LOST PLACES Gessels Fußballer erst auf dem Heidberg, dann im „Spreeken“ – und nun „daheim“

Schöne „dritte Halbzeiten“ im Bauwagen

Ruhe vor dem nächsten Heimspiel: Die Zuschauer strömten in Scharen auf den Leerßer Heidberg, berichtet die Vereinschronik. Repro: Krüger / FOTO FC Gessel-LEERßen
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Ruhe vor dem nächsten Heimspiel: Die Zuschauer strömten in Scharen auf den Leerßer Heidberg, berichtet die Vereinschronik. Repro: Krüger / FOTO FC Gessel-LEERßen

Gessel/Leerßen – Einst trugen die Fußballer des FC Gessel-Leerßen ihre Heimspiele am Heidberg sowie im „Spreeken“ aus. Beide Plätze gehören mittlerweile der Vergangenheit an. Doch die Erinnerungen sind für Abteilungsleiter Edgar Rademacher immer noch frisch. Ein Rückblick ...

  • Schafe und Gänse erobern sich den „Spreeken“-Platz zurück.
  • Heidberg lag auf einer aufgefüllten Sandkuhle.
  • Neue Spielstätte ist jetzt das Karl-Heinz-Hayer-Stadion.

Aus Richtung Barrien, auf der Straße nach Leerßen, geht‘s kurz hinter dem „Spreekenhoff“ links ab in den Wald. Die letzten Meter vom matschigen Wirtschaftsweg zum noch immer satten Grün sind nur zu Fuß zu schaffen und führen durch ein Dickicht an Bäumen und Buschwerk. Ein paar bauliche Überreste deuten noch die Richtung an, in der früher mal die Seitenlinie verlaufen sein muss: Eine Bank ist von Moos überzogen, aber noch einigermaßen erhalten. Probesitzen? Eher was für Leichtgewichte – und dann auch noch die der mutigen Art. Bei der nächsten hat sich die Natur das Holz der Sitzfläche schon weitgehend zurückgeholt – durch jahrelangen Verwesungsprozess. Und von der dritten ist nur noch der Beton der Füße übrig. Hier, im „Spreeken“, befand sich einst das bereits zweite sportliche Domizil des FC Gessel-Leerßen. „Es war ein wunderbar gelegener Platz, und wir hatten hier eine schöne Zeit“, sagt Fußball-Abteilungsleiter Edgar Rademacher mit versonnenem Blick über seine aktiven Zeiten als Torwart des FC in der 1. Kreisklasse.

Von Mitte der 70er- bis in die 90er-Jahre trug der Verein auf dieser idyllischen Lichtung seine Heimspiele aus. Später weideten Schafe auf dem Rasen, „jetzt laufen da im Sommer Gänse drauf herum“, schildert Rademacher.

„Der Platz war gut – auf einer aufgefüllten Sandkuhle.“

Doch immerhin ist hier noch „tierisch“ was los. Auf dem legendären Heidberg hingegen, wo 1950 Gessels Fußball-Historie mit Rodungsarbeiten in Eigenregie durch die Mitglieder begann, „siehst Du nichts mehr von einem Fußballfeld“, fasst der 67-Jährige den Abriss des kleinen Häuschens mit zwei Kabinen und die Abgabe des Areals zur Aufforstung zusammen. Auch hier hatte er noch gespielt. „Der Platz war gut – auf einer aufgefüllten Sandkuhle. Da floss das Wasser richtig ab, sodass man da auch im Winter drauf spielen konnte. Und er war schön kurz“, nennt der frühere Schlussmann die Vorteile des Terrains: „Da kam ich mit einem Abschlag bequem von Tor zu Tor.“ Ein Treffer oder wenigstens eine Vorlage sei ihm trotzdem nicht gelungen. Vielleicht lag‘s auch daran, dass der Rasen alles andere als kurz war, wie aus den Geschichtsbüchern des Vereins hervorgeht. Oft hätten die Fußballer vergeblich auf den „Balkenmäher“ gewartet, sodass der Ball manchmal in den hohen Halmen nicht zu sehen war.

