Helene-Fischer-Show statt Stadionbesuch

Revierderby-Experte Ingo Anderbrügge: „Schalke kann Dortmund bremsen“

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Ingo Anderbrügge bei seinem Schalker Siegtor im Revierderby 1997.

Gelsenkirchen - Von Malte Rehnert. Nein, es ist kein Zufall. Die Handynummer von Ingo Anderbrügge endet auf 04, das hat er sich vor 30 Jahren genau so ausgesucht. Er trage den Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04 eben „tief im Herzen“, sagt der 54-Jährige.

Vor seinen zwölf Jahren in Gelsenkirchen spielte der Mann mit der linken Klebe für den Erzrivalen Borussia Dortmund – und damit ist er vor dem Revierderby am Samstag (15.30 Uhr) auf Schalke der perfekte Experte. Im Interview mit dieser Zeitung spricht Anderbrügge auch über Dortmunds Meisterchancen, den Stolz seines Vaters und Jens Lehmanns legendäres Kopfballtor 1997.

Schalke gegen Dortmund, das große Duell der beiden Clubs, für die Sie als Profi gespielt haben. Wo werden Sie das Derby erleben?

Ingo Anderbrügge: Ich bin nach langer Zeit bei diesem Spiel mal nicht im Stadion. Schon seit Monaten habe ich Karten für die Weihnachtsshow von Helene Fischer, die am Samstag in Düsseldorf aufgezeichnet wird. Da gehen wir schon seit fünf Jahren hin. Freunde von uns spielen in der Band – und daher nutzen wir das Wochenende für ein Wiedersehen.

Sie kennen beide Ruhrpott-Rivalen bestens. Was wird das für ein Derby?

Anderbrügge: Solche Spiele sind immer brisant, das ist klar. Egal, auf welchem Tabellenplatz die Clubs stehen. Jeder kann gewinnen – der Sieger nimmt über Weihnachten und die Winterzeit eine schöne Stimmung mit.

Anderbrügge als junger Spund (1986) im Trikot von Borussia Dortmund.

Wird Schalke die erste Mannschaft sein, die Dortmund in dieser Saison schlägt?

Anderbrügge: Warum nicht? Dortmund spielt eine grandiose Hinrunde. Aber Schalke hat sich nach dem schwachen Start gefangen – und kann nun Dortmund und die Euphorie dort ein wenig bremsen.

Es sind aber mehrere Stürmer verletzt, zudem gelangen erst mickrige 14 Treffer in dieser Saison. Wer also soll Schalkes Tore schießen?

Anderbrügge: In der momentanen Situation erwartet niemand von Schalke ein 5:1. Es reicht doch schon ein 1:0. Und das ist immer möglich. Daniel Caligiuri spielt zum Beispiel wieder stark, Guido Burgstaller ist immer für ein Tor gut. Und ich kann mir auch vorstellen, dass Schalke bald zur Standard-Stärke der Vorsaison zurückfindet.

Vergangene Saison Vizemeister, aktuell nur Zwölfter. Was macht Schalke falsch?

Anderbrügge: Die Begeisterung ist genauso da wie im Vorjahr, das kann man sagen. Es liegt an Feinheiten. Sie sind noch nicht so konstant, haben die perfekte Formation bisher nicht gefunden. Zudem war die Abwehr vergangene Saison total eingespielt – und Naldo als Chef im vierten Frühling. Schalke steht zwar inzwischen wieder gut, es ist aber schon noch ein Unterschied.

Was ist für die Königsblauen in dieser Saison noch drin?

Anderbrügge: Keiner ist zu euphorisch und guckt nur nach oben. Dortmund, Augsburg, Leverkusen, Stuttgart – das ist ein strammes Programm bis zur Winterpause. Da sollte Schalke überall punkten. Einen Platz im Europapokal halte ich nach wie vor für realistisch, wenn jetzt der Anschluss gelingt.

Dortmund marschiert dagegen unbeirrt vorneweg. Wie sehr begeistert Sie der BVB?

Anderbrügge: Ich habe gedacht, sie brauchen ein Jahr für den Umbruch. Doch es ging viel schneller. Sie spielen tollen und schnellen Fußball, haben junge und hungrige Spieler wie Jadon Sancho oder Christian Pulisic. Das ist ein sehr starker Kader – und es passt bestens zwischen Trainer Lucien Favre und der Mannschaft. Mit Paco Alcacer haben sie wieder einen Stürmer aus dem Hut gezaubert, der sofort trifft.

Wird Dortmund Meister?

Anderbrügge: Für die Liga ist es attraktiver, wenn Bayern nicht zum siebten Mal hintereinander Meister wird. Wenn es so kommt, haben es die Dortmunder verdient. Dann haben sie das Schwächeln der Bayern, das ich mir für die letzte Saison gewünscht hätte, perfekt ausgenutzt. Gladbach und Leipzig darf man aber auch nicht vergessen.

