UNVERGESSLICH Dreimal 2,30 Meter: Gerd Nagel und das legendäre Eberstadt-Meeting 1979

Weltklasse und Weinberge

Dietmar Mögenburg, Carlo Thränhardt und Gerd Nagel (von links) stehen 1979 beim Hochsprung-Meeting in Eberstadt.
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1979: Dietmar Mögenburg, Carlo Thränhardt und Gerd Nagel (von links) bei der Eberstadt-Premiere.

Der 9. Juni 1979 - ein legendärer Tag für die Leichtathletik! Die drei Hochspringer Gerd Nagel, Carlo Thränhardt und Dietmar Mögenburg überqueren beim Meeting in Eberstadt alle die 2,30 Meter - das gab es weltweit noch nie. Der Sulinger Nagel erinnert sich im Rahmen unserer Serie „Unvergesslich“ an diesen Tag - und erzählt noch viel mehr Interessantes. Dazu gibt es einen Gastbeitrag aus Heilbronn.

Eberstadt/Sulingen – So richtig viel gesprochen wird auf der 170 Kilometer langen Fahrt nach Mainz nicht. Die drei Männer im Auto sind einfach zu k.o., um sich angeregt zu unterhalten. Carlo Thränhardt, Dietmar Mögenburg und Gerd Nagel befinden sich auf dem Weg ins „Aktuelle Sportstudio“. Letztgenannter ist „tierisch nervös, schließlich war keiner von uns vorher je da.

Aber zum Glück musste ich nicht so viel sagen . . .“ Die TV-Premiere im ZDF hat sich das Trio, in Sportlerkreisen abgefeiert als „Die drei Musketiere“, mit einem legendären Wettkampf verdient. Am 9. Juni 1979. In Eberstadt. Beim Auftakt des später gleichermaßen berühmten wie beliebten Hochsprung-Meetings im Landkreis Heilbronn (Baden-Württemberg) überqueren alle Drei die 2,30 Meter – das gab es weltweit noch nie! „Für uns war es eine kleine Sensation“, sagt Nagel bescheiden. Tatsächlich ist es eher eine große, zuvor haben nur sechs Springer diese Höhe gemeistert – und dann gleich drei auf einen Schlag.

Der gebürtige Sulinger Gerd Nagel (inzwischen 63) lebt in dieser Zeit im zwei Autostunden entfernten Frankfurt am Main und startet für die dortige LG. Er ist morgens mit dem Wagen angereist und bei der Ankunft gleich angetan vom besonderen Ambiente. Die Hochsprung-Anlage, errichtet auf einem Handball-Kleinfeld, liegt inmitten von Weinbergen. Die Zuschauer (mehrere Hundert) sitzen auf Bierbänken. Ganz nah dran am Geschehen. Der damals 21-Jährige war es eher gewohnt, in Stadien zu springen – er findet die Enge in Eberstadt aber toll, spricht von einem „besonderen Charme“, einer „einzigartigen Atmosphäre“ und zieht dann noch einen Vergleich zum Tennis: „Weltmeisterschaften und Olympische Spiele gab es auch, klar. Doch Eberstadt hatte eben dieses Alleinstellungsmerkmal. Es war das Wimbledon des Hochsprungs.“

Zum Glück gab es in der Leichtathletik nicht so einen Hype wie im Tennis um Boris Becker. Das muss ja grausam gewesen sein. Bei uns war‘s etwas dezenter.

Gerd Nagel über die wachsende Aufmerksamkeit an seinen Hochsprung-Kollegen und ihm nach dem historischen Wettkampf 1979 in Eberstadt.

Hinzu gesellen sich an diesem Tag auch noch Sonnenschein und sommerliche Temperaturen. „Das alles“, erinnert sich Nagel, „hat uns einen Schub gegeben.“

Er selbst ist in starker Form angereist – Thränhardt und Mögenburg allerdings auch, wie sich schnell herausstellt. Bis zur neuen deutschen Rekordhöhe (2,26) „waren wir alle gleichauf“, erzählt Nagel. Dann nimmt der erst 17-jährige Mögenburg die 2,30 Meter. Thränhardt (21) folgt wenig später – und schließlich auch noch Nagel. „Ich war leider nicht der Erste“, sagt der Sulinger und schmunzelt: „Die anderen hatten vorgelegt, aber sehr knapp. Und das konnte nicht sein . . .“ Sein Konter sitzt. Zwischen Latte und Körper sei sogar noch ordentlich Luft gewesen. Der perfekte Sprung also? „Das kann man so sagen“, meint Nagel. Dass er so hoch fliegt, habe ihn selbst überrascht. 2,20 Meter, dann 2,24 bei der Hallen-EM – und plötzlich 2,30: „Das ist ungewöhnlich. Noch ein Jahr zuvor hat mit mir niemand gerechnet.“

