Spitzenteams der Region kämpfen gegen den Abstieg / Clubs beklagen fehlenden Nachwuchs

Steht der Handball vor dem Niedergang?

Seit Jahren stelle sein Verein keine männliche A-Jugend mehr, beklagt Heiner Thiemann, Coach der HSG Barnstorf/Diepholz. Foto: Töbelmann

Kreis Diepholz - Von Julian Diekmann. Die Welt hält aufgrund der grassierenden Corona-Pandemie den Atem an. Die Krise hat mittlerweile den gesamten Erdball im Würgegriff. Während durch den sogenannten Lockdown das Geschäfts- und Privatleben in Deutschland und dem Rest der Welt komplett zum Erliegen gekommen ist, sind auch die Sportler zum Zuschauen verdammt.

Zeit also, um einmal die aktuelle Lage der Handballvereine im Landkreis Diepholz genauer unter die Lupe zu nehmen. Und dabei fällt auf: Gerade bei den höherklasssigen Clubs läuft es alles andere als rund. Sie müssen sich mit argen Problemen ausein-andersetzen. Und das nicht nur wegen Corona.

Sowohl die beiden Mannschaften der HSG Branstorf/Diepholz (Oberliga Nordsee/ Verbandsliga Nordsee) als auch die HSG Stuhr (Landesliga Bremen) und der TuS Sulingen (Landesliga Hannover) kämpfen in ihren jeweiligen Spielklassen gegen den drohenden Abstieg.

Doch woran liegt das? „Ich kann zwar nicht für andere Vereine sprechen“, betont Barnstorfs Erstherren-Cheftrainer Heiner Thiemann: „Aber bei uns ist das Hauptproblem, dass wir jahrelang eine sattelfeste Abwehr hatten, und das ist aktuell nicht mehr der Fall. Und wenn du dann auch noch mehr Tore kassierst als du selbst wirfst, ist es eben frappierend. Hinzu kommen dann auch noch unsere individuellen Fehler und die vielen verworfenen Siebenmeter. All das führt dazu, dass wir in der Tabelle momentan nicht so gut platziert sind“, fasst der 68-Jährige, der mit seinem Team derzeit Platz zwölf einnimmt, zusammen.

Etwas anders stellt sich die Situation bei der Barnstorfer Zweitvertretung dar. „Im Vergleich zur vergangenen Saison musste ich fast eine ganz neue Mannschaft formen“, berichtet Coach Raul-Lucian Ferent: „Mir ist praktisch meine komplette erste Sieben auseinandergebrochen. Es ist unmöglich, sie eins zu eins zu ersetzen. Ein neues Team zu formen, braucht Zeit. Ich habe viele junge Spieler in meinen Reihen, die sich erst noch entwickeln müssen. Ihnen fehlt einfach noch die Erfahrung.“ Von daher verwundert es auch nicht allzu sehr, dass die HSG Barnstorf/Diepholz II nur den drittletzten Rang in ihrer 14 Mannschaften unfassenden Liga belegt.

Doch die Coronakrise könnte für die Teams von Thiemann und Ferent auch etwas Gutes haben. Denn sollten die Ligen wegen der Pandemie nicht zu Ende gespielt werden können und der Stand der aktuellen Tabelle zu Grunde gelegt werden, würden sich die Barnstorfer Teams gerade so halten können, da sie beide in ihren Ligen jeweils den ersten Nichtabstiegsplatz belegen.

Das trifft auf die HSG Stuhr nicht zu. Nach 18 absolvierten Pflichtspielen belegt die Truppe von Trainer Sven Engelmann mit gerade einmal einem Sieg und zwei Unentschieden den letzten Tabellenplatz. Ein Abbruch der jetzigen Saison würde den Abstieg bedeuten. Dieses Szenario wäre für Engelmann ein Unding: „Ganz ehrlich: Das geht gar nicht. Damit wird den Vereinen, die aktuell einen Abstiegsplatz belegen, die Chance genommen, sich mit den ausstehenden Spielen noch den Klassenerhalt zu sichern.“

Der 53-Jährige plädiert deswegen dafür, entweder die Saison zwar jetzt sofort zu beenden, „aber eben ohne Absteiger. Die Mannschaften, die jetzt einen Aufstiegsplatz belegen, sollen meiner Meinung nach aufsteigen dürfen. Aber es sollte keine Absteiger geben.“ Engelmann bringt aber noch ein weiteres Szenario ins Spiel. „Sobald der Verband entscheidet, dass wieder gespielt werden kann, dann sollte man auch versuchen, die Saison sportlich zu Ende zu bringen. Notfalls eben mit englischen Wochen. Das wäre das Fairste. Zumal dann alle Spieler genug Erholungszeit hatten. Ein Kraftproblem sollte dabei nicht auftreten“, meint Stuhrs Coach.

