Slighten, Schaukeln, Durchstarten: Reisekrank bei Riedemanns Rallye-Testfahrt

Mit 170 Sachen im „Tiefflug“ über den alten Fliegerhorst

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Los geht's: Christian Riedemann steigt in den Boliden, beäugt von einem Mechaniker. ·

Ahlhorn - Von Cord Krüger. Bisher hielt ich mich ja für immun gegen Reisekrankheiten jeglicher Art. Ob Turbulenzen im Flieger, spätherbstliche Seereisen (wenn auch nur bis Helgoland) oder Kirmes-Besuche mit übermütigem Einsteigen in die neuesten Karussells – alles okay.

Es musste also erst die Einladung von Christian Riedemann kommen, mal ins Cockpit seines Citroën zu steigen. Der Rallye-Pilot aus Sulingen schaffte es schnell, dass meine Magenwand Beifall klatschte. Immerhin habe ich nichts im Innenraum des deutschen Rallye-Vizemeisters von 2012 hinterlassen. Und die zwei Runden auf einem Rundkurs am Rand des einstigen Fliegerhorsts Ahlhorn haben trotzdem Riesenspaß gemacht.

Angst wäre mit einem wie Christian Riedemann ohnehin unbegründet. Seit seinem fünften Lebensjahr gibt er Gas – damals noch im Kart-Slalom. „Das ist das Richtige, um sauberes Fahren zu lernen“, sagt der heute 26-Jährige. In seiner nun bereits achten Rallye-Saison will er im 210 PS starken Citroën DS3R3 wieder „die Großen ärgern und Etablierte wie Porsche, Mitsubishi und Subaru hinter uns lassen“. 2012 funktionierte das fulminant – in Form des deutschen Meistertitels in der Klasse mit Zweirad-Antrieb und Platz zwei in der Gesamtwertung. Vergangenes Jahr fuhren er und seine Co-Pilotin Lara Vanneste um die WM mit – und wurden Vierte. Jetzt geht das Duo in sein drittes Jahr. Riedemann weiß, was er an der Belgierin hat: „Frauen sind organisierter. Hinzu kommt, dass Lara in der aktuellen Rangliste die zweitbeste Beifahrerin ist. “

Und wohl eine der zierlichsten, denn als ich mich durch den Überrollbügel in ihren unverschämt schmalen Sitz stopfe, ächze ich. Es passt gerade so – doch wenig später weiß ich den Halt in der Hartschale zu schätzen. „Hier ist der Start“, warnt Riedemann beim Heranrollen an die ersten Hütchen. Dann tritt er drauf – nur für ein paar Sekunden, ehe wir mit mehr als 100 Sachen die erste Kurve ansteuern. Harte Bremsung, die Gurt-Riemen pressen meine Lungen zusammen, mein Kopf samt sperrigem Helm fliegt nach rechts. Reflexiv trete ich den rechten Fuß durch, muss aber feststellen, dass das kein Fahrschulauto ist und ich kein Bremspedal habe. Als ich mich wieder gefangen habe, liegt der 90-Grad-Richtungswechsel längst hinter mir. Aufrichten, nach vorn sehen – und schon fliegen wir zwischen der alten Luftwaffen-Werfthalle und einigen Paletten in die nächste Kurve. Das Heck bricht aus, ich kralle mich an die Stahlverstrebung im Inneren. „Dieses Slighten kostet natürlich Zeit“, erklärt Riedemann über den Bordfunk. Aha. Dabei kann er so viel nicht eingebüßt haben, denn als der Citroën aus der Kehre schießt und den langen Schotterwall neben der anscheinend immer schmaler werdenden Strecke im Tiefflug links liegen lässt, „haben wir so 160 oder 170 km/h drauf“, schätzt der Pilot mit Blick auf den Drehzahlmesser. 5 700 zeigt das Display an – „mehr braucht man bei der Turbo-Maschine nicht“, erläutert der 26-Jährige, ehe er erneut den Anker auswirft und das Lenkrad herumreißt. Angesichts der Schräglage ahne ich, dass wir jetzt nur auf den rechten zwei Reifen unterwegs sind. Wieder in der Horizontalen, fliegen alte Flugzeug-Hangars und Shelter an mir vorbei – so verzerrt, als ob ich durch eine Flasche sehe. Riedemann hingegen hat alles im Blick. Einerseits die Leuchtdioden rechts neben ihm als Signale, wann er am schlichten Schalthebel-Rohr reißen muss. Andererseits den älteren Mercedes, der plötzlich aus einer Hallenschlucht direkt auf den Parcours zuckelt. Nächste Vollbremsung, neue Druckstellen am Brustkorb, kurzer Angstschweiß-Schub aus Poren, die ich vorher nicht kannte. „Das war nicht geplant“, sagt der 26-Jährige cool – und nähert sich der Start-Ziel-Linie. Ende der ersten Runde – aber keine Chance zum Durchpusten. Die nächste Beschleunigung lässt den Helm samt Nacken wieder in die Lehne krachen. Riedemanns Genick und der Rest seines drahtigen Körpers sind trainierter – das kommt nicht von ungefähr: „Zweimal pro Woche Fitness-Studio und zwei Mal pro Woche Laufen – das muss schon sein“, nennt er sein Pensum, das er zurzeit nach Feierabend und vor der Metallbau-Meisterschule erfüllen muss. „Anders hält man solche Rallyes wie in Portugal oder Italien bei 30 Grad Außentemperatur und 50 Grad im Cockpit nicht durch.“

