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Oliver Sebrantke und die schöne Quälerei auf Hawaii

Triathlet Oliver Sebrantke zeigt 2017 auf Hawaii vor dem Ironman auf seine Startnummer 1488.
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Gefunden! Mit der Startnummer 1488 geht Oliver Sebrantke in das Triathlon-Rennen seines Lebens.

Es war der härteste, heißeste Wettkampf seines Lebens - und trotzdem denkt Triathlet Oliver Sebrantke liebend gern an den Ironman zurück, den er 2017 auf Hawaii bestritten und durchlitten hatte.

  • Seit 2017 ist Oliver Sebrantke ein echter Ironman.
  • Im Flugzeug trifft er Doppel-Sieger Normann Stadler.
  • Auf dem heißen Asphalt schmelzen fast die Laufschuhe.

Bremen – Oliver Sebrantke rollt langsam das Garagentor hoch, der Blick fällt auf zwei Rennräder. Ganz hinten ist von rechts nach links über die gesamte Wand ein Stahlseil gespannt, an bunten Bändern baumeln Medaillen, Hunderte. Zielsicher greift er zur größten, sie funkelt Silberblau, unten schwimmt eine grüne Meeresschildkröte ins Bild. Es ist die Ironman-Plakette von 2017. Sebrantke nimmt sie in seine Hände. Der haptische Beweis für das Rennen seines Lebens.

Es war ein berauschender Trip nach Hawaii. Wenn Sebrantke daran zurückdenkt, tauchen direkt zig Bilder vor seinem inneren Auge auf. Er könnte Stunden lang davon erzählen. Und macht es für uns auch.

Dickes Fotobuch über sein größtes Rennen

Ein Einfamilienhaus in Bremen-Huchting, nahe Stuhr. Sebrantke sitzt bei sich am Esszimmertisch, er reicht selbstgemachte Kekse, das Teewasser sprudelt. Vor ihm liegt ein dickes Fotobuch. Ein Geschenk seiner Freundin Janine Kaiser. „Wir sind sonst nicht so die Romantiker“, sagt der 44-Jährige mit einem Lächeln: „Aber das war für uns beide einfach ein absolutes Erlebnis – Hawaii wird immer eine ganz tolle Erinnerung bleiben.“ Sebrankte klappt das Buch auf, rein in die Sportgeschichte seines bisherigen Lebens!

Auf den ersten Bildern packen die beiden Sportler den Radkoffer, dann geht es los zum Bremer Flughafen, schließlich umsteigen am Pariser Charles de Gaulle Airport. „Im Flieger hat man natürlich super Langeweile, da macht man nur Faxen.“ Davon zeugen gegenseitige Schlaffotos. Eine Seite weiter sind blutige Finger zu sehen: „Da ging wohl was beim Obstschneiden schief.“ Nach einigen Stunden, mitten über dem Atlantik, vertritt sich Sebrantke auf den dunklen Gängen die Beine – und läuft Normann Stadler (Hawaii-Sieger von 2004 und 2006) in die Arme. Man hat sich vor Jahren beim Frankfurt-Marathon kennengelernt. Sebrantke berichtet von seinen Hawaii-Sorgen. „Ich bin nicht so ein guter Radfahrer, gerade technisch. Wenn es in enge Kurven oder hart bergab geht, fehlt mir schon noch was. Das habe ich ihm halt gesagt. Und Normann meinte: ,Auf Hawaii brauchst du dir da überhaupt keine Sorgen zu machen. Da gibt es nur acht Kurven – verteilt auf 180 Kilometer.‘“

Im pazifischen Ozean zu schwimmen, war wirklich ein Genuss: Warmes Wasser, du siehst unter dir die bunten Fische hin und her flitzen, dazu die großen Schildkröten – das war echt schon ein extrem schönes Erlebnis.

Oliver Sebrantke

Mit dieser Gewissheit klettert Sebrankte vier Tage später aus dem Pazifik. Das Schwimmen ist geschafft. Er steigt auf sein Rennrad. „Die ersten Kilometer führen noch durch das Stadtzentrum, da gibt es ein paar Kurven, aber dann geht es auch schon raus, vorbei an den Lavafeldern, 60 Kilometer nur geradeaus, total irre: Aufgrund der Hitze flimmert die Straße in einer Tour, du kämpfst mit dem Wind“, erinnert sich Sebrankte: „Aber für mich war es eine super Strecke.“

Die Haut blättert ab. „Ich hatte keine Zeit zum Eincremen, jede Sekunde zählt“, sagt Oliver Sebrantke.

