Bundesliga-Schützen sprechen über lange Zwangspause / Hört Gevorgjan auf?

„Unser Sport geht weiter“

Liga-Wettkämpfe erst 2021: Bassums Artur Gevorgjan muss lange aussetzen.
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Liga-Wettkämpfe erst 2021: Bassums Artur Gevorgjan muss lange aussetzen.

Syke – Heute sollte es losgehen! Der SV Bassum von 1848 und der SV Haendorf wollten in ihre neue Saison in der 1. und 2. Luftpistolen-Bundesliga starten. Vor einer Woche war die Premiere der beiden Aufsteiger SV Bramstedt und SV Stuhr von 1912 in der 2. Luftgewehr-Bundesliga geplant. Fällt alles flach. Wegen der Corona-Pandemie hat der Deutsche Schützenbund (DSB) die höchsten Klassen auf Eis gelegt (wir berichteten) – Fortsetzung: erst im Oktober 2021. „Aber unser Sport geht weiter“, betont Bramstedts Trainer Thomas Taube: „Man muss das Beste daraus machen – und das machen wir.“ Ein paar Meisterschaften wird es in den kommenden Monaten wohl geben. Doch auf Liga-Wettkämpfe müssen die Schießsportler der vier Mannschaften, die zuletzt im Januar und Februar im Einsatz waren, insgesamt etwa anderthalb Jahre verzichten. Was sie in dieser Zeit machen und ob da auch mal Gedanken ans Aufhören aufkommen, verraten Stuhrs Trainerin und Schützin Nadine Riedemann (33), Bramstedts Kathrin Buschmann (32), Bassums Artur Gevorgjan (54) und Haendorfs Timon Cordes (22).

Was dachten Sie, als Sie von der Absage der Saison erfahren haben?

nadine riedemann (sv stuhr/kfz-technikermeisterin): Ich war sehr traurig. Es ist schade und bitter – gerade für uns als Aufsteiger. Wir hatten uns alle sehr auf den Start gefreut.

kathrin buschmann (sv bramstedt/fluggeräte-elektronikerin): Wir fanden es alle nicht so geil, weil wir zumindest auf Fernwettkämpfe (beide Mannschaften schießen zeitgleich auf ihrer eigenen Anlage gegeneinander, d. Red.) gehofft und uns auch darauf eingestellt hatten. Natürlich ist es extrem schade, aber die Corona-Zahlen sprechen für sich.

Artur Gevorgjan (sv Bassum/werkzeugmacher): Man hätte es früher erahnen können. So haben wir uns auf die Saison vorbereitet, dann wurde sie recht kurzfristig abgesagt. Eher wäre besser gewesen. Dass man mit Schutzmaske nicht schießen kann, ist klar – da kriegt man keine Luft. So lange ich denken kann, bin ich in der Bundesliga dabei – aber so etwas habe ich auch noch nicht erlebt.

timon cordes (sv haendorf/servicetechniker): Ich war ein bisschen enttäuscht, weil da am Wochenende etwas wegfällt, auf das ich mich immer sehr freue. Aber man konnte es erwarten.

Wie finden Sie die Entscheidung?

Riedemann: Ich habe Verständnis dafür. Hätte man es durchgezogen, wäre es nicht unproblematisch gewesen. Aber ich glaube auch, dass das Sportschießen die Hygieneregeln gut hätte einhalten können. Und ich hätte mich gefreut, wenn man es versucht hätte – im Fußball geht es ja auch, sogar bis in die untersten Klassen. Deshalb haben wir uns auch für normale Wettkämpfe ausgesprochen – und nicht für Fernwettkämpfe. Da fehlen Spannung und Gegner. Vielleicht hätte man eher ein Konzept erarbeiten und sich Alternativen überlegen müssen, etwa eine Aufsplittung der Ligen.

Buschmann: Mit etwas Abstand muss ich sagen: Es ist okay – aber natürlich schade. Wenn man sich vorstellt, eine Mannschaft aus dem Corona-Hotspot München reist herum oder man muss selbst dort antreten, kann man nur sagen: Es ist die richtige Entscheidung gewesen. Dann greifen wir eben nächstes Jahr an.

Gevorgjan: Ich kann das absolut verstehen und finde es richtig. Alles andere wäre zu riskant gewesen. Wird ein Schütze positiv getestet, bringt er doch die ganze Mannschaft und vielleicht noch mehr Menschen in Gefahr. Und die Saison mittendrin abbrechen zu müssen, wäre eine Katastrophe.

