„Prokop hat mich schwer beeindruckt“

Fünf Handballer beantworten fünf Fragen zur WM - einer davon gibt Deutschland die Note 1

Wuchtig, torgefährlich und stark verbessert in der Abwehr: Der deutsche Kreisläufer Jannik Kohlbacher hat auch bei mehreren Teilnehmern der WM-Umfrage einen sehr positiven Eindruck hinterlassen. Foto: imago

Syke - Von Malte Rehnert. Montagmorgen traf Dennis Westermann seine Mutter Henriette - und sie war „sehr gut drauf“, berichtet der 32-Jährige mit einem Schmunzeln. Kein Wunder, denn als Handball-Fan, ehemalige Spielerin und Dänin hatte sie den perfekten Sonntag erlebt. Der erste WM-Titel für ihr Geburtsland, und dann auch noch im skandinavischen Prestigeduell gegen Norwegen. „Das war schon ein kleines Highlight für sie“, sagt Westermann, der im Renovierungsstress steckt und das einseitige Endspiel (31:22) „nur im Liveticker“ verfolgte.

Die meisten Spiele der Deutschen, die letztlich Platz vier belegten, hat der Rückraum-Mann der HSG Wagenfeld/Wetschen dagegen gesehen. Gleiches gilt für Cedric Quader (HSG Barnstorf/Diepholz), Jan Scharf (TuS Sulingen), Christoph Schneider (HSG Stuhr) und Matthias Andreßen (HSG Barnstorf/Diepholz II). Im Rahmen einer WM-Umfrage blicken die Leistungsträger ihrer Clubs auf das Turnier in Deutschland und Dänemark zurück. 

Hier kommen fünf Fragen an fünf Handballer:

1. Welche Schulnote geben Sie der deutschen Mannschaft - und warum hat es nicht zum Weltmeister-Titel gereicht?

2. Wer war für Sie die große Entdeckung im DHB-Team - und wer die große Enttäuschung?

3. Wie beurteilen Sie das Auftreten und die WM-Leistung von Bundestrainer Christian Prokop?

4. Der Weltverband hat den Dänen Mikkel Hansen zum besten Spieler des Turniers (MVP) gekürt. Okay? Oder wer hat Sie besonders begeistert?

5. Volle Hallen, tolle Einschaltquoten: Gibt es nun einen Handball-Boom in Deutschland - und wie kann man die Nachhaltigkeit sichern?

Cedric Quader HSG Barnstorf/Diepholz

1„Für eine 1 reicht es nicht ganz, weil wir im Halbfinale die Abwehr nicht so gestellt bekommen haben wie in den Spielen davor. Die cleveren Norweger haben uns mit einfachen Mitteln völlig aus dem Konzept gebracht. Deshalb eine gute 2 - man muss sich schließlich auch noch steigern können.“

Cedric Quader HSG Barnstorf/Diepholz

2. „Seitdem Jannik Kohlbacher bei den RheinNeckar Löwen ist, wird er stärker und stärker. Bei der WM war zu sehen, dass er extrem an der Deckungsarbeit - seiner bisherigen Schwäche - gearbeitet hat. Vorne ist er der beste deutsche Kreisläufer. Unglaublich komplett ist Fabian Wiede, der könnte fast überall spielen. Total berechtigt, dass er es ins Allstar-Team geschafft hat. Nicht ganz das hohe Niveau der anderen hatte Rechtsaußen Patrick Groetzki.“

3. „Prokop hat viele Sachen richtig gemacht, seine Einstellung verändert, die Mannschaft mehr mit einbezogen. Der Erfolg gibt ihm Recht. Taktisch ist er ohnehin richtig gut. Den Kader hätte ich etwas anders gestaltet und Andreas Wolff nicht mitgenommen, weil er so wenig Spielpraxis hatte. Da hätte ich Johannes Bitter oder Dario Quenstedt favorisiert. Wolff hat gut gehalten - aber gegen Norwegen eben nicht.“

4. „Dass Mikkel Hansen Spiele entscheiden kann, war im Halbfinale und im Finale zu sehen. Vorne ist er eine Macht, aber er spielt eben gar nicht in der Abwehr. Ich hätte als MVP jemanden gewählt, der auch in der Deckung stark ist.“

