Weyherin Elke Seeliger schießt bei den Paralympics – und wünscht sich den Tunnel-Effekt

„Das ist ein riesiger Spagat“

Elke Seeliger geht gleich bei zwei Wettbewerben in Rio an den Start. Auf Luftgewehr 10 Meter (Donnerstag um 12.30 Uhr/MESZ) folgt am 13. September um 13.30 Uhr noch 50 Meter Luftgewehr.

Sudweyhe - Von Daniel Wiechert. Burkard Seeliger löst die Bremse am Rollstuhl seiner Ehefrau, schiebt sie weg vom Schießstand in eine ruhige Ecke. „Nach einem Wettkampf bin ich fix und foxi, da geht gar nichts mehr“, sagt die Sportschützin Elke Seeliger. Oft werde sie kurz danach angesprochen – kann sich später aber gar nicht mehr an die Gesprächsinhalte erinnern. „Ich bin dann immer noch total im Tunnel. Das ist aber auch gut so. Denn dann weiß ich, dass ich drin war im Wettkampf, dass es lief.“ Das ganze Drumherum ausknipsen, sich auf das Wesentliche konzentrieren. Darum geht auch am Donnerstag, wenn die 44-Jährige aus Weyhe-Jeebel in Rio schießt. Bei den Paralympics.

Seeliger auf der größtmöglichen Bühne ihres Sports. Irreal für sie selbst. Obwohl sie in den vergangenen anderthalb Jahren bei Weltcups Medaillen gesammelt hat. Diese Höhepunkte kommen zeitverzögert bei ihr an. „Erst, wenn ich dann wieder zu Hause mit Familie und Freunden auf dem Sofa sitze und die Medaillen in den Händen halte, dämmert mir, was ich da eigentlich verzapft habe.“ Verzapft ist gut – vielmehr hat Seeliger mit Siegen bei internationalen Wettkämpfen in Fort Benning (USA) und Bangkok (Thailand) bewiesen, dass sie zu den Besten ihres Faches gehört.

Über etwaige Medaillenchancen in Rio möchte sie trotzdem nicht reden: „Ich darf dort dabei sein! Damit ist mein Ziel erreicht.“ Das Feld bei den Paralympics liege leistungsmäßig extrem eng beieinander. Und dann gebe es noch Nationen, die sich bedeckt hielten. „Nachdem die Chinesinnen ihre Quotenplätze erreicht hatten, haben wir sie nie wieder auf internationalen Wettkämpfen gesehen.“ Die Schützinnen aus der Volksrepublik werden perfekt vorbereitet sein, glaubt Seeliger: „Das sind eben extrem fleißige Bienchen.“ Die 44-Jährige steigert sich nicht in einen Erwartungsdruck hinein, sie will das Abenteuer genießen. Schließlich sei es eine einmalige Geschichte. „Als Fußgänger hätte ich es nicht nach Rio geschafft“, betont sie.

Fußgänger, so bezeichnet sie die Zeit, als sie noch ohne Handicap durchs Leben ging. Sie war eine starke Schützin, nahm an Deutschen Meisterschaften teil. Bis sie Ende 2013 Probleme bekam. „Warum torkelst du immer so?“, habe ihr Mann sie gefragt: „Ich bin jeden Tag mit meinen Hunden zehn Kilometer gelaufen. Doch plötzlich habe ich immer Ausfallschritte gemacht, bekam schließlich meine Beine nicht mehr voreinander.“ Ein Ärzte-Marathon begann, bevor die Diagnose stand: Syringomyelie. Eine Nervenerkrankung im Rückenmark.

Der Sport war ihr in dieser Zeit eine Stütze. Noch im August 2014 „habe ich mit der Krankheit bei den Deutschen Meisterschaften der Gesunden mitgeschossen“, erinnert sie sich: „Mein Mann hat mich mit dem Rollstohl vorgefahren und mich am Schießstand richtiggehend hingestellt.“ Sie benötigte diesen Abschluss für sich selbst: „Zwei Tage danach habe ich mich für den Behindertensport klassifizieren lassen.“

Seeliger musste sich neu erfinden. In ihrem Sport, mit dem sie als 15-Jährige im Schützenverein begonnen hatte. „Ich musste alles neu lernen. Es ging vor allem darum, den Gleichgewichtssinn von den Füßen – salopp gesagt – in den Arsch zu bekommen. Ich bin der Meinung, dass das Schießen für Menschen mit einer Behinderung deutlich schwieriger ist.“

Im Rekordtempo schoss sie sich jedoch auch hier in die deutsche Elite. Es war ihr eine Freude. „Ich bin einfach froh, dass ich diesen Sport habe“, sagt Seeliger: „Ich bin einfach nicht der Typ, der auf dem Sofa sitzen und nichts tun kann.“

Vor dem Fernseher werden am Donnerstag Freunde, Familie und Mannschaftskollegen sitzen. Bereits um 8.30 Uhr Ortszeit (12.30 MESZ) beginnt ihr erster Wettkampf, Luftgewehr 10 Meter. „Und wir müssen vorher noch zwei Stunden mit dem Bus fahren“, ächzt Seeliger, die deshalb auf die Eröffnungsfeier am Vortag verzichtet. Einerseits freut sie sich auf den Austausch mit den 155 deutschen Spitzenathleten, auf interessante internationale Gespräche, auf den Flair der Spiele. Andererseits fliegen auch Ängste mit nach Rio. „Wird alles barrierefrei sein? In welchem Zustand sind die Sanitäranlagen? Schaffe ich das alles gesundheitlich? Denn es ist so, dass ich wirklich extrem stark auf meinen Körper hören muss.“ Am Zuckerhut fehlt ihre größte Stütze, ihr Ehemann Burkard. „Ich mache das nicht beruflich. Und alles kostet viel Geld“, erklärt sie: „Das ist alles ein riesiger Spagat.“ Und dennoch: „Meine Familie macht sich viel mehr Sorgen. Ich werde das alles einfach genießen.“ Dabei sein ist alles. Bei Elke Seeliger keine leeren Worthülsen.

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