Weltrekorde, Olympia-Silber und mehr: Diskus-Star Liesel Westermann-Krieg blickt auf ihre einzigartige Karriere zurück

„Der Anfang war autodidaktisch“

+
Liesel Westermann-Krieg bekam bei der Sportlerwahl-Gala Standing Ovations.

Sulingen - Von Daniel Wiechert. Eine Weltsportlerin auf Heimatbesuch. Liesel Westermann-Krieg (71) hat in den 60-er und 70er-Jahren Meilensteine im Diskuswerfen gesetzt, als „Diskus-Liesel“ wurde die gebürtige Sulingerin weltberühmt. Am Rande der Sportlerwahl-Gala lässt sie im Gespräch mit uns ihre Karriere Revue passieren, erinnert sich an den Star-Kult rund um ihre Person und erklärt, wie sie heute ihren Ruhestand genießt.

Frau Westermann, Sie sind seit 2009 pensioniert. Wie ist das für jemanden, der so lange als „Wirbelwind im Ring“ Schlagzeilen geschrieben hat: Konnten Sie überhaupt schlagartig die Füße hochlegen?

Liesel Westermann: Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich das schaffe. Alle meine ehemaligen Mitarbeiter im Kultusministerium haben gedacht, die taucht bestimmt jede zweite Woche hier auf. Aber ich habe es geschafft, loszulassen. Ich konnte entschleunigen. Darüber staune ich selbst.

Wie gehen Sie mit der neu gewonnenen Freizeit um?

Westermann: Ich spiele viel Karten, Doppelkopf schon immer. Und ich habe mit Bridge angefangen – auch, um ein bisschen was für die grauen Zellen zu tun. Außerdem habe ich das Golfspielen lieb gewonnen. Das hat mich von Anfang an fasziniert. Früher habe ich die Disken in die Weite geworfen – und bin dann hinterher gelaufen. Jetzt schlage ich den kleinen Ball in die Weite – und laufe hinterher.

Gibt es da Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede?

Westermann: Es ist vor allem der Unterschied, dass es beim Golfen viel mehr um die Hand-Auge-Koordination geht. Das hatte ich so nicht beim Diskuswerfen. Da musste ich mich mehr auf mein Inneres konzentrieren, damit die Bewegung stimmt: Dann flog das Ding – oder eben nicht. Aber auch beim Golfen habe ich einen Leistungsanreiz. Ich möchte die Bewegung beherrschen, der Ball soll in die Richtung gehen, die ich mir vorstelle.

Wofür bleibt sonst noch mehr Zeit?

Westermann: Ich habe in diesem Jahr noch schöne Reisen vor mir: Erst werde ich Kanada/Alaska machen, und im Herbst geht es nach Kuba.

Aber Sie sind doch schon als Top-Athletin in den 60er- und 70er-Jahren viel rumgekommen.

Westermann: Ja, aber da hat man die Welt nicht gesehen. Da hat man nur Flughäfen, Hotels und Stadien gesehen. Dazu hat man sich immer im fast identischen Personenkreis bewegt.

Aber die Welt kannte Sie. 1969 sind Sie Weltsportlerin geworden. Heutige Weltsportler, wie im Moment Usain Bolt, sind eigene Marken, die keinen Schritt unbehelligt machen können. Gab es auch zu ihrer Zeit schon so etwas wie Star-Kult?

Westermann: Das gab es schon, auch wenn wir Amateure waren. Wir sind keine Einkommensmillionäre gewesen, wie Weltsportler es heute sind. Die wissen ja nicht mehr, was ein Dollar oder ein Euro ist. Oder deren riesiger Tross an Betreuern – all das hatten wir nicht. Trotzdem war es so, wenn ich mir beispielsweise etwas Neues zum Anziehen kaufen wollte, und ich dann in die Umkleidekabine gegangen bin, habe ich die Tuschelei gehört: „Hast du gesehen? Liesel Westermann ist da.“ Das hat manchmal schon genervt.

Bis zu diesem Bekanntheitsgrad war es ein weiter Weg. Können Sie sich noch an den Tag erinnern, als sie das erste Mal eine Diskusscheibe in der Hand hielten?

Westermann: Das war bei uns im alten Bürgerpark-Stadion in Sulingen. Da bin ich mal hingegangen, weil ich wusste, da war irgendwas los. Unter anderem warfen dort welche Diskus. Und die kleinen Unbedarften, zu denen ich gehörte, durften die Disken nach den Würfen zurückbringen.

Wie ging es weiter?

Westermann: Kurze Zeit später bekam ich einen Schlüssel zur Blockhütte, in der die ganzen Geräte vor sich hin gammelten. Da habe ich gestöbert. Ich habe Hürden gefunden, Kugel und Diskus. Ich habe versucht, mich zu erinnern, wie die das gemacht haben mit dem Diskus. Der Anfang war also total autodidaktisch.

Hinzu kam Ihre sportliche Gabe: Neben etlichen Titeln mit dem Diskus wurden Sie auch Deutsche Meisterin im Kugelstoßen und mit der 4x100-Meter-Staffel.

Westermann: Ich durfte auch nicht nur Diskuswerfen machen. Mein Trainer Bruno Vogt hat immer gesagt: „Erst drei Runden einlaufen, dann drei Runden im Hopserlauf und Steigerungsläufe, schließlich noch zehn Starts – erst dann könnt ihr sagen, was ihr machen wollt.“ (lacht).

Kam ihnen diese Vielfältigkeit in der Diskus-Weltspitze zugute?

