UNVERGESSLICH Remmidemmi beim 3:3

Mörsen gegen Twistringen - ein Derby, das süchtig machte

Walter Brinkmann (links) und Uwe Küpker (rechts) posieren auf dem Fußballplatz in Mörsen mit Vereinsschals.
+
Der selbe Platz, die selben Trainer – nur fast 31 Jahre später: Walter Brinkmann (links) und Uwe Küpker (rechts) posieren auf dem Fußballplatz in Mörsen mit Vereinsschals. Hier ging am 1. April 1990 das legendäre Twistringer Ortsderby über die Bühne.

Das 3:3 zwischen dem SV Mörsen-Scharrendorf und dem SC Twistringen war 1990 ein legendäres Ortsderby vor einer Mega-Kulisse. Die damaligen Trainer und Spieler erinnern sich daran.

  • 1200 Zuschauer drängeln sich um den kleinen Sportplatz in Mörsen.
  • Die erste Halbzeit reißt alle vom Hocker.
  • Mörsen feiert hinterher im „Besprechungskeller“.

Mörsen/Twistringen – Die B 51, Ortsausgang Twistringen in Richtung Mörsen. Es ist Sonntagmittag und nicht viel los auf der Bundesstraße. Wer hier gerade entlangfährt, sieht kaum Autos – dafür aber Menschengruppen und blau-weiße Fahnen am Straßenrand. Wahrlich keine alltäglichen Bilder, aber es ist eben auch ein ganz besonderer Tag. Die Leute pilgern zu Fuß zum wenige hundert Meter entfernten Sportplatz nach Mörsen.

Dort, im Twistringer Ortsteil, wird an diesem ungewöhnlich warmen 1. April 1990 ein Volksfest gefeiert. Aber nicht mit Riesenrad, Autoscooter, Dosenwerfen und Schießbude – sondern auf dem Fußballfeld. SV Mörsen-Scharrendorf gegen SC Twistringen: Das stets brisante Ortsderby ist diesmal noch ein paar Nummern heißer als sonst. Erster gegen Zweiter. In der Bezirksklasse geht’s um die Vorentscheidung im Meisterrennen – vor einer Mega-Kulisse.

„Wenn ich gedanklich so zurückgeholt werde, gehen doch glatt die Pferde mit mir durch“, gesteht Andreas Siegmann, der seit 1989 Spartenleiter und seit 1996 zudem Vereinsboss in Mörsen ist. „So viele Emotionen wie damals – Wahnsinn“, findet der 63-Jährige: „So etwas kommt nicht wieder, nicht mal annähernd. Sehr schade.“

Wo ist der Derby-Film geblieben?

Das spektakuläre 3:3 zwischen dem SV Mörsen-Scharrendorf und dem SC Twistringen ist am 1. April 1990 gefilmt worden. „Auf Super 8“, erinnert sich der damalige SVMS-Coach Walter Brinkmann: „Ich weiß aber nicht mehr, wer es war. Das Video ist durch mehrere Hände gegangen und leider nicht mehr auffindbar.“ Deshalb nun dieser Aufruf: Wer Filmmaterial hat, meldet sich bitte unter 04242/58314 oder per Mail an sport@kreiszeitung.de bei uns. Vielen Dank! Gemeinsam mit Küpker möchte Brinkmann dann (nach Corona) ein großes Wiedersehen mit beiden Mannschaften organisieren – bestenfalls inklusive Filmvorführung des legendären Duells.

