WAS MACHT EIGENTLICH? – TEIL II

Michael Schulz redet über seine Profi-Vereine, speziell den SV Werder, sowie Titelseuche und Frisur

Michael Schulz als Holzfäller mit seinem Hund.
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„Mein aktuelles Leben als Waldschrat mit Hund“, sagt Michael Schulz.

Ex-Fußball-Profi Michael Schulz schildert weitere Stationen in seinem Leben. Der 59-Jährige wollte eigentlich gar kein Fußball-Profi werden, unterschrieb aber dann in Kaiserslautern. Auch zu Werder Bremen hat er immer noch eine besondere Verbindung. Und er erklärt, dass seine langen Haare eine Trotzreaktion in Bezug auf seinen Vater waren.

  • Hannes Bongartz holt Schulz auf den Betzenberg
  • „Wer ist Roberto Baggio?“
  • Bittere Niederlage im Finale gegen Juve

Ibiza/Sulingen - Nach dem Urlaub auf Ibiza (wie in Teil I berichtet) ist Michael Schulz (59) zurück in Bergisch Gladbach. Hier haben seine Frau Kyra und er sich ein altes Haus am Waldrand umgebaut. „Wir haben das Meiste selbst gestaltet und viel Liebe reingesteckt. Es ist etwas Besonderes geworden“, sagt er ehemalige Fußball-Profi. Zu seinen neuen Hobbys gehören nun Sägen und Holzhacken. Im zweiten Teil des Gesprächs erzählt der frühere Sulinger von seiner bewegten Profi-Karriere. Von einer harten „Rambo“-Zeit. Von Roberto Baggio. Von der unglaublichen Titelseuche. Und von seiner Vorliebe für lange Haare.

1987: Erste Profistation in Lautern – ab da wuchsen die Schulz‘schen Haare.

Der späte Profistart

Nach dem Abitur begann Schulz eine Ausbildung bei der Polizei in Oldenburg, spielte dort (nach Stationen beim TuS Sulingen und TuS Syke) für den VfB. Dass er mal auf der großen Bühne landen würde, war angeblich gar nicht geplant. „Ich hatte mehrere Angebote von Bundesligisten. Leverkusen, Bochum, Werder. Aber ich habe mich geweigert, Profi zu werden. Ich wollte das nicht“, erzählt Schulz: „Ich wollte bei der Polizei bleiben.“ Zu Probetrainings sei er nur gefahren, „weil ich es geil fand, die Jungs aus dem Fernsehen mal persönlich zu sehen.“ Im Rahmen der Polizei-Karriere hätte er dann auf die Fachhochschule gemusst, um beruflich entscheidend weiterzukommen – der Fußball „wäre erledigt gewesen. Doch dafür war er mir doch zu wichtig“, gesteht Schulz.

Und dann kam 1987 Bundesligist 1. FC Kaiserslautern mit dem damaligen Trainer Hannes Bongartz, der für ein Umdenken sorgte: „Hannes hat es geschafft, es mir so heiß zu reden, dass ich plötzlich Bock hatte. Er hat mich überredet, ihm gilt mein großer Dank.“ Doch so ganz traute Schulz dem Braten nicht – er unterschrieb in der Pfalz lediglich einen Vertrag über ein Jahr: „Das haben die da auch noch nie erlebt. Aber ich habe mir gesagt: Entweder ich schaffe es – oder eben nicht. Wenn ich es schaffe, können wir gerne verlängern. Und sonst bin ich nach einem Jahr wieder Polizist.“ Es lief allerdings so gut, dass sich Schulz schon nach drei Monaten länger an den FCK band. Zwei Jahre, bis 1989, blieb er in Kaiserslautern.

Die wilde Zeit

Nach seinem Wechsel zu Borussia Dortmund entwickelte sich der robuste und fast zwei Meter große Innenverteidiger zu einem regelrechten Bad Boy. Er flog mehrfach vom Platz, trat auch mal einen Wassereimer weg und sorgte so dafür, dass Bodo Goeke das „Sportfoto des Jahres“ 1990 gelang. Er bedrängte und bedrohte Linienrichter Gerhard Paulus („Ich hau’ dir auf die Fresse, du blinde Nuss!“). Nürnbergs Joachim Philipkowski schimpfte einst: „Der Schulz tritt die ganze Bundesliga kaputt!“ Sie nannten ihn „Rambo“, skandierten in den Stadien „Schulz, du Sau!“. Er selbst geißelte sich vor nicht allzu langer Zeit in seinem Podcast „die Vorstopper“: „Ich war damals auf dem Platz echt geisteskrank.“

Wie bitte ??? Die erste Herren in der 2. Kreisklasse? Ach, du lieber Gott. Da muss ja irgendwann richtig ‘was schief gelaufen sein. Welch ein Abstieg – für so eine Stadt, wo der Fußball doch gut gelitten war.

