„Und dann bist du drin im Kopf des Gegners“

Videos und Zettel: Barnstorfs Torwart Frederik Hohnstedt bereitet sich perfekt vor

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Furchtlos: Barnstorfs Torwart Frederik Hohnstedt schmeißt sich in jeden Ball – auch wenn es mal schmerzhaft ist.

Barnstorf - Von Malte Rehnert. Es gibt da dieses Videoportal namens „Sportlounge“. Mannschaften zeichnen ihre Spiele auf und laden sie dort hoch. Eine gute Sache zur Eigenanalyse oder Vorbereitung auf den kommenden Gegner.

Die Mannschaften der Handball-Oberliga Nordsee sind seit dieser Saison sogar dazu verpflichtet, die Bewegtbilder-Bibliothek zu füttern. Frederik Hohnstedt (23) ist so etwas wie ein Stammkunde, loggt sich oft ein. „Wenn es die Zeit hergibt, schaue ich auch mal zwei Spiele vom Gegner“, verrät der Torwart der HSG Barnstorf/Diepholz: „Meine Freundin sagt dann gerne mal: ,Du machst dir zu viele Gedanken‘.“ Aber der Eifer lohnt sich eben auch.

Beim 30:26-Überraschungssieg der nicht gerade erfolgsverwöhnten HSG beim bisherigen Tabellendritten TV Cloppenburg war Hohnstedt der überragende Mann – und dank Videostudium wieder mal bestens vorbereitet. „Den Schützen lesen“ nennt er es. Das heißt: Videos angucken, Wurfbilder mitschreiben, den Din-A4-Zettel (mit Name, Nummer und bevorzugten Ecken des Schützen) vor dem Anpfiff noch schnell überfliegen – und dann brillieren. Funktionierte in Cloppenburg perfekt. 23 Paraden, dazu noch drei gehaltene Siebenmeter: Hohnstedt war nur ganz schwer zu überwinden. „Mir brannten anschließend die Hände, aber das war ein gutes Gefühl“, sagt er mit einem Schmunzeln. In der ersten Halbzeit bekam er den Ball vom Kreis sogar mit voller Wucht ins Gesicht. „Freddy ist einfach aufgestanden und hat weitergemacht. Er hat mich mit seinem knallroten Kopf noch verwundert angeguckt, als ich ihn kurz darauf für einen Siebenmeter rausgenommen habe“, berichtete HSG-Coach Dag Rieken.

Es war in diesem Spiel allerdings die einzige Pause, danach brachte Hohnstedt die Cloppenburger mit seinen teils unerwarteten Bewegungen zur Verzweiflung. „Wenn du die ersten zwei Bälle von einem Spieler gehalten hast, merkst du: Da geht was. Dann entwickelt sich ein Drive. Du denkst: Den nächsten hole ich mir auch noch. Du guckst nicht nur auf den Wurfarm, sondern auch mal in die Augen. Und dann bist du drin im Kopf des Gegners.“ Rieken lobt: „Er war überragend und spektakulär, hat der Mannschaft viel Halt gegeben.“

Hohnstedt ist auf dem Feld ein Typ, den kleine Erfolgserlebnisse extrem pushen. Davon profitiert dann auch das Team. Nach dem Gesichtstreffer, so urteilt er, „ging ein Ruck durch die Mannschaft. Das hat alle angestachelt.“ Die Barnstorfer, personell arg gebeutelt, gaben alles und wurden letztlich belohnt.

Nachdem der Coup des Tabellenelften (jetzt Zehnter) vor 600 Zuschauern im Cloppenburger Hexenkessel perfekt war, verpasste Jan Linné seinem Keeper in der Kabine erst mal eine Bierdusche. Der Auftakt für eine feuchtfröhliche Siegesfeier war das jedoch nicht. „Weil wir kaum Auswechselmöglichkeiten hatten, waren die meisten total fertig, hatten teilweise Krämpfe“, erzählt Hohnstedt: „Ich selbst bin auch einfach nur noch aufs Sofa gefallen.“

Cloppenburg wird dem Industriekaufmann (arbeitet bei einer Wagenfelder Molkerei) nun als Spiel in Erinnerung bleiben, in dem ihm „der Befreiungsschlag“ in dieser Saison gelang. Zuvor war es alles andere als glatt für „Freddy“ gelaufen. Nach guter Vorbereitung plagten ihn zu Saisonbeginn Rückenprobleme und warfen ihn aus der Bahn. Er war oft beim Physiotherapeuten und absolvierte Spezialeinheiten für die Muskulatur an Bauch und Rücken. Bei den Spielen saß er meistens auf der Bank, Donatas Biras stand zwischen den Pfosten. „Es war ernüchternd“, gibt er zu.

Erst seit etwa zwei Wochen ist Hohnstedt schmerzfrei und freut sich nach seinem erst zweiten Saison-Einsatz in der Startformation: „Das Vertrauen in meinen Körper ist zurück – und das Gefühl: Ich kann es wieder. Gegen Cloppenburg war ich endlich mal wieder in meinem Tunnel.“

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