EINST IN EBERSTADT: ZDF-Mann im Stress - Rennerei in die Kneipe

Ein Handy hätte Bernd Heller gebraucht. Die simpelste Version eines Smartphones hätte dem einstigen ZDF-Redakteur 1979 schon genügt. Doch nicht einmal der Leichtathletik-Fachmann hat geahnt, was ihn an diesem 9. Juni am Fuße des Eberfürsts, der berühmtesten Lage in der kleinen Weinbaugemeinde Eberstadt, erwartet. Zur Einweihung des Handball-Kleinspielfelds hat der Sport- und Religionslehrer sowie Hochsprung-Trainer Peter Schramm auf Bitten des Bürgermeisters seine Kontakte genutzt und einige Hochspringer eingeladen. Wir Vereinsmitglieder haben ein paar Bierbänke für Interessierte hinter dem Zaun aufgestellt. Der begehrteste Platz ist allerdings auf einem Traktor, den ein Bauer am Rande der Anlage geparkt hat. Es sind immer mehr Neugierige gekommen, um Carlo Thränhardt, Dietmar Mögenburg und Gerd Nagel zu sehen. Alle, besonders aber die Drei, haben ihren Spaß – und Bernd Heller eine ziemliche Rennerei. Als der Erste mit 2,26 Meter deutschen Rekord springt, fragt mich der Reporter, wo er denn bitteschön mal nach Mainz telefonieren dürfe. Ich schicke ihn zur nahe gelegenen Vereinsgaststätte. Als der Zweite nachzieht, ruft Heller nochmals an. Als auch noch der Dritte diese Höhe nimmt, rennt er ohne zu fragen direkt hinter den Tresen von Koch Josef Schöpf und schnappt sich den Hörer. Nachdem (der spätere Sieger) Dietmar Mögenburg als Erster des Trios auch noch über die 2,30 Meter floppt, springen wir alle auf und jubeln. Und Bernd Heller? Hat schlicht keinen Bock mehr wieder loszusprinten. Zu fasziniert ist er davon, dass auch noch Thränhardt und Nagel über diese magische Marke springen. „Drei übers Telefonhäuschen“, titelt die „Bild“ plakativ, aber treffend. Und Bernd Heller produziert einen emotionalen Bericht. Was er nicht gewusst hat: Statt der vereinbarten 300 D-Mark Startgeld für jeden zwackt Peter Schramm bei den anderen Springern ein bisschen was ab, sodass die drei Helden des Tages je 800 DM erhalten.
Bernd Heller ist noch Jahre danach immer wieder nach Eberstadt gekommen. Nur nach einem Telefon hat er nie mehr gefragt – den Weg hat er gekannt . . .

Zur Person: Bei allen 40 Hochsprung-Meetings in Eberstadt (1979 bis 2018) ist Stefanie Wahl dabei gewesen. Als Vereinsmitglied der TG Heilbronn jobbte sie als Platzanweiserin, betreute als Sportstudentin die Athleten und berichtete schließlich lange als Redakteurin. Die ehemalige Leichtathletin ist seit 16 Jahren Ressortleiterin Sport der „Heilbronner Stimme“ und Mutter eines Sohnes. Für die Kreiszeitung Syke erinnert sich die 52-Jährige an die Premiere.

Beflügelt von ihren Top-Höhen lassen alle Drei dann noch 2,32 Meter auflegen. Doch jeweils nur einmal. Sie reißen – und Hochsprung- Bundestrainer Dragan Tancic, der sich auch mal um die Fitness von Steffi Graf gekümmert hat, gibt das Signal: Schluss! „Vielleicht war es ein Fehler“, sagt Nagel, „obwohl man schon auch festhalten muss, dass wir alle sehr ausgelaugt waren. Man merkt es deutlich, wenn man alles in einen Sprung reinsetzt.“

Weil er als Erster über die 2,30 Meter sprang oder die wenigsten Fehlversuche hat, so genau weiß es Nagel nicht mehr, gewinnt am Ende Mögenburg den historischen Dreikampf vor einem begeisterten Publikum.