Trotzdem: Die Zuschauer aus Gessel und Leerßen liebten den Heidberg und strömten in Scharen zu den Heimspielen. Gern denkt der Spartenchef, der 1973 der Liebe wegen nach Leerßen zog und von der TSG Osterholz-Gödestorf zum FC wechselte, an rassige Derbys wie die gegen den TVE Nordwohlde zurück. „Aber mit einer dritten Halbzeit war‘s da oben nicht weit her.“

Probleme mit dem Bauamt gab es nicht, denn das wurde gar nicht erst gefragt.

Aus der Chronik des FC Gessel-Leerßen zum Bau des kleinen Umkleidehäuschens auf dem Heidberg.

Zwar hatten die Mitglieder schon recht früh ein Umkleidehaus errichtet („Probleme mit dem Bauamt gab es nicht, denn das wurde gar nicht erst gefragt“, heißt es dazu in der FC-Chronik), doch „zum Duschen fuhren wir dann mit dem Fahrrad oder Auto wieder runter“, berichtet Rademacher. Erst zweieinhalb Kilometer weiter, im Gesseler Kindergarten, ging‘s unter die Brause.

Zu Beginn der 70er-Jahre zeichnete sich ab, dass sich die FC-Kicker diesen umständlichen Weg sparen konnten. Denn der Verein wuchs nicht nur um neue Sparten wie Korbball, Badminton, Tischtennis, Turnen und Tanzen – auch die Fußballer bekamen weiteren Zulauf. „Unter anderem hatte sich eine komplette Mannschaft aus Bremen bei uns angemeldet, die in ihrer Stadt nicht mehr zufrieden war“, berichtet Rademacher. Zudem gründete sich 1972 ein Frauenteam, für das seine Frau Waltraud stolze 19 Jahre lang spielte und unter anderem zwei Kreispokale holte.

1973 enstand der neue Sportplatz im „Spreeken“

So viele Aktive sollten dann auch bitteschön zentraler im Ort trainieren und spielen dürfen. Also entstand ab 1973 der neue Sportplatz im „Spreeken“ – wieder in reichlich Eigenarbeit durch die Mitglieder, die erneut Bäume roden und alles einebnen mussten. „Einige von denen, die das schon auf dem Heidberg mitgemacht hatten, waren natürlich nicht allzu begeistert“, weiß der heutige Ruheständler.

Zusätzlichen Boden spendierte die Stadt Syke – doch genau dieses Material brachte seine Probleme mit: „Das war alles ziemlich lehmig“, schildert der Fußball-Chef des FC: „Im Sommer immer zu trocken und im Winter immer glitschig.“ Die Massen an nassem Laub von den Bäumen ringsherum leisteten einen weiteren Beitrag dazu, dass das Geläuf unberechenbar blieb.

Als die Masten in die Jahre gekommen waren, traute sich kaum noch einer rauf, wenn was repariert werden musste.

Abteilungsleiter Edgar Rademacher über das Flutlicht im „Spreeken“.

Dafür gab‘s jetzt Flutlicht. „Die alten Gittermasten müssten von der Bundesbahn gekommen sein“, schätzt Rademacher. „Als die dann in die Jahre gekommen waren, traute sich da kaum noch einer rauf, wenn mal was an den Leuchtkörpern repariert werden musste.“

Geduscht und umgezogen wurde sich weiter im Kindergarten, ein richtiges Domizil auf der Sportstätte selbst fehlte den Akteuren jedoch. Das änderte sich dank Helmut Reinhardt: „,Charly‘ hatte einen alten Bauwagen organisiert, der seitdem am Spielfeldrand stand“, erzählt der frühere Keeper: „Das Ding hatten wir mit Tischen, Stühlen und einem Kühlschrank ausstaffiert. Danach konnte es da drinnen schon mal länger dauern . . .“

Mit teils schmerzhaften Folgen, wie er in Erinnerung an einen unsanft beendeten Heimweg mit dem Rad einräumt.