Beim Derby 1990 stehen die jungen Trainer Walter Brinkmann (27/Mörsen) und Uwe Küpker (30/SCT) ziemlich am Anfang ihrer Karrieren – doch schon erheblich unter Druck. Mörsen war in der Vorsaison Dritter, Twistringen Zweiter. „Für beide galt deshalb als Ziel nur die Meisterschaft und der Aufstieg“, erinnert sich Brinkmann: „Und man wusste: Wer es nicht schafft, wird Aderlass haben.“

Das große Duell zieht Twistringen und das gesamte Umland mit Mörsen in seinen Bann. Die Kreiszeitung berichtet schon Wochen vorher. „In den Kneipen, die noch reichlich vorhanden waren, war es das Thema Nummer eins“, sagt Küpker: „Der ganze Ort war elektrisiert, es war eines der letzten richtig großen Derbys. Es kamen viele zum Platz, die eigentlich sonst nicht so fußballinteressiert waren.“

Die Menschenmenge sorgt bei den Spielern schon vor dem Anpfiff für Gänsehaut. „Es gab keine Vorkasse, alle Leute mussten beim Einlass durch die eine Schleuse“, schildert Brinkmann. Das dauert: „Sie standen in Vierer- und Fünferreihen rund um den kleinen Platz, es war unglaublich.“ 1 200 Zuschauer sollen es offiziell sein – wahrscheinlich sind es noch deutlich mehr. „Wir hatten mit 500 oder 600 gerechnet“, verrät Siegmann.

Die Steckbriefe der beiden Trainer

Walter Brinkmann (58)
Familienstand: verheiratet mit Claudia, drei Töchter im Alter von 23 bis 27 Jahren.
Beruf: Dipl. Betriebs- und Verwaltungswirt (jetzt Altersteilzeit/Vorruhestand), Talentförderung beim DFB.
Stationen als Spieler: SC Twistringen und SV Mörsen-Scharrendorf (Jugend), SV Mörsen-Sch., BW Lohne, SV Mörsen-Sch. (Spielertrainer), TSV Bassum (Spielertrainer).
Stationen als Trainer: seit 2003 DFB-Talentförderung, Mörsen und Bassum (Spielertrainer), SC Twistringen, TuS Sulingen, SV Heiligenfelde, Brinkumer SV, SC Twistringen, TuS Sulingen.
Größte sportliche Erfolge: mit Mörsen: Meister und Aufsteiger (1989/90), mit Sulingen: Meister und Aufsteiger (2010/11, 12/13), mit der U 23 (2014/15), Kreis- und Bezirkspokalsieger, zweimal Mannschaft des Jahres bei der Sportlerwahl.
Hobbys (außer Fußball): Naturschutzaktivitäten, Reisen, Radfahren, lange Spaziergänge mit Mensch und Hund.

Uwe Küpker (61)
Familienstand: verheiratet mit Christa, zwei Töchter und drei Enkel.
Beruf: Industriekaufmann.
Stationen als Spieler: Bis zur A-Jugend SC Twistringen, später dort auch in der Alten Herren.
Stationen als Trainer: SC Twistringen (Jugendtrainer C , B und A), SC Twistringen, BSV Rehden, RW Visbek, SV Marhorst, SV Mörsen-Scharrendorf, TuS Syke, VfL Oythe, SC Twistringen, VfL Oythe, TSV Wetschen, SC Twistringen.
Größte sportliche Erfolge: mit Twistringen: Meister und Aufstieg in die Landesliga, anschließend Klassenerhalt nach fulminanter Aufholjagd (elf Punkte zur Hinserie), mit Oythe: Aufstieg in die Landesliga nach Sieg im Entscheidungsspiel.
Hobbys (außer Fußball): Radfahren, Walken, „Sturm der Liebe“ schauen und vor allem meine drei Enkelkinder um mich haben.

Bereits beim Aufwärmen müssen sich die Bezirksklassen-Spieler bei dieser imposanten Kulisse wie Profis fühlen. Sogar die Trainerbänke sind besetzt. „Ji brukt hier nich to sitten, ji köönt jo stahn“, raunzt jemand Küpker auf Plattdeutsch zu. „Man war die ganze Zeit umzingelt“, erzählt der Gäste-Coach von der Enge an der Seitenlinie. Brinkmann, als Spielertrainer mittendrin, sagt: „Man hat nicht nur den Atem der Gegenspieler gespürt, sondern auch den der Zuschauer.“ Trompeten und eine Handsirene (aus Altbeständen der Twistringer Feuerwehr) sorgen für Remmidemmi am Spielfeldrand. „Es war immer Krach“, weiß Brinkmann noch, „eine Stimmung wie bei einem Volksfest, unbeschreiblich emotional“.

