Serie Sportlerwahl Spezial

Christine Fuchs: Ohne Laufen geht es nicht

Christine Fuchs vor ihrer Vitrine mit den vielen Pokalen und Auszeichnungen.
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Die Vitrine im Wohnzimmer beweist, wie erfolgreich Christine Fuchs als Läuferin war. Den gläsernen Pokal für den EM-Titel (oben links) findet sie besonders schön.

Die Brinkumerin Christine Fuchs ist erst spät zum Laufen gekommen - dann aber gewaltig. In den 90er-Jahren holte sich die mittlerweile 80-Jährige unter anderem mehrere WM-Titel in ihrer Altersklasse. Auch jetzt noch ist Fuchs bei Wind und Wetter draußen.

  • Auch mit 80 ist Christine Fuchs noch erstaunlich fit
  • Zwangspause durch eine Gürtelrose hält sie nicht auf
  • „Einen Halbmarathon würde ich gerne noch mal laufen“

Brinkum - Es ist einige Jahrzehnte her, als Christine Fuchs für große Verblüffung bei ihrem Mann Alfred sorgte. Der ehemalige Bremer Landesmeister im Judo wollte sich gegen Ende seiner sportlichen Karriere zusätzlich ein bisschen fithalten und fing an zu joggen. Seine Frau begleitete ihn. Anfangs drehte sie bereits nach 500 Metern um – doch schon bald hängte sie ihn ab: „Sie wurde immer schneller, irgendwann kam ich nicht mehr hinterher“, sagt der 78-Jährige und schmunzelt.

Christine Fuchs, Heiligabend 80 Jahre alt geworden, entwickelte sich damals trotz späten Karriere-Starts in Windeseile zu einer Top-Läuferin – auf diversen Strecken. In ihrer Altersklasse feierte sie weltweit Triumphe, die Leserinnen und Leser dieser Zeitung wählten sie Anfang der 90er zweimal hintereinander zur Sportlerin des Jahres. Die großen Titel sind zwar schon ein Weilchen her, die Begeisterung für das Laufen aber ist geblieben. Auch 2021 zieht es Fuchs beinahe täglich auf die Straße.

Um nachvollziehen zu können, wie gut und erfolgreich sie vor allem in den 90ern war, reicht ein Blick in die Vitrine. Vor einigen Jahren hat das Ehepaar Fuchs sein Einfamilienhaus am Grolländer See verkauft, inzwischen leben die Zwei in einem vor zwei Jahren fertiggestellten Mehrparteiengebäude mitten in Brinkum. Dort im Wohnzimmer bewahrt Christine Fuchs ihre Trophäen, Medaillen und andere Erinnerungsstücke auf.

Die Anfänge bei der LG Hansa Stuhr: Das Bild muss um 1990 herum entstanden sein, als Christine Fuchs (2.v.r.) zum ersten Mal einem Leichtathletikverein beitrat. Mit dabei waren Christiane Golenia, Hartmut Selz (M.) und Berthold Buchwald (r.). Wer der junge Mann ganz links ist, weiß Buchwald nicht mehr: „Der hat sich eingeschlichen . . .“

Im Gespräch (mit dem gebotenen Abstand zueinander) geht es neben aktuellen Themen wie Corona hauptsächlich um ihre außergewöhnliche Karriere und ihre sportliche Leidenschaft. „Wenn ich rausgehen und laufen kann: Das ist einfach wunderbar“, schwärmt Fuchs – und ihre Augen leuchten. Das Geheimnis ihrer erstaunlichen Fitness mit 80? Gute Ernährung, okay. Und sonst? „Keine Ahnung. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, wo ich das hernehme. Vielleicht ist es dieser Bewegungsdrang, den ich habe.“

Wie viel ihr das Laufen bedeutet, merkte sie besonders, als sie es mal eine Zeitlang nicht konnte. Etwa 25 Jahre habe sie nahezu täglich zehn bis 20 Kilometer abgespult. Vor anderthalb Jahren setzte Fuchs dann eine Gürtelrose außer Gefecht, sie musste ihr geliebtes Hobby vom einen auf den anderen Tag komplett ruhen lassen. Allein bei der Erinnerung daran verspürt sie noch immer Unbehagen: „Es waren höllische Schmerzen. Ich bin vorher in meinem Leben nie krank gewesen und wusste gar nicht, was los war.“ Ihr Mann spricht von einem „schlimmen Jahr, als Christine nicht laufen gehen konnte“. Den Ehrgeiz und die Disziplin, bei jedem Wetter und jeder Gemütslage zu trainieren, bewundert er besonders an seiner Frau, mit der er seit nunmehr 55 Jahren verheiratet ist: „Sie hat immer Lust aufs Laufen und geht auch raus, wenn ich eigentlich nicht rausgehen würde. Hut ab, ich könnte das nicht. Ihre Disziplin ist unglaublich.“

Sportlerin des Jahres 1991: Christine Fuchs (mit auffälliger Frisur) nimmt den Pokal und die Glückwünsche vom stellvertretenden Landrat Walter Scheland entgegen.