5. „Damit der Handball auf Dauer noch populärer wird, sind nun auch die kleinen Vereine gefragt. Man braucht zum Beispiel genügend Trainer. Gut, dass 2020 mit der EM und den Olympischen Spielen gleich wieder große Turniere sind.“

Jan Scharf TuS Sulingen

1. „Als Referendar an der BBS Syke ist es mein Job, Schulnoten zu verteilen. Und Deutschland gebe ich eine glatte 1. Die Mannschaft hat sich im Turnier enorm gesteigert und mit ihrem Engagement begeistert. Diesen Entwicklungsprozess, mit dem ich so nicht gerechnet hatte, muss man anerkennen. Norwegen war dann im Halbfinale schlichtweg besser und kaltschnäuziger.“

Jan Scharf TuS Sulingen

2. „Als Kreisläufer gucke ich besonders auf meine Position - und da muss ich Jannik Kohlbacher nennen. Technik und Durchsetzungsvermögen im Angriff sind großartig. Fabian Böhm hatte im Rückraum auch tolle Aktionen. Komplett enttäuscht hat mich keiner.“

3. „Er wirkte insgesamt souveräner, auch im Umgang mit den Medien. Und er hat bewiesen, dass er seine Mannschaft begeistern und ihr etwas mitgeben kann. Ich finde aber, dass ein Trainer in seinem Führungsstil etwas autoritärer sein kann. Deshalb hat mir Dagur Sigurdsson, gerade bei der EM 2016, noch besser gefallen.“

4. „Hansen als bester Spieler? Unterschreibe ich sofort! Für mich ist er der Beste der Welt - besser als Nikola Karabatic zu seiner Glanzzeit. Auch die norwegische Achse mit Sander Sagosen und Bjarte Myrhol war genial.“

5. „Im Kollegium wurde ich jeden Tag auf Handball angesprochen. Es ist natürlich toll, wenn sich Leute dafür interessieren und begeistern, die damit sonst nichts am Hut haben. Es ist deshalb wichtig, solche Turniere mit viel Spektakel zu haben. Ob der Boom bei der Jugend ankommt, weiß ich aber nicht. Ich habe mit C-Jugendlichen gesprochen, denen die WM teilweise zu langweilig war. Ich denke, es wird nicht so einen Zulauf geben wie nach dem WM-Titel 2007.“

Christoph Schneider HSG Stuhr

1. „So ein langes Turnier ist eine unheimlich hohe Belastung für die Mannschaften. Und man muss sagen, dass es andere Länder etwas besser weggesteckt haben als Deutschland. Norwegen zum Beispiel war frischer im Angriff. Gegen Frankreich kam dann leider auch ein bisschen Pech dazu. Insgesamt gebe ich eine 2. Dass Deutschland ins Halbfinale gekommen ist, lag sicher auch an der wahnsinnigen Unterstützung in den Hallen.“

Christoph Schneider HSG Stuhr

2.„Ich bin ein bisschen enttäuscht, dass der Bremer Finn Lemke so wenig gespielt hat - er war immerhin einer der EM-Helden von 2016 und damals eine der Entdeckungen. Überrascht hat mich vor allem Patrick Wiencek. Mir war nicht bewusst, dass er ein dermaßen überragender Abwehrspieler ist. Das hat er super gemacht.“

3. „Man hat bei Christian Prokop gesehen, dass es gut ist, wenn man auch mal auf die Mannschaft hört und ein, zwei Hinweise annimmt. Er hat das Teamgefüge und den Zusammenhalt stark verbessert - dafür war er ja bei der EM 2018 unter anderem kritisiert worden. Mir hat es auch gefallen, dass er öfter mal den Torwart gewechselt hat.“

4. „Mikkel Hansen finde ich allein schon wegen seiner Frisur sackstark - aber auch seine Leistungen sind sehr auffällig. Und die bringt er ja auf diesem Niveau schon seit vielen Jahren. Ich kann mich deshalb dieser Wahl nur anschließen.“

5.„Es wäre schön, wenn die Begeisterung anhält und man durch die WM mehr junge Menschen zum Handball bekommt. Ich habe aber Zweifel. Die Sportart hat noch immer zu wenig Fernsehpräsenz. Und es sagt auch schon etwas aus, wenn man das WM-Finale auf Eurosport suchen muss.“

