Serie „Ungewöhnliche Sportarten“

Beim Parkour in Hoya zählt das Wir-Gefühl

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Zu schnell für die Kamera: Marvin Glück gibt die richtige Technik vor.

Wenn Steffen Tochtenhagen an die unkonventionelle Gründung der Sparte denkt, muss er lachen. Dabei wippt sein Piercing in der Unterlippe leicht.

Hoya - Von Daniel Wiechert. „Wir hatten eigentlich nur die Idee, ein einziges Mal etwas in der Halle mit Matten auszuprobieren, was man draußen jetzt nicht unbedingt auf Anhieb machen würde“, erinnert sich der 27-Jährige: „Aber irgendwie haben uns die Verantwortlichen beim TuS Hoya anscheinend falsch verstanden, sie haben uns direkt eine feste Hallenzeit gegeben.“ 

Zehn Jahre ist das etwa her. Parkour in Hoya gibt es immer noch. Nur ist die Sparte mittlerweile von der Knesehalle in die Sporthalle an der Rudolf-Harbig-Straße umgezogen. Ein Besuch. 

Die Halle kommt wie Tausende andere in der deutschen Fläche daher. Es riecht nach kaltem Schweiß, die Röhrenlampen unter der Decke tauchen die Szenerie in ein aschfahles Licht, die dunklen Holzvertäfelungen auf der Tribüne kommen altbacken daher.

Marvin Glück: Wie Fabian Hambüchens Bruder 

Tochtenhagen sitzt auf einer Bank, den Rücken durchgestreckt. Neben ihm hat Marvin Glück Platz genommen. Tochtenhagen nennt ihn schlicht „Marv“. Der „Marv“ hat hier mittlerweile den Hut auf, ist Spartenleiter und Trainer. Muskulöse Arme, breite Schultern, V-förmiger Oberkörper. Kurze blonde Haare, helle Augen. Glück sieht aus wie Fabian Hambüchens zehn Jahre jüngerer Brüder. Nur 20 Zentimeter größer. 

Alle packen mit an: Spartenleiter Marvin Glück hat eine Vorlage mitgebracht. Danach werden Sprungkästen, Stufenbarren, Turnböcke, Trampolin und Matten in der Halle aufgebaut. Der Trainingsparkour steht.

Parkour scheint den Körper zu stählen. Glück bestätigt das: „Es ist immer wieder verrückt, wie anstrengend es ist. Echt jetzt. Nur drei, vier Minuten über ein paar Kästen hüpfen – man denkt wirklich nicht, dass einen das so umhaut!“ 

Dabei ist die Grundidee der Trendsportart simpel. Es geht darum, mit der eigenen Körperkraft möglichst effizient ohne Umwege von Punkt A nach B zu kommen. Dabei gilt es, Hindernisse zu überwinden. „Man kann das aufs Leben beziehen“, erklärt Tochtenhagen: „Wenn du ein Problem hast – ein Hindernis – kannst du nicht davor stehen bleiben, sondern du musst es überwinden, immer weitermachen.“ 

Trend aus den Pariser Problem-Vororten

Tochtenhagen, der als Vollstreckungsbeamter in Sulingen arbeitet, will aber nicht zu philosophisch daherkommen: „Jeder hat seine eigenen Gründe, warum er es macht.“ Mit seinem Ansatz greift er den Ursprungsgedanken auf. Trendig wurde der Sport Anfang der Nuller-Jahre in den Banlieus; den Problem-Vororten von Paris. 

Jugendliche – meist lässig mit Kapuzenpulli, übergroßen Jogginghosen und Turnschuhen gekleidet – verwandelten Treppengeländer, Blumenkübel und Mauern in Turngeräte. „Die freie Art der Bewegung in einer urbanen Umgebung – das war das, was mich auf Anhieb faszinierte“, betont Tochtenhagen. 

Dabei spiele das Wir-Gefühl eine Riesen-Rolle: „Es geht darum, gemeinsam zu laufen, gemeinsam einen Weg zu finden, um ein bestimmtes Hindernis zu überwinden – nicht darum, dass am Ende irgendwo einer als Erster ankommt.“ 

Parkour hat nichts Halsbrecherisches

Waghalsige Sprünge von Dächern zu Dächern über tiefe Häuserschluchten, wilde Klettereien an turmhohen Kränen – wie die Sportart häufig in Kinofilmen dargestellt wird, habe wenig mit der Realität zu tun. „Parkour hat nicht dieses Halsbrecherische“, betont Glück. 

Dass auch die Profis auf Sicherheit bedacht sind, hat Tochtenhagen selbst erfahren. Bei einem Lehrgang in Braunschweig traf er vor einigen Jahren auf Größen der Szene. Beispielsweise Daniel Ilbaca. „Der Typ ist meine große Inspiration. Er ist einfach ein Brett. Bei ihm war es nie eine Mutprobe. Wenn du das Gefühl hattest, du kannst es nicht, dann hast du es auch gelassen. Weil es eben nicht darum geht, cool zu sein“, betont der 27-Jährige.

Sicherheit hat oberste Priorität

Gerade in Städten sei eine penible Vorbereitung Pflicht. „Da schaut man immer zuerst, ob hinter dieser oder jener Mauer vielleicht irgendwelche Scherben oder dergleichen liegen. Oder ob es feucht ist und deshalb eine Abrutschgefahr besteht.“ Diese Denkweise bläut er auch den Nachwuchssportlern in Hoya ein: „Ich bringe den Kids vier Grundregeln bei. Die erste ist Sicherheit. Die zweite: Achte auf dich selbst. Die dritte: Achte auf andere. Die vierte ist Sicherheit.“ 

Während Tochtenhagen und Glück oben auf der Tribüne sitzen und erzählen, hieven sieben Teenager Sprungkästen, Stufenbarren, Turnböcke und Matten vom Geräteraum in die Halle. Wenig später sind auch Trampolin und Sprossenwand einsatzfähig. Der Trainingsparkour steht. 

Trittsicherheit und vorausschauendes Denken sind stark gefordert.

Glück dreht die kniehohe Lautsprecherbox auf, Skatepunk dröhnt durch die Halle. Beim Aufwärmen wird „Mordball“ gespielt. Wer vom Softball getroffen wird, muss Übungen machen. Erst Kniebeugen. Später Liegestütze. Der Schweiß fließt. Wenig später springen die Teenager die Hallenwand hoch, hangeln sich am Geländer die Tribüne hinauf. Von dort geht es abwärts auf eine Matte.

Einige Sprungtechniken gehören zur Grundausrüstung

Jeder Muskel scheint im Einsatz zu sein. Jeder gibt den anderen Hilfestellungen, alle freuen sich über die Fortschritte des anderen. Glück und Tochtenhagen geben stets Tipps. „Es gibt ein paar Sprungtechniken, die bringen wir den Kids grundsätzlich bei, weil es einfach die Basics für Parkour sind“, sagt Tochtenhagen. 

Dazu zählt die Roulade: „Das ist der Klassiker. Das sanfte Abrollen nach einem fetten Sprung.“ Auch hier fällt der Sicherheitsaspekt wieder ins Gewicht. „Es geht darum, die Energie nicht nach unten, sondern nach vorne wegzulenken“, betont Glück. Und Tochtenhagen stellt klar: „Sicheres Fallen ist das erste, was man lernt.“

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