1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport
  4. Kreis Diepholz

Rentnerin Sylvia Heitmüller startet Referee-Laufbahn

Erstellt:

Von: Fabian Terwey

Kommentare

Sylvia Heitmüller
Gelb: Manchmal muss es sein, Schiedsrichterin Sylvia Heitmüller lässt die Karten aber lieber stecken. Die Brinkumerin pfeift „lieber weniger als zu viel“. © Terwey

Sylvia Heitmüller leitet im Alter von 64 Jahren erstmals Spiele. Früher konnte sich die Torhüterin des FC Bayern München sich noch nicht vorstellen, eines Tages Schiedsrichterin zu werden – das hat sich für die Brinkumerin grundlegend geändert.

Brinkum – Härter, immer härter geht es im Kreisliga-Hit zur Sache. Angepeitscht von den angetrunkenen Freunden und Vereinskollegen, verschärft das angefeuerte Frauen-Fußballteam die rustikale Gangart noch. Genug. Die Unparteiische holt sich die Mannschaftsführerin heran und beordert sie, die Gruppe zu beruhigen – mit Erfolg. Ohne die beteiligten Teams nennen zu wollen, beschreibt Sylvia Heitmüller so einen ihrer ersten Einsätze als Spielleiterin. Das Besondere daran: Die 65-jährige Brinkumerin von der TSG Seckenhausen-Fahrenhorst machte ihren Schiedsrichterschein erst 2020 – in einem Alter, in dem andere schon in Referee-Rente gehen. Als Heitmüller in den 80ern noch Torhüterin bei Bayern München war, wäre es für sie undenkbar gewesen, eines Tages mal zu pfeifen.

„Ich habe den Job immer als undankbar empfunden. Im Nachhinein bin ich traurig, es nicht eher gemacht zu haben. Es macht richtig Spaß“, erklärt die Rentnerin. Heitmüller wagte den Schiri-Schritt, nachdem Seckenhausens Sportlicher Leiter Hauke Janssen bei der TSG auf Mitglieder zugegangen war: „Vereine haben ja immer zu wenig Schiedsrichter und müssen Strafen zahlen. Da ich in der Pandemie viel Zeit habe und es keine Altersbegrenzung für den Lehrgang gab, habe ich es gemacht.“

Kreisschiedsrichterobmann Ehlers: „Eine schöne Geschichte“

Jermaine Greene freut sich „sehr über Sylvias Engagement. Genügend Schiedsrichter zu stellen, ist immer ein Problem“, meint der 35-jährige stellvertretender Seckenhauser Spartenleiter und spricht von fehlenden vier Referees, um das Vereinssoll von 13 zu erfüllen.

„Es könnten immer mehr sein“, sagt auch der Diepholzer Kreisschiedsrichterobmann Jan-Eike Ehlers: „Wenn ich so auf die Nachbarkreise schaue, ist die Anzahl der Schiedsrichter in Diepholz aber vergleichsweise noch in Ordnung. In Sylvias Alter kommt es allerdings selten vor, dass jemand den Schiedsrichterschein macht. Viele fangen vielleicht noch mit 40 oder 50 an, aber an jemanden über 60 kann ich mich in den letzten zehn Jahren nicht erinnern. Eine schöne Geschichte.“ Auch, weil die meisten Schiedsrichter Männer seien.

An ihren „Laufwegen“ will Heitmüller noch arbeiten

Ihre Prüfung legte Heitmüller nach rund einem halben Jahr im September 2020 im Dorfgemeinschaftshaus in Heiligenfelde ab. „Wir hatten coronabedingt eine reine Online-Schulung. Es gab Lesematerial und Lehrvideos. Nach jedem Thema der Regelkunde gab es einen Test zur Selbstkontrolle. Ein Ansprechpartner stand zu bestimmten Zeiten zur Verfügung. Es war gut organisiert. Trotzdem war es nur Theorie, keine Praxis“, berichtet Heitmüller. Die einstige Torhüterin entschied sich deshalb dazu, vorerst nur Spiele auf dem Kleinfeld zu pfeifen. „Die Augen sind auch nicht mehr so gut wie mit 20“, erklärt die Brillenträgerin.

Doch die ersten positiven Rückmeldungen bestärkten die frühere Organisations- und Systemprogrammiererin, auch Partien auf dem Großfeld zu leiten: „Mir kommt zu Gute, dass ich als ehemalige Aktive ein Spiel lesen kann. An meinen Laufwegen arbeite ich aber noch. Auf keinen Fall möchte ich ein Mittelkreis-Schiri sein. Das lässt mein Ehrgeiz nicht zu.“ Fit hält sie sich mit dem wöchentlichen Walking-Football-Training und mit Fußball-Tennis beim SV Werder Bremen.

