Serie „Ungewöhnliche Sportarten“

Jens Wüppenhorst aus Twistringen liebt Mixed Martial Arts

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MMA in Twistringen: Jens Wüppenhorst (vorne) mit seiner Trainingsgruppe.

Ortstermin in Twistringen. Industriegebiet. Es ist stockfinster. Es stürmt. Es schüttet. Ziel erreicht, sagt die Navi-Stimme. Stimmt nicht ganz. Ein paar Meter sind es noch, mit Schrittgeschwindigkeit. Im Hinterhof der Autowerkstatt ist ein Parkplatz, erst dort bleibt das Auto stehen.

Twistringen - Von Malte Rehnert. Motor, Scheinwerfer und Scheibenwischer aus, man hört nur noch den Regen prasseln. Und sieht im Rückspiegel ein kleines Licht. Da bewegt sich etwas, da ist jemand. Irgendwie ein bisschen gespenstisch das Ganze. 

Hier könnte an diesem Abend wunderbar eine Szene aus einem sehr düsteren Krimi spielen – oder aus dem Kultfilm „Fight Club“, in dem viele wilde Schlägereien in verlassenen Gebäuden, dunklen Gassen oder schummrigen Kellern vorkommen.

Wüppenhorst betreibt MMA-Schule

Als Jens Wüppenhorst das hört, muss er grinsen: „So richtig schön klischeehaft“, sagt er. Der 40-Jährige, ein drahtiger Typ, ist der Mann im Licht. Er sitzt im Vorraum der Halle, die zum Werkstattgelände und damit zum Betrieb seiner Eltern gehört – und in der er seiner Leidenschaft nachgeht: Mixed Martial Arts, kurz MMA. 

Wüppenhorst bietet dort als Trainer in seiner eigenen Schule die gemischten Kampfkünste an – und verteidigt sie wortreich gegen kritische Stimmen, die sagen, MMA sei eher Gladiatorenkampf als seriöser Sport – zu brachial, zu blutig, zu gefährlich. „Von außen sieht es manchmal brutal aus, das stimmt. Auch, weil meistens im Käfig gekämpft wird und mal Blut fließt. Aber für mich ist es keine heftige Sportart“, meint der Twistringer, der als Kfz-Meister arbeitet – aber nicht im elterlichen Betrieb, sondern in Brinkum. 

Er muss sehr laut sprechen, damit man ihn versteht. Denn nebenan in der Halle leitet seine Frau Jacqueline gerade einen Zumba-Kurs, da ballern die Bässe. 2010 haben die beiden das Studio eröffnet. „Ich habe die Halle von meinen Eltern gemietet“, erzählt Wüppenhorst: „Früher habe ich mit ein paar Kumpeln in einer kleinen Garage unter meiner Wohnung trainiert. Einfach ein paar Matten rein und fertig. Doch das wurde irgendwann zu klein.“ Deshalb die Idee mit der Halle. 

Als Sechsjähriger mit Kampfsport begonnen

Seine Frau, eine Brasilianerin, sorgte für den passenden Namen. „Cantinho Da Luta“ ist Portugiesisch und bedeutet übersetzt in etwa „kleine Ecke zum Kämpfen“. „Wir wollten etwas, das nicht zu martialisch klingt“, betont Wüppenhorst. Er selbst begann schon als Sechsjähriger mit dem Kampfsport. Erst Judo beim SC Twistringen, dann Jiu Jitsu – da zählte er in Deutschland zu den Besten seiner Altersklasse, war mal Zweiter bei den Deutschen Meisterschaften und gehörte zum Bundeskader. 

Weil ihm beim Jiu Jitsu „die Schlaghärte fehlte“, fing er mit 18 noch mit dem Thaiboxen an. „Mehrere Sportarten parallel zu machen, war eigentlich schon immer mein Wunsch“, sagt Wüppenhorst. MMA, das Stile mit unterschiedlichen Schlag-, Tritt-, Bodenkampf- und Ringtechniken vereint, war und ist deshalb für ihn der perfekte Sport: „Das Faszinierende an MMA ist, dass man unendliche viele Kombinationsmöglichkeiten hat. Keine Technik ist unbesiegbar, es gibt immer einen Konter.“ 

Als die Sportart in den 90er- Jahren in den USA als Ultimate Fighting große Popularität erlangte und das Interesse der TV-Anstalten weckte, „gab es noch keine Gewichtsklassen, keine Runden und kein Zeitlimit. Damals war eher noch das Motto: Zwei gehen rein, einer kommt raus“, berichtet Wüppenhorst.