Nach ungefähr 60 Kilometern sieht Sebrantke ein orange-blaues Trikot – sein Stuhrer „Tri-Wölfe“-Kollege Jan Neubauer. „Er ist eigentlich ein besserer Schwimmer und Radfahrer als ich, daher war ich absolut erstaunt, ihn so früh zu sehen“, erinnert sich der 44-Jährige: „Da dachte ich: Es läuft richtig gut.“ Gleichzeitig schleicht sich ein unbehaglicher Gedanke ein: Es kam etwas die Angst auf, ob ich gerade etwas überpace.“

Nach 5:15 Stunden stellt er sein Fahrrad in der Wechselzone ab, die erste Erleichterung macht sich breit. „Laufen ist natürlich mein Ding, da weiß ich genau, was ich mache. Daher war mir klar: Jetzt komme ich auch ins Ziel. Das wird mein Tag.“

Sebrantkes Ironman 2017 auf Hawaii

Schwimmen 1:12,30 Std.

Radfahren 5:15,59 Std.

Laufen 3:08,23 Std.

Gesamtzeit 9:43,09 Std.

Gesamtplatz 236

Altersklasse (M 40) 32

Ein Tag, der aber noch Schmerzen parat hält. Auf der Marathonstrecke nähert sich die Mittagssonne dem Zenit, Schatten sind rar gesät. „Die Hitze kam von links, von rechts, von oben. Der Asphalt war so heiß, dass man dachte, das Gummi der Schuhe schmilzt, dazu Wind wie aus einem Föhn.“ Der Reißverschluss von Sebranktes Triathlonanzug ist bis zum Bauchnabel geöffnet, an den Verpflegungsstationen greift er beidhändig nach den Bechern, füllt sich Eiswürfel in den Anzug, wringt den Schwamm mit kaltem Wasser über dem Kopf aus. Den Zieleinlauf auf dem berühmten Ali’i Drive in Kailua-Kona erlebt Sebrantke „wie in Trance. Ich kann mich gar nicht mehr richtig daran erinnern.“

Dafür bleiben andere Momente hängen. Beispielsweise der Underpants Run zwei Tage vor dem Start. Dieser kurze Lauf entstand in den 90er-Jahren als Protestaktion gegen Athleten, die an unpassenden Orten wie Restaurants Badeanzüge trugen. Daraus wurde über die Jahre ein großes Charityevent. „Ein total irres Erlebnis“, meint Sebrantke mit einem Grinsen: „Mit 2000 Leuten rumzulaufen, die nur Unterwäsche tragen, vergisst man nicht.“

Bananen frei Haus

Auch die Unterkunft im Triathlon-Eldorado Hawaii blieb für Sebrantke eindringlich. Er und seine Freundin hatten sich für eine Kaffeefarm entschieden, abseits des Pauschaltourismus, der sonst während der Ironman-Festspiele Hochkonjunktur hat. „Wir hatten eine Hütte direkt im Urwald“, erklärt Sebrantke. Die Bananenstauden wuchsen direkt von draußen in die Küche. „Wir sind dort in den Gärten dann auch immer jagen gegangen, wie wir das Ernten genannt haben. Du hast eine Frucht gepflückt, drei Tage später war wieder eine neue da. Total verrückt. Und so brauchten wir die ersten Tage eigentlich kaum einkaufen zu gehen.“

Bei der Last-Minute-Vorbereitung setzt Sebrankte dann aber doch auf ein Ritual. Er tippt auf ein Foto, das auf dem Esszimmertisch liegt. Dieses zeigt Sebrantke nachts um drei Uhr, vier Stunden vor dem Startschuss auf Hawaii. Die linke Hand am Lenkrad des Mietwagens, in der rechten ein Sandwich. „Das habe ich vom Marathon. Ich esse vorher immer fünf weiße Brötchen mit Honig. Ich weiß einfach, dass ich das gut vertrage.“ Sebrantkes Hawaii-Toast-Variante geht auf.

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