auch, dass Anna die 100 Meter angenommen hat, sogar Spaß daran gefunden hat. Das war nicht immer so.

Wieso nicht?

Freese: Früher war mein Start noch etwas schlechter. Deshalb waren die Gegnerinnen oft schon weit weg, da hatte ich noch nicht so die Lust, zu sagen, komm mal aus dem Arsch, lauf da ran. Aber das ist jetzt anders. Wahrscheinlich auch, weil ich gemerkt habe, dass ich es kann.

Die 200-Meter-Zeit liegt mittlerweile bei 23,08 Sekunden. Welchen Stellenwert hätte es, wenn die 22 vor dem Komma aufleuchten würde?

Freese: Einen extrem großen. Irgendwann konstant unter 23 zu laufen, ist mittlerweile das große Ziel. Björn hatte am Anfang der Saison gesagt, dass ich schneller laufen kann als 23,28. Er war auch schon immer überzeugt, dass ich irgendwann unter 23 laufe. Ich habe immer gesagt: ja ja, rede du mal (lacht). Aber jetzt ist es wirklich nicht mehr viel. Daher ist diese Schallmauer schon eine Motivationsspritze.

Sterzel: Das Wichtige ist, sich mit diesen Zeiten zu beschäftigen. Nicht zu sagen: Diese 22 Sekunden sind ja weit weg. Sondern dran zu glauben, sich zu sagen, es ist jetzt nur noch ein halber Meter, der da fehlt. Eigentlich ist es kein Unterschied, ob da 23,01 oder 22,99 steht. Aber es ist halt auch psychologisch extrem wichtig.

Kommen wir zum Abenteuer Peking. Wie groß schätzen Sie die Chancen ein, dass es zum Staffeleinsatz kommt?

Sterzel: Anna hat eine sehr gute Ausgangsposition. Sie hat vergangene Woche in Mannheim ein sehr gutes Stabwechseltraining gemacht. Sie hat in Tallinn und Nürnberg eindrucksvoll ihre Stärken gezeigt: Der fliegende Bereich, die Geschwindigkeit zu halten. Und sie kann den Staffelstab sicher und gut übergeben. Das alles sind beste Voraussetzung für einen Staffelstart an zweiter Position.

In Mannheim sind Sie mit der Staffel 43,13 Sekunden gelaufen. 2013 bei der WM haben 42,87 Sekunden zu Bronze gereicht. Ist das eine realistische Zeit für die deutsche Staffel in Peking?

Freese: Wir sind eine ziemlich junge, aber auch eine ziemlich schnelle Staffel. Mit Verena Sailer und Rebekka Haase haben sogar noch zwei schnelle Athletinnen gefehlt. Daher glaube ich, dass wir in diesen Bereich laufen können.

Im Juli 2013 zogen Sie sich einen Sehnenanriss im Oberschenkel zu, der WM-Zug war weg. Spukt das im Hinterkopf rum?

Freese: Nein, gar nicht. Das ist zwei Jahre her. Damit beschäftige ich mich nicht mehr.

Hatte die lange Verletzungszeit vielleicht sogar etwas Gutes?

Freese: Ich denke schon. Denn es gibt Unterschiede zwischen einer Sportlerin, die immer nur oben schwimmt, und einer Sportlerin, die auch mal auf die Fresse gefallen ist. Das stärkt einen, es motiviert einen, wenn man sich da wieder herauszieht. Außerdem gehören Verletzungen einfach zum Leistungssport.

Jüngste ARD-Recherchen haben den Verdacht ergeben, dass die Leichathletik ein immenses Dopingproblem hat. Haben Sie die Sorge, dass Ihr Sport genauso unter Generalverdacht gerät wie der Radsport?

Freese: Ich beschäftige mich mit dem Thema ehrlich gesagt überhaupt nicht, weil ich weiß, dass ich clean bin. Aber klar, Doping ist eine Sauerei gegenüber den sauberen Sportlern. Klar ist es frustrierend, wenn du weißt, Olympiasiegerin wirst du eh nicht, Weltmeisterin wohl auch nicht.

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