Kleine Vereine sind es leid

„Wilderei“-Vorwürfe gegen die JSG Sulingen

Es brodelt im Jugendfußball. Im Mittelpunkt der Aufregung: die JSG Sulingen.
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Es brodelt im Jugendfußball. Im Mittelpunkt der Aufregung: die JSG Sulingen.

Für Jugendmannschaften wird es immer schwerer, genügend Fußballspieler für ihre Mannschaften zu gewinnen. Das bereitet besonders den kleinen Clubs um Sulingen herum große Sorgen. Sie sehen sich von der JSG Sulingen bedroht.

  • Kleine Vereine fühlen sich von der JSG Sulingen in ihrer Existenz bedroht.
  • JSG Sulingen weist Vorwürfe zurück.
  • JSG Sulingen droht der Entzug des JSG-Status.

Affinghausen/Sulingen – Im Jugendfußball brodelt es. Und zwar gewaltig. Stein des Anstoßes ist das Abwerben von Nachwuchstalenten. Im Mittelpunkt der Aufregung: die JSG Sulingen. Zumindest wenn es nach Harald Freye geht. Der Spartenleiter des SC AS Hachetal sei es leid, dass die Jugendspielgemeinschaft (JSG) Sulingen Jahr für Jahr in seinem Verein „wildert“, wie er es formuliert: „Aber nicht nur bei uns, auch bei umliegenden Clubs wie Kirchdorf, Lessen, Rathlosen oder den SBS Kickers“, betont der Spartenleiter: „Das geht zum Teil schon bei den Neun- bis Zehnjährigen los.“

Die JSG Sulingen habe sich offenbar zum Ziel gesetzt, „die Jugendarbeit der umliegenden Vereine durch aggressives und unkontrolliertes Abwerben von Spielern mindestens zu stören, wenn nicht gar zu zerstören“, klagt Freye an. So habe vor allem die U 13 der JSG Hanse aus der Samtgemeinde Schwaförden große Probleme, „da aus diesem Jahrgang wie schon in der vergangenen Wechselperiode gleich mehrere Spieler von der JSG Sulingen abgeworben wurden“, erklärt Freye: „Das bedeutet, dass wir das Team für die anstehende Serie wieder abmelden müssen.“

Kirchdorfs Jugendleiterin Rochner: „Es kein neues Phänomen“

Ähnliche Erfahrungen hat auch die JSG Kirchdorf/Holzhausen-Bahrenborstel/Barenburg gemacht. „Es wurden vermehrt Spieler in verschiedenen und vor allem den jüngeren Jahrgängen seitens der JSG Sulingen angesprochen und haben danach den Vereinswechsel vollzogen. Für uns ist es kein neues Phänomen, wir kennen es schon seit Jahren“, erklärt Jennifer Rochner, Jugendleiterin des TuS Kirchdorf: „Wir halten das Vorgehen der JSG Sulingen für sehr fragwürdig und nicht im Sinne des Fair Plays.

Alles Quatsch, sagt Andras Lüdeke. Der Jugendleiter des FC Sulingen, der zusammen mit Dominic Brock (Jugendleiter des TuS Sulingen) zusammen für die Belange der JSG Sulingen zuständig ist, weist jegliche Kritik von sich. „Das stimmt einfach nicht. Fakt ist, dass wir in der Corona-Pandemie einen immensen Aufwand betrieben haben, um die Kinder und Jugendlichen bei der Stange zu halten. Richtig ist, dass die Spieler freiwillig zu uns kommen. Die Kinder und Jugendlichen beziehungsweise ihre Eltern kommen auf uns zu, sprechen uns an. Wir werben nicht massenweise Spieler von umliegenden Clubs ab. Und schon gar nicht aggressiv.“

