Über die Kunst, mit 18 ein Karrieretief zu überwinden: Sprinterin Anna-Lena Freese im Interview

„Niederlagen gehören zum Leben“

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Die Ziellinie erreichte Anna-Lena Freese bei der Jugend-WM in Barcelona noch, allerdings in einer enttäuschenden Zeit. Dahinter stürzte die Brinkumerin – und die Saison war gelaufen.

Brinkum / Hannover - Von Tobias Kortas. Sprinterin Anna-Lena Freese ist erfolgsverwöhnt. Für den FTSV Jahn Brinkum gewann sie in ihrer Spezial-Disziplin über 200 Meter schon zwei deutsche Meistertitel im Jugendbereich. Und auch auf internationaler Bühne überzeugt die seit Montag 19-Jährige – zum Beispiel durch den U 20-Europameistertitel mit der deutschen Staffel.

Die amtierende Sportlerin des Jahres im Landkreis Diepholz gehört zu den (!) großen Hoffnungen Deutschlands in ihrer Altersklasse. Im Juli dann aber die Zäsur: Freese stürzte bei der U 20-WM in Barcelona und verletzte sich am Knie. Die Saison war gelaufen. Im Interview verrät die Brinkumerin, wie sie sich durch ihr erstes Karrieretief gekämpft hat, woraus sie neue Motivation zieht – und welche Ziele sie sich für 2013 setzt.

Sie sind am Samstag bei den Landesmeisterschaften in Hannover die 60 Meter gelaufen. Nach der schnellsten Vorlaufzeit (7.74 sec.) hat es für Sie im Finale nur zum fünften Platz (7.90 sec.) gereicht. Wie zufrieden sind Sie mit dieser Leistung?

Anna-Lena Freese:Für den ersten Wettkampf in dieser Saison war das schon ganz gut. Aber natürlich denkt man immer, dass man noch etwas schneller kann.

Spielt der üble Sturz, die große Enttäuschung von Barcelona da im Hinterkopf noch eine Rolle?

Freese:Das hat mich schon noch richtig lange beschäftigt, aber so etwas kann passieren und es kann nicht alles nur glatt laufen. Solch eine Niederlage gehört im Leben dazu. Nach dem Lauf habe ich gedacht: Okay, jetzt ist es vorbei. Ich bin dann zu den Ärzten gegangen und hatte gehofft, dass die mir sagen, dass ich noch bei den Deutschen Meisterschaften starten kann. Haben sie aber leider nicht. Das war unangenehm zu hören. Plötzlich war mir klar, dass die Saison wirklich vorbei ist.

Wer hat Ihnen am meisten dabei geholfen, sich wieder neu zu motivieren?

Freese:Der Mensch, den ich jeden Tag sehe, ist mein Trainer Björn Sterzel. Der hat mich sehr motiviert. Er hat gesagt: „Komm, das ist eben passiert.“ Er hat mir immer gesagt, wie stolz er trotzdem auf mich war. Bis dahin war das auch keine schlechte Saison. Ich war immerhin bei einer Weltmeisterschaft. Er meinte auch zu mir, dass die nächste Saison wieder meine Saison wird. Meine Eltern sind auch gleich zu mir gekommen, haben mich motiviert und gesagt: „Komm, das packst du schon. Das ist jetzt nicht so schlimm.“ Und dann natürlich meine Freunde, die ich in Hannover habe, und mein Freund.

Wann konnten Sie nach Ihrer Knieverletzung wieder gezielt ins Lauftraining einsteigen?

Freese:Das hat zweieinhalb bis drei Monate gedauert. Danach konnte ich wieder langsam joggen und habe alles ganz sachte gemacht: Viel Athletik-Training, und Koordinationstraining war meistens auch möglich.

Da blieb sicherlich auch Zeit, das Jahr 2012 Revue passiere zu lassen. Sind auch positive Ereignisse hängen geblieben?

Freese:Viele Wettkämpfe hatte ich in der letzten Saison ja nicht. Ich war die Hallen-Saison nicht gelaufen und habe befürchtet, gar nicht die nötige Vorbereitung zu haben. Aber schon gleich beim ersten Wettkampf in Weinheim, wo ich die WM-Norm und auch persönliche Bestzeit gelaufen bin, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Da war ich dann umso erleichterter, dass gleich alles so gut funktioniert hat.

Wie viel trainieren Sie, um in dieser Saison wieder erfolgreich zu sein?

Freese:Ich trainiere fünf bis sechs Mal in der Woche. Manchmal mache ich einmal in der Woche Frühtraining, manchmal auch zweimal. Das kommt darauf an, was ich in der Woche sonst noch zu tun habe. Eine Trainingseinheit dauert zwei bis zweieinhalb