Cordes: Einerseits ist es etwas übertrieben, gleich komplett alles abzusagen. Andere Sportarten, bei denen man sich deutlich näherkommt, dürfen ausgeübt werden. Andererseits wäre es an den immer vollen Schießständen schwierig geworden, den Abstand einzuhalten.

Wie nutzen Sie nun die lange Zeit ohne Liga-Wettkämpfe?

Riedemann: Ich habe mir einen Hund angeschafft (lacht). Mit Lotte (ein zweieinhalb Jahre alter Golden-Retriever-Mischling, d. Red.) bin ich in Wilhelmshaven, wo ich wohne, viel unterwegs. Außerdem spiele ich bei der TSG Seckenhausen jetzt wieder ein bisschen mehr Fußball.

Buschmann: Ich bin aktuell in Elternzeit und habe dann etwas mehr Zeit für meinen neun Monate alten Sohn Jona und die Familie. Wobei: Viel weniger Aufwand beim Schießen ist es nicht.

Gevorgjan: Ich verbringe viel Zeit mit der Familie. Und am Haus gibt es immer ‘was zu tun. Da bin ich beschäftigt, bis ich in Rente gehe (schmunzelt).

Cordes: Ich habe mir kein neues Hobby gesucht, werde aber Möglichkeiten finden, an den Wochenenden etwas anderes zu machen.

Wie intensiv betreiben Sie Ihren Sport momentan?

Riedemann: Wir versuchen, uns mit Training und Trainingswettkämpfen über Wasser zu halten, um zumindest ein bisschen Wettkampf-Feeling zu haben. Insgesamt haben wir das Programm aber etwas runtergefahren.

Buschmann: Wir ziehen weiter voll durch, zwei- bis dreimal pro Woche – meistens gestaffelt und nicht alle gemeinsam. Und wir haben eine WhatsApp-Gruppe, in der wir unsere Ergebnisse posten. So können wir uns gegenseitig die anderthalb Jahre ohne Liga pushen und fallen nicht in ein Loch. Trockentraining zu Hause ist auch möglich. Man muss sich nur eine Scheibe ausdrucken und braucht ein großes Wohn- oder Esszimmer – oder einen langen Flur. Und Mentaltraining kann man auch machen. Außerdem absolvieren wir Trainingswettkämpfe gegen unsere Zweitliga-Konkurrenten, letzte Woche zum Beispiel gegen Stuhr.

Gevorgjan: Wegen meines Tennisarms trainiere ich schon seit Jahren weniger. Ich möchte und kann den rechten Arm nicht zu sehr belasten.

Cordes: Durch meine Arbeit (bei einer Firma in Syke, d. Red.) war ich zuletzt viel unterwegs und habe ohnehin nicht so viel Zeit fürs Schießen. Wir trainieren aber weiter und versuchen, uns ein bisschen aufzuteilen, damit es auf dem Stand nicht zu voll wird.

Kam Ihnen oder Ihren Teamkollegen der Gedanke, wegen der langen Zwangspause ganz aufzuhören?

Riedemann: Die Mannschaft hat gesagt, sie kämpft weiter. Bei mir selbst steht das aktive Schießen seit meinem Schlüsselbeinbruch vor zwei Jahren nicht mehr so im Vordergrund. Das Dabeisein und Tipps geben fehlt mir aber sehr. Generell habe ich ein bisschen Angst, dass der Schießsport auseinanderbricht und es ihn bald gar nicht mehr gibt. Junge Leute brauchen Beschäftigung – und wenn man immer weniger zu bieten hat, schwindet die Beliebtheit.

Buschmann: Die Gefahr sehe ich bei uns nicht. Ein kleines Tief hat sicher jeder mal, Aber wenn man dann den Drive wiederfindet, ist alles gut.

Gevorgjan: Ja, solche Gedanken hatte ich schon. Das ganze Drumherum beim Schießen mit all den Freundschaften finde ich immer noch toll – aber sportlich ist der Reiz nicht mehr so groß wie früher. Meine Freien Pistolen habe ich zum Beispiel schon verkauft, habe nur noch die Luftpistolen. Für mich steht noch nicht fest, dass ich nächstes Jahr weitermache – das ist noch so lange hin.

Cordes: Die Motivation ist durch Corona sicher nicht größer geworden. Aber das Schießen wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Ich bin damit aufgewachsen, schieße, seit ich zehn oder elf Jahre alt bin. Komplett aufhören – das könnte ich nicht.

Von Malte Rehnert

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