1995 wird das Karl-Heinz-Hayer-Stadions eröffnet

Alles vorbei – nur nicht mit dem FC Gessel-Leerßen, der weiterhin große Pläne hat. Die drehen sich allerdings nicht etwa um einen erneuten Umzug, betont der zweite Vorsitzende des Gesamtvereins, während er im schmucken Clubheim des 1995 eingeweihten Karl-Heinz-Hayer-Stadions betont: „Hier gehen wir nicht wieder weg!“, sagt der Mann, der seit 35 Jahren ununterbrochen verschiedene FC-Teams trainiert.

Wer hier herkommt und die Heimspiele der „Ersten“ in der 1. Kreisklasse anschaut, fühlt sich auf Anhieb wohl – ob nun mit dem FC-Gessel-Leerßen-Schal oder als Gäste-Fan.

Die Mitglieder dürfen stolz sein auf die Anlage mit ihren zwei Plätzen und dem Hauptgebäude, an das demnächst ein Bewegungszentrum – unter anderem für die Gesundheitssportler – angebaut werden soll. Zurzeit fehlt noch eine ziemlich stattliche Summe zur Gegenfinanzierung – doch auch dieses Problem werden die Gesseler und Leerßer notfalls wieder mit noch mehr Eigenleistung stemmen. Wie damals auf dem Heidberg, später im „Spreeken“ und in den 90ern für ihr jetziges sportliches Zuhause.

Karl-Heinz-Hayer-Stadion – Treffpunkt im Ort

Der Sportplatz im Gesseler „Spreeken“ war kaum eingeweiht, da beschloss der Vorstand schon fünf Jahre später, genauer gesagt 1978, den Bau einer neuen Anlage – wegen der widrigen Platzverhältnisse im „Spreeken“. Es dauerte aber noch lange, ehe die Politik die Zuschüsse gewährte. Höhepunkt der Verhandlungen: eine Demonstration vor dem Syker Rathaus am 26. Juni 1992.


Doch dann ging es endlich los. Auch bei diesem Bauvorhaben packten die Mitglieder in unzähligen Arbeitsstunden mit an. Ihr Lohn: Das Karl-Heinz-Hayer-Stadion, benannt zu Ehren des ehemaligen ersten Vorsitzenden, und seine Gebäude passen bis heute schön ins Ortsbild und sind mehr als nur zweckdienlich. Es ist ein zentraler Treffpunkt des Vereins in Form eines Clubheims. „Hier gibt es – mal abgesehen von diesen Corona-Zeiten – Feiern, wir können am Fernseher Fußball gucken und unsere Sitzungen abhalten“, verdeutlicht der zweite Vorsitzede Edgar Rademacher mit Blick auf das Haupthaus, mit dessen Bau die Gesseler 1996 begannen. Und jetzt ist eine Erweiterung geplant – in Form eines Bewegungszentrums.

Elf Freunde auf legendärem Grund: Die erste Männermannschaft des FC Gessel-Leerßen von 1959. Die langen Halme lassen erahnen, dass der Platz auf dem Heidberg alles andere als kurz geschoren war. Repro: Krüger
„Hier gehen wir nicht wieder weg!“ Spartenleiter Edgar Rademacher ist stolz auf das, was die Mitglieder in den 90ern ehrenamtlich beim Bau der Plätze und des schmucken Vereins- und Funktionsgebäudes im Gesseler Ortskern geschaffen haben.
Ruhe seit Jahrzehnten: Der Platz wich der Wiederaufforstung – mit Wildfangzaun statt Ballfangzaun. Die stärksten Birken am Spielfeldrand überlebten.

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