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„Wir sind doch ein Volk“

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Von: Malte Rehnert

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Noch nicht lange her: Kristina Logvin mit ihrem Neffen Denys in Hamburg. Nun ist er zurück in der Ukraine – und sie hofft, dass er und die anderen Familienmitglieder den Krieg heil überstehen.
Noch nicht lange her: Kristina Logvin mit ihrem Neffen Denys in Hamburg. Nun ist er zurück in der Ukraine – und sie hofft, dass er und die anderen Familienmitglieder den Krieg heil überstehen. © logvin

Der russische Präsident Wladimir Putin hat in der Ukraine den Krieg eröffnet. Kristina Logvin, Handballerin von Landesligist HSG Hunte-Aue Löwen, ist in der Hauptstadt Kiew geboren. Im Interview spricht die frühere Bundesligaspielerin über ihre aktuelle Gefühlslage und die Sorge um ihre Familie in der Heimat.

Barnstorf/Delmenhorst – Es ist ein Gespräch mit Gänsehaut. Man muss Kristina Logvin dabei gar nicht sehen, sondern ihr nur zuhören. Das reicht, um mitzuleiden. Die 26-Jährige wirkt extrem ergriffen und betroffen. Die Emotionen kriechen geradezu durch die Leitung, sind schnell zu erkennen an ihrer Tonlage. Die Handballerin des Landesligisten HSG Hunte-Aue Löwen, die trotzdem am Samstagabend (19.15 Uhr) im Heimspiel gegen Nordhorn dabei sein möchte, ist in Kiew geboren. In der ukrainischen Hauptstadt tobt gerade – wie im ganzen Land – der vom russischen Präsidenten Wladimir Putin eröffnete Krieg der beiden Nachbarländer. Die frühere Bundesligaspielerin Logvin hat viel Familie in der Ukraine, die Sorge um deren Wohlergehen ist riesig. Das ist im Interview deutlich herauszulesen.

Wie haben Sie die Kriegsnachricht aus der Ukraine aufgenommen?

Ich mache mir sehr viele Gedanken und bin mental ziemlich angegriffen, war deshalb auch am Donnerstag nicht beim Training. Es ist ja nicht das erste Mal, dass Russland die Ukraine angreifen will. In den letzten Wochen habe ich aber immer gedacht: Es wird nicht passieren, denn wir sind ein Volk. Putin droht, wird aber sein eigenes Volk nicht angreifen. Es wohnen so viele Russen in der Ukraine und umgekehrt. Die Hälfte von Russland ist mit der Ukraine verwandt – übertrieben formuliert.

Umso schockierter waren Sie dann?

Ja, denn keiner, den ich kenne, hat damit gerechnet. Ich muss ehrlich sagen, dass ich es ein wenig unterschätzt habe. Als ich am Donnerstagmorgen aufgewacht bin und vom Kriegsbeginn hörte, dachte ich, ich spinne. Am Mittwochabend habe ich noch meine Oma in Saporischschja und andere Familienmitglieder in Kiew angerufen. Alle in der Ukraine habe ich angerufen und gefragt, ob sie nicht hierher kommen wollen.

Was haben sie Ihnen geantwortet?

Alle meinten: Nein. Meine Oma sagte: ,Ach, Kristina. Wenn hier etwas passieren sollte, bauen die sowieso Zelte auf – und ich habe doch auch noch einen Arztkoffer.‘ Wir haben sogar ein bisschen Spaß darüber gemacht.

Wie würden Sie Ihre aktuelle Gefühlslage beschreiben?

Ich muss schon zugeben, dass ich ein paarmal geweint habe. Vor allem, als ich mit meiner Schwägerin sprach und sie fragte, wo denn mein Neffe sei. Er ist 23 Jahre alt und war noch vor ein paar Wochen bei mir in Deutschland. Ihre Antwort: ,Er ist jetzt an der Front.‘

Können Sie Ihre Sorgen um die Familie überhaupt in Worte fassen?

Das ist sehr schwierig. Ich bin die ganze Zeit auf WhatsApp und gucke, ob mein Neffe online war oder ist. Es ist einfach nur Angst – und Fassungslosigkeit. Ein schlimmes Gefühl. Auch, weil einem die Hände gebunden sind. Du kannst da nicht einfach hinfahren und ihnen helfen – und sie können auch nicht zu dir kommen. Die ganzen Banken haben geschlossen, weil sie keine Scheine mehr haben. Und die Tankstellen haben kein Benzin und keinen Diesel mehr. Wie kommst du da jetzt noch raus? Eigentlich gar nicht!