MMA kommt ohne übermäßige Gefahren aus

Inzwischen sei das Regelwerk „viel umfassender. Es wird mehr auf die Sicherheit der Kämpfer geachtet – dadurch hat der Sport nun mehr Anerkennung.“ Wüppenhorst weiß, dass es aber auch noch viele Zweifler und Gegner gibt. Denen gefalle vor allem nicht, dass der Kampf weitergeht, wenn einer am Boden liegt. 

Die Gefahren beim MMA seien trotzdem nicht viel größer als anderswo, findet der 40-Jährige, der in seiner fast 35-jährigen Kampfsport-Karriere einen Bänderriss, einen Trommelfellriss sowie ein paar Platzwunden und Verstauchungen („alles Kleinigkeiten“) davontrug: „Du siehst den Schlag, der dich umhaut und baust noch mal kurz Körperspannung auf. In anderen Sportarten wirst du von der Seite erwischt, bist unvorbereitet. Da ist das Verletzungspotenzial höher – sogar beim Fußball.“ 

Zudem gibt es gewisse Körperregionen, die nicht attackiert werden dürfen – und die Ringrichter achten laut Wüppenhorst penibel darauf, dass zum Beispiel Hebeltechniken sauber und nicht unkontrolliert ausgeführt werden. „Und wenn sich einer nicht mehr klar und intelligent verteidigen kann, wird abgebrochen. Insgesamt gibt es kaum Fouls“, urteilt er. 

Trainingsgruppe mit drei Einheiten pro Woche

Auch in seiner Trainingsgruppe – zu den drei Einheiten pro Woche kommen zwischen zehn und 20 ziemlich durchtrainierte Personen – achtet Wüppenhorst auf Fairness. Er ist gerade wieder dabei, an der Wettkampftauglichkeit der Athleten zu arbeiten: „Aber das machen wir langsam. Demnächst wollen wir mit ein paar Leuten an einem Turnier in Berlin teilnehmen.“ 

Eigene Veranstaltungen seien wegen des hohen organisatorischen Aufwands erst mal nicht geplant. Wüppenhorst, dessen Kinder Joshua (11/passionierter Fußballer) und Joela (9) mit Kampfsport wenig am Hut haben, hat andere Ziele und Träume. Dass MMA irgendwann mal olympisch wird. „Und dass wir einen Amateur-Weltmeistertitel nach Twistringen holen. Das wäre richtig schön.“

Zur Person: Lukas Menzel - erst mit dem Mofa zum Training, dann deutscher MMA-Meister

Es ist noch gar nicht so lange her, da fuhr Lukas Menzel (links auf dem Foto) regelmäßig aus Sudwalde mit dem Mofa nach Twistringen, um MMA zu trainieren. „Ich war gespannt, wie lange er das durchhält“, erinnert sich Ex-Coach Jens Wüppenhorst mit einem Schmunzeln. 

Lukas Menzel – erst mit dem Mofa zum Training, dann deutscher MMA-Meister.

Doch Menzel, damals als 17-Jähriger noch 115 Kilo schwer und nach eigener Aussage „stark übergewichtig“, blieb am Ball. Die Hartnäckigkeit zahlte sich aus. Menzel verlor Pfunde, baute Muskelberge auf (aktuell 95 Kilo) und wurde 2014 deutscher Amateur-Meister in der Klasse bis 90 kg. 

Es folgte der Wechsel in den Profibereich und später der Umzug nach Bremen, wo der 24-Jährige nun trainiert und in einer Firma als Systemadministrator arbeitet. Seine ersten zwei Kämpfe als Profi (hier bei der Serie „We love MMA“ gegen Saeed Younsi) verlor Menzel – doch sein Ehrgeiz ist ungebrochen. Er trainiert achtmal pro Woche und sagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, MMA nicht zu machen. Ich brauche das.“

MMA-Infos: „Mehrere Nationalitäten auf der Matte“

Die Sportart MMA hat in der öffentlichen Wahrnehmung nicht den besten Ruf, weil sie auch in der rechten Szene beliebt ist. Besonders in Ostdeutschland gibt es mehrere Veranstaltungen, die genau auf dieses Publikum abzielen. 

