Schiedsrichter Wilfried Heitmann spricht über sein Leben als Referee und Ausbilder / Von DFB geehrt

Der „Peacemaker“

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Für den ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter Wilfried Heitmann ist es ganz wichtig, dass Spitzenreferees nie den Kontakt zur Basis verlieren dürfen. ·

Drentwede - Von Arne Flügge. Es war ein großer Tag für Wilfried Heitmann. Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter aus Drentwede, seit Jahren für den Deutschen Fußball-Bund in der Fifa und der Uefa als Ausbilder aktiv, erhielt auf dem DFB-Bundestag von Präsident Wolfgang Niersbach den Goldene Ehrennadel des DFB.

Für seine Verdienste um den deutschen Fußball, speziell das Schiedsrichterwesen. Im Interview spricht der 70-Jährige über seine aktive Zeit, seine Philosophie und die besonderen Anforderungen, die heute an die Schiedsrichter gestellt werden.

Herr Heitmann, was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Wilfried Heitmann:Es ist schon etwas ungewöhnlich, dass ein Schiedsrichter die Goldene Ehrennadel bekommt. Ich fand es eine tolle Geste des DFB, womit in erster Linie meine Arbeit für den Verband auf europäischer Ebene gewürdigt wurde. Ich bin seit 18 Jahren für den DFB bei der Uefa und der Fifa tätig, habe Innovationen in der Ausbildung der Schiedsrichter und Lehrmodelle entwickelt. Ich weiß aber auch, dass so eine Ehrung zumeist gegen Ende einer Karriere erfolgt. Und 2015 ist ja auch für mich Schluss.

Was hat bei Ihnen die Leidenschaft für das Schiedsrichterwesen entfacht?

Heitmann:Im Grunde war es keine Leidenschaft, ich bin dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Ich habe als 18-Jähriger in Barnstorf Fußball gespielt. Der militärische Stil meines Trainers hat mir nicht gepasst. Ich hatte die ewige Rumschreierei statt. Da habe ich das Training verlassen – und bin dem damaligen Schiedsrichterobmann Helmut Neumann quasi in die Arme gelaufen. So bin ich 1961 Schiedsrichter geworden.

Ein sehr erfolgreicher. Sie haben über 200 Bundesliga- und Zweitligaspiele gepfiffen, waren darüber hinaus im DFB-Pokal und auch international aktiv. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Heitmann:Unheimlich viel. Es ist und war eine wunderschöne Zeit, die mir wahnsinnig viel gegeben hat. Wenn du in der Spitze tätig bist, ist es ganz wichtig, niemals den Kontakt zur Basis zu verlieren. Wenn ich 2015 meinen Job an den Nagel hänge, würde ich dem hiesigen Schiedsrichterwesen gern weiter mit Rat und Tat zur Seite stehen. Du kannst deine Erfahrungen nicht einfach in einen Karton packen – und gut.

Fußball ist für Sie also nicht nur Selbstzweck gewesen?

Heitmann:Auf keinen Fall. Fußball ist mehr als nur ein Sport. Fußball hat auch einen sozialen Auftrag, er ist wichtig für Bildung, Kultur und den gesellschaftlichen Bereich. Ich habe durch meine Arbeit in der Zielsetzung der Uefa-Convention, Länder auf einen organisatorischen Mindeststandard im Schiedsrichterwesen zu bringen und Referees qualifiziert auszubilden, viel gesehen. Ich habe auch viele Länder in Afrika bereist, SOS-Kinderdörfer besucht und soziale Projekte gefördert. Schiedsrichter haben auch soziale Verantwortung.

Weil Fußballer oder Verbandsvertreter bei den Menschen oftmals einen höheren Stellenwert genießen als Politiker?

Heitmann:Ich habe auch einmal in Eritrea einen Kurs gegeben. Es war zu dem Zeitpunkt, als gerade der Friedensvertrag mit Äthiopien geschlossen wurde. Da wurde ich gefragt, was mein Vorname Wilfried bedeuten würde. Ich sagte: „Wil steht für ich will – fried für Frieden.“ Seitdem werde ich dort Mr. Peacemaker genannt.

Das Schiedsrichterwesen hat sich demnach in den vergangenen 30 Jahren rapide verändert?

Heitmann: Natürlich hat es sich gewaltig verändert. Früher war der Schiedsrichter nur ein Schiedsrichter auf dem Platz. Vor und nach dem Spiel war er relativ frei. Heutzutage sind die Schiedsrichter Personen der Öffentlichkeit, wo immer sie auch auftauchen. Dessen müssen sie sich bewusst sein sowohl in ihrem Verhalten wie im gesamten Erscheinungsbild. Schiedsrichter müssen heutzutage zu gestandenen Persönlichkeiten ausgebildet werden. Sie müssen ein breit gefächertes Anforderungsprofil erfüllen – faszinierend und wahnsinnig schwierig zugleich.

