Amerika im Ausnahmezustand – Auswanderer Esche lebt dennoch seinen American Dream

Schöne neue Fußballwelt

Als Trainer sucht Tobias Esche (li.) sein Fußballglück in den USA. Nach Wochen der coronabedingten Unsicherheit nimmt nun langsam alles wieder Fahrt auf: „Es ist wunderschön, dass ich jetzt wieder einen Fußballalltag habe.“  
Foto: Esche
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Als Trainer sucht Tobias Esche (li.) sein Fußballglück in den USA. Nach Wochen der coronabedingten Unsicherheit nimmt nun langsam alles wieder Fahrt auf: „Es ist wunderschön, dass ich jetzt wieder einen Fußballalltag habe.“ Foto: Esche

New Jersey/Rehden – Zweimal bleibt die Leitung tot. Es ist drei Minuten nach der vereinbarten Zeit. Ungewöhnlich für Tobias Esche. Äußerst unüblich sogar. Als er kurz darauf abnimmt, schnappt er nach Luft. Noch seltsamer. Jener 29-Jährige – dem auf dem Platz alles immer so leicht zu fallen schien, der aufgrund seiner Antizipation und seines Stellungsspiels gefühlt immer weniger Kilometer als seine Kollegen abreißen musste – ist außer Puste? „Ein Müllwagen brennt in meiner Straße“, erklärt Esche die klitzekleine Verspätung und den erhöhten Puls: „Jetzt ist aber die Feuerwehr da.“ Die Alarm-Anekdote passt. Amerika ist im Ausnahmezustand. Und Esche mittendrin. Der Ex-Verteidiger des BSV Rehden wanderte aus, sucht sein Fußball- und Lebensglück in den Staaten.

Als Tobias Esche am 17. Februar in den Flieger Richtung USA steigt, ist die Welt noch nicht aus den Fugen geraten. In den USA gibt es wenige bestätigte Covid19-Infektionen. „Wenn man 15 Fälle hat – 15 Fälle, da sind wir in wenigen Tagen runter auf fast null. Da haben wir ziemlich gute Arbeit geleistet“, meint US-Präsident Donald Trump. Und das selbsternannte „Stable Genius“ führt aus: „Normalerweise verschwindet das Virus im April.” Auch in Deutschland läuft alles in geregelten Bahnen. Die Leute fahren in den Schnee, feiern munter beim Apres Ski. Insofern verwundert es nicht, wenn Esche im Rückblick sagt: „Ich habe zu dem Zeitpunkt tatsächlich überhaupt nicht dran gedacht, dass man am Ende nicht mehr einwandern kann.“ Mittlerweile gibt es einen Visa-Stopp: „Daher kann man schon sagen, dass ich Glück gehabt habe.“

Die ersten Tage in seiner neuen Wahlheimat New Haven „fühlten sich wie Urlaub an“, meint Esche: „Dann habe ich angefangen, mich ein bisschen zu settlen.“ Dazu gehörte ein Autokauf: „Ich habe ganz klassisch bei Ebay-Kleinanzeigen geschaut, und dann auf irgendeinem Parkplatz das Auto übernommen.“ Seitdem düst er in einem silbernen 2002er BMW durch die Gegend: „Sch��n mit Heckantrieb; da kann man auch mal Spaß haben, wenn es regnet.“

Platz auf den Straßen hat er zu genüge. Schließlich geht es wenige Wochen nach seiner Ankunft in den Lockdown. „Es wurde empfohlen, nicht mehr rauszugehen, die ganzen Restaurants waren zu. Man durfte rausgehen zum Spazierengehen und zum Einkaufen.“ Auf den Straßen der 130 000-Einwohner-Stadt an der Ostküste herrscht gespenstische Leere.

Leer ist zu der Zeit auch Esches Terminkalender. Kurz vor dem Lockdown hatte er noch ein Probetraining beim Zweitligisten Hartford Athletic. „Dann kam Corona – und sie hatten wohl kein Budget mehr. Ein richtiges Feedback habe ich gar nicht bekommen.“ Dann ein gesundheitlicher Niederschlag: „Ich weiß nicht, ob ich Corona hatte. Auf jeden Fall war ich ziemlich krank.“

Klingt bisher nach American Horror Story. Ist es aber nicht. „Jetzt gerade fühlt sich alles richtig gut an“, betont Esche: „Es ist wunderschön, dass ich jetzt wieder einen Fußballalltag habe.“ Er ist Assistenzcoach an der Quinnipiac University, trainiert zwei Jugendteams beim Cheshire SC, gibt Einzelstunden und ist auch beim „The Fussball Project“ aktiv. Dieses hat Evin Nadaner gegründet, Esches Ex-Mitspieler beim BSV Rehden. Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, Spieler nach Europa zu bringen; veranstaltet auch Fußball-Jugendcamps.

Alles nimmt Fahrt auf, die ersten Schritte zu Esches American Dream – als hauptberuflicher Fußballcoach zu arbeiten – sind gemacht: „Das war ja einer der Hauptgründe, warum ich gegangen bin. Ich möchte einfach das machen, was ich gerne mache, was ich liebe. Und das ist hier für mich möglich.“

Für Esche war der Sprung über den großen Teich kein Sprung ins kalte Wasser. Er war bereits von 2012 bis 2017 in den USA, baute dort an der Universität seinen Master of Business Administration, lernte seine jetzige Ehefrau Hailey Wyatt kennen und machte erste Erfahrungen mit den anderen Fußballstrukturen. „Man muss sich das so vorstellen: Die Kids spielen hier Lacrosse, spielen Baseball, spielen Basketball, spielen Football, spielen Fußball.“ Überall wird mal hineingeschnuppert: „Somit bist du immer im Konkurrenzkampf mit anderen Sportarten.“ Anders als in Europa oder Süd- und Mittelamerika habe der Fußball nicht den Rang eines Volkssports inne. Das hat auch monetäre Gründe. „Fußballspielen kostet hier pro Saison pro Kind schnell mal 1 500 bis 2 000 Dollar. Damit werden die Trainer, die Spielflächen bezahlt. In der Regel kommt dann noch extra die Ausrüstung hinzu.“

Das erste Rüstzeug zum Coach hatte sich Esche schon in Deutschland angeeignet. Er besitzt die Trainer-B-Lizenz, überlegt, diese künftig noch in die DFB-Elite-Jugend-Lizenz aufzustocken. „Und ich werde auf jeden Fall auch anfangen, hier die Scheine zu sammeln.“ Dies sei zwar keine zwingende Voraussetzung: „Am Ende gilt aber: „Haben ist besser als brauchen.“

Von Daniel Wiechert

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