Verständlich, dass der Wahl-Oldenburger dieses Wetter nicht jedes Mal haben muss. Aber komplette Regenrennen müssen auch nicht sein. „Am liebsten sind mir Mischverhältnisse – da haben wir die Allradler schon ein paar Mal geärgert.“ An solchen Tagen liebt Riedemann diesen knochenharten Sport besonders – und nimmt selbst Rückschläge wie den Ausrutscher im letzten Herbst auf matschiger Strecke mitten in irgendwelchen Weinbergen in Kauf. „Es war ja erst der zweite Unfall in sieben Jahren Rallye…“

Klar, dass sich der gelernte Industriemechaniker und Kfz-Mechatroniker bei dieser Quote bestens als Botschafter von Dekra und Verkehrswacht eignet, für die er regelmäßig in Berufsschulklassen vor Fahranfängern referiert. „Ich bin schon ein Fan von Auto-Tuning – aber bitte richtig. Da komme ich vielleicht besser bei den Jugendlichen rüber als ein älterer Herr. Und die Leute sollen während der Fahrt nicht wie ein Schluck Wasser in der Kurve hängen.“ Ich nicke, habe da aber schon reichlich schief im Gurt gehangen. Beim Aussteigen ist mir blümerant. Kaum zu glauben, dass Piloten wie Christian Riedemann an Renntagen „länger im Auto als irgendwo draußen“ sind. Wenn jedoch eine Service-Pause ansteht, dürfen er und Co-Pilotin Vanneste etwas ausspannen. Dann arbeitet das Team – von Achswechseln bis hin zur Radwechsel-Routine. 24 Spezialreifen zum Preis von je 280 Euro gehen an einem WM-Wochenende drauf, das insgesamt 30 000 Euro verschlingt – weitere Materialkosten und 40 Liter dieses 5,20-Euro-Spezialsprits pro 100 Kilometer inklusive. Und das alles ohne Preisgelder – „die gibt es bei uns gar nicht“, sagt der Sulinger. Die Kosten kommen über Sponsoren rein. Und Riedemann hofft, dass das lange so bleibt: „Es gibt ja Fahrer, die bis Ende 30 noch Höchstleistung bringen“, sagt der 26-Jährige, „manche sogar bis Mitte 50. Das Wichtigste ist, dass die Augen mitmachen – deshalb hören die meisten auf.“ Riedemanns Reflex bei der Begegnung mit dem alten Daimler auf dem Kurs nährt die Hoffnung auf viele weitere unfallfreie Jahre.

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