Vereine in der Coronakrise

Die Clubs haben Mitglieder verloren - aber alles im Rahmen

Der Herr der Zahlen beim Kreissportbund Diepholz: Geschäftsführer Uwe Drecktrah.
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Der Herr der Zahlen beim Kreissportbund Diepholz: Geschäftsführer Uwe Drecktrah.

Die Sportvereine im Kreis Diepholz haben zwar Mitglieder in der Coronakrise verloren, doch die Situation ist nicht beängstigend. Wir haben mal bei einigen Clubs und deren Vorsitzenden nachgefragt.

  • Jahn Brinkum spart Kosten durch Kurzarbeit.
  • TuS Sulingen hat schon zwei neue Vereinsbusse bestellt.
  • TuS Sudweyhe verzichtet im ersten Quartal 2021 auf Extrabeitrag für das Gesundheitszentrum.

Landkreis - Die Sportvereine sind während der Lockdowns besonders betroffen. Nach Informationen des Kreissportbundes (KSB) Diepholz sank die Zahl der Mitglieder der 225 Vereine binnen eines Jahres (2020 gegenüber 2019) von 73 643 auf 70 381. Das entspricht einem Minus von gut 4,3 Prozent. Der Rückgang betrifft dabei alle Altersklassen fast gleichermaßen.

KSB-Geschäftsführer Uwe Drecktrah relativiert aber die Zahlen: „Die Anzahl der Austritte ist nicht so ungewöhnlich. Die gab es auch vor der Corona-Krise. Neu ist nun jedoch, dass kaum noch Neumitglieder angeworben werden können, weil die meisten Sportstätten dicht sind.“ Deshalb hofft Drecktrah, dass in der heutigen Konferenz der Bundeskanzlerin mit den Länderchefs ein Fahrplan zur Lockerung beschlossen wird. Wir haben uns von Nord nach Süd bei Vereinen des Kreises Diepholz umgehört, wie sie bisher durch die Krise gekommen sind und was sie sich fürs Jahr 2021 wünschen.

FTSV Jahn Brinkum

Bilanz 2020

Froh gestimmt ist Elke Gärtner (65), die Brinkumer Kassenwartin, beim Blick auf die Mitgliederzahlen Ende des vergangenen Jahres natürlich nicht: „Wir haben etwa 2 300 Mitglieder an den Kreissportbund gemeldet. Das sind 200 weniger als im Jahr zuvor. Der Rückgang ging quer durch alle Sparten. Was jedoch noch schwerwiegender ist: Wegen des Lockdowns haben wir momentan keine Neueintritte.“

Rolf Meyer, Chef des FTSV Jahn Brinkum, hofft, dass Sport auf den Außenanlagen bald möglich sein wird.

Gärtner ist aber froh, „dass uns der Landessportbund mit einer mittleren vierstelligen Summe unterstützt hat.“ Insgesamt sei der Verein, der demnächst die Fusion mit dem Brinkumer SV beschließen möchte, „mit einem blauen Auge davongekommen“, betont Gärtner.

Maßnahmen

Dass die Finanzen im Augenblick nicht komplett verhagelt sind, hat auch den Grund, dass der Jahn mächtig gespart hat. „Wir haben in der Zeit, in der in den Sparten kein Sport betrieben werden darf, auch keine Kosten für unsere Übungsleiter. Bei den Festangestellten sind momentan sieben Leute in Kurzarbeit“, erläutert Brinkums langjähriger Vorsitzender Rolf Meyer. Der 72-jährige Pensionär sagt aber auch, dass der Verein weiterhin präsent sei, „denn in vielen Sparten haben wir unseren Mitgliedern ein Online-Angebot gemacht, was auch gut genutzt wird.“

„Und eines Tages haben wir keine Top-Sportler mehr“

Der deutsche Sport hat vor dem heutigen Bund-Länder-Gipfel in Berlin seine brave Haltung aufgegeben. Nach DFB-Präsident Fritz Keller drängt auch Präsident Alfons Hörmann vom Deutschen Olympischen Sportbund in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Veränderungen. Hörmann wies darauf hin, dass der Breitensport mit hoher Solidarität die Einschränkungen in der Pandemie „vollumfänglich mitgetragen“ habe. Nun aber sei es höchste Zeit, dem vereinsbasierten Sport „wieder eine Perspektive zu geben“. Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler warnt: „Wir haben 2020 schon einen Einbruch des organisierten Sports gesehen. Und eines Tages haben wir einfach keine Top-Sportler mehr.“

