Perthel trägt Syke im Herzen und auf der Haut

Timo Perthel hebt den Daumen
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Der Profifußball führt den 31-Jährigen viel rum – Heimatgefühle löst aber nur ein Ort bei Timo Perthel aus.

  • In den vergangenen zehn Jahren hat Perthel viel gesehen, am schönsten ist es aber in der Stadt seiner Kindheit.
  • Perthel genießt an den Feiertagen die Zeit mit seiner Familie.
  • Momentan schuftet der 31-Jährige für sein Comeback beim Drittligisten 1. FC Magdeburg

Syke – Er ist schon viel herumgekommen: Geboren in Pfalz, der Profifußball zeigte ihm die Steiermark, die Ostsee, den tiefen Westen oder auch die Elbstadt Magdeburg. Sein Herz hat er aber an Syke verloren. „Syke löst bei mir die tiefsten Heimatgefühle aus“, betont Timo Perthel: „Ich hatte das Glück, dass ich hier meine komplette Schulzeit verbringen durfte.“ Dort seien Bünde fürs Leben entstanden: „Mich verbindet einfach extrem viel mit Syke, gerade was Freundschaften und Familie betrifft.“ Von dieser Verbundenheit zeugt auch ein tätowierter „Syke“-Schriftzug auf dem rechten Unterarm. Seit nunmehr zehn Jahren führt Perthel das Vagabundenleben eines Profifußballers, doch eigentlich ist er ein verwurzelter Typ: „Ich habe es als Kind erleben dürfen, immer an einem Ort zu sein. Ich hoffe einfach, dass ich das meinen Kindern auch ermöglichen kann.“

Wer mit Perthel spricht, merkt schnell: Hier ist jemand, der weiß, was er will, der sich über mehr definiert, als nur Profisportler zu sein. Perthel blickt über den Tellerrand hinaus, ist nicht gefangen in der Blase Profifußball – und eckt damit zuweilen auch an.

Verhältnismäßigkeit in der Corona-Debatte missfällt Perthel

So geschehen im April. Das öffentliche Leben ist weitgehend auf Null heruntergefahren, die Schulen sind geschlossen. Währenddessen diskutiert Deutschland, ob der Profifußball mit einem Hygienekonzept und ohne Zuschauer wieder starten darf. „Mir war dieses ganze Fußballthema einfach zu wichtig in der öffentlichen Berichterstattung. Da gab es einfach Themen, die mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt hätten“, sagt Perthel heute: „Mir wurde dann überall nachgesagt, dass ich unbe-dingt wollen würde, dass die Saison abgebrochen wird. Das war nicht meine Intention. Meine Intention war, dass man vielleicht erst mal darüber nachdenken sollte, wie die Schulen und Kindergärten wieder geöffnet werden können, damit die normalen Leute wieder zur Arbeit gehen können, bevor man dann auch mal über den Profifuß-ball spricht.“

Die Verhältnismäßigkeit in der öffentlichen Diskussion habe ihm nicht gefallen – „und da wollte ich einfach mal ein bisschen Dampf ablassen“. Seine damalige Instagram-Story endete mit dem Satz: „Fußball ist nicht wichtig in dieser Zeit.“ Er bekam viel Zuspruch, aber auch Kritik. Es sei ihm nicht um Effekthascherei gegangen. „Es war und ist einfach meine Meinung.“

Man nimmt es ihm ab. Perthel ist strigent und klar, muss mit seinen Ansichten aber nicht ständig hausieren gehen. Schon seit längerer Zeit hat er sich aus den Sozialen Medien verabschiedet. „Ich mache das immer, wenn ich gerade Lust drauf habe. Und wenn es mir keinen Spaß macht, dann lösche ich meinen Account. Gerade fehlt es mir überhaupt nicht. Es verschluckt einfach auch wahnsinnig viel Zeit.“

Rückkehr ins Training löst Glücksgefühle aus

Und schließlich ist er momentan genug beschäftigt. Perthel schuftet für sein Comeback. Zwischen den Jahren veröffentlichte der Drittligist 1. FC Magdeburg Bilder vom Training. Perthel jongliert mit dem Ball, trägt dabei ein verträumtes Lächeln im Gesicht. Auf einem anderen Foto hebt er den Daumen. Es geht aufwärts. Allein wieder die Fußballschuhe anziehen zu können, sei ein überragendes Gefühl. Er wolle jedoch nichts überstürzen, das Knie müsse langsam an die Belastungen herangeführt werden.