Westermann: Es war definitiv ein großer Vorteil: Allein durch die Schnelligkeit, die ich durch diese Trainingseinheiten nie verloren habe. Die Verbandstrainer meinten zwar immer: „Mach mal langsam, mach mal langsam.“ Aber Bruno Vogt meinte nur: „Nix langsam. Du musst lernen, die Schnelligkeit zu beherrschen.“ Er ging da sehr methodisch vor, so hat er mir den richtigen Weg geebnet.

Der Sport hat Ihnen viele unvergessliche Moment beschert. Glauben Sie, dass der Sport auch eine gesellschaftliche Macht hat?

Westermann: Es ist keine Macht. Aber man lernt zu verlieren. Man weiß, dass man verlieren kann und auch wird. Damit einer gewinnt, müssen eben viele verlieren. Und man sieht dann: Wie verhalten sich Menschen, die gewinnen. Wie verhalten sich Menschen, die verlieren. Es hilft, sich in die Gedankenwelt anderer hineinzuversetzen. Diese Sachen lassen sich schon auf andere Lebenssituationen transportieren. Hier kann der Sport ein Stück weit eine Schule des Lebens sein. Aber diese Transportleistung, dass in anderen Lebensbereichen die Dinge ähnlich liegen, muss ein junger Sportler erstmal schaffen.

Eine Ihrer sportlichen Sternstunden war 1967 in Sao Paulo – ihr erster von vier Weltrekorden. Dabei haben Sie im selben Jahr Examen gemacht. Wie haben Sie das alles unter einen Hut bekommen?

Westermann: Weiß ich auch nicht (lacht). Ich habe aufgrund des Examens in dem Winter überhaupt nicht trainiert. Erstaunlicherweise hat mir das sportlich nicht geschadet. Unglaublich, dass man ohne Wintertraining Weltrekord werfen kann... Das Jahr war sagenhaft: Ich habe eigentlich bei jedem Wettkampf meinen persönlichen Rekord um zehn Zentimeter gesteigert. Es war klar, die 60 Meter können fallen. Und das war dann in Sao Paulo der Fall.

Kommen wir von Brasilien nach Mexiko. Olympia 1968: Sie haben Silber geholt. Vom Leistungsstand her wäre aber noch mehr drin gewesen, oder?

Westermann: Auf jeden Fall. Ich war in einer bombigen Form. Doch dann gab es zwei Handicaps: Ich habe mir in der Vorbereitung einen Muskelfaserriss in der Wade zugezogen – beim Weitsprung. Und dann kam noch der Regen in Mexiko dazu, ein tropischer Regenguss. Der Wettkampf wurde zwei Mal unterbrochen.

Vier Jahre später waren die Spiele in München. Wie sehr haben Sie auf Olympia im eigenen Land hingefiebert?

Westermann: Das hat mich gar nicht besonders motiviert. Aber ich war eben in einer sehr guten Verfassung. Der erste Wurf wäre ja schon Rekord gewesen, aber dass ich übergetreten habe, war schon ein Zeichen, dass ich mich nicht komplett konzentrieren konnte. Ich war emotional einfach vollkommen entleert durch den Anschlag im olympischen Dorf. Ich hatte den Tag zuvor nur geheult. Ich kannte viele israelische Athleten aus gemeinsamen Trainingslagern in Windhoek und Leverkusen. Andere konnten diese schrecklichen Erlebnisse abschütteln – ich konnte das nicht.

Eine weitere dunkle Seite der Leichtathletik ist seit Jahrzehnten das Doping-Problem.

Westermann: Nicht nur in der Leichtathletik, das möchte ich ganz deutlich sagen! Es ist das Problem des Sports. Es ist ein Problem des allgemeinen Lebens: Betrug, Betrug, Betrug. Davor ist eben auch der Sport nicht gefeit.

Hatten Sie selbst mal Berührungspunkte mit dem Thema?

Westermann: Mit der Zeit kamen schon die ersten Dopinggeschichten auf. Aber sie berührten mich nicht. Ich war die Beste, ich hatte es nicht nötig, mich damit zu befassen.

Es kam also nie jemand auf Sie zu?

Westermann: Doch. Da gab es jemanden, der meinte: „Wenn du das nicht nimmst, bist du selbst schuld.“ Und später sagte mir einer bei einer Sportärzteuntersuchung: „Wollen Sie wissen, wie viele Ihrer Hauptkonkurrentinnen Medikamente nehmen?“ Ich habe nur entgegnet, dass mich das nicht interessiert. Ich habe dann mal einen Arzt gefragt, was er seiner Tochter empfehlen würde? Er sagte: „Lass die Finger davon, Mädchen.“

Die Gala zur Sportlerwahl Diepholz 2015

Lesen Sie auch:
Die Sportler des Jahres 2015

Mehr zum Thema:

BVB-Nachwuchs siegt im Elfmeterschießen gegen den FC Bayern

BVB-Nachwuchs siegt im Elfmeterschießen gegen den FC Bayern

Nach dem Bundesliga-Aufstieg: Heldt plant das neue 96-Team

Nach dem Bundesliga-Aufstieg: Heldt plant das neue 96-Team

Familientag beim TV-Jubiläum

Familientag beim TV-Jubiläum

Feuerwehr-Wettkämpfe in Rechtern

Feuerwehr-Wettkämpfe in Rechtern

Meistgelesene Artikel

Kantersieg für die Katz’: Melchiorshausen steigt ab!

Kantersieg für die Katz’: Melchiorshausen steigt ab!

Maarten Schops muss seinen Spitzenreiter TuS Sulingen selten umbauen

Maarten Schops muss seinen Spitzenreiter TuS Sulingen selten umbauen

Sulingens Handballer feiern mit Aufstieg größten Erfolg

Sulingens Handballer feiern mit Aufstieg größten Erfolg

Brinkum beweist Moral – 2:2

Brinkum beweist Moral – 2:2

Kommentare