Jugendausschuss-Chef Meyer: „Passt mit einer JSG nicht zusammen“

Stephan Meyer, Jugendausschuss-Vorsitzender des Fußballkreises Diepholz, hat da eine andere Sicht der Dinge: „Erst vor Kurzem hatte der TuS Sulingen auf seiner Internetseite Sichtungstraining für U-Mannschaften angeboten. Das passt mit einer JSG einfach nicht zusammen.“ Ähnliches kann auch Rochner bestätigen: „Uns ist bekannt, dass die JSG Sulingen bereits Akteure in Freundschaftsspielen eingesetzt hat, obwohl noch gar kein Vereinswechsel vollzogen war und auch keine Spielberechtigung vorlag.“

Während die Vereine rund um Sulingen herum es schwer haben, gerade mal eine Mannschaft – trotz des Zusammenschlusses von Jugendspielgemeinschaften – voll zu bekommen, stellen die Sulinger von der U 12 bis zur U 19 durchgängig jeweils zwei Mannschaften pro Jahrgang. Lediglich die U 16 fehlt bei der JSG Sulingen komplett.

Es gehe einzig und allein um den Erhalt des Spielbetriebes

Das ist auch Meyer ein Dorn im Auge. Eine JSG diene dazu, dem demografischen Wandel – vor allem bei Amateurvereinen im ländlichen Raum – entgegenzuwirken, betont der Jugendausschuss-Chef: „Viele Teams in der Region haben Schwierigkeiten, eine Startelf zu füllen. Hier kann die Bildung einer JSG helfen. Sie ist eine Kooperation örtlich nah beieinander liegender Vereine, die gemeinsam am Spielbetrieb teilnehmen. Es geht einzig und allein um den Erhalt des Spielbetriebes. Und nicht darum, leistungsorientierten Fußball anzubieten“, moniert Meyer.

Aber genau das sei bei der JSG Sulingen der Fall. „Das ist natürlich nicht Sinn der Sache“, macht Meyer deutlich: „Das habe ich den Verantwortlichen der JSG Sulingen bereits sehr eindringlich offengelegt. Sie haben von mir bereits eine klare Ansage bekommen.“

Hohe Hürden für die Umwandlung in einen Jugendförderverein

Anders würde es sich bei einem Jugendförderverein (JFV) verhalten. Dieser hat sich zur Aufgabe gemacht, langfristig leistungsorientierten Jugendfußball anzubieten. „Das ist aber bei der JSG Sulingen eben nicht der Fall. Sie haben sich damals für eine Jugendspielgemeinschaft entschieden“, betont Meyer. „Jugendspielgemeinschaften erlauben zwar die Zusammenarbeit von Vereinen, reichen in der Regel aber nicht, um ehrgeizigen Vereinen eine Basis für ihre Bestrebungen zu geben“, erklärt auch Marian Kobus aus der Rechtsberatung des Niedersächsischen Fußballverbandes. Zwar besteht für die Sulinger die Möglichkeit, die JSG in einen JFV umzuwandeln, doch die Hürden dafür sind hoch, wie Meyer erklärt: „Es bedarf einer Zweidrittelmehrheit im Verein. Und diese bekommen die Sulinger nicht zusammen.“

Dass die JSG Suligen wie ein JFV agiert, ärgert Rochner. „Daran leiden besonders kleine Vereine wie unserer“, macht sie deutlich: „Die kleinen Clubs des Landkreises haben schon lange damit zu kämpfen, überhaupt ausreichend Spieler für die jeweiligen Mannschaften ihrer Altersklassen zu stellen.“

Während es in den 1990er- und 2000er-Jahren noch in nahezu jedem Dorfverein ein durchgängiges Angebot für alle Kinder und Jugendlichen gegeben habe, sei dies seit einigen Jahren nur noch durch den Zusammenschluss mehrerer Vereine – zum Teil ganzer Samtgemeinden – möglich, erklärt Freye: „Verschärft wird diese Situation unnötiger- und ärgerlicherweise durch das Gebaren der JSG Sulingen!“