Ganz entspannt: Gerd Nagel vor seinem Haus in Sulingen.

Das Echo hinterher ist geteilt. In Deutschland werden die „drei Musketiere“ bewundert, im Ausland jedoch auch ein wenig kritisch beäugt, wie Nagel noch weiß: „Der erste Wettkampf der Welt, bei dem drei Leute über 2,30 kommen – und dann auch noch aus einem Land! In der internationalen Hochsprung- und Leichtathletik-Szene haben sie sich bestimmt gefragt: Was haben sie da gemacht? Wie haben sie da geschummelt? Wurde da richtig gemessen?“ Doch das Trio springt einfach weiter auf Weltklasseniveau. Nagel wird wenig später Deutscher Freiluft-Meister (2,30), Mögenburg schnappt sich den Europacup (2,32). „Zum Glück haben wir unsere Leistung bestätigt“, sagt Nagel.

Nagel erinnert sich: „Eberstadt war immer der Startschuss in die Saison“

Die Magie von Eberstadt lässt den Sulinger lange nicht los. Er springt dort jedes Jahr und gewinnt auch eines der Meetings (1983). „Oft um die 2,30“ habe er an jenem Ort geschafft, der ab 1979 einen wichtigen Orientierungspunkt für ihn darstellt: „Eberstadt war immer der Startschuss. Ich wusste: Wenn es dort nicht läuft, läuft es die gesamte Saison nicht. Es war Kopfsache, eindeutig.“

Aber es lief ja, vor allem 1979. „Dieser Wettkampf war der Grundstein für alles, was noch kam“, urteilt Nagel. Eberstadt katapultiert Thränhardt, Mögenburg und ihn ins Rampenlicht. Sie bleiben auf der Höhenjagd harte Konkurrenten. „Ich bin denen nicht um den Hals gefallen, wenn sie gewonnen hatten“, meint Nagel mit einem Schmunzeln, „aber wir verstehen uns gut – auch wenn wir uns nicht so oft sehen.“

2018 sind sie noch mal in Eberstadt – bei der 40. und letzten Auflage des (vor allem aus finanziellen Gründen eingestampften) Meetings. „Ich habe allerdings gehört, dass sie in Heilbronn etwas ähnliches aufziehen wollen“, berichtet Nagel: „Es wäre dann gut, wenn da auch mal wieder Deutsche vorne mitspringen.“ Wie Mögenburg, Thränhardt und Nagel am unvergesslichen 9. Juni 1979.

2018: Carlo Thränhardt, Gerd Nagel und Dietmar Mögenburg (von links) als Ehrengäste beim letzten Eberstadt-Meeting.

Brille mit Gummiband, „Handlanger-Tätigkeiten“ beim Elternhaus-Umbau – und ein ersprungener Strampelanzug

Sein Vater war Fußballer in Sulingen, seine Mutter deutsche Jugendmeisterin im Tischtennis. Er selbst probierte auch beides aus – dazu noch Laufen: „Aber das war mir zu anstrengend . . .“ Deshalb wählte Gerd Nagel (63) den Hochsprung. In Sulingen geboren, zog er als Jugendlicher in ein Sportinternat nach Bad Sooden-Allendorf und erlebte später seine erfolgreichste Zeit bei der LG Frankfurt (inklusive EM-Bronze 1982). Seine besten Höhen sind 2,35 Meter draußen und 2,36 Meter in der Halle (damals in Sulingen). 1986 zog der vierfache Familienvater und Enkel des früheren Sulinger Bürgermeisters und Bundestagsabgeordneten Rudolf Eickhoff zurück nach Sulingen, 1991 beendete er seine Karriere. Vor seinem idyllisch gelegenen Haus sitzend, spricht er über einige interessante Themen:

Die Olympischen Spiele: Die absoluten Highlights für viele Sportlerinnen und Sportler – bei Nagel war es etwas anders. 1980 verhinderte der Boykott eine Teilnahme in Moskau. 1984 in Los Angeles verletzte er sich im Training und schied – angeschlagen – früh aus. Und 1988 in Seoul wurde er trotz guter Form (2,35 Meter) nicht nominiert. Wohl auch, weil er zuvor eine Zeitlang verletzt war. Seine Erinnerungen an 1984 schildert Nagel keineswegs euphorisiert, sondern total nüchtern. „Es war für mich kein Höhepunkt – auch, weil es nicht so gut lief. Die Leute stellen sich das immer so romantisch vor. Aber wir waren außerhalb des Olympischen Dorfs im Trainingslager und sind nur zum Wettkampf ins Stadion gefahren.“ Und auch die Eröffnungsfeier, inzwischen tausendfach mit Athleten-Handys gefilmt, haute den Sulinger nicht vom Hocker: „Da wartet man in den Katakomben, später marschiert man ein und steht da in der Hitze. So ein tolles Vergnügen ist das nicht.“
Die Berufe: Nagel ist gelernter Konditor, machte auch noch seinen Kommunikationswirt und betrieb in einer alten Molkerei in Sulingen bis vor etwa zwei Jahren ein Fitnessstudio. Kurzzeitig arbeitete er im elterlichen Café, „aber was ich im Hochsprung war, war mein Vater in der Konditorei. Er hatte Ausstellungen in Brüssel und Wien, hielt Vorträge in Japan. Er war unheimlich gut – dem wäre ich nicht gerecht geworden.“ Nagel backt nur noch selten selbst, genießt lieber mal „ein kleines Stück Kuchen in einem sehr guten Café“. Aktuell ist er damit beschäftigt, sein Elternhaus in Sulingen (dort ist auch ein Café drin) umzubauen: „Zerstören kann ich, aufbauen weniger“, sagt Nagel und schmunzelt: „Ich mache eher so Handlanger-Tätigkeiten.“
Die Hobbys: Fußball! Nagel spielt in der Ü 50 oder auch Ü 60 des FC Sulingen: „Da treffen sich montags 30 Leute zum Kicken – das ist toll.“ Er sei „ein Späteinsteiger“ und komme „mehr in der Abwehr“ zum Einsatz. Joggen mag Nagel dagegen gar nicht: „Langstrecke ist eine Quälerei für mich.“ Stattdessen fährt er fast jedes Jahr Ski.
Die Faszination Hochsprung: „Es ist dieses Gefühl, wenn man richtig abhebt. Ähnlich wie bei einem Fußballer, der einen Freistoß schießt und merkt, das Ding geht ab. Da schüttet man Adrenalin aus“, erzählt Nagel. Im Vergleich zur aktuellen Hochsprung-Szene, die er aufmerksam verfolgt, sagt er: „Wir sind damals teilweise eleganter gesprungen.“ Dass er selbst eine Latte überquert hat, ist Jahre her: „Ich mache das auch nicht mehr, es wäre wegen der Belastung unvernünftig und totaler Quatsch.“
Die Sportlerwahl: Ein Bild zeigt Nagel, wie er während der Sportlerwahl dieser Zeitung 1992 mit Schlips und Kragen die zwei Meter überquert. „Solche Schauspringen haben wir öfter gemacht“, erinnert sich der 63-Jährige – und fügt mit einem Lächeln an: „Den ersten Strampelanzug meiner Tochter habe ich quasi auch ersprungen.“ Bei einem Auto-Schautag in Frankfurt segelte er in Jeans und Hemd über einen Besenstiel in eine Kinder-Hüpfburg. Ein Verkäufer, den er gut kannte, „wusste vom Nachwuchs – und hat mir den Anzug dann als Schmankerl mitgegeben.“
Die Größe: Nagel (1,88 Meter) ist kleiner als seine damals ärgsten nationalen Konkurrenten Carlo Thränhardt (1,99) und Dietmar Mögenburg (2,01). „Bei Carlo war das aber kein Nachteil, weil er schwerer war“, schildert Nagel, „und ich mein höheres Anlauftempo in Höhe umsetzen konnte.“ Mögenburg dagegen sei sogar leichter als er gewesen und habe eine enorme Sprungkraft gehabt: „Das hat ihm gewisse Vorteile verschafft.“
Die Brille: Bevor er auch mal Kontaktlinsen ausprobierte, sprang Nagel immer mit Brille. „Ich habe mir selbst ein Gummiband drangebunden, damit alles hält. Die Sportbrillen damals waren ja fürchterlich – mit Kunststoff und total breit.“
Die Erinnerungsstücke: In einer Kiste im Keller bewahrt Nagel einige Karriere-Souvenirs auf. „Ich lege nicht so viel Wert darauf, weil ich es abgehakt habe“, meint er: „Ich lebe jetzt und nicht in der Vergangenheit.“

Sportlerwahl 1992: Gerd Nagel springt mit Hemd und Schlips über die Latte.

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