ADVENTSKALENDER Neues Leben im früheren Vereinsheim des BSV Rehden

Vom Archiv bis zum Jugendtreff

Hinter dieser Tür sind Rehdens Zukunft und Vergangenheit zu Hause: Dieter Plaggemeyer führt durchs frühere Rehdener Vereinsheim, das heute den Jugendtreff, die Jugendfeuerwehr und das Gemeinde-Archiv beherbergt.
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Hinter dieser Tür sind Rehdens Zukunft und Vergangenheit zu Hause: Dieter Plaggemeyer führt durchs frühere Rehdener Vereinsheim, das heute den Jugendtreff, die Jugendfeuerwehr und das Gemeinde-Archiv beherbergt.

Rehden – Lange nicht gesehen, altes Haus! Und es ist – zumindest von innen betrachtet – nicht wiederzuerkennen. Das frühere Sportlerheim des BSV Rehden hat die Trennung von der schon damals am höchsten spielenden Fußballmannschaft des Kreises Diepholz vor fast 19 Jahren gut verkraftet. Bereits die bunten Schilder an der Eingangstür des Zweckbaus neben dem längst zu einem Marktplatz umfunktionierten Spielfeld deuten an, dass hier neues Leben eingekehrt ist.

Aber auch alte Zeitzeugen haben im Gebäude an der Bahn ihre neue Heimat gefunden. Während die einstige Club-Gaststätte jetzt den gemütlichen Jugendtreff der Gemeinde mit Kickertisch, Sofa-Ecke und Darts-Automat beherbergt, lagern weiter hinten, im Archiv der Samtgemeinde Rehden, mehr als 30 000 Dokumente. Edeltraut Einert und Dieter Plaggemeyer kümmern sich hier ums Katalogisieren und Digitalisieren oder helfen suchenden Besuchern – ehrenamtlich.

Plaggemeyer öffnet die – neue – Tür zum alten Kabinengang. Dessen dunkle Klinkerwände, die früher Beklemmungen bei manchem Gegner ausgelöst haben dürfen, sind unter hellen, freundlichen Farben verschwunden. „Viel von den alten Räumen gibt‘s hier nicht mehr zu erahnen“, sagt der pensionierte Lehrer schon beim Empfang. Auch deshalb hat er sich für ein bisschen Wiedererkennungswert einen Fan-Schal des BSV Rehden umgeschlungen. Jenem Verein, dessen Vorsitzender er von 1976 bis 1982 war.

Kickertisch, Konsolenspiele und Klönecken statt Kneipentresen: Tim Dalley, Jugendpfleger der Samtgemeinde Rehden, empfängt und berät in der früheren Club-Gaststätte Jungen und Mädchen.

Seit 1959 hatte er für den fünf Jahre zuvor gegründeten Club selbst gegen den Ball getreten, sein Spielerpass lagert wie viele andere ebenfalls im Gemeindearchiv. Digital, versteht sich. Manche Originale hat der inzwischen 74-Jährige schon bei runden Geburtstagen an die Eigentümer verschenkt. „Da war die Überraschung dann natürlich groß“, berichtet Plaggemyer grinsend, während er sich an seinen Schreibtisch setzt. Der steht in einem neu zugeschnittenen Raum, dessen Großteil früher eine Kabine war – „und bis 1960 auch gleichzeitig die einzige“, schildert der Vater zweier erwachsener Töchter. Vom Grundriss eher noch zu erahnen ist die zweite Umkleide. Aber schmal ist sie geworden, denn die vier Wände mit ihren Schwerlastregalen bis zur Decke scheinen sich immer weiter entgegenzukommen. In der Mitte wirkt ein anderes Regal, ebenfalls feinsäuberlich vollgestellt mit Akten und Archivschachteln, wie ein Raumteiler. „Man könnte viele Geschichten erzielen, welche namhaften Fußballer sich hier in diesen beengten Verhältnissen schon umgezogen haben“, sinniert Plaggemeyer, „zum Beispiel 1977 die Bundeswehr-Nationalmannschaft für ihr Freundschaftsspiel gegen den VfL Osnabrück.“ 1 000 Zuschauer wollten sich damals dieses Duell nicht entgehen lassen.