Freye betont, dass er nichts gegen Abwerben habe: „Zu meiner Zeit war es aber so, das meistens nur der beste Spieler einer Mannschaft abgeworben wurde. Nicht aber gleich mehrere Spieler aus einer Mannschaft. Gute Jugendfußballer müssen gefördert werden, das ist klar. Hierfür aber die gewachsenen, überwiegend ehrenamtlichen, Strukturen der umliegenden Vereine zu gefährden ist ein Weg, der letztendlich niemandem nutzt.“

Sulingern droht der Entzug des JSG-Status

Deswegen musste sich die JSG Sulingen auch schon deutliche Worte von Meyer anhören: „Ich habe ihnen mitgeteilt, dass sie für die kommende Spielzeit nur unter Auflagen eine Genehmigung bekommen haben. Ich schaue mir das weiterhin sehr genau an, was bei der JSG Sulingen passiert.“ Sollte es in Zukunft weiter zu Ungereimtheiten kommen, behält sich Meyer das Recht vor, den Sulingern den JSG-Status zu entziehen.

„Wir haben uns schon mit der gesamten Samtgemeinde zu einer JSG zusammengeschlossen. Dennoch haben wir große Probleme, ausreichend Spieler zu stellen“, sagt Rochner: „Dieses Problem hat die JSG Sulingen nicht. Dort sind pro Altersklasse mehrere Mannschaften gemeldet.“ Das verdeutliche, „dass dort nicht aus der Not heraus gehandelt und abgeworben wird“. Darüber hinaus findet Rochner es „absolut unangemessen, dass sogar schon in den unteren Jahrgängen angefangen wird, Spieler abzuwerben und mit Probetrainings inklusive kostenlosem Coronatest angelockt werden. Wozu sollten wir Zeit und Energie in die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen stecken, wenn große Vereine wie die JSG Sulingen, diese jedes Jahr aufs Neue aktiv abwerben?“ Dadurch verlören Trainer und Betreuer die Motivation am Ehrenamt. Es werde immer schwieriger, vor allem junge Menschen für ehrenamtliche Tätigkeiten wie die eines Jugendtrainers zu begeistern. Wenn diese Entwicklung so weitergehe, dann werden im Landkreis bald die JSG Sulingen VII gegen den JFV Weyhe-Stuhr V gegeneinander antreten, ist Rochner sicher: „Und das kann niemand ernsthaft wollen.“

JSG Sulingen bewegt sich mit ihrem Vorgehen auf dünnem Eis

Ein Kommentar von Julian Diekmann. Das Vorgehen der JSG Sulingen schadet nicht nur den kleinen Vereinen im Sulinger Umland, die sich aufgrund des demografischen Wandels immer häufiger zu Jugendspielgemeinschaften (JSG) zusammenschließen müssen, sondern in erster Linie schadet sich die JSG Sulingen damit selbst. Während die kleinen Clubs immer häufiger Probleme haben, überhaupt eine einzige Altersklassen-Jugendmannschaft – trotz des Zusammenschlusses einer Jugendspielgemeinschaft – zu stellen, kann es sich die JSG Sulingen erlauben, in all ihren U-Mannschaften jeweils zwei Teams zu besetzten.

Das ist grob unsolidarisch und egoistisch. Eine JSG soll Vereinen helfen, die aufgrund der Zahl ihrer Spieler nicht mehr in der Lage sind, Jugendmannschaften zu bilden. Und genau das trifft bei der JSG Sulingen beim besten Willen nicht zu. Eine JSG soll ausschließlich als Notgemeinschaft gesehen werden.

Stattdessen handelt die JSG Sulingen nach dem Prinzip eines Jugendfördervereins, der langfristig leistungsorientierten Jugendfußball anbieten möchte. Da stellt sich natürlich die Frage, warum die Sulinger nicht von vornhinein diese Spielform gewählt haben?

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