Angestachelt von der Atmosphäre, lösen die Spieler, die fast alle aus Twistringen und Umgebung kommen, sofort die Handbremse – trotz knallender Sonne und für diese Jahreszeit mollig-warmen 25 Grad. Brinkmann: „Wir wollten Spektakel haben und sind gleich volles Risiko gegangen.“ Offenbar etwas zu viel. Torjäger Stefan Thelken köpft den SCT ganz früh in Führung (5.). Doch Brinkmann (27.), Holger Becker (35./jeweils stramme Distanzschüsse) und Matthias Gevers (41./Kopfball) machen aus dem Rückstand ein 3:1, ehe der gerade eingewechselte Hannes Wellmann für die Gäste verkürzt (42./Kopfball).

Brinkmann: „Hochgeschwindigkeitsfußball ohne Ruhepausen“

Hin und her, fünf Tore, offener Schlagabtausch. „Die erste Halbzeit war eine Bombe, nicht zu toppen“, schwärmt Brinkmann: „Hochgeschwindigkeitsfußball ohne Ruhepausen von zwei Ausnahmeteams, voller Dynamik – das war höherklassig.“ Der Coach spricht auch von „hinreißenden Duellen“ in der nahezu durchgängig praktizierten Manndeckung. Er selbst wird von Andreas Meyer bewacht.

Richtig stolz auf seine stets sehr loyale Mannschaft sei er gewesen, betont Brinkmann: „Wir hatten einen unglaublichen Willen.“ Gleiches gilt für den SCT, dem nach der Pause durch Thelkens Fernschuss das späte 3:3 (84.) gelingt. Ganz so mitreißend ist die zweite Halbzeit nicht mehr (Brinkmann: „Alle waren total platt“), doch hochspannend allemal. Nichtraucher Küpker wird sogar beobachtet, wie er in der Schlussphase vor Aufregung zur Zigarette greift. „Nein, nein, das kann ich mir nicht vorstellen“, wiegelt er schmunzelnd ab: „Das muss ein Lolli gewesen sein.“ Die Lutscher, Lieblingssorte Himbeer-Vanille, hat der aktuelle Coach des SCT (zum dritten Mal) auch heute noch gerne dabei.

Besonderes Spiel vor besonderer Kulisse: Dieses Bild zeigt einen Zweikampf zwischen Mörsens Matthias „Förster“ Schütte (r.) und Twistringens Hermann Schlake.

Nach dem verdienten Tor zum 3:3 stürmen die Twistringer den Platz. Küpker: „Da war ich echt froh, dass ich nicht eingegraben wurde.“

Der SCT verpasst zwar die Riesenchance, nach Punkten mit Tabellenführer Mörsen gleichzuziehen. „Trotzdem war die Stimmung sehr gut, und wir haben bei uns im Vereinsheim noch gefeiert“, berichtet Küpker und ergänzt: „Das Ergebnis passte zu diesem tollen Tag.“ Die Mörsener sind froh, den Abstand auf den Lokalrivalen gewahrt zu haben und fühlen sich quasi schon als Meister. „Wir waren etwas enttäuscht, aber auch euphorisch – und haben uns gesagt, dass wir es uns jetzt nicht mehr nehmen lassen“, sagt Brinkmann, dessen Team anschließend alle Spiele gewinnt, den Titel holt, aufsteigt – und später zur Belohnung für vier Tage nach Mallorca fährt.

Küpker: „So etwas erlebt man selten“

An diesem 1. April 1990 sitzen die Mörsener nach dem Derby mit vielen Zuschauern zusammen und ziehen sich dann in den „Besprechungskeller“ (Brinkmann) zurück. Dort feiern sie, bis es hell wird – kein Problem, am Montag hatten sich alle frei genommen.

