Das EM-Finale: England oder Italien, Roughley oder Esposito?

„Sweet Caroline“ oder „Notte magica“?

Lemfördes Torjäger Giovanni Esposito, natürlich im Trikot, hat auf seiner Terrasse einen Fernseher und eine riesige italienische Fahne platziert.
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Es kann losgehen! Lemfördes Torjäger Giovanni Esposito, natürlich im Trikot, hat auf seiner Terrasse einen Fernseher und eine riesige italienische Fahne platziert.

England gegen Italien: Das große Finale der Fußball-EM in London steht vor der Tür (Sonntag, 21 Uhr). Martin Roughley vom FC Sulingen (ein „halber“ Engländer“) und der Vollblut-Italiener Giovanni Esposito vom TuS Lemförde blicken im Doppel-Interview auf das Endspiel - und sagen, wie es ausgehen wird.

Lemförde/Sulingen – Die Nachbarn in Quernheim sollten sich am Sonntagabend vielleicht lieber Kopfhörer aufsetzen. Es kann laut werden! Wenn der Vollblut-Italiener Giovanni Esposito (38) vom TuS Lemförde auf seiner Terrasse das EM-Finale zwischen der „Squadra Azzurra“ und den „Three Lions“ aus England schaut, dürfte es hoch hergehen. Anders im knapp 50 Kilometer entfernten Sulingen. Martin Roughley (32), der „halbe Engländer“ vom FC Sulingen, hat Gesellschaft und will sich „zusammenreißen“. Welcher der beiden Bezirksliga-Fußballer am Ende jubeln darf, zeigt sich ab 21 Uhr in London.

Das große Finale im Wembley-Stadion ist auch ein musikalisches Duell. Gianna Nannini besang in ihrem WM-Hit „Un’ estate italiana“ (ein italienischer Sommer) 1990 die „Notti magiche“ (magische Nächte). Erleben die „Azzurri“ nun eine weitere „Notte magica“ – oder skandieren die Engländer mit ihren Fans wieder den alten Neil-Diamond-Hit „Sweet Caroline“? Verteidiger Roughley und Stürmer Esposito sprechen über Chancen ihres Landes, gefährliche Gegner und Finaltorschützen. Und sie widmen sich der wichtigen Frage: Wer wird Hymnen-Europameister?

England gegen Italien: Ein namhaftes Finale – aber auch ein verdientes?
Martin Roughley: Italien hat es auf jeden Fall verdient. Bei England war ich mir anfangs unsicher, ob die Mannschaft reif genug ist – trotz der Halbfinalteilnahme bei der WM 2018. Aber ich habe gesehen: Sie haben echt Bock und den Heimvorteil in Wembley – das pusht ungemein. Ein finalwürdiges Spiel.
Giovanni Esposito: Absolut. Italien spielt nicht mehr so wie früher, sondern endlich offensiver – das freut mich als Stürmer besonders. Wenn sie 1:0 führen, ziehen sie sich nicht zurück. Das ist ein ganz anderer Fußball. England ist zwar keine Übermannschaft, steht aber hinten stabil und ist vorne effektiv – ein bisschen der bisher bekannte italienische Stil.

Italien brauchte im Halbfinale gegen Spanien das Elfmeterschießen, England gegen Dänemark die Verlängerung – wie sehr haben Sie mitgezittert?
Roughley: Allzu nervös war ich nicht, denn England war klar besser und ziemlich abgeklärt. Dänemark hatte wenige Chancen und war körperlich am Limit. Da war ich relativ entspannt. Ein bisschen Schiss hatte ich allerdings vor einem Elfmeterschießen.
Esposito: Ich zittere in jedem Spiel mit, schon in der Vorrunde. Und gegen Spanien besonders. Warum haben die plötzlich wieder einen so guten Ball gespielt? Vorher waren sie bei der EM nicht so stark. Man muss ehrlich sagen: Eine italienische Niederlage wäre verdient gewesen.

Welcher Typ Fußballgucker sind Sie?
Roughley: Normalerweise bin ich eher ruhig – aber in manchen Szenen kann ich auch aus mir herauskommen. Da heißt es dann: Contenance! Mit Blick auf die Nachbarn – weil wir in einer Mietwohnung leben.
Esposito: Ich bin ein Vollblut-Italiener, blutiger geht es nicht (lacht). Dass die Gegenstände auf meiner Terrasse noch alle heil sind, ist ein Weltwunder! Ich bin voll bei der Sache, schimpfe oder jubele auch mal laut.

Giovanni Esposito

Verein: TuS Lemförde

Vita: Seine Eltern Antonio und Nuncia stammen aus dem süditalienischen Neapel, wo der Sage nach die Pizza erfunden wurde, und kamen Ende der 70er Jahre nach Deutschland. Der 38-Jährige ist in Diepholz geboren, lernte Deutsch erst in der Schule, spricht nach wie vor fließend Italienisch und arbeitet als Staplerfahrer bei einem Automobilzulieferer in Dielingen. Der Torjäger lebt in Quernheim, ist verheiratet mit Nina und hat zwei Kinder: Tochter Isabell (19) und Sohn Cristiano (13).

Martin Roughley

Verein: FC Sulingen

Vita: Sein englischer Vater Craig war Soldat in Norddeutschland, seine Mutter Sylvia ist Deutsche. Der 32-Jährige kam in einem Kasernen-Krankenhaus in Rinteln zur Welt. Die englische Verwandtschaft wohnt in Wigan, der Heimatstadt des Popsängers Limahl – im Nordwesten zwischen Liverpool und Manchester. Roughley (spricht fließend Englisch) arbeitet als Produktionsplaner bei einem Metallbau-Unternehmen in Bassum und lebt mit Freundin Samira in Sulingen.