Dennis Westermann HSG Wagenfeld/Wetschen

1.„Alles in allem eine 2: viel Euphorie, tolle Teamleistung. Das war besser als erwartet. Mir hat aber am Ende ein Spieler gefehlt, der hervorsticht. Der bei einem 25:25 den Ball nicht vertändelt, sondern ihn in die Maschen donnert. Und Norwegen war im Halbfinale im Umschaltspiel deutlich besser. Deutschland musste sich zu jedem Tor mühen.“

Dennis Westermann HSG Wagenfeld/Wetschen

2. „Eine totale Enttäuschung sehe ich nicht. Am besten hat mir Fabian Böhm gefallen - vor allem gegen Norwegen, als er sich vorbildlich reingehauen hat. Er ist dahin gegangen, wo es richtig weh tat.“

3. „Der Bundestrainer ist - im Vergleich mit anderen - eher ein ruhiger Vertreter. Diese Art und Besonnenheit gefällt mir. Wenn man mit vier Toren hinten liegt, muss der Trainer einen nicht noch zusammenpfeifen, sondern anfeuern - er hat einen guten Job gemacht.“

4. „Hansen hat es drauf, ist eigentlich der perfekte Handballer. Wenn sich aber alles auf ihn konzentriert und er mal einen schlechten Tag hat, kann es sein, dass Dänemark hoch verliert. Einen besonderen Favoriten hatte ich bei der WM nicht.“

5. „Handball ist ein geiler Sport. Schön, dass er boomt - und auch viele Fußballer sich lobend äußern. So darf es gerne weitergehen. Das Problem: Handball kann man - anders als Fußball - nicht mit einer Coladose auf einem geteerten Parkplatz spielen. Man braucht Hallen. Die Amateurvereine, auch in der Region, sind gefordert, da mit anzusetzen. Die Kommunikation mit den Schulen, die oft Hallen haben, muss zum Beispiel verbessert werden. Ich wünsche mir, dass die Euphorie mitgenommen wird und der Handball weiter zum Fußball aufschließt. Es ist möglich, aber schwierig.“

Matthias AndreßenH SG Barnstorf/Diepholz II

1. „Für die ersten Spiele, die richtig gut waren, eine 2. Für das klar verlorene Halbfinale gegen Norwegen, in dem die Abwehrtaktik nicht aufging und Kreisläufer Bjarte Myrhol immer frei war, eine schlechte 4 - insgesamt eine 2 mit einem Minus. In der entscheidenden Phase des Turniers hat man gemerkt, dass Martin Strobel (Kreuzbandriss) nicht mehr dabei war. Er war sensationell, unheimlich clever. Ohne ihn lief es nicht mehr so flüssig.“

Matthias Andreßen HSG Barnstorf/Diepholz II

2. „Fabian Wiede finde ich überragend. Er war zwar schon bei den Turnieren davor sehr stark, wird aber noch immer unter Wert gesehen. Von Patrick Groetzki hatte ich mir eine bessere Trefferquote erhofft.“

3. „Vor dem Turnier war ich kein Prokop-Fan, aber er hat mich positiv überrascht und schwer beeindruckt - mit mutigen Entscheidungen, die er alle auf seine Kappe genommen hat. Und er hat eine Mannschaft geformt, die zusammenhält. All das hätte ich ihm, ehrlich gesagt, so nicht zugetraut.“

4. „Hansen als MVP ist mit absoluter Sicherheit die richtige Wahl. Aber wie sich sein Teamkollege Rasmus Lauge in den Vordergrund gespielt hat, war überragend. Auch die Franzosen Melvyn Richardson und Kentin Mahé habe ich mir total gerne angeguckt - phänomenal, wie sie Spiele an sich reißen.“

5. „Ich war beim Hauptrunden-Auftakt in Köln und habe vier Spiele live gesehen, auch Deutschland gegen Island. Die Stimmung war atemberaubend, wir haben 90 Prozent des Spiels gestanden. Die Nationalmannschaft hat alle begeistert. Der Boom ist da und wird einen Augenblick anhalten. Damit er länger bleibt, muss ein ordentliches Konzept her - in unterklassigen Vereinen und bei TV-Anstalten.“

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