Härtere Prüfungsfragen, Schul- und Berufsstress Gründe des Schiri-Schwunds

„Wir brauchen die Masse – später kommt die Klasse“

Syke - Von Cord KrügerDavid Kastens merkte schnell, dass ihm etwas fehlte. Der täglich nach Bremen pendelnde Bankkaufmann und engagierte Betreuer des TV Neuenkirchen kann sich über Langeweile zwar wahrlich nicht beklagen, doch die zweijährige Abstinenz von der Pfeife hatte er satt. Also wagte der einstige Bezirksliga-Schiedsrichter sein Comeback – und pfeift jetzt wieder Partien auf Kreisebene. Seinen Ansetzer Werner Bollow freut's – denn er braucht jeden erfahrenen Unparteiischen. Schließlich sank die Zahl der Schiris im Fußballkreis Diepholz nun erstmals auf unter 300 Aktive.

Kein Wunder, mögen manche Ohrenzeugen von Fan-Schmährufen, Meckereien und Trainer-Klagen denken. Kastens hingegen musste solche Erfahrungen nicht sammeln – im Gegenteil: „Ich habe durchs Pfeifen viele Freundschaften geschlossen – zu Schiedsrichtern und Spielern. Man lernt neue Plätze kennen, die man allein als Fußballer wohl nicht gesehen hätte. Und man schult seine Persönlichkeit.“ Der 26-Jährige ist überzeugt, dass ihm das Auflisten seines „liebsten Hobbys“ in der Bewerbung die Tür zu seinem Beruf als Bankkaufmann öffnete: „Konflikte lösen, Führungsqualitäten zeigen – da können junge Leute beim Arbeitgeber punkten.“

Kreisschiedsrichter-Obmann Werner Bollow könnte Kastens glatt als Werbeträger für die „Schwarze Zunft“ engagieren. Aber immer neue Probleme nagen an den Bemühungen in Sachen Nachwuchsgewinn-

Einige Ligen bereits

nicht mehr zu besetzen

ung: Jüngere Schiedsrichter spielen oft parallel in ihren C-, B- und A-Jugend-Mannschaften. „Die können wir nicht gleichzeitig ansetzen“, verdeutlicht Bollow. Andere stecken im Ganztagsschul-Stress oder in den Prüfungsvorbereitungen fürs Abi und andere Abschlüsse. Danach führen sie Ausbildung oder Studium oft in die Ferne – Wochenenddienste inklusive.

Die deutlichsten Folgen des Schwunds zeigen sich in den nicht mehr mit Referees besetzten Klassen: Die Gegner der Oldie-Liga müssen sich vor Spielbeginn auf einen Schiri aus eigenen Reihen einigen. „Wir haben nicht mehr genug Ältere für solche Partien“, schildert Bollow. Im Juniorenbereich müssen die Platzvereine von der D- bis zur G-Jugend schon länger einen Mann – oder eine Frau – an der Pfeife stellen.

Nun hofft Bollow, wenigstens den Status unterhalb der Männer-Kreisliga halten zu können: Wenn sich in der neuen Saison die Kreisliga A in die eingleisige 1. Kreisklasse verwandelt, „sollten wir die Spiele trotzdem auch mit kompletten Gespannen besetzen. Für diese Schiedsrichter-Assistenten bedeutet es die Schule für die Kreisliga.“

Wären da nicht die höheren Anforderungen zum Erwerb der Schiedsrichter-Lizenz: Während früher die meisten Kursteilnehmer den Lehrgang bestanden, beläuft sich die Erfolgsquote jetzt nur noch auf 50 Prozent. Laut Bollow liege dies auch an den härteren Prüfungsfragen, die der DFB ausgearbeitet habe: „Sie sind zu schwierig und für die Praxis selten relevant. Der Verband will so mehr Klasse statt Masse bei den Nachwuchsleuten, aber wir brauchen die Masse, die dann nach und nach mit ihren Aufgaben wächst.“ Aus anderen Fußballkreisen hörte er von ähnlichen Problemen.

Die nächste Chance auf neues „Personal“ bietet sich ab Februar, wenn der nächste Anwärterlehrgang startet. Doch schon in der Winterpause will Bollow eine Regelung treffen, um Jugendlichen den Einstieg zu erleichtern: „Wir arbeiten an einem flexibleren Anerkennungsverfahren für D-Jugend-Spiele, die die jungen Leute bei ihrem eigenen Verein pfeifen.“ Diese Partien könnten dann auf die Mindest-Pflichtspiele angerechnet werden – als Nachweis für die Vereine, die eine bestimmte Zahl an Unparteiischen stellen müssen, und für den Einzelnen als Voraussetzung zum Verlängern des Schiedsrichter-Ausweises. Dieses wertvolle Papier ermöglicht freien Eintritt zu allen Spielen bis auf Bundesliga-Ebene und gilt so nach wie vor als attraktivster Anreiz. Schiri David Kastens kann das nur bestätigen: „Wenn meine Arbeitskollegen über Werders hohe Dauerkarten-Preise klagen, ärgere ich sie damit, dass ich immer umsonst ins Stadion komme.“ Vorausgesetzt, er muss nicht selbst pfeifen.

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