Doch dass sein Club überhaupt im Tabellenkeller feststeckt, sind für Engelmann zum Teil selbst gemachte Leiden. „Zum einen haben wir diese Saison einfach unheimlich viel Verletzungspech. Zum anderen muss ich aber auch sagen, dass die Vorbereitung alles andere als glücklich verlaufen ist. Viele meiner Spieler haben in dieser Zeit Urlaub gemacht oder sich bei Fun-Events beteiligt. Dadurch haben wir den Saisonstart ganz schön verpatzt“, führt er an.

Ähnlich prekär sieht die Situation bei den Sulingern aus. Auch die Mannschaft von Coach Hartmut Engelke hat die Rote Laterne inne – obwohl der TuS seine beiden vergangenen Ligaspiele gewonnen hat. Doch Engelke kann mit Engelmanns Vorschlag, die Liga so schnell wie möglich zu Ende zu spielen, wenig anfangen: „Dafür ist die ganze Situation viel zu kritisch. Es gibt ja nicht umsonst Ausgangssperren. Von daher kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Saison dieses Jahr irgendwie sportlich zu Ende gebracht werden kann.“

Der 50-Jährige glaubt nicht einmal, dass 2020 überhaupt noch einmal Handball im Amateurbereich wird. „Ganz ehrlich, nein. Mit ganz viel Fantasie kann ich mir nur vorstellen, dass die Spielzeiten im Profibereich dieses Jahr noch mit Geisterspielen über die Bühne gehen. Aber bei den Amateuren sehe ich schwarz. Vieles hängt davon ab, wie weit die Ausgangssperre noch verlängert wird. Aber eines ist auch klar: Die Gesundheit der Spieler geht auf jeden Fall vor“, sagt der Sulinger Übungsleiter, der einen anderen Vorschlag parat hat: „Ich bin eher dafür, jetzt erst mal keinen Amateursport stattfinden zu lassen, sondern die Saison erst Anfang des kommenden Jahres wieder aufzunehmen, wenn es einen besseren Überblick und vielleicht auch einen Impfstoff gibt.“

Neben der Frage, ob in naher Zukunft überhaupt wieder Handball in den Sporthallen der Region gespielt werden kann, beschäftigt die Clubs noch eine weitere Problematik. Und zwar die des Nachwuchses. Besser gesagt – die des fehlendenen Nachwuchses. Von Jahr zu Jahr wird es für die Vereine schwieriger, adäquaten Ersatz zu finden. „Früher hatten die Mannschaften aus Lemförde, Bassum, Diepholz oder Sulingen jeweils zwei Mannschaften im Spielbetrieb“, erinnert sich Thiemann: „Mittlerweile leben wir aber in einer Zeit, in der es immer weniger Teams gibt. Das merkt man besonders im Jugendbereich.“

Schon seit Jahren muss die HSG Barnstorf/Diepholz auf eine männliche A-Jugend verzichten. „Wir sind aber gerade mit einem Verein aus der Region dabei, das Problem zu lösen, wollen zusammen eine Spielgemeinschaft auf die Beine stellen, um in Zukunft wieder eine konkurrenzfähige A-Jugend zu haben“, macht Thiemann zumindest Hoffnung: „Alle anderen Jugendklassen haben wir zum Glück besetzt. Mal besser, mal schlechter.“

Ähnlich wie der Tischtenniskreisverband Diepholz hat auch die Handball-Region Mitte Niedersachsen mit den Nachwuchs-Sorgen zu kämpfen. „Leider hören mehr Spieler alterbedingt auf, als das junge Spieler nachkommen“, berichtet ihr Vorsitzender, Steffen Mundt: „Gerade die Anzahl der A-Jugendmannschaften ist weiterhin rückläufig. Hier würden wir ohne den überregionalen Spielbetrieb keine vernünftige Staffel zusammenbekommen.“ Doch es gibt auch Lichtblicke, wie Mundt erklärt: „Im Bereich der ,Kleinen‘ – wie der C-, D-, E-Jugend sowie Maxi/Mini – verzeichnen wir eine kleine Steigerung.“

Laut Sulingens Trainer Engelke sollten die Handballvereine der Region mehr auf Gemeinschaft setzten, statt ihr eigens Süppchen zu kochen. „Wenn wir es nicht hinbekommen sollten, Kooperationen unter den Vereinen zu fördern, dann fahren wir den gesamten Amateur-Handball in den nächsten zehn Jahren gegen die Wand“, zieht Engelke ein bitteres Fazit.

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