Uefa-Schiedsrichter-Ausbilder Wilfried Heitmann lobt seinen deutschen Kollegen

„So früh schon zwei Spiele – das spricht für Felix“

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Wilfried Heitmann beobachtet Schiedsrichter in ganz Europa und bildet sie aus. Die Referee-Leistungen während der WM bezeichnet der Ex-Bundesliga-Schiri als „durchwachsen“.

Drentwede - Von Cord Krüger. Ja, er kann diese WM tatsächlich noch genießen! Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Wilfried Heitmann aus Drentwede im niedersächsischen Kreis Diepholz, der seit fast 20 Jahren in Diensten der Fifa und Uefa weltweit Unparteiische weiterbildet, verfolgt die Partien dieser Tage nicht nur durch die Schiri-Brille. Es bleibt auch Platz für Freude über Emotionen und Ergebnisse. Aber natürlich lassen ihn als Mitglied der DFB-Schiedsrichterkommission die Debatten über die Referees und ihre (Fehl-)Entscheidungen nicht gänzlich kalt.

Herr Heitmann, nach 205 Erst- und Zweitliga-Einsätzen als Unparteiischer blieben Sie bis heute als Schiedsrichter-Beobachter für DFB und Uefa am Ball. Können Sie ein Spiel überhaupt entspannt ansehen?

Wilfried Heitmann (70): Na klar! Und wenn ich merke, dass alles gut läuft und die Zusammenarbeit zwischen Schiedsrichter und Assistenten funktioniert, bin ich noch entspannter.

Wie gut funktioniert dieses Miteinander in Brasilien?

Heitmann: In solchen Turnieren ist die Ausgangssituation nicht vergleichbar mit dem Liga-Alltag. Für diese WM sind Leute aus allen Kontinenten und Konföderationen im Einsatz – und das ist gut so. Zwar sollten bei einer Weltmeisterschaft immer die Besten der Welt pfeifen, aber andernfalls wäre ein Talent wie Rawschan Irmatow aus Usbekistan so vielleicht unentdeckt geblieben. Doch die Zeit zur Abstimmung aufeinander ist begrenzt – bei zwei gemeinsamen Lehrgängen vorab. Jeder wurde zwar permanent mit Schulungs-DVDs versorgt, musste Regel- und Sprachtests durchlaufen, aber die Mentalitäten sind unterschiedlich.

Was bedeutet dies in der Praxis?

Heitmann: Die Akzeptanz bei den Profis ist verschieden. In Südkoreas höchster Liga, der K-League, wurden für wichtige Spiele lange nur ausländische Schiedsrichter angefordert, weil die mehr respektiert werden als heimische. Europäische Kollegen bringen zum Beispiel ein ganz anderes Auftreten und Durchsetzungsvermögen mit. Die Bundesliga-Profis aus Japan und Südkorea haben sich darauf eingestellt und gehen respektvoller ans Werk. Ohnehin ist es von Vorteil, wenn man als Spieler und Schiedsrichter öfter miteinander zu tun hat. Das nimmt Brisanz aus dem Ganzen.

Wie bewerten Sie die bisherigen Leistungen der Unparteiischen?

Heitmann: Durchwachsen. Mir erschließt sich nicht ganz, warum derart viele Fouls ohne persönliche Strafen, also Gelbe oder Rote Karten, bleiben. Manche Schiedsrichter legen da eine recht hohe Toleranz an den Tag. Ebenfalls auffällig ist, dass sich die meisten strittigen Entscheidungen um Vergehen im Strafraum drehten. Es gab auch viele vergleichbare Szenen im Mittelfeld, über die aber gar nicht gesprochen wurde. Vielleicht, weil der Fokus der Medien stärker als sonst auf die Strafräume gerichtet ist.

Das musste am Sonntag auch der deutsche Schiedsrichter Felix Brych erfahren, als er Russland gegen Belgien einen Elfmeter verwehrte. Wie haben Sie es gesehen?

Heitmann: Man muss sich vor Augen halten, wo Felix gestanden hat und dass sich in dieser Szene kein Mensch darüber aufgeregt hat. Erst in der vierten, fünften Kamera-Einstellung war zu sehen, dass es einen Kontakt gab. Schwer zu erkennen – und wenn ich als Schiedsrichter nicht zu 100 Prozent von einer Entscheidung überzeugt bin, habe ich nie das Recht, auf Verdacht zu pfeifen.

Auf wie viele Einsätze kommt Brych bei der dieser WM noch?

Heitmann: Das hängt natürlich davon ab, wie weit Deutschland kommt. Je weiter wir es schaffen, desto weniger ist Felix ansetzbar – unabhängig von seinen Leistungen. Dass er zu einem so frühen Zeitpunkt der WM schon sein zweites Spiel bekommen hat, spricht für die hohe Akzeptanz, die er genießt. Das überrascht mich aber nicht. Ich kenne Felix seit einer Ewigkeit. Auf dem Platz ist er konsequent, aber auch kommunikativ.

Kennen Sie noch weitere Unparteiische der WM?

Heitmann: Von der Uefa kenne ich alle. Zuletzt habe ich Englands Howard Webb beobachtet – beim Champions-League-Viertelfinale zwischen Atletico Madrid und dem FC Barcelona. Das war übrigens auch ein Spiel, das ich entspannt verfolgen konnte, weil die Abstimmung zwischen ihm, seinen Assistenten und den Torrichtern klappte.

Apropos Torrichter: Vermissen Sie die bei den aktuellen Spielen – oder freuen Sie sich über die funktionierende Torlinientechnik?

Heitmann: Wir Schiedsrichter sind dazu da, um dem Sport zu dienen – und wenn es eine Technik gibt, die Fehlentscheidungen verhindert, kann ich darüber nur glücklich sein! Ich hätte auch nichts gegen Hilfsmittel für alle Seiten- und Torauslinien – wie beim Tennis. Aber man muss aufpassen, den Fußball nicht komplett zu verwissenschaftlichen. Denken Sie doch mal an das Spiel von Deutschland gegen Ghana – was für ein packendes Auf und Ab, was für tolle Emotionen auf den Tribünen! Das zeigt, wie sehr Fußball von der Begeisterung getragen wird.

Sie sprechen das jüngste deutsche Spiel an: Was kann das DFB-Team bei dieser WM noch erreichen?

Heitmann: Das Viertelfinale müsste für uns schon drin sein. Alle weiteren Chancen sehe ich bei 50:50 – da hängt vieles vom nötigen Glück ab. Ich hoffe natürlich das Beste. Selbst, wenn das Turnier in diesem Fall für Felix Brych früher beendet wäre…

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