Den besten Beweis dafür liefert Christine Fuchs gerade jetzt. Nach der langen Zwangspause muss sie auf dem Weg zurück zur Fitness hart arbeiten – und tut genau das. Ein, zwei Kilometer Laufen, dann eine Pause, dann weiter. Etwa zehn Kilometer schafft sie momentan. Das Laufband, das ihr Mann bestellt hat, will sie nicht nutzen: „Wenn es nicht regnet, bin ich draußen. Da ist es viel schöner.“ Ihr Mann – einst „Mitläufer“, dann ihr Trainer – begleitet sie meistens auf dem Fahrrad.

Ob sie noch mal regelmäßg Wettkämpfe bestreitet, vermag sie nicht zu sagen. Nach kurzem Überlegen sagt sie: „Ich weiß nicht, ob ich das noch mal will. Dafür muss ich erst mal wieder besser werden und entsprechend fit sein. Es muss mir Spaß machen. Wenn ich für einen Halbmarathon fünf Stunden bräuchte, wäre das sicher nichts.“ Sie laufe eben nicht langsam vor sich hin, sondern mag vor allem kräftezehrende Intervalle: „Einzelne 1 000er oder 2 000er im Höchsttempo – das mache ich am allerliebsten.“

Solche Power-Passagen gehörten damals im Training zum Pflichtprogramm. Nachdem sie in Bremen Handball und „wahnsinnig gerne“ das seinerzeit gerade aufkommende Squash gespielt hatte, kam sie eher zufällig zum Laufen. Und nicht nur ihr Mann erkannte, welch großes Talent in ihr schlummerte. Als er sie sah, dachte sich der Stuhrer Berthold Buchwald: „Mensch, die kann das ja ganz gut.“ Er fragte Fuchs, ob sie sich der LG Hansa Stuhr (jetzt LC) anschließen möchte. Gefragt, getan. Im Alter von 50 Jahren wurde sie erstmals Mitglied in einem Leichtathletikverein: „Und dann ging’s los.“

„Keine Angst vor Corona“: Christine und Alfred Fuchs lassen sich nicht verrückt machen.

Und wie! In den 90er-Jahren holte Fuchs bei den Senioren-Weltmeisterschaften mehrere Titel in ihrer Altersklasse über zehn und 25 Kilometer. In Turku (Finnland), Birmingham und Brügge startete sie im Einzel und mit der Mannschaft. Für ihren EM-Titel in Dolo und Mira (nahe Venedig) bekam sie einen auffälligen roten Glaspokal („schön, oder?“), der selbstverständlich auch in der Vitrine steht. International war sie auch bei Wettkämpfen in der Türkei, Polen oder Tschechien am Start – weiter weg aber nicht, „weil ich nicht gerne lange fliege“. Hinzu kamen etwa 15 deutsche Meistertitel. Und dann war sie auch noch Marathon-Europameisterin, obwohl sie die 42,195 Kilometer zunächst nicht in Angriff nehmen wollte: „Das erschien mir viel zu weit.“ Nun kann sie auf etwa 20 Marathons (die meisten davon bei den Deutschen Meisterschaften in Frankfurt) zurückblicken.

Die Flexibilität war einer der Trümpfe des 1,60 Meter großen „Fliegengewichts“ (Selbstbeschreibung). 1 500, 3 000, 5 000, 10 000 Meter, Halbmarathon, Marathon – egal, ob Cross oder Straße: Die zierliche Frau Fuchs beherrschte nahezu alle längeren Distanzen auf unterschiedlichen Belägen und hält noch immer zehn Altersklassen-Kreisrekorde. Ihre Bestzeit über 10 000 Meter: 38:08 Minuten. Im Marathon: 3:08,08 Stunden – mit 58 Jahren! „Ich bin alles gerne gelaufen“, betont Fuchs.