Wo und mit wem verfolgen Sie das Endspiel?
Roughley: Vor dem Spiel werde ich ein paar Grüße in die englische Heimat schicken – von dort wurde vor dem Deutschland-Spiel ziemlich provoziert (schmunzelt). Dann gucke ich mit meiner Freundin Samira und ihren beiden Nichten bei uns. Und ich werde versuchen, mich zusammenzureißen . . .
Esposito: Mit meinem Sohn Cristiano auf unserer Terrasse. Da habe ich mir einen Fernseher hingestellt und eine große Italien-Fahne aufgehängt. Wir essen erst Abendbrot, dann gucken wir. Beim Fußball brauche ich meine Ruhe, will mich voll auf das Spiel konzentrieren und nicht nebenbei Grillen oder so etwas. Hauptsache, ich habe genug Cola da.

„Safety first“ oder „Spettacolo“ – womit rechnen Sie?
Roughley: Es wird ein Geduldsspiel, befürchte ist. England wird die Partie kontrollieren und versuchen, mit seinen schnellen Spielern hinter die Abwehrkette zu kommen. Ist aber schwierig, denn Italien verteidigt stark. Interessant wird es. Und spannend. Ich kann mir vorstellen, dass ein Tor zum EM-Sieg reicht.
Esposito: Hoffentlich spielen die Italiener weiterhin offensiv und gehen früh drauf. England sehe ich nicht so spielstark. Wenn Italien wie in der Vorrunde auftritt, bin ich sehr optimistisch, dass das Ganze nach 90 Minuten vorbei ist . . .

Welcher ist Ihr italienischer/englischer Lieblingsspieler im aktuellen EM-Kader und aller Zeiten?
Roughley: Raheem Sterling ist eine absolute Rakete. Seine Dribblings – Wahnsinn! Ich mag auch die Kante Harry Maguire. Er ist nicht der hübscheste Fußballer der Welt . . . aber ein Mentalitätsmonster. Unerreicht ist für mich David Beckham. Er war damals, als man richtige Idole hatte, der größte englische Star.
Esposito: Ganz klar Lorenzo Insigne. Ist doch logisch, weil er bei Neapel spielt und ungefähr so groß ist wie ich . . . Ein Super-Fußballer und der Taktgeber in der italienischen Offensive. Wenn er so spielt wie im Viertelfinale gegen Belgien, können sich die englischen Abwehrspieler schon mal warm anziehen. Mein All-Time-Lieblingsspieler ist aber kein Italiener, sondern ein Argentinier: Diego Maradona. Er war ja auch mal in Neapel. Maradona ist DER Mann im Weltfußball – das wird immer so sein. Da können Messi, Ronaldo oder Mbappe einpacken.

Wer oder was kann Ihrem Land im Finale besonders wehtun?
Roughley: Ciro Immobile wird eine Schippe drauflegen. Und der Rechtsaußen Federico Chiesa ist brandgefährlich, den finde ich cool – das werden heiße Duelle mit Luke Shaw. Sympathisch sind mir auch die alten Herren da hinten, Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini. Sehr erfahren, spielintelligent, Top-Niveau.
Esposito: Wirklich gefährlich sind nur Raheem Sterling mit seiner Schnelligkeit und Harry Kane wegen seines Torinstinkts. Sonst haut mich da keiner um. Wenn Bonucci und Chiellini so wachsam sind wie gegen Belgiens Romelu Lukaku, wird auch Kane nicht viel machen. Die beiden alten Hasen haben bei der EM so viele junge Bengel aufgehalten – großer Respekt! Und ich bin gespannt, wie unsere Abwehr, vor allem Emerson, mit Sterlings Speed klarkommt.

Wie geht das Finale aus – und wer trifft?
Roughley: 1:0 für England! Phil Foden wird spät eingewechselt und schießt in der 82. Minute das goldene Tor. Dass sich die Mitspieler beim EM-Titel alle seine wasserstoffblonde Frisur machen lassen sollen, finde ich funny. Mir persönlich würde es nicht so gut stehen . . .
Esposito: 2:1 für Italien! Chiesa wird in seinem dritten Spiel in Wembley sein drittes Tor machen. Dazu Insigne – und für England Sterling.

Bleibt noch die Frage nach der Hymne, die beide Teams immer voller Inbrunst darbieten. „Il Canto degli Italiani“ („Fratelli d’Italia“) oder „God save the queen“ – wer schmettert am schönsten?
Roughley: Da muss ich den Ball den Italienern zuspielen. Ich habe schon in der Vorrunde gelobt, wie geil sie alle mitsingen. Die englische Hymne wird im vollen Stadion aber auch sehr emotional. Ich selbst singe jedoch nicht mit oder stehe auf. Dass die Hymnen der anderen Länder in Wembley zuletzt niedergepfiffen wurden, finde ich nicht okay. Da sollte man fair sein und einfach mal kurz die Klappe halten!
Esposito: Bei den Zuschauern wegen der Überzahl sicher England, bei den Spielern allerdings Italien. Ich schaue die Partien meistens im italienischen Programm. Der Kommentator schweigt – und die Spieler grölen los. Da kriege ich eine Gänsehaut. Den Text kenne ich zwar, aber ich summe lieber nur mit. Es reicht schon, wenn ich 90 Minuten lang rumschreie – die Nachbarn . . .

„Three Lions“ im Bassumer Tierpark Petermoor: Martin Roughley ist in seiner Mittagspause mal kurz ins England-Jersey geschlüpft.

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