INTERVIEW mit dem Sulinger Knut Teske

„Warum bist du nicht 9,9 gelaufen . . .?“

Lachende Gesichter: Knut Teske (links) präsentiert 2007 die Biografie, die er über Sprint-Legende Armin Hary (rechts) geschrieben hat.
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Lachende Gesichter: Knut Teske (links) präsentiert 2007 die Biografie, die er über Sprint-Legende Armin Hary (rechts) geschrieben hat.

Er kennt sich in der Leichtathletik aus wie kaum ein anderer. Der 79-jährige Sulinger Knut Teske hat schon Bücher über Martin Lauer, Armin Hary und Willi Holdorf geschrieben. Im Interview erzählt der Journalist, wie die Kontakte zustande kamen und dass er mit Hary immer noch befreundet ist.

Das goldene Buch: Knut Teske blättert an seinem Schreibtisch im Wintergarten in der Sonderausgabe, die Armin Hary ihm geschenkt hat.

Sulingen - Der Arbeitsplatz ist beneidenswert. Wenn Knut Teske am Schreibtisch sitzt, blickt er ins herrliche Grün. Im 2020 angebauten Wintergarten hat er sich ein gemütliches Eckchen eingerichtet. Hell, sonnendurchflutet. Hier geht der 79-Jährige, der 2011 nach fast 50 Jahren nach Sulingen zurückgekehrt ist und im früheren Haus seines Onkels Günter von Nordenskjöld wohnt, seiner Leidenschaft nach. „Schreiben macht mir Laune“, sagt Teske. Gerade fertig geworden ist ein Buch über Kapstadt. Zuvor hat er auch Werke über drei große deutsche Sportler verfasst: die Olympiasieger Martin Lauer („Mit Hürden leben“/1997), Armin Hary („Läufer des Jahrhunderts“/2007) und Willi Holdorf („Da steht die Welt still“/2014).

Die Leichtathletik, das wird im Gespräch schnell klar, ist Teskes absolutes Steckenpferd. Namen, Zeiten, Rekorde – all das sprudelt voller Passion aus dem früheren Weitspringer heraus. Die Drittplatzierten bei den Olympischen Spielen von 1896? Kein Problem! „Seit 1956 bin ich Abonnent der Zeitschrift ,Leichtathletik‘. Es interessiert mich wahnsinnig“, erzählt der Journalist. An Selbstbewusstsein, auch das wird schnell klar, mangelt es Teske nicht – besonders bei seinem Leib- und Magen-Thema: „Es gab nicht mehr als zehn Leute auf der Welt, die mehr über Leichtathletik wussten als ich mit 14 – ich wusste alles und war unschlagbar.“ Irgendwann Bücher über die Granden seines Sports zu schreiben, lag demnach nahe. Wie er diese Zeit erlebt und was ihn am meisten beeindruckt hat, schildert Teske im Interview.

Hary, Holdorf, Lauer: Sie haben alle Drei kennengelernt. Welcher Moment hat Sie dabei am meisten überrascht?

2004 haben meine Freundin und ich auf Gran Canaria Silvester gefeiert. Am Neujahrsmorgen klingelte das Telefon – um neun Uhr. Ich dachte: Wer ist das denn? Hat der ‘ne Meise? Es war Armin Hary. Eigentlich mochte er Journalisten nicht sonderlich, aber er wollte mit mir über sein Buchprojekt sprechen.

Woher kannten Sie sich?

Wir haben uns zum ersten Mal beim 60. Geburtstag von Martin Lauer gesehen und danach noch ein paarmal. Der erste richtige Kontakt war aber dieses Telefongespräch.

Wie haben Sie auf sein Angebot reagiert?

Ich habe gesagt, dass ich so etwas erst angehen wollte, wenn ich Pensionär bin. Er erwiderte: ,So lange kann ich nicht warten. Machen Sie es oder nicht?‘ Ich habe es gemacht – hatte aber zwei Bedingungen: Erstens schreibe ich nicht in der Ich-Form. Und zweitens bat ich ihn, es mit mir abzusprechen, wenn ihm etwas nicht gefällt.

Und hatte er viel zu beanstanden?

Nein, gar nichts. Er hat mir sogar eine goldene Ausgabe des Buchs geschenkt, mit einer Widmung („Es ist vollbracht, Besser geht’s nicht. Dein Freund Armin Hary“ steht darin, d. Red.).

Wie hoch war die Auflage?

An die 3 000 Stück. Der Verlag hat sich später noch entschuldigt, sich nicht genug um dieses Buch gekümmert zu haben. Immer kam der Fußball dazwischen. Bei Holdorf war die Auflage knapp unter 2 000.

Sie leiteten damals noch die Axel-Springer-Journalistenschulen in Hamburg und Berlin. Wann haben Sie geschrieben?

Abends. Meistens habe ich so gegen 23 Uhr in meinem Büro angefangen. Bis zwei Uhr morgens.

Doppel-Olympiasieger in Rom: Super-Sprinter Armin Hary räumte 1960 richtig ab.

