ADVENTSKALENDER Klaus-Jürgen Erdmann seit 50 Jahren Twistringens „Stimme“

Umkleidekabine für Werders Watson

Über den Dächern Twistringens: Klaus-Jürgen Erdmann, Stadionsprecher des SC Twistringen, hat eine schöne Aussicht.
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Über den Dächern Twistringens: Klaus-Jürgen Erdmann, Stadionsprecher des SC Twistringen, hat eine schöne Aussicht.

Diese Aussicht! Herrlich! Wenn Klaus-Jürgen Erdmann sein „Wohnzimmer“ betritt, hat er den besten Überblick. Die Sprecherkabine auf der Sportanlage des SC Twistringen, gut zu erkennen am SCT-Logo vorne drauf, ist einst über die Zuschauerränge gebaut worden. Wer hier drinsitzt und links, rechts oder vorne durch die Glasscheiben schaut, verpasst nichts.

Twistringen – Dieses Vergnügen hat Erdmann schon seit etwa 50 Jahren! Eine längere Amtszeit als Stadionsprecher (ehrenamtlich, wohlgemerkt) dürfte im Kreis Diepholz niemand haben.

„Von Haus aus bin ich gar kein Fußballer, sondern Leichtathlet“, verrät Erdmann: „Als ich meine eigene Karriere beendet hatte, habe ich den Twistringer Leichtathletik-Nachwuchs trainiert. Bei Laufveranstaltungen im Stadion habe ich die Organisation übernommen und war zudem für die Durchsagen zuständig.“ Anscheinend machte er es so gut, dass noch eine andere Sparte des Vereins auf ihn aufmerksam wurde. „Plötzlich haben die Fußballer angefragt, ob ich auch bei ihnen den Stadionsprecher geben könnte.“ Gefragt, getan.

Sein Arbeitsplatz in luftiger Höhe ist recht spartanisch eingerichtet – er braucht ja auch nicht viel. Ein Mikrofon natürlich, eine Musikanlage, eine ordentliche Internetverbindung und die aktuelle Ausgabe des Stadionhefts. Das reicht. Die Tasten des weinroten Telefons dürften nur noch selten gedrückt werden, das Meiste passiert inzwischen online.

In den fünf Dekaden als „Stimme“ des SCT hat Erdmann, der zwischendurch ein paar Jahre pausierte, einiges erlebt. Zwei Geschichten sind ihm besonders in Erinnerung geblieben – beide Male mit Beteiligung von Werder Bremen: „Früher hat Werder seine Intertoto-Cup-Spiele (Vorgänger des UI-Cup, d. Red.) im Bremer Umland ausgetragen und war auch öfter in Twistringen zu Besuch.“ Damals hatten die Bremer gerade den englischen Nationalspieler David Watson verpflichtet. „Ich weiß noch genau, wie Werder-Manager Rudi Assauer ihn am Spieltag vom Flughafen abgeholt hat und direkt nach Twistringen gedüst ist“, sagt Erdmann. Erst Minuten vor dem Anpfiff kam das Duo am Stadion an, sodass sich Watson „spontan in meiner Stadionkabine umgezogen hat“. Anschließend gab der 65-fache Nationalspieler in Twistringen sein Werder-Debüt. Doch nach zwei Pflichtspielen der Saison 1979/80 war für den erfahrenen Libero, der Hans-Jürgen Offermann ersetzen sollte, schon wieder Schluss. Eine Rote Karte, acht Wochen Sperre, eine vereinsinterne Geldstrafe – und Watson „floh“ beleidigt zurück in seine Heimat.

Ende der 90er-Jahre sollte Werder auf der SCT-Anlage im UI-Cup gegen Twente Enschede (mit dem deutschen Trainer Hans Meyer) antreten. „Kurz vor dem Anpfiff lag eine dicke Schneedecke auf dem Platz“, erinnert sich Erdmann. Weder Meyer noch Werder-Trainer „Dixie“ Dörner wollten mit ihren Mannschaften auflaufen – und taten es auch nicht. „Sie können sich vorstellen, was hier los war. Die zwei- dreitausend Zuschauer waren richtig böse, haben aber immerhin ihr Geld zurückbekommen“, sagt Erdmann und fügt etwas wehmütig an: „Diese Zeiten sind lange vorbei. Früher kamen mehrere Tausend Zuschauer ins Stadion.“ Wie beim 7:0-Kantersieg in der Verbandsliga West über Erzrivale TuS Syke im Februar 1977, der den Weg zur Meisterschaft ebnete. „Das waren richtige Highlight-Spiele“, blickt Erdmann zurück.

Heute ist (fast) alles anders. Auch seine Arbeit als Stadionsprecher. Allerdings sieht er die Entwicklung in diesem Punkt positiv: „Früher musste ich mir mühselig die Informationen über die kommenden Gegner heraussuchen. Das war sehr zeitintensiv und aufwändig. Heute brauche ich dazu nur noch wenige Mausklicks. Durch die Digitalisierung ist vieles bequemer geworden.“

Kopfschmerzen bereiten ihm jedoch hin und wieder die Auswechslungen. Die Spieler seien angehalten, sich kurz zur Sprecherkabine umzudrehen, damit man die Nummern erkennen kann. „Aber im Eifer des Gefechts wird es manchmal vergessen“, sagt Erdmann, der sich in solchen Fällen jedoch zu helfen weiß. In der Halbzeitpause stellt er Musik an, verlässt seinen perfekten Aussichtspunkt und schleicht durch die Katakomben – um vom Schiedsrichter oder von Betreuern die fehlenden Namen zu bekommen. Oder sich anbahnende Wechsel aufzuschnappen, die er dann gleich verkünden kann.

In der zweiten Hälfte informiert das „Urgestein“ am schwarzen Mikro noch über Ergebnisse weiterer SCT-Mannschaften und kündigt die nächsten Spiele der „Ersten“ und „Zweiten“ an.

Und das soll auch 2022 so bleiben. „Ich bin nicht mehr der Jüngste, aber die Arbeit macht mir sehr viel Spaß. Ich möchte den Job so lange machen, wie es meine Gesundheit zulässt“, betont Erdmann (seit 1953 Vereinsmitglied) und ergänzt: „Ich freue mich schon auf die Abstiegsrunde im kommenden Jahr.“

Ich bekomme häufig CDs von Spielern mit ihren Lieblingsliedern zugesteckt, die ich dann abspiele. Das mache ich natürlich gerne – auch wenn ich mit der Musik in meinem Alter häufig nichts anfangen kann.

Twistringens Stadionsprecher Klaus-Jürgen Erdmann (79) mit einem Schmunzeln über den Musikgeschmack der jüngeren Generation.
Sein „Wohnzimmer“: Klaus-Jürgen Erdmann in seiner Sprecherkabine.

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