Zur Person

Christine Fuchs ist – wie ihr Mann Alfred – gebürtige Bremerin. „Im zweiten Weltkrieg wurden wir ausgebombt und zogen durch die Lande“, erzählt die 80-Jährige. Die Familie lebte in Varrel bei Sulingen, ehe ihr Vater 1952 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde und in Bremen Arbeit fand – also zurück in die Hansestadt. Fuchs selbst arbeitete lange bei Eduscho – zunächst als Sekretärin, dann in der Redaktion der Firmenzeitung. „Sozusagen als Quereinsteigerin“, sagt sie. Ihre Vereinskarriere als Läuferin startete sie in Stuhr, wechselte dann zur LG Bremen Nord und kam vor sechs Jahren zurück zum LC Hansa. Bei Trainer Berthold Buchwald, den sie sehr lange kennt, „bin ich gut aufgehoben“. Ihren letzten Marathon habe sie vor sieben Jahren in Oldenburg absolviert und nach 4:20 Stunden das Ziel erreicht – mit 73 Jahren.

Dass sie bei den Rennen stets auffiel, lag aber nicht nur an ihren Leistungen – sondern auch am Erscheinungsbild. Sie hatte gleich mehrere Styling-Markenzeichen, trug gerne knallbunte Outfits und war immer geschminkt. Dazu die Frisur: hinten und an den Seiten kurz, vorne mit langem Pony – hochtoupiert und aufgehellt. Dort hingen meistens auch noch Perlen drin. „Da haben mich die Leute oft gefragt, wie lange das beim Laufen hält.“ Und? „Eigentlich immer, dank des Haarsprays. Es sei denn, es hat geregnet . . .“ Eine weitere Besonderheit: die Netzhandschuhe. „Eigentlich zieht man sie zu Bällen an, aber ich finde sie einfach chic“, sagt Fuchs und lächelt. Pink, schwarz, blau – sie besitzt Modelle in mehreren Farben.

Allerdings hat sie das Accessoire schon länger nicht mehr über die Hände gestreift, ihr letzter Wettkampf liegt etwa drei Jahre zurück. Der Fuchs’sche Alltag sieht inzwischen so aus: vormittags Sport, nachmittags lesen (sie bevorzugt Krimis, derzeit Charlotte Links „Ohne Schuld“) und ein längerer Spaziergang – am liebsten zum einen Kilometer entfernten Eiscafé. „Dort trinken wir einen Cappuccino, unser Ritual“, erzählt Alfred Fuchs. Das Café ist aber – wie auch Restaurants und Bars – gerade geschlossen. „Man kann ja nichts machen“, seufzt Christine Fuchs mit Blick auf den erneuten Lockdown. Gerne würden die Zwei mal wieder Tagesausflüge per Bahn nach Hamburg oder Oldenburg machen – „ein bisschen shoppen“, sagt sie. Geht aber momentan nicht.

Impftermin? „Man kommt sich veräppelt vor“

Alfred Fuchs ist selbst noch gar nicht an der Reihe, mit 78 Jahren gehört er erst zur zweiten Impfgruppe – aber er versucht seit dem Startschuss am 28. Januar, einen Termin für seine Frau Christine zu vereinbaren, um sie vor dem Corona-Virus zu schützen. Bisher vergeblich. Weder online noch per Telefon war er beim Land Niedersachsen erfolgreich. Und das wurmt ihn gewaltig: „Man kommt sich total veräppelt vor.“ Dass die Homepage zur Terminvergabe unter der Last der vielen Anmeldungen in die Knie ging, habe er ja noch halbwegs akzeptiert. Das ständige Besetztzeichen bei seinen zahlreichen Anrufversuchen empfindet Fuchs dagegen als nicht mehr hinnehmbar: „Man liest, dass alle Termine vergeben sind und man sich telefonisch auf eine Warteliste setzen kann. Das soll angeblich funktionieren, tut es aber nicht“, ärgert sich Fuchs: „Dann soll man doch bitte klar sagen, dass es aktuell keine Termine gibt. So hat das Ganze jedenfalls keinen Zweck.“ Immerhin: Gestern gelang es, Christine Fuchs auf eine Impftermin-Warteliste zu setzen – allerdings online, nicht per Telefon. mr

Corona sei natürlich auch bei ihr im Kopf, sie mache sich deshalb aber nicht verrückt, betont Fuchs: „Ich habe keine Angst und denke immer daran, meine Maske aufzusetzen.“ Was das Ehepaar enorm nervt, ist das aktuelle Impfchaos (siehe Blickpunkt oben rechts). Für die Zukunft wünscht sich Christine Fuchs (neben einem Impftermin) vor allem Gesundheit – und vielleicht doch den einen oder anderen Wettkampf: „Einen Halbmarathon würde ich gerne noch laufen. Man muss ja Ziele haben.“

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