Jens Wüppenhorst weiß von den Tendenzen, distanziert sich aber klar und sagt: „Bei uns sind eigentlich immer mehrere Nationalitäten auf der Matte. Es gab noch nie ein Problem in dieser Hinsicht – auch nicht bei Wettkämpfen, an denen wir teilgenommen haben.“ 

Einige Veranstalter wie die von der Serie „We love MMA“, die am 29. Februar 2020 mit einem Kampfabend in Hannover gastiert, haben sich deutlich gegen Rechtsextremismus positioniert und achten bei der Auswahl ihrer Kämpfer darauf.

Frage und Antwort zu MMA

Was bedeutet MMA?

Die Abkürzung steht für Mixed Martial Arts (gemischte Kampfkünste). Die Kämpfer bedienen sich laut Wikipedia sowohl der Schlag- und Tritttechniken (Striking), des Boxens, Kickboxens, Taek-wondo, Muay Thai und Karate als auch der Bodenkampf- und Ringtechniken (Grappling), des Brazilian Jiu-Jitsu, Ringens, Judo und Sambo.

Woher kommt MMA?

Als Vorläufer kann man die Sportart Pankration bezeichnen, die in der Antike olympisch war – erlaubt waren dabei Schlagen, Treten und Ringen. „In Brasilien lebte es dann in den 20er-, 30er-Jahren wieder auf, in den Vale-Tudo-Kämpfen“, erzählt Jens Wüppenhorst, MMA-Trainer aus Twistringen. Die Organisation Ultimate Fighting Championship (UFC) machte den Sport Anfang der 90er in den USA berühmt. „In Deutschland ging es um 2005 mit Wettkämpfen los“, erzählt Wüppenhorst.

Was ist verboten?

„Finger in Augen, Nase oder Mund stechen. Die Wirbelsäule darf nicht attackiert werden. Auf dem Kopf gibt es einen etwa zehn Zentimeter breiten Streifen, ungefähr so wie ein Irokesenschnitt, der nicht bearbeitet werden darf“, erklärt Wüppenhorst grob, was nicht erlaubt ist. Kratzen, Beißen und Haareziehen gehören auch noch dazu.

Wie schützen sich die Kämpfer?

Sie tragen einen Mund-, einen Genital- und einen Faustschutz. Wüppenhorst: „Die dünnen Handschuhe sind vor allem dazu da, um die eigenen Hände zu schützen und Platzwunden zu vermeiden.“

Wie lange dauert ein Kampf - und wann ist er beendet?

Im Profibereich normalerweise drei Runden zu je fünf Minuten, bei Championships fünfmal fünf Minuten. Es gibt – wie beim Boxen – Punktrichter. Klassische Knockouts sind möglich, aber eher selten. Ein Kämpfer kann auf die Matte klopfen und dadurch aufgeben. Der Ringrichter zählt nicht an, kann den Kampf aber abbrechen.

Wer macht MMA?

Hauptsächlich Männer. „Der Frauenanteil ist verschwindend gering“, berichtet Wüppenhorst: „Das ist schade, aber oft mangelt es an Trainingspartnerinnen. Wenn Männer gegen Frauen kämpfen, gibt es manchmal ein paar Berührungsängste – von beiden Seiten.“ In seiner Gruppe ist eine Frau dabei.

Wie viel Show ist dabei?

Anders als beim Wrestling „werden die Kämpfe nicht abgesprochen. Wenn man sich auskennt, sieht man das“, betont Wüppenhorst. Abseits des Käfigs gibt es bei den Profis mittlerweile reichlich Entertainment – etwa von Conor McGregor, dem irischen Superstar (ist gerade schon zum zweiten Mal zurückgetreten). „Viel Trash-Talk, viel Show, um Tickets zu verkaufen“, sagt Wüppenhorst: „Das gehört inzwischen dazu, ich mag es aber nicht so.“

Warum sind die Kämpfe in einem Käfig?

„Vor allem, damit die Kämpfer nicht rausfallen“, sagt Wüppenhorst: „Und es sieht natürlich spektakulär aus.“ Den auch Oktagon (Achteck) genannten Käfig erfand die UFC. Es gibt auch Kämpfe in einem Ring.

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