SERIE „WENDEZEITEN“ Ob im Osten oder im Westen: Carola Eiseler immer am Ball

Tennis als Lebenskonstante

Carola Eiseler vom Barrier TC steht derzeit auf Platz zwei der deutschen Rangliste (Altersklasse 60). Foto: töb

Barrien - Von Daniel Wiechert. An den ersten Schlag ihres Lebens kann sich Carola Eiseler genau erinnern. „Der Trainer hat gesagt: ,Hau einfach ganz doll dahinter.‘ Das habe ich gemacht – und der Tennisball flog und flog, bis er irgendwann oben gegen einen Zaun klatschte.“ Die Szene spielte sich vor mehr als vier Jahrzehnten ab. In Berlin. Stadtbezirk Pankow. Der Eiserne Vorhang hing, die Berliner Mauer war nah, der Westen weit weg. Dann kam der Herbst 1989. „Wir sind das Volk“, erschallte es aus Tausenden Kehlen. „Klar hat man die Montagsdemonstrationen verfolgt. Egal, wo man hinkam, die Leute haben sich überall darüber unterhalten“, erinnert sich Eiseler: „Dass das aber dahin führt, damit hat eigentlich niemand gerechnet.“ Dieses „Dahin“ passierte am 9. November 1989. Die Mauer fiel. Krachend. Aber friedlich.

30 Jahre ist das her. Carola Eiseler und ihr Mann Dieter leben längst in Barrien. Vieles hat sich in ihrem gemeinsamen Leben gewandelt, der Tennissport blieb immer eine Konstante.

Carola Eiseler (Barrier TC) steht derzeit auf Platz zwei der deutschen Rangliste (AK 60). Gemeinsam mit Ehemann und Trainer Dieter tourt sie durch das Bundesgebiet, auch bei Turnieren in Amsterdam oder im kroatischen Umag ist sie am Start. Daran war vor dem Herbst 1989 nicht zu denken gewesen.

Tennis wurde in der DDR stiefmütterlich behandelt. Der „weiße Sport“ wurde erst 1988 wieder olympisch, die Staatsväter in Ostdeutschland setzten bei ihrer Förderung lieber auf Leichtathletik, Schwimmen oder Rudern. Tennis sei „in den internationalen Bädern und Kurorten der Großbourgeoisie“ entstanden, hieß es in der „Kleinen Enzyklopädie – Körperkultur und Sport“.

Der Staat lehnte ab, das Volk griff trotzdem zum Schläger. „Tennis war im Osten sehr wohl verbreitet“, sagt Carola Eiseler. Mindestens 40 Tennisvereine habe es allein in Ostberlin gegeben, die Randgebiete noch nicht mitgerechnet. Knapp 1 300 Tennisplätze gab es 1989 in der DDR.

Schwieriger war es, an das Equipment zu kommen. „Unsere Tennisröcke haben wir uns eigens nähen lassen müssen“, erinnert sich die 59-Jährige. Die Bespannung der Schläger war auch knifflig, sodass sich Dieter Eiseler seine eigene Maschine bauen ließ: „Die Saiten habe ich mir dann durch Thomas Emmrich besorgen lassen.“ Der heute 66-Jährige ist eine Tennis-Legende in Ostdeutschland, gewann 46 DDR-Meistertitel. „Wenn Thomas Emmrich damals gedurft hätte, wäre er mindestens unter die Top-20 der Welt gekommen“, sagt Dieter Eiseler, der selbst fünf Mal bei den DDR-Meisterschaften mitgespielt hat. Im Gegensatz zur Tschechoslowakei, die Vorzeigesportler wie Ivan Lendl reisen ließ, verbot die DDR, dass Emmrich mit dem westlichen Tenniszirkus tourte. „Da hat die DDR leider viel falsch gemacht“, sagt Carola Eiseler.

Im Breitensport sei das anders gewesen. Egal, ob in den Betrieben oder in den Schulen: Sport war allgegenwärtig. Das vermisst Carola Eiseler heutzutage: „Gerade in Zeiten, in denen die Kinder eh schon wenig Bewegung haben, finde ich es ganz furchtbar, dass der Sport so vernachlässigt wird.“ Ansonsten ist sie heilfroh, dass die deutsche Teilung längst Geschichte ist: „Wir wollen ganz sicher nicht, dass es sich zurückentwickelt.“

Für Carola und Dieter Eiseler, die beide aus der Gastronomie kommen, ist es keine Option, noch mal dauerhaft nach Ostdeutschland zurückzukehren. „Ich fahre zwar gerne mal wieder in meine alte Ecke, aber dann ist es nach ein paar Tagen auch wieder gut. Es ist anders, als es damals war“, betont Carola Eiseler: „Es fühlt sich nicht mehr wie Heimat an. Heimat ist dort, wo unsere Familie ist.“

Wenige Monate nach dem Mauerfall waren sie das erste Mal in Barrien. Sie waren zum Tennisspielen eingeladen worden – und machten sich kurzerhand auf den Weg. „Da hatten wir noch nicht einmal Geld getauscht. Wir hatten nur unser Begrüßungspaket dabei, sonst nichts.“ Beide fühlten sich auf Anhieb wohl. Dieter Eiseler, der damals bereits seinen Tennislehrerschein hatte, spielte fortan zwei Jahre für den Barrier TC, kam dafür eigens jedes Wochenende aus Brandenburg an der Havel angereist. Hin und zurück mehr als 600 Kilometer.

Es dauerte aber noch bis 1997, ehe Carola und Dieter Eiseler mit ihren damals zehn- und 14-jährigen Kindern in den Nordwesten zogen. „Wir hatten uns eigentlich ein Leben in Brandenburg aufgebaut“, sagt Carola Eiseler: „Aber die Arbeitslosigkeit war hoch, es gab kaum Lehrstellen.“ Ihr Sport half ihnen, den Schritt zu wagen und schließlich erfolgreich zu meistern.

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