Wie lief die Zusammenarbeit mit Hary genau ab?

Armin war hin und wieder hier, er hatte ja auch einen Onkel in Sulingen. Und ich bin auch öfter zu ihm gefahren. Er wohnt in Adlhausen in der Nähe von Landshut und hat dort noch ein zweites Haus, das ich benutzen durfte. Er sagte mir: ,Ich erzähle dir alles, aber du darfst es nicht aufnehmen.‘ Das war natürlich schon blöd. Wenn ich etwas fragte, bekam ich meistens keine konkrete Antwort. Aber wenn er ins Reden kam und ich nur Zwischenfragen stellte, klappte es hervorragend. Es entwickelte sich ein richtig gutes Verhältnis. Einer seiner zahllosen Hunde liebte mich, ich wurde quasi in die Familie aufgenommen. Allerdings haben seine Frau und er mich lange ganz schön aufgezogen.

Womit?

Wir saßen zum Beispiel gemeinsam beim Frühstück. Mitten in der Unterhaltung meinte Armin plötzlich: ,Tina, Dein Gesichtsausdruck gefällt mir heute gar nicht.‘ Damit ging es immer los. Sie sagte dann: ,Herr Hary, das ist mir so ‘was von egal. Putz Du lieber endlich Dein Fahrrad.‘ Daraufhin Armin, böse lachend: ,Soweit kommt‘s. Das ist Dein Job.‘ Und sie wieder, empört: ,Im Leben nicht, Alter!‘ Tina war in ihren Antworten variantenreicher, erwiderte auch mal: ,Herr Hary, Sie haben mir gar nichts zu sagen, Sie wissen ja nicht mal, wo unsere Küche liegt.‘ Hinterher haben sich beide kaputt gelacht, dass ich immer auf diese Scherze reingefallen bin.

Steckbrief

Name: Knut Teske – Alter: 79

Berufe: Teske war Jurist, Assistent von Bundestagsabgeordneten, Bankangestellter und ist seit 1976 Journalist, inzwischen auch Autor. Er begann bei der „Welt“, war dort später Leiter der Redaktionen in Berlin und Hamburg, Chefreporter, Krisen- und Kriegsberichterstatter. Von 2002 bis 2007 leitete er die Axel-Springer-Journalistenschulen – einer seiner Schüler war der heutige „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt. Hinzu kamen diverse Nebentätigkeiten, etwa als Dozent, Talkshow-Moderator im TV und Vizepräsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Seit 2012 im Ruhestand.

Größter Erfolg: Theodor-Wolff-Preis für eine Reportage über Uwe Barschel (1988).

Hobbys: Schreiben, Radfahren, Leichtathletik-Scout beim TuS Sulingen, großes Interesse an Politik, Geschichte und Naturkatastrophen („Ich habe mir in einem meiner Verträge bei Springer das Recht einräumen lassen, dass, wenn der Vesuv mal hochginge, ich für die Berichterstattung zuständig wäre“).

Familienstand: Tochter Julia (37) ist studierte Tänzerin, mittlerweile Lehrerin und lebt in Hamburg. mr

Was hat Sie während der vielen Gespräche mit dem ersten 10,0-Sekunden-Läufer der Welt am meisten beeindruckt?

Einmal setzte er sich auf die Treppe zum Obergeschoss und fing an zu erzählen. Über seine wahren Gefühle direkt nach dem 100-Meter-Olympiasieg 1960. Es war extrem berührend – und berührt mich jetzt noch (Teske schluckt und atmet kurz durch). Armin kraulte seinen Hund, der neben ihm saß, und erinnerte sich, was er damals dachte: ,Welchen Fehler darfst du jetzt nicht machen? Wann kannst du dir erlauben zu weinen?‘ Ihm wurde doch alles übel genommen, selbst wenn er einen Hut aufhatte. In dem Moment habe ich natürlich nicht mitgeschrieben. Aber anschließend bin ich gleich rüber ins Nebenzimmer und habe mir alles notiert – so nah wie möglich. Das war sicher der emotionalste Moment.

Wie intensiv ist der Kontakt heute noch?

Wir telefonieren regelmäßigen und lachen viel. Wenn Armin um 17 Uhr anruft, ist sein Gag immer: ,Liegst du noch im Bett?‘ Ich kontere dann: ,Warum bist du nicht 9,9 Sekunden gelaufen?‘ Und wir verabschieden uns gerne mit unserem Bekenntnis, dass wir die Welt retten – aber die Welt von uns leider nichts wissen will. Mit allen drei Sportlern, über die ich geschrieben habe, sind Freundschaften entstanden. Die engste sicherlich zu Armin. Er kann unglaublich witzig sein. Genau wie Willi Holdorf, der Gesellschaften mit seinen lockeren Schnacks mühelos mitriss. Liesel Westermann war dann immer ganz begeistert.

Wie kam diese Verbindung zustande?