Ausblick 2021

Meyer und auch Gärtner hoffen, dass es möglichst bald wieder Lockerungen (so wie im Frühjahr 2020) gibt. „Wir haben für die Außenbereiche ein gutes Hygienekonzept erstellt. Und es ist doch erwiesen, dass Sport im Freien nicht so bedenklich ist. Deshalb konnte ich die komplette Schließung des Amateursports auch nicht verstehen – schließlich ist in kleinem Umfang Schulsport ja erlaubt. Dass der Teamsport jetzt sehr schnell wieder durchstarten kann, glaube ich eher nicht“, sagt Meyer.

TuS Sulingen

Bilanz 2020

Auch die Sulinger mussten im vergangenen Jahr etwa 300 Austritte verkraften und wiesen Ende Dezember 2020 gut 1 600 Mitglieder auf. „Dass wir Leute verlieren, ist nicht so ungewöhnlich. In den letzten Jahren konnten wir das durch die Zahl der Neuanmeldungen mehr als kompensieren. Aber da haben wir nun nur 50 Mitglieder hinzugewonnen“, meint Volker Wall (55), der erste Vorsitzende des TuS.

Maßnahmen

Auch die Sulinger nutzen Einsparpotenziale. Während des Lockdowns müssen die Entschädigungen für die Übungsleiter nicht gezahlt werden. Um den Kontakt zum Verein zu halten, haben Fußballer und Turner Online-Angebote gemacht. Zwar bekamen die Sulinger vom Landessportbund kaum finanzielle Unterstützung, „aber wir kommen momentan trotzdem ganz gut klar“, stellt Wall fest.

Volker Wall, der Vorsitzende des TuS Sulingen, hat konkrete Pläne für die Zeit nach dem Lockdown.

Ausblick 2021

Der TuS-Chef setzt fest darauf, „dass wir spätestens im Herbst wieder einen normalen Sportbetrieb haben werden. Deshalb haben wir auch schon zwei neue Vereinbusse bestellt.“ Sogar ein kleine, überdachte Tribüne am Haupt- und Kunstrasenplatz im Sportpark ist in Planung. Wall wünscht sich, dass die Fußballer im April wieder trainieren dürfen, „ob es dann aber zum Spielbetrieb kommt, da habe ich Zweifel“.

SG Diepholz

Bilanz 2020

1 294 Mitglieder verteilen sich auf 16 Sparten. Fußball und Turnen sind die größten Abteilungen. Die Anzahl an Austritten ist mit knapp 200 im Vergleich zum Vorjahr gleichgeblieben. Georg Hagemann, einer der vier Vorsitzenden der SG Diepholz, nennt ein Manko: „In der Corona-Zeit gibt es keine Anmeldungen.“ Geschäftsführer Ralf Jacobsen stellt aber erfreut fest: „Die meisten Mitglieder haben uns die Treue gehalten.“

Im Austausch: Geschäftsführer Ralf Jacobsen (l.) und Vorsitzender Georg Hagemann von der SG Diepholz.

Maßnahmen

Behindertensport, Reha-Sport, Herz-Sportgruppe und Turnen (Gesundheitssport über die AOK) – die SG Diepholz bietet ihren Mitgliedern einiges an. An Übungsleiterentschädigungen gab es für den Verein lediglich im ersten Quartal Kosten. Die Abteilungen Judo und Taekwondo haben sich bemüht, draußen Sport zu machen, denn in Diepholz sind die Sporthallen (dürfen kostenlos genutzt werden) vom Landkreis und der Stadt während der Pandemie gesperrt.

Turnen ganz vorn

Die Sportart mit den meisten Mitgliedern im Kreis ist das Turnen mit 22 466 Mitgliedern (Stand 1.1.2021). Dahinter folgen Fußball (18 165) und der Pferdesport (5 073). Sie alle haben aber auch Einbußen gegenüber dem Vorjahr hinnehmen müssen. Ganz hart hat es den Behindertensport und das Tanzen getroffen, wo der Rückgang jeweils mehr als 20 Prozent betrug. Insgesamt sind dem Kreissportbund Diepholz 40 Sportarten in 225 Vereinen angeschlossen.

Ausblick 2021

„Wir wünschen uns, dass wir bald wieder den Sportbetrieb aufnehmen können. Es wäre schön, wenn der Mannschaftssport und der Lauftreff bald wieder nach draußen gehen könnten“, sagt Hagemann. Das hofft auch Jacobsen: „Wenn die Sonne hochkommt, dann können wir Sport betreiben.“

SC Twistringen

Bilanz 2020

Das Coronajahr 2020 ist auch am SC Twistringen nicht spurlos vorübergegangen. „Bei uns haben sich besonders zwei Sparten bemerkbar gemacht, die rückläufig waren: Die Gymnastik-Sparte und die Handicap-Sportgruppe“, berichtet Twistringens Vorsitzender Ingo Müller: „Während wir die Gymnastik-Sparte sogar komplett auflösen mussten, verzeichnen wir bei der Handicap-Sportgruppe lediglich einen leichteren Rückgang.“ Entspannter sieht es dagegen bei den Abmeldungen aus. „Unsere Austritte bewegen sich im normalen Rahmen, hatten nichts mit Corona zu tun“, ist Müller froh: „Auch die Eintritte sind in etwa gleich geblieben, sodass wir am Ende einen geringen Mitgliederschwund zu verzeichnen hatten.“ Das bestätigen auch die Zahlen. Der Verein meldete Ende des vergangenen Jahres 882 Mitglieder an den Kreissportbund. Damit hat der SCT im Vergleich zum Vorjahr „nur“ 27 Mitglieder weniger.

Mit dem SCT gut durch die Krise gekommen: Der 1. Vorsitzende Ingo Müller (li.) und Kassenwart Bernd Siemers.

Maßnahmen

Um nicht gänzlich den Kontakt zu seinen Mitgliedern zu verlieren, steuert der Verein dagegen. „In ganz unterschiedlicher Form“, wie Müller erklärt: „Zum Beispiel organisiert die Jugendfußball-Sparte Fahrradrallyes – oder die Handball-Herren der HSG Phoenix trainieren einfach online via Videomeeting.“

Ausblick 2021

„Ich denke, wir haben die Coronakrise bisher ganz gut überstanden, was ja auch die Zahlen bestätigen“, betont Müller: „Dennoch wäre es wünschenswert, ab Frühjahr wieder mehr Planungssicherheit von Seiten der Politik zu haben.“

TuS Sudweyhe

Bilanz 2020

Der mitgliederstärkste Verein im Kreis Diepholz musste auch Federn lassen. Von 3 158 Mitgliedern ging es im vergangenen Jahr runter auf 2 878. Das sind stolze neun Prozent weniger. Sudweyhes Vorsitzender Frank Meyer (60) bleibt dennoch recht gelassen: „Wir sind weiter ein gesunder Verein. Die Austritte und fehlenden Eintritte haben fast ausschließlich mit unserem Gesundheitszentrum zu tun. Wer meldet sich da schon an, wenn er nicht trainieren kann? Das wird sich hoffentlich nach den Lockerungen ändern.“ Vom Landessportbund Niedersachsen hat der TuS Zuschüsse im vierstelligen Bereich bekommen, um einige Projekte finanzieren zu können.

Maßnahmen

Die Sudweyher sind beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 noch ohne Kurzarbeit ausgekommen. „Aber für die Monate Dezember, Januar und Februar haben wir jetzt doch zu diesem Mittel gegriffen“, berichtet Meyer. Zwölf Mitarbeiter wurden in die Kurzarbeit geschickt. Die meisten Übungsleiter müssen seit Dezember auf ihre Entschädigungen verzichten, weil ja auch kein Training stattfindet. Um „gut Wetter“ bei den Nutzern des Gesundheitszentrums zu machen, verzichtet der TuS im ersten Quartal 2021 auf die Zusatzbeiträge in Höhe von 14 Euro pro Monat.

Sudweyhes Vorsitzender Frank Meyer neben den Kursangeboten seines Clubs. Die liegen jedoch momentan beinahe komplett brach.

Ausblick 2021

„Ich denke, dass unser Gesundheitszentrum so schnell noch nicht wieder voll öffnen darf. Das wird wohl noch bis zum Spätsommer dauern“, sagt Frank Meyer, der hofft, dass die Fußballer ab 1. April vielleicht trainieren und ab Mitte April wieder Punktspiele machen können, „aber eigentlich sollte die Saison abgebrochen und im Herbst neu gestartet werden“.

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