Sie sind einer der wenigen, die direkt zum Erzrivalen im Ruhrpott wechselten. Wie deutlich haben Sie das von den Fans beider Vereine zu spüren bekommen?

Anderbrügge: Es war ziemlich entspannt. Als ich 1988 zu Schalke kam, war der Club gerade abgestiegen und nicht auf Augenhöhe mit dem BVB. Ich war nie ein Spieler, der polarisiert hat, habe mich nie vor die Kurve gestellt und gesagt: „Die anderen sind doof.“ Ich bin ein Junge aus dem Pott und kann mich hier überall sehen lassen.

Es gab oder gibt keinerlei Schmähungen?

Anderbrügge: Wenn mal ein Schalker kommt und fragt: „Wie konntest du das mit Dortmund machen?“, dann sage ich: „Ob du es glaubst oder nicht: Es war eine schöne Zeit.“ Beim BVB habe ich in der Jugend und bei den Amateuren gespielt, dann meinen ersten Profivertrag unterschrieben. Und fragen Sie mal meinen Vater, der in den 70er-Jahren mit mir Gladbach-Fan war, wie er es findet, dass sein Sohn für beide großen Ruhrpott-Vereine gespielt hat.

Was sagt er dann?

Anderbrügge: Er ist sehr stolz. 

Mittlerweile sind Sie Schalker durch und durch, sogar Ihre Handynummer endet auf 04. Absicht oder Zufall?

Anderbrügge: Absicht. 1988 waren Handys noch recht neu, wir haben auf Schalke welche bekommen. Damals konnte man sich noch mehr aussuchen und Wunschnummern kreieren. Wenn du dann bei Schalke spielst und die Chance auf so eine Nummer hast, machst du das. Das war eine tolle Geschichte – die Nummer habe ich immer noch. Ich trage Schalke eben tief im Herzen.

16 Pflichtspiele mit Schalke gegen Dortmund, sieben mit Dortmund gegen Schalke: Welcher war Ihr schönster Derby-Moment?

Anderbrügge: Ich habe als junger Dortmunder Spieler dieses Derby-Kribbeln im alten Westfalenstadion erlebt, das war dreimal so laut wie bei anderen Spielen. Für mich persönlich war das Highlight sicher das erste der zwei Derbys 1997, das ich mit meinem 1:0 entschieden habe. Das war ein typisches Anderbrügge-Tor – mit viel Wucht. Fans sprechen mich noch heute ein- bis zweimal im Jahr auf dieses Tor an. Einmal Derby-Held, immer Derby-Held.

In der gleichen Saison gab es im Rückspiel am 19. Dezember 1997 ein legendäres 2:2. Jens Lehmann, schon ab der 80. Minute bei jedem Standard mit vorne, köpfte in der Nachspielzeit den Ausgleich für Schalke. Es war das erste Bundesliga-Tor eines Torwarts aus dem Spiel heraus.

Anderbrügge: Ja, der Wahnsinn – und dann auch noch genau auf der Seite der Schalke-Fans. Ich stand am Sechzehner und habe auf einen Abpraller gelauert. Total überraschend kam das Tor aber nicht. Wenn im Training Handball gespielt wurde und Kopfballtore doppelt oder dreifach zählten, war Jens immer gut dabei. Er hat sich wie ein Büffel reingeworfen. Es war klar, dass er in einer solchen Situation mit nach vorne kommt und dann auch gefährlich ist.

Gefährlich im aktuellen Schalker Kader ist vor allem Nabil Bentaleb. Sechs verwandelte Elfmeter in Pflichtspielen in dieser Saison. Früher haben Sie die Strafstöße reingeknallt – wie gefällt er Ihnen?

Anderbrügge: Jeder hat seine Art, Elfmeter zu schießen. Egal, wie – Hauptsache drin. Nabil ist stabil. Um ein würdiger Nachfolger zu sein, muss er aber noch ein bisschen an der Geschwindigkeit beim Schuss arbeiten (lacht).

Zum Abschluss bitte noch Ihr Derby-Tipp?

Anderbrügge: 2:1 für Schalke.

Und wer schießt die Tore?

Anderbrügge: Puh! Machen wir mal Bentaleb per Elfmeter und Burgstaller – und für Dortmund natürlich Alcacer.

Zur Person: Ingo Anderbrügge, geboren in Datteln, (54) spielte 292 Mal in der ersten (53 Tore) und 100 Mal in der zweiten Bundesliga (36). Bis 1988 war er bei Borussia Dortmund, dann bis 2000 beim FC Schalke 04. Sportlicher Höhepunkt war der Uefa-Cup-Sieg 1997 mit Schalke. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne, eine Tochter und lebt in Recklinghausen. Anderbrügge, der mal Trainer bei Wacker Burghausen (2007) war, ist seit 21 Jahren Inhaber der Fußballfabrik Deutschland GmbH und engagiert sich mit seinem Verein Aktion Teamgeist e.V. und seiner Benefizmannschaft, den Ruhrpotthelden, für benachteiligte Kinder und soziale Projekte.

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