Rallye-Duo Lemke/Jordan lebt Motorsport

Gerade volljährig, direkt Vollgas: Rasante Lerneffekte

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Reine Konzentrationssache: „Es gilt, immer bei der Sache zu sein. Man muss immer die Kontrolle über sein Gefährt behalten“, sagt das Rallye-Talent Christian Lemke.

Martfeld - Von Daniel Wiechert. Vollgas ist sein Leben. An diesem verregneten Nachmittag wird Christian Lemke jedoch ausgebremst. „Sorry“, sagt er gleich zweimal und stellt sich an das zum Stehtisch umfunktionierte alte Shell-Ölfass im Eingangsbereich einer Werkstatt in Dörverden. Zuspätkommen ist für Lemke keine Option. Auch wenn es wie in diesem Fall aufgrund eines Staus lediglich zwei Minuten sind. Die Jagd gegen die Uhr ist seit mehr als einem Jahrzehnt Lemkes Hobby. Er ist Motorsportler durch und durch. „Die lauten Motoren, die Schnelligkeit“, beschreibt der 18-Jährige mit den blonden Haaren und den hellen Augen den Reiz: „Und die Konzentration. Es gilt, immer bei der Sache zu sein. Man muss immer die Kontrolle über sein Gefährt behalten.“

Im Kindergartenalter setzt sich der Martfelder das erste Mal in ein Kart. Früh stellt sich heraus, dass er das Talent besitzt, den Zweitakter schneller als andere durch einen Hütchenparcours zu steuern. Von 2009 bis 2014 wird Lemke durchgängig Kart-Slalom-Meister des ADAC Weser-Ems. 2010 darf er sich Norddeutscher Meister nennen, wird zudem Vierter beim Bundesendlauf. „Schon damals war es uns als Familie eigentlich klar, dass der Junge mit dem Motorsport weitermachen wird“, erinnert sich Vater Jürgen Lemke an die Anfangsjahre.

Mittlerweile hat Lemke junior das Kart in einen knapp 200 PS starken Opel Adam R2 getauscht. Er fährt Rallye-Meisterschaften.

Das Projekt begann 2017. Da habe man sich entschieden, zwei Rallye-Boliden aus Österreich zu kaufen, erzählt Jürgen Lemke. 2018 bezogen sie die Werkstatt in Dörverden. Dafür waren Investitionen im sechsstelligen Bereich fällig. „Neben der Zeit ist so ein Hobby natürlich auch extrem kostenintensiv“, sagt Jürgen Lemke und lacht. Der eloquente Mittfünfziger sitzt in dem Empfangsraum der Werkstatt in Dörverden. Der Boden ist gefliest – braunrote und blaue Kacheln wechseln sich im Schachbrettmuster ab. Auf dem Schrank hinter dem Empfangstresen reiht sich Siegerpokal an Siegerpokal, eine uralte Aral-Zapfanlage dient als Deko-Accessoire, an der Wand prangt ein VW-Käfer im Comic-Stil – Herbie in Rot.

Ähnlich knutschkugelförmig wie das Kino-Kult-Auto kommt der Opel Adam R2 daher. Lemkes Rallye-Gefährt steht hinten in der Werkstatthalle auf der Hebebühne. Die Karosserie ist weiß, mit schwarzen, grauen und gelben Farbakzenten. An den Wänden türmen sich Reifen. Die Werkstatt bietet alles, was das Schrauber-Herz begehrt.

Wenn etwas gemacht wird, wird es richtig gemacht. So das Credo. Die Familie stehe „in Gänze“ hinter dem Projekt, betont Jürgen Lemke: „Man muss realistisch sein. Als Auszubildender mit einem guten, aber dennoch schmalen Salär kann man so einen Sport nicht betreiben.“

Christian Lemke hat zwar bereits einige Sponsoren, ist zudem ADAC-Förderkandidat. Die Diskrepanz zwischen Einnahmen und Ausgaben ist dennoch enorm. „Nur mal so ein Beispiel“, sagt Lemke senior: „Bei der Rallye Buten und Binnen haben wir auf 70 Kilometern sage und schreibe sechs Reifen verschlissen.“ Bei einem Stückpreis von 250 Euro.

Dabei ist Christian Lemke nicht für eine brachiale Herangehensweise bekannt. Im Gegenteil. „Christian fährt unwahrscheinlich sauber und konzentriert. Da macht sich die zehnjährige Kartsport-Schule bemerkbar“, sagt sein Vater.

Während das Kart-Fahren noch relativ gut trainierbar war, sieht das mittlerweile anders aus. Aufgrund fehlender Teststrecken zähle nur eins. „Man muss Rallyes fahren, Rallyes fahren, Rallyes fahren“, betont der 18-Jährige: „Das ist das A und O, um überhaupt einen Lerneffekt zu haben.“ Und dieser sei erkennbar: „Wir haben gelegentlich eine On-Board-Kamera im Auto. Wenn man da mal die alten Videos mit denen von heute vergleicht, sieht man eine deutliche Verbesserung – beim Anbremsen, beim Kurvenfahren. Man kann sich eigentlich nur durchs Kilometer-Machen steigern.“ Simulatoren oder Videospiele würden nur bedingt weiterhelfen: „Man muss einfach das Gefühl beim Fahren erleben. Man spürt die Bremse, man hört dem Auto genau zu.“

Christian Lemke bringt nicht nur durch den Kart-Sport das nötige Handling mit, er kennt sich auch bestens mit dem Innenleben eines Autos aus. Nach dem Abitur 2018 begann er eine Ausbildung zum Mechatroniker bei Daimler. „Dadurch ist eine gewisse technische Affinität gegeben“, sagt Jürgen Lemke.

Die hat auch Mika Jordan. Der 18-Jährige ist seit 2018 Christian Lemkes Beifahrer. Beide haben sich bei ihrem Heimatverein AMC Asendorf kennengelernt. „Der eine oder andere mag denken: ,Oha, zwei so junge Hüpfer, kann das gutgehen?‘“, sagt Jürgen Lemke: „Wir für uns haben aber ganz schnell erkannt, dass es so genau richtig ist, weil beide voneinander lernen.“ Im Gegensatz zu anderen Motorsportarten sei Rallye schließlich „eine Disziplin, in der man im Team funktionieren muss“.

Vor Rennbeginn sei ein Gros der Arbeit bereits erledigt. „Beim Abfahren der Strecke gehen Christian und ich jede Kurve durch“, erklärt Mika Jordan, der eine Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker macht: „Ich schreibe die Besonderheiten auf – beispielsweise, ob es in einer Kurve besonders rutschig ist, ob dort ein Stein liegt, oder ob man vielleicht sogar die Kurve über einen Grünstreifen schneiden kann. Bevor Christian dann später während des Rennens in die Kurve einfährt, habe ich ihm schon alles angesagt.“

Das Duo harmoniert bereits ziemlich gut miteinander. Zum Saisonstart rasten Lemke/Jordan bei der Werra-Meißner-Rallye auf Rang acht in der Gesamtwertung, damit waren sie das beste Junior-Team. „Unser Ziel ist es, in diesem Jahr den DRC Junior Cup zu gewinnen“, sagt Lemke junior. Damit wäre auch für Reifennachschub gesorgt. Schließlich erhält der Sieger ein Förderpaket im Wert von 50 000 Euro. Langfristig möchten die beiden „oben in der deutschen Meisterschaft mitfahren, um irgendwann, wenn es klappt, bei einem Werksteam“ unterzukommen.

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