Für die beiden inzwischen sehr erfahrenen Trainer gehört das fulminante Ortsderby, das es mit dieser Brisanz längst nicht mehr gibt, noch immer zu den absoluten Highlights ihrer Karrieren. „So etwas erlebt man selten“, findet Küpker. „Unvergesslich und bei mir mit Abstand auf Platz eins im Ranking“, meint Brinkmann: „Dieses Spiel und die gesamte Saison haben dafür gesorgt, dass ich viele Jahre Trainer und diesem Sport verbunden sein wollte. Es wirkte nach – und es hat alle süchtig nach Fußball gemacht.“

Thelken gegen Gevers: Ein knappes 36:35

Noch ein Jahr zuvor trugen sie gemeinsam das Trikot des SC Twistringen – im Ortsderby 1990 (3:3) standen sich Matthias Gevers (Mörsen) und Stefan Theken (SCT) dann als Gegner gegenüber. Die Erinnerung an die persönliche Leistung ist bei den Torjägern, die vor allem in den 90ern alles kurz und klein schossen, total unterschiedlich. Gevers (damals 25) gelang zwar das 3:1, „aber ansonsten hat mich mein Gegenspieler Wolfgang Strahmann ziemlich gut zugestellt. Ich war nicht so gut im Spiel.“ Thelken (22) schon: „Für mich ist es sehr, sehr gut gelaufen“, sagt der Twistringer, der seinem Bewacher Markus Siemers zweimal entwischte, das 1:0 und kurz vor Schluss das 3:3 markierte. „Insgesamt war‘s ein irrsinniges Erlebnis, von dem noch oft gesprochen wird“, schwärmt der 53-Jährige. Gevers (56) stimmt zu: „Es war einmalig, großartig, sensationell.“ In dieser Super-Saison von beiden Teams lieferten sich die Zwei ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Torjägerkrone, das Thelken letztlich mit 36:35 für sich entschied. An Tagen nach Spielen guckten sie immer gleich in die Zeitung. Hat der Konkurrent getroffen? „So sind Torjäger eben“, meint Thelken: „Wenn ich sagen würde, das wäre mir nicht wichtig gewesen, wäre es gelogen.“ Nach dem verpassten Aufstieg wechselte Thelken zu BW Lohne, später für acht Jahre zum BSV Rehden und dann zurück zum SCT, bei dem er inzwischen Coach der Altliga-Truppe ist: „Spielen geht nicht mehr, beide Knie sind kaputt“, sagt der dreifache Familienvater, der in der Woche als Vertriebsleiter bei einer Zahnradfabrik im Schwarzwald arbeitet – und nun gerne golft. Gevers spielte, abgesehen vom zweijährigen Abstecher nach Twistringen, immer für Mörsen. Sein letzter großer Erfolg: Torschützenkönig bei der Niedersachsenmeisterschaft der Ü 50. Im vergangenen Jahr hörte der Maschinenschlosser, der zwei Kinder hat, auf und kickt jetzt nur noch mit seinem Sohn Marlo (14): „Ganz ohne Fußball geht‘s nicht...“ Privat verstehen sich die beiden früheren Klasse-Knipser noch immer gut. Mit einigen Teamkameraden von damals sind sie hin und wieder unterwegs – aber nicht mehr auf dem Fußballplatz, sondern auf Mountainbikes.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

Die vielen Jobs des Michael Schulz: Möbelverkäufer, Reporter, Spielerberater

Die vielen Jobs des Michael Schulz: Möbelverkäufer, Reporter, Spielerberater

Die vielen Jobs des Michael Schulz: Möbelverkäufer, Reporter, Spielerberater
Perthel trägt Syke im Herzen und auf der Haut

Perthel trägt Syke im Herzen und auf der Haut

Perthel trägt Syke im Herzen und auf der Haut
FC Sulingen froh über Zusage von Sebastian Elvers

FC Sulingen froh über Zusage von Sebastian Elvers

FC Sulingen froh über Zusage von Sebastian Elvers
Drama: Es waren nur zwei Zentimeter

Drama: Es waren nur zwei Zentimeter

Drama: Es waren nur zwei Zentimeter

Kommentare