Passiert war es am 20. September: Perthel kracht unglücklich mit einem Gegenspieler des Halleschen FC zusammen. „Im Spiel merkst du es nicht, durch das Adrenalin steckst du es einfach weg“, erinnert sich der 31-Jährige: „Als das Knie dann später geschwollen war, habe ich mir schon Gedanken gemacht.“ Die Kernspintomographie ergibt: Knorpelschaden im linken Knie.

Schon wieder das Knie. Bereits 2017 hatte Perthel dem Zweitligisten VfL Bochum wegen einer Knieverletzung mehr als 300 Tage gefehlt. Perthel weiß, dass Reha-Maßnahmen zum Profi-Geschäft dazu gehören. „Man darf nicht immer nur denken: ,Ich will auf den Platz, ich will auf den Platz.’ Zunächst kommen eben erst einmal andere Sachen, bevor man wieder an den Ball darf.“

Optimist Perthel: „Man darf nicht alles schlecht reden“

So trägt er anfangs eine Schiene, die verhindert, dass er das Knie mehr als 30 Grad beugt. Der Winkel wird auf 60, schließlich auf 90 Grad erhöht, ehe er sich über Aquatraining und kleinere Laufeinheiten mehr Stabilität im Gelenk verschafft.

Am Montag nach Weihnachten steht er erstmals wieder auf dem Rasen. Ein Lichtblick am Ende eines düsteren Jahres. Wenngleich Perthel sowieso kein Schwarzmaler ist. „Man darf nicht alles schlecht reden“, betont der Linksverteidiger: „Natürlich steht die Pandemie mit Blick auf 2020 über allem. Sie hat einfach viel beeinträchtigt, gerade was das Zwischenmenschliche angeht. Aber: Ich habe letztens ein paar Fotos aus 2020 zusammengestellt, um daraus ein Buch für uns zu machen. Und wenn man dort noch mal vor Augen geführt bekommt, wie glücklich wir privat trotz allem waren, kann ich nicht nur schlecht über 2020 reden.“ Das Jahr sei „merkwürdig“ und „einfach anders“ gewesen: „Als Familie hatten wir zu Hause aber auch deutlich mehr Zeit füreinander.“

Das Miteinander im engsten Kreis bestimmte auch die Feiertage. Heiligabend besuchte er mit seiner Frau Ramona und den beiden Söhnen Luis (6) und Thiago (3) seine Familie in Syke. „Mein Vater ist am 24. Dezember 60 geworden. Wir haben im Rahmen der Möglichkeiten ein bisschen gefeiert, und traditionell gab es Semmelknödel – das habe ich sehr genossen“, verrät Perthel mit einem Lachen.

Silvester mit Tischfeuerwerk und Knallerbsen

Den Jahreswechsel verbringen die Perthels normalerweise in der österreichischen Heimat seiner Frau; allerdings nicht auf den Alpenpisten, wie der 31-Jährige mit einem Augenzwinkern betont: „Ich stand vor Jahren einmal auf dem Snowboard, danach war mein ganzer Körper blau. Das lasse ich erst mal sein, bis ich irgendwann mal fertig bin mit Fußball.“ Vielmehr genießt die junge Familie normalerweise die Silvesterzeit in gemütlicher Runde bei den Schwiegereltern.

Aufgrund der Quarantänevorschriften fiel eine Reise nach Österreich jetzt aus. Stattdessen wird daheim gefeiert: „Die Jungs haben sich schon die ganze Zeit auf Tischfeuerwerk und Knallerbsen gefreut.“ Dabei werden sicherlich wieder Bilder entstehen, die dem passionierten Fotografen noch frohgestimmter auf dieses „merkwürdige“ 2020 zurückblicken lassen werden.

Die Vereinshistorie von Timo Perthel

TuS Syke (Jugend) - 1995 bis 1999

SV Werder Bremen (Jugend) - 1999 bis 2008

SV Werder Bremen - 2008 bis 2010

SK Sturm Graz (Leihe) - 2010 bis 2011

Hansa Rostock - 2011 bis 2012

MSV Duisburg - 2012 bis 2013

Eintracht Braunschweig - 2013 bis 2014

VfL Bochum 2014 bis 2018

1. FC Magdeburg - 2019 bis heute

Also ich sage immer Laufbahn. Karrieren haben Lewandowski oder Messi. Mit meiner Laufbahn bin ich zufrieden. Klar, hätte man vielleicht hier und da etwas anders machen können, aber das ist alles immer spekulativ. Ich bin glücklich – und das ist doch das Wertvollste.“

Timo Perthel auf die Frage, wie zufrieden er mit seiner bisherigen Fußballkarriere ist.

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