Willi habe ich bei einer Veranstaltung in den 80er-Jahren kennengelernt. Ich weiß noch, wie er vor Schülern und ein paar jugendlichen Zehnkämpfern sagte: ,Wenn Martin Lauer bei meinem Olympiasieg 1964 dabei gewesen wäre, hätte ich keine Chance gehabt.‘ Den Satz fand ich richtig stark. Von da an wusste ich: Das ist ein guter Typ, verlässlich und treu – und so war er auch. Für mich ist Willi noch immer die größte Sensation als Goldmedaillengewinner. Er war auch häufiger bei mir in Sulingen, das Bild hinten auf dem Buch haben wir hier gemacht.

Schnell und erfolgreich: Martin Lauer (hier beim Hürdenlauf) wurde 1960 Olympiasieger mit der Sprintstaffel.

Ihr erstes Sportler-Werk beschäftigt sich mit Martin Lauer, Staffel-Olympiasieger mit Hary 1960 in Rom. Warum er?

Mein erster Leichtathletik-Held war der Sulinger Gerd Dörrie, dann kam Lauer. Seit seinen fünf Titeln bei den deutschen Jugendmeisterschaften 1955 war ich völlig begeistert von ihm. Und gut 30 Jahre später, als ich bei der ,Welt‘ in Hamburg arbeitete, hieß es: Der Lauer wohnt auch hier. Wir haben ein ganzseitiges Interview gemacht (hängt gerahmt in Teskes Arbeitszimmer) und uns angefreundet. Im nächsten Jahr sind wir dann mit unseren Frauen fünf Wochen durch Australien gefahren.

Lauers frühes Karriereende – durch die schweren Folgen einer verunreinigten Spritze – ist tragisch.

Martin hat mir mal verrraten, dass er überlegte, sein Bein amputieren zu lassen. Solche Schmerzen hatte er. Einmal bin ich versehentlich an sein Bein gestoßen, da bekam er binnen drei Minuten 40 Grad Fieber. Und alles wegen einer unsauberen Spritze.

Ihre gute Beziehung hielt nicht ewig. Warum?

Zu seinem 60. Geburtstag hatte ich 1997 eines kleines Buch über ihn geschrieben, mein erstes im Bereich Sport. Auflage 500 Stück, keine Biografie. Ich habe Freunde von ihm befragt. Es war eine Überraschung, er fand es toll. Aber zehn Jahre später hat er gesehen, dass mein Armin-Hary-Buch doppelt so dick war – das hat er mir übel genommen und mich beschimpft. Ich habe jahrelang darunter gelitten, dass unser Verhältnis so in die Brüche gegangen ist.

König der Athleten: Willi Holdorf holte 1964 in Tokio völlig überraschend Olympia-Gold im Zehnkampf.

Sie waren Jurist, in einer Bank tätig und Assistent Ihres Onkels zu dessen Zeit als Bundestagsabgeordneter. Warum zog es Sie dann in die Medien?

Ich habe schon immer gerne geschrieben, ab Anfang der 70er-Jahre drei Reisebücher über Amerika, Griechenland und Mexiko, jedes etwa 100 Seiten lang. Das letzte war sehr besonders. 1975 bin ich mit meiner damaligen Freundin im Auto in eine Schlucht gefallen, die 2,2 Kilometer tief war. In einer Kurve fuhr der Wagen plötzlich geradeaus, durchtrennte den Begrenzungspfahl. Ich schrie, meine Freundin guckte dann erst hoch. Sie war Englischlehrerin und hatte mir aus dem Buch ,The Gunfighter‘ vorgelesen. Sie sagte kein Wort. Zum Glück sind wir auf einem Vorsprung gelandet, dort mehrere Male aufgeprallt. Der Wagen war ein Drittel kürzer. Wir hatten zusammen über 20 Knochenbrüche, ich lag neun Tage im Koma, meine Freundin hatte eine schwere Ellbogenverletzung. Nach 160 Schürfwunden habe ich aufgehört zu zählen. Wir hatten keine Ähnlichkeit mehr mit uns. Und eine Woche später ist an der selben Stelle ein Auto mit fünf Mexikanern verunglückt, das mehr Tempo drauf hatte und ganz tief runtergestürzt ist. Alle tot.

Aber inwieweit hat diese Geschichte Ihr Berufsleben beeinflusst?

Ich habe sie Jahre später einem Herrn Eilers von der „Bild“-Zeitung geschickt, den ich auf einem Flug nach Montreal kennengelernt hatte. Er fand sie gut, ich hatte keine Lust mehr auf den Job bei der Bank – und habe im Lokalsportteil der „Welt“ angefangen, trotz erheblicher finanzieller Einbußen. Dann wurde ich Volontär. Ohne den Autounfall hätte ich den Weg in den Journalismus wohl kaum gefunden.

Und wie geht es weiter? Gibt‘s noch ein Buch?

Ich möchte noch eines schreiben, ja. Mit allem, was mich persönlich berührt hat. Mein Buch über Kapstadt ist fertig. Jetzt heißt es: aufräumen und Geschichten sammeln. Etwa über die Beerdigung von Konrad Adenauer oder das zufällige Treffen mit dem damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson. Ich bin gerne immer dabei gewesen – aber nie auf dem Roten Teppich.

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