Das Feedback ist durchweg positiv

Stets auf Ballhöhe und unparteiisch durch und durch, pfiff Heitmüller sogar bereits einen Foulelfmeter gegen ihre eigenen Vereinskolleginnen. Seckenshausens Damen-Reserve unterlag dem TV Neuenkirchen im Spiel der 2. Kreisklasse schließlich mit 1:2. „Vorher hatte unsere Trainerin Maike Klattenhoff noch Bedenken, dass ich als parteiisch gelten könnte“, sagt Heitmüller lächelnd.

Aktuell pfeift die Mutter einer Tochter vor allem Damenmannschaften bis zur Bezirksliga und Jugendspiele – aber nur bis zur U13. „Die älteren Jungs wollen sicher keine alte Oma auf dem Platz sehen“, meint Heitmüller. Der 39-jährige Schiri-Chef Ehlers berichtet: „Ich habe bislang nur Gutes über sie gehört. Man merkt ihr die Begeisterung an.“

Heitmüllers Vorbild: Bibiana Steinhaus-Webb

Ambitionen höher zu pfeifen hat Heitmüller aber nicht: „Ich möchte keinem jüngeren Kollegen den Platz wegnehmen. Bei einem Herren-Spiel wollte ich aber zumindest mal die Fahne schwingen.“ Gemeinsam mit Kim Eickhorst, ihrer routinierten Schiri-Patin im Verein, assistierte Heitmüller der erfahrenen TSG-Schiedsrichterin Svenja Exner. Das reine Damen-Gespann leitete in der Wintervorbereitung Seckenhausens Test gegen SV Atlas Delmenhorst II (2:2). „Es war das erste Mal, und ich war in der ersten Halbzeit mehr am Zaun als an der Linie. Ich wollte den Spielern nicht auf den Füßen stehen“, berichtet Heitmüller: „Bei der Abseitserkennung habe ich sicher Fehler gemacht, aber die Herren waren sehr respektvoll. Wir haben ja keine kalibrierte Linie oder Videos wie in der Bundesliga.“ Weitere Einsätze als zweite Assistentin kann sie sich gut vorstellen.

Als Haupt-Schiedsrichterin pfeift sie „lieber weniger als zu viel“ und sucht wie einst ihr Referee-Vorbild Bibiana Steinhaus-Webb in der Bundesliga den Kontakt zu den Spielern: „Ich erkläre gerne, warum ich so oder so handele. Dadurch hatte ich noch nie Probleme.“ Für Emotionen hat sie Verständnis: „Ich habe als Aktive auch mal über den Schiedsrichter geschimpft. Aber die ganze Zeit meckern, geht nicht.“ Um als Spielleiterin keine Angriffsfläche zu bieten, ermuntert Heitmüller ihr Umfeld stets: „Sagt mir Bescheid, wenn es bei mir nicht mehr gut aussieht, wie ich über den Platz laufe.“ Solange genießt es die Fußball-Verrückte, stets auf Ballhöhe zu sein.

Bayern-Torhüterin mit Rekordversuch: Heitmüllers bewegte Karriere

„Ich habe schon als kleines Mädchen mit dem Ball gegen die Garagenwand gespielt, da war Frauenfußball in Deutschland noch verboten“, berichtet die gebürtige Freiburgerin Sylvia Heitmüller. 1970 hob der DFB das Verbot auf. Heitmüller spielte unter anderem für den SC Freiburg und den FC Bayern München um die deutsche Meisterschaft.

Kontakt zu damaligen Bayern-Stars wie Paul Breitner oder Karl-Heinz Rummenigge hatte Heitmüller in ihren zwei Münchner Spielzeiten ab 1980/81 aber nicht: „Die Herrschaften waren da noch nicht so offen für Frauenfußball wie heute.“

Heitmüllers Karriere, in der sie als Torhüterin und Feldspielerin aktiv war, endete vorläufig mit 26 Jahren, als sie sich in München eine schwere Sprunggelenksverletzung zuzog. Doch mit 54 Jahren heuerte sie noch mal bei der TSG Seckenhausen-Fahrenhorst an. „Ich war mit meinem Mann, der aus Bremen kommt, nach Brinkum gezogen und hatte einen Zeitunsgartikel gelesen, dass die TSG Spielerinnen sucht“, erklärt Heitmüller.

Die Werder-Bremen-Dauerkarteninhaberin machte die C-Trainerlizenz und coachte zwischenzeitlich die mittlerweile aufgelöste Ü 35-Damen. Das Team, das 2014 in den Punktspielbetrieb startete, wagte einen Weltrekord-Versuch. Die Spielerinnen wollten mit einem Durchschnittsalter von 48 Jahren als ältestes gemeldetes Frauenfußballteam ins Guinness-Buch. Das scheiterte jedoch, weil der damalige Rekord das der Ü 35 überstieg. Heute spielt Heitmüller für Werders Walking-Football-Mannschaft und ist im Trainerteam unter anderem auch für das Aufwärmtraining zuständig.

Auch interessant

Kommentare