Wie viel Verwandtschaft von Ihnen lebt in der Ukraine?

Ein Großteil meiner Familie, ungefähr 80 Prozent, wohnt dort – in Kiew und Saporischschja (Geburtsort ihrer Mutter Tanja, d. Red.), das etwa 200 Kilometer von Russland entfernt liegt. Meine Großeltern, Onkel und Tanten mit deren Kindern.

Und haben Sie noch viel Kontakt?

Nicht mehr zu allen – und trotzdem will man etwas für sie tun. Weil man weiß, dass sie außerhalb der Ukraine niemanden haben außer uns. Wenn ich jetzt 15 Leute in meiner Wohnung in Delmenhorst aufnehmen würde, wäre das kein Problem. Hauptsache, sie sind in Sicherheit.

Sie sind in der ukrainischen Hauptstadt Kiew geboren, die inzwischen auch Ziel russischer Angriffe ist. Macht Sie das besonders fertig?

Das würde ich so nicht sagen. Ich wurde dort geboren, habe da aber nie richtig gelebt. Wir sind nach Österreich gezogen, als ich ein Jahr alt war. Kiew ist zwar die Hauptstadt – aber so schön sie sein mag: Im Endeffekt geht es um alle Menschen in der Ukraine.

Wann waren Sie zuletzt in der Ukraine?

Wir sind jeden Sommer hingeflogen, um die Familie zu besuchen. Oder es kam jemand zu uns nach Österreich oder jetzt Deutschland. Aber durch die Corona-Krise war es in den vergangenen Jahren schwer, sich zu sehen. 2019 war ich zum letzten Mal dort.

Auch Logvins Großeltern – hier ein älteres Bild mit ihr und ihrem Cousin – leben in der Ukraine.
Auch Logvins Großeltern – hier ein älteres Bild mit ihr und ihrem Cousin – leben in der Ukraine. © logvin-

Wie sehr identifizieren Sie sich mit Ihrem Geburtsland?

Durch die Familie sind natürlich immer gewisse Heimatgefühle da. Ich habe zwar einen österreichischen Pass, aber ich muss klar sagen: Ich bin auch Ukrainerin.

Sind Sie generell ein politischer Mensch?

Mit europäischer Politik habe ich mich bisher nicht so sehr beschäftigt. Zuletzt vor allem mit der deutschen, während der Wahlen. Und amerikanische Politik fand ich immer interessant, weil es oft um den Konflikt mit Russland ging.

Wie groß ist Ihre Angst, dass dieser aktuelle Krieg ausufert?

Sehr groß. Ich fürchte, dass er noch weitere Kreise ziehen wird – sobald sich irgendein anderes Land einmischt. Das Beste, was die Ukraine jetzt machen könnte, ist zu sagen: Ihr könnt unser Land haben (Logvin legt sehr ergriffen eine Sprechpause ein). Das gibt Russland noch viel mehr Macht, das ist klar. Die Ukraine ist ein stolzes Land, aber es geht jetzt um die Kinder und die älteren Menschen. Um alle.

Denkt Ihre Familie daran zu flüchten?

Das kann ich nicht genau beantworten. Ich habe schon überlegt, selbst in die Ukraine zu fahren. Dann nimmst du zehn große Tanks mit Benzin oder Diesel, sammelst die Familie ein und hoffst, dass du da wieder rauskommst. Ob das sinnvoll ist, darüber denkst du nicht nach – sondern nur daran, deine Familie zu retten.

Sie bleiben aber, was vernünftig ist, in Deutschland. Wie werden Ihre nächsten Tage sein?

Natürlich halte ich Kontakt und erkundige mich, wie es der Familie geht. Die Frage ist: Wie lange funktioniert das noch? Russland hat volle Kontrolle über die Ukraine und will das ganze Land haben. Die können den Strom abschalten, wenn sie wollen. Und man kann nichts machen. Es ist ein beklemmendes Gefühl, wenn man daran denkt, dass die Leitung tot sein könnte oder die Familie aus anderen Gründen nicht rangehen kann.

Was sagen Sie zu Putins Vorgehen?

Der Krieg ist seiner, nicht der von Russland. Ich habe sehr viele Freunde in Russland und bin einfach nur geschockt, weil wir – da kann ich mich nur wiederholen – doch ein Volk sind.

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