Michael Schulz über die Entwicklung seines ehemaligen Clubs TuS Syke.

Die wilde Zeit hätte laut Schulz beinahe zu einem vorzeitigen Ende seiner Laufbahn geführt: „Eigentlich war ich erledigt, die Karriere vorbei.“ Als eine Art Retter trat dann Peter Schwedland auf, ein früherer Polizei-Kollege aus Oldenburg und dort als Anti-Stress-Trainer im Einsatz: „Er hat mir ein Buch empfohlen, hat mich gepackt und mir erklärt, was falsch lief. Dass eben nicht immer nur die anderen schuld sind. Peter hat mich wieder auf die richtige Schiene gesetzt.“ Der „Rambo“ arbeitete an sich, machte autogenes Training und lernte, mit Stress umzugehen. Das Ergebnis beschreibt Schulz mit einem Schmunzeln so: „Vom Arschloch der Bundesliga zum Nationalspieler – innerhalb eines Jahres.“ Zu dem mittlerweile pensionierten Schwedland pflege er noch heute guten Kontakt: „Auch ihm habe ich sehr viel zu verdanken.“

Das erste Länderspiel

Am 25. März 1992 – im Alter von 30 Jahren – absolvierte Schulz das erste seiner sieben A-Länderspiele, damals unter Trainer Berti Vogts. Ein Testspiel gegen Italien. „Es war vorher schon durchgesickert, dass ich zum Einsatz kommen soll“, erinnert sich der damalige Dortmunder: „Als ich beim BVB in die Kabine kam, sagte Michael Rummenigge: ,Mensch, Langer! Super! Italien! Gegen Roberto Baggio!‘ Und ich erwiderte: Wer ist Baggio?“ Der italienische Spielmacher mit dem Zöpfchen gehörte damals zur Weltklasse, doch Schulz sagt heute ganz trocken: „Ich habe sehr gerne Fußball gespielt, das hat mich fasziniert – aber für Namen habe ich mich nicht sonderlich interessiert.“ Übrigens: Baggio erzielte beim 1:0 der Italiener per Elfmeter das Siegtor.

Licht und Schatten in Dortmund: Michael Schulz (links, hier 1991 mit Michael Rummenigge) war Stammspieler beim BVB, wurde dort allerdings auch zum „Rambo“.

Die Ex-Clubs

Zum ersten Mal trat der in Hitzacker geborene Schulz beim TuS Nettlingen in der Nähe von Hildesheim gegen den Ball. Als sein Vater (bei der Hastra tätig) einen Job in Sulingen annahm, zog die Familie 1972 dorthin – und der Sohn kickte fortan für den TuS. „Ein paar Verbindungen sind noch da“, sagt Schulz. Etwa zu Andreas Hindahl – mit dem in Wietzen wohnenden Anwalt arbeitet er auch bei der Berateragentur „Siebert & Backs“ zusammen: „Aber oft bin ich nicht mehr im Norden.“ Und wenn, dann besucht er seine Eltern, die in der Sulestadt leben.

1980 zog es den Abwehr-Hünen zum damaligen Verbandsligisten TuS Syke. Dorthin habe er jedoch „keine Kontakte“ mehr – hörbar überrascht ist er, dass die „Erste“ des TuS nur noch in der 2. Kreisklasse spielt.

„Bei Lautern tut es echt weh“

Nach dem VfB Oldenburg folgte der Sprung ins Profigeschäft zum 1. FC Kaiserslautern. „Da kenne ich mittlerweile gar keinen mehr“, erzählt Schulz und stöhnt mit Blick auf den Niedergang des traditionsreichen FCK (aktuell Abstiegskampf in der Dritten Liga): „Da geht es drunter und drüber. Aber das passiert eben, wenn man einen Verein in Grund und Boden wirtschaftet. Ich verfolge alle meine Ex-Clubs – und bei Lautern tut es echt weh.“

Recht eng ist der Draht zu seinen weiteren Clubs Werder Bremen (siehe nächster Punkt) und Borussia Dortmund. Dort spielt er „immer gerne“ für die Traditionsteams. Und in Dortmund wohnte er 26 Jahre, bevor er nach Bergisch Gladbach zog: „Für den BVB mache ich ab und zu noch ein paar Fangeschichten, bei Weihnachtsfeiern oder so.“