Glauben Sie, dass technische Hilfsmittel die geforderte Persönlichkeits-Entwicklung der Schiedsrichter behindern?

Heitmann:Überhaupt nicht. Die Schiedsrichter wären sehr schlecht beraten, wenn sie diese Hilfsmittel ablehnen würden. Alles, was das Leben und die Arbeit der Referees erleichtert, ist uns willkommen.

Da schwingt aber ein kleines „aber“ in Ihrer Antwort mit.

Heitmann:Ja, denn die Schiedsrichter dürfen in diesem Fall nicht als Pioniere tätig sein. Wir dürfen beispielsweise die Torlinientechnologie nicht fordern. Wir sind Dienstleister. Wir dienen dem Sport. Die Regeln machen andere. Die Frage ist nur, ob der Fußball dadurch nicht in zwei Welten geteilt wird. Denn die neue Technologie wird weltweit nicht zu finanzieren sein. Von Amateurclubs schon gar nicht.

Und würde nicht auch ein wenig vom Reiz des Fußballs verloren gehen?

Heitmann:Natürlich. Spieler machen Fehler, Schiedsrichter machen Fehler. Wichtig ist, dass man dazu auch steht. Es gab und gibt immer die Unberechenbarkeit des Menschen. Aber das ist doch auch der Reiz des Sports. Wenn es nichts mehr zu diskutieren gäbe – wo bleiben dann die Gespräche der Menschen untereinander?

Sie haben als aktiver Schiedsrichter viel erlebt. Was ist Ihnen aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben?

Heitmann:Es gab viele tolle Geschichten. Das Pokalfinale zwischen Frankfurt und Bochum 1988 in Berlin; der erste Auftritt von Diego Maradona in Europa, als der FC Barcelona in Meppen gespielt hat. Wir haben geklönt und uns später noch einmal in Neapel wiedergetroffen. Als Franz Beckenbauer Teamchef der Nationalmannschaft wurde, habe ich ihn mal gefragt, warum er nie die Schiris in der Kabine besucht. Er war außergewöhnlich dankbar für den Hinweis. Danach ist er immer gekommen. Wir schmunzeln noch heute darüber.

In 106 Erstligaspielen haben Sie nur einmal eine Rote Karte gezeigt.

Heitmann: Ja, das war im Oktober 1982. Im Spiel Gladbach gegen Bayern habe ich den Münchner Wolfgang Dremmler runtergeschickt. Er hatte gerade 20 Sekunden vorher Gelb gesehen. In der Pause kam Paul Breitner, fasste mir an den Arm und sagte, er hätte den Dremmler schon nach dem ersten Foul rausgeschmissen. Da habe ich zum Breitner gesagt: „Verarschen kann ich mich alleine!“

Warum sind Sie in der Bundesliga mit nur einem Platzverweis ausgekommen?

Heitmann:Das wurde ich schon häufiger gefragt. Ich hatte nie den ganz großen Ärger mit Spielern. Wenn du frühzeitig mit ihnen kommunizierst – 87 Prozent nonverbal – dann kann man von vornherein vieles verhindern. Die Spieler müssen wissen: Einen haben sie gut – dann ist aber Schluss. Wenn wir Schiedsrichter nicht lernen, Signale an die Spieler zu verschicken, sind wir selbst schuld. Wie gehe ich mit Menschen um? – das ist eine der wichtigsten Aufgaben, die man als Schiri, aber auch als Spieler lernen muss.

Was war Ihr schwierigstes Spiel?

Heitmann:Alle waren schwierig. Und ich habe immer versucht, dem Spiel, das ich gerade leite, gerecht zu werden.

Als Schiedsrichter ist man oft auch Anfeindungen von Chaoten ausgesetzt. Haben sie so etwas selbst miterlebt?

Heitmann:Natürlich, und zwar die ganze Bandbreite. Es war schon unglaublich, was sich manche Menschen herausnehmen.

Zum Beispiel?

Heitmann:Ich habe mal das Pokalhalbfinale zwischen Gladbach und Bayern gepfiffen. Durch einen Elfmeter haben die Bayern nach Verlängerung gewonnen. Nach dem Spiel gab es zwei Bombendrohungen. Gladbacher haben angerufen und behauptet, mein Haus würde in die Luft fliegen. Ich habe Tag und Nacht Polizeischutz gehabt. Es gab zudem Morddrohungen, meine Frau hat eine gedruckte Todesanzeige erhalten. Es gab Vergewaltigungsdrohungen gegen meine Familie. Meine Kinder wurden in der Schule angepöbelt.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Heitmann:Ich muss sagen, dass es mich mental erstaunlicherweise wenig belastet hat. Aber es war schon Wahnsinn.

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