Früher eine Dusche für alle

Zwischen beiden Kabinen befand sich einst die von allen – auch den weiter vorn „logierenden“ Schiedsrichtern – genutzte Gemeinschaftsdusche. Dort steht jetzt ein Tisch, auf dem Plaggemeyer dem zu Besuch gekommenen Sportreporter mehrere Ordner mit Texten über den BSV Rehden ausgebreitet hat. Etwa den Bericht von der Niedersachsenpokal-Final-Niederlage 2003 auf eben jenem eigenen Platz nebenan. Am Ende schaffte es der BSV in der Saison aber doch noch in den DFB-Pokal – der Anfang vom Ende dieser Anlage, denn einige Hundert Meter weiter entstanden auch für den Erstrunden-Auftritt gegen 1860 München die modernen Waldsportstätten.

Alte Chor-Fahne aus „schlüpfrigem“ Winkel

Ungefähr zu dieser Zeit tauchte auch ein anderes Schätzchen nach vielen Jahrzehnten wieder auf – die Fahne vom Gemischten Chor Rehden. Bevor ein nicht nur im Dorf berüchtigtes Etablissement der Abrissbirne zum Opfer fiel, räumte der Eigentümer alles aus – und fand das gute Stück liebevoll bestickten Stoffs in einem Schreibtisch.

Das war mal eine Kabine: Wo sich 1977 unter anderem die Bundeswehr-Nationalmannschaft und der VfL Osnabrück für ihr Spiel in Rehden umzogen, stehen heute Regale mit Archivschachteln und Aktenordnern.

„Viele Bürger wissen immer noch nicht, dass sie solche Dinge am besten hier abgeben sollten, bevor sie sie entsorgen“, bedauert der Archivar. Umso mehr freut er sich über seinen neuesten „Zugang“: das Debitoren-Hauptbuch des früheren Geschäfts Kahling, das alle Warenausgänge, Kunden und Schuldner von 1900 bis 1930 dokumentierte. „Die haben anscheinend alles Mögliche verkauft“, staunt Plaggemeyer über die verzeichneten Mengen an Mais, Mehl, aber auch die aufgeführten „vier Rohrstöcke für die Schulgemeinde“, wie dort in feinster Sonntags-Handschrift steht.

Eine Wetscher Schulchronik von 1750, Rechnungen längst geschlossener Firmen, Akten von einst selbstständigen Gemeinden, Tankquittungen der Feuerwehr Barver aus den 50ern – man kann hier beim Stöbern schnell die Zeit vergessen.

Triumphe und Tragisches: Hunderte Zeitungsartikel über den BSV Rehden beherbergt das Samtgemeinde-Archiv. Ab 2009 hat der ehrenamtliche Archivar Dieter Plaggemeyer das auch digital abrufbereit zu bieten.

Das gilt auch für Fußball-Fans. Mehr als 2 500 Berichte über den BSV Rehden lagern hier – seit 2009 auch digital. Doch Plaggemeyer hat wenig Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen. Er und Edeltraut Einert müssen weiter alte Ordner mit Zeitungsausschnitten katalogisieren. Und fast nebenbei entstehen neue Bücher mit alten Ansichten. Die Lektüre über frühere Lokale im Ort und umzu kommt bestens an, das neueste Werk ist in Arbeit und befasst sich mit der Geschichte der 1871 gegründeten Kirchengemeinde Rehden.

Alles in allem hätten sie hier noch Jahrzehnte zu tun – aber so lange will Plaggemeyer nicht mehr. „In sechs Jahren steht bei mir die nächste Null“, sagt der dann 80-Jährige: „Es wäre schön, wenn ich bis dahin einen Nachfolger gefunden hätte.“ Hoffnung schöpft er aus dem Jugendtreff im vorderen Teil des Gebäudes. „Da gab es schon den einen oder anderen geschichtsaffinen Besucher.“

Vielleicht schaut aber auch mal ein Mitglied der ebenfalls unter diesem Dach beheimateten Jugendfeuerwehr vorbei und findet Gefallen an spannenden Geschichten.

Von Cord Krüger

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