Werder Bremen

Hin und wieder telefoniert Schulz mit damaligen Teamkollegen wie Mirko Votava oder Marco Bode. Und er ist heilfroh, dass sich die Bremer in dieser Saison einigermaßen gefangen haben. Sein Urteil – allerdings vor dem 1:4 gegen Leipzig: „Sie verteidigen aggressiver, sind geschlossener und haben sich auf vernünftigem Niveau stabilisiert. Da wächst etwas heran – aber es braucht Zeit.“ Zwar ist die Abstiegsgefahr wieder da, doch – trotz vier Pleiten in Folge – bisher nicht so groß wie in der Vorsaison. „Puh, schön war das nicht“, denkt Schulz zurück: „Da musste man sich richtige Sorgen machen.“

Insgesamt habe er aus der Ferne „immer noch das Gefühl, dass Werder etwas Besonderes ist. Dieses ruhige, familiäre Flair – das freut mich zu sehen.“ Einen Lieblingsspieler aus dem aktuellen Kader hat der Ex-Bremer nicht. „Milot Rashica schien richtig großes Potenzial zu haben“, urteilt er: „Aber Können ist für mich erst Können, wenn man es über einen längeren Zeitraum abruft. Nicht nur ein, zwei Jahre. Das sind dann eher Glücksspieler.“ Werder habe momentan keinen, der herausragt und vielleicht auch mal ein bisschen speziell ist. Schulz meint: „Einen Bekloppten wie wir damals Mario Basler kann man ruhig dabei haben. Das hilft manchmal.“

Die Titelseuche

Zehn Jahre Profi – kein Titel. Mal abgesehen vom Supercup und einigen Triumphen beim Hallenmasters. „Aber das zähle ich nicht mit“, sagt Schulz und fügt lachend an: „Wahrscheinlich war ich einfach zu schlecht.“

Gleich zweimal platzte der Meistertraum erst am letzten Spieltag. Mit Werder in München (1:3 im Juni 1995/den Titel holte Dortmund) und mit Dortmund in Duisburg (1992). „Da hat Guido Buchwald für Stuttgart in Leverkusen in Unterzahl noch das 2:1 gemacht – dieser Idiot“, flachst Schulz. Buchwald und der VfB durften sich als Meister feiern lassen.

Es gebe ein Buch mit Kuriositäten des Fußballs, in dem ihm ein eigenes Kapitel gewidmet sei. Schulz: „Da steht drin, dass meine drei Vereine vor meiner Karriere 30 Jahre lang keinen Titel gewonnen haben. Und dann, als ich aktiv war, zehn in zehn Jahren – leider Gottes ging keiner an mich. Ich bin entweder zu spät gekommen oder zu früh gegangen.“ Hinzu kommen die bitteren Niederlagen im Uefa-Cup-Endspiel mit dem BVB gegen Juventus Turin (1993) und im EM-Finale 1992 gegen Dänemark (0:2/ohne Einsatz von Schulz). Und Rang drei bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul. „Man muss sich das auch ein bisschen schönreden“, findet er: „Ich sage mir immer: Der Dritte wäre auch schon gerne Zweiter geworden.“

2020: Corona-Pandemie, Friseure geschlossen: Die Mähne ist lang wie nie.

Die Frisur

Die lange Lockenpracht ist zweifellos sein Markenzeichen. Als die Friseure in der Corona-Pandemie geschlossen hatten, war die Matte lang wie noch nie. „Unfassbar“, sagt Schulz, „aber ich mache mir dann einfach einen Zopf – und fertig.“

Die Frisuren-Vorliebe führt er selbst auf eine Trotzreaktion zurück. „Mein Vater hat früher gesagt: Solange du deine Beine unter meinen Tisch steckst, bleiben die Haare kurz. Er mochte sie nicht lang“, erinnert sich Schulz. Also beschloss er, sie wachsen zu lassen, sobald er 18 wird: „Aber dann bin ich zur Polizei gegangen – und sie mussten noch kürzer sein. Es war ein Drama.“ Als er Profi wurde, durfte das Haupthaar endlich sprießen. „Da war es aber fast schon wieder out“, sagt Schulz und lacht: „Trotzdem trage ich meine Haare seither voller Stolz und Freude lang. Ich habe nämlich festgestellt, dass ich schöne lange Haare habe – mit Locken, nicht so strähnig.“

Nur ein Föhn kommt ihm seit mittlerweile 40 Jahren partout nicht ins Haus. Schulz lächelt und sagt: „Eitelkeit kann ich mir nicht unterstellen.“

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