INTERVIEW HVN-Präsident Stefan Hüdepohl über die schwierige Situation im Handball

„Wir drücken uns nicht vor der Verantwortung“

„Wir werden massive Spielabsetzungen haben“, sagt HVN-Präsident Stefan Hüdepohl.
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„Wir werden massive Spielabsetzungen haben“, sagt HVN-Präsident Stefan Hüdepohl.

Syke/Uelzen – „Zeit für meine Frau und meine kleine Tochter habe ich immer“, sagt Stefan Hüdepohl, „für die Kommunalpolitik aber recht wenig“. Der 46-jährige Rechtsanwalt aus Uelzen ist Präsident des Handball-Verbands Niedersachsen (HVN) – und dieses Amt frisst momentan reichlich Stunden. „Bis zu 70 im Monat“, schätzt er. Aber die Situation erfordert wegen der Corona-Pandemie eben intensiven Aufwand. Der HVN hat beschlossen, dass Vereine aus einem Gebiet mit einem höheren Inzidenzwert als 35 bis auf Weiteres selbst entscheiden können, ob sie weiterhin spielen wollen (wir berichteten). Im Interview verrät Hüdepohl, welche Folgen diese Vorgabe hat, wie lange sie gilt, was er von der Kritik daran hält – und wie die Planungen des HVN für eine eventuelle Unterbrechung oder gar einen Abbruch der Handball-Saison aussehen.

Warum hat sich das HVN-Präsidium für diese Variante zur Fortsetzung des Spielbetriebs entschieden?

Wir haben versucht, die Interessen und auch die völlig verschiedenen Grundsituationen im Landesverband in einen Beschluss zu fassen, der uns am besten erschien. Die Regionsvorsitzenden haben fast alle gesagt, dass sie beginnen möchten – sich aber eine gewisse Freiwilligkeit wünschen, wenn in ihren Bereichen Krankheitsprobleme auftreten. Es gibt Vereine, die starten wollen – und welche, die sehr vorsichtig sind. Beides kann ich verstehen. Deshalb haben wir uns für diesen Weg entschieden – und wir sind der Überzeugung, dass es aktuell der richtige Entschluss ist.

War es sozusagen eine demokratische Entscheidung?

Wir hören uns natürlich an, was die Regionsvorsitzenden sagen – weil sie in ihrem Gebiet verwurzelt sind. Letztlich liegt es in der Entscheidungskompetenz des Präsidiums – also waren wir nicht „basisdemokratisch“. Wir können nur für den Spielbetrieb in den Verbandsstaffeln entscheiden, die Regionen sind autark. Ich weiß, dass Hannover den Spielbetrieb bis Anfang nächsten Jahres eingestellt hat beziehungsweise nicht beginnen wird. Das ist auch okay.

Wie unterschiedlich sind die Wünsche der Vereine?

Wir haben den Amateursport und dann die Schwelle nach oben. In der Oberliga herrschen beispielsweise völlig andere Interessenlagen als etwa in der Regionsliga, wo Hobbysport betrieben wird. Diese Leute sagen: Das Risiko gehe ich jetzt nicht ein. In der Oberliga gibt es Mannschaften, die einen hohen finanziellen Aufwand betreiben, in die Dritte Liga wollen und deshalb Spielbetrieb haben wollen. Hamburg lässt die oberste Liga noch spielen, die darunter nicht mehr. Das ist der große Spagat, den wir machen müssen. Klar können wir sagen, wir spielen jetzt alle nicht mehr – aber damit werden wir denjenigen nicht gerecht, die spielen wollen – weil die Inzidenzwerte in ihren Gebieten nicht so hoch sind.

Wie einig waren Sie sich im HVN-Präsidium?

Wir haben lange diskutiert, weil wir alles abwägen müssen. Letztlich haben wir es gemeinsam entschieden und stehen dahinter.

Sie selbst hatten zuvor die Variante ins Spiel gebracht, dass Mannschaften aus Gebieten mit einer Inzidenz über 50 nicht spielen dürfen. Warum ist daraus nichts geworden?

Es war ein Vorschlag, um die Diskussion in Gang zu bringen. Man könnte den Spielbetrieb ab einer Inzidenz über 50 ganz einstellen – aber die Regelung mit dem freiwilligen Verzicht ab 35 führt dazu, dass in diesen Bereichen ohnehin wenig oder gar nicht gespielt wird. Die aktuelle Variante setzt mehr auf Freiwilligkeit und gibt nicht vor, wann konkret Schluss ist.

Es gibt Stimmen, die genau diese Freiwilligkeit kritisieren – und sagen: Der Verein wälzt die Verantwortung nun auf die Vereine ab. Was entgegnen Sie?

Wenn ein Verein selbst entscheidet, ist es für ihn viel besser. Er weiß am besten, wie die Situation bei sich ist. Die Vereine können sagen, die „Erste“ in der Oberliga soll spielen, die „Dritte“ in der Regionsliga aber nicht. Diese Freiheit ist da. Wir drücken uns als Verband nicht vor der Verantwortung – sondern haben immer klar gesagt, was wir wollen. Es ist oft so, dass Leute Entscheidungen kritisieren, die sie selbst nicht treffen wollen. Wir als Verband stehen vorne und müssen ein viel größeres Blickfeld haben als ein Verein, der nur die Interessen seiner Spieler berücksichtigt. Wir haben unsere Verantwortung wahrgenommen. Und ich finde, auch ein Verein muss ein gewisses Maß an Verantwortung haben.

Die Kritik ist demnach nicht gerechtfertigt?

Ich kann mit Kritik umgehen. In Vereinen höre ich immer wieder, dass wir eine schwierige Aufgabe zu bewältigen haben. Das ist auch so. Jeder kann Kritik äußern – und wir nehmen sie auch auf.

Wie lange gilt der Beschluss?

Er soll nicht bis Ende der Saison gehalten werden. Ein Zeitfenster gibt es nicht. Wir bewerten die Lage permanent neu, nach jedem Wochenende. Wir müssen uns angucken, wie es sich entwickelt. Wir sind immer in der Lage, andere Beschlüsse zu fassen. Das ist alles sehr fließend.

Wie schnell kann sich die Situation verschärfen?

Sehr schnell. Das wissen wir noch aus dem März. An einem Dienstag haben wir Handlungsempfehlungen für Zuschauer rausgegeben – und am Freitag den Spielbetrieb abgebrochen. Es kann sein, dass sich die Lage in der nächsten Woche ändert – und wir dann sagen müssen: Jetzt ist Schluss.

Warum gibt es keine bundesweite Entscheidung?

Ich habe mit vielen Kollegen aus anderen Bundesländern gesprochen. Die wollen es – wie wir – freiwillig probieren. Deshalb haben wir momentan auch keine bundesweite Regelung – anders als bei der Einstellung des Spielbetriebs im März. Die Situationen und Interessen sind so verschieden, dass wir da momentan nicht zusammenkommen.

Viele Clubs wollen auch deshalb spielen, weil sie in Sorge sind, dass ihnen – bei einer erneut längeren Pause – die Handballer weglaufen.

Diese Sorge teile ich uneingeschränkt.

Und wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Wir haben aktuell keine Zahlen erhoben, aber die Neuanmeldungen stocken momentan.

Könnte ein Mitgliederschwund ein großes Problem werden?

Wir erhalten unter anderem Zuschüsse aufgrund der Größe des Verbandes. Diese könnten zurückgefahen werden, was uns dazu zwingen könnte, das entstehende ,Loch‘ über höhere Umlagen der Vereine auszugleichen.

Wie kann man da gegensteuern?

Wir betreiben seit längerer Zeit intensiv Mitgliederentwicklung. Kern dessen ist allerdings natürlich der Sport, dessen Ausübung extrem wichtig ist. Sollte wieder ein sportlicher Lockdown verordnet werden, könnte uns das um Jahre zurückwerfen. Gegensteuern kann man aktuell nur sehr wenig.

Der Spielplan wird durch vermutlich viele Absagen extrem verzerrt, geradezu zum Flickenteppich.

Das wird so sein, wir werden massive Spielabsetzungen haben – aber das kalkulieren wir ein. Wir wollen denen, die spielen können, auch die Möglichkeit dazu geben. Die Verzerrungen sind eben der besonderen Situation geschuldet.

Die Staffelleiter werden rotieren – ist der erhebliche Mehraufwand zumutbar?

Die Arbeit von denjenigen, die sich bemühen, die Sportausübung noch zu gewährleisten, ist nicht hoch genug einzuschätzen. Das Ehrenamt ist aktuell dermaßen gefordert, dass der eine oder andere über die Grenze gehen muss. Meine größte Sorge ist aber eine andere.

Welche?

Dass wir irgendwann eine Entscheidung treffen müssen, die wir nicht treffen wollen, wenn wir unserem Herzen folgen – aber der Verstand etwas anderes sagt.

Sie meinen eine Unterbrechung oder gar einen kompletten Abbruch der Saison. Wie sehen die Überlegungen dazu aus?

Natürlich machen wir uns Gedanken, was wäre, wenn . . . Es gibt aber noch keine echten Pläne – allerdings Ideen, die kurzfristig umgesetzt werden könnten. Dass eine Quotientenregelung wie im März bei zum Beispiel erst fünf Spielen nicht angewendet werden kann, ist klar. Wenn es hier zu einem erneuten sportlichen Lockdown kommen sollte, wären freiwillige Runden ohne richtigen Wettkampfcharakter vorstellbar.

Die Vereine interessiert natürlich brennend, was beim worst case eines Saisonabbruchs passieren würde. Wird es dann – anders als im März – Absteiger geben?

Dazu kann ich bisher nur sagen: Die Wertung und die Regelung über Auf- und Abstieg würde sicherlich vom Zeitpunkt eines Abbruchs abhängen. Wenn es aber eine sportliche Wertung gibt, wird es nicht nur um Aufsteiger gehen, sondern auch um Absteiger.

Haben Sie einen Zeitpunkt festgelegt, ab dem solche Maßnahmen greifen würden?

Nein, bisher nicht. Es gibt Landesverbände, die sagen: Jeder muss mindestens einmal gegen jeden gespielt haben – erst dann fangen wir an zu werten. Ansonsten frieren wir ein oder fangen neu an. Mehrere Modelle sind denkbar. Doch dafür ist es noch zu früh. Lassen Sie uns Anfang Januar noch mal darüber sprechen.

Wie werden die kommenden Wochen für den Verband?

Sehr nervenaufreibend. Es könnten Entscheidungen getroffen werden, die nicht allen Vereinen gefallen. Ich zitiere immer gerne Gesundheitsminister Jens Spahn, der gesagt hat: ,Wir werden uns am Ende der Pandemie viel verzeihen müssen.‘ Das ist ein weises Wort.

STEFAN HÜDEPOHL

Der Präsident des Handballverbands Niedersachsen (HVN) ist 46 Jahre alt, Rechtsanwalt und wohnt in Uelzen. Von 2006 bis 2013 war er stellvertretender Vorsitzender Recht der Handballregion Lüneburger Heide, von 2013 bis 2016 dann Vizepräsident Recht im HVN – seit 2016 ist Hüdepohl HVN-Präsident. In der Jugend (ab 1980) spielte er Handball beim Post SV Uelzen, im Erwachsenenbereich bis 2009 für den TV Uelzen (teilweise in der Oberliga Niedersachsen). Währenddessen und danach war er auch als Trainer von Jugend- und Erwachsenenmannschaften für PSV, TV und JSG Uelzen aktiv sowie als Schiedsrichter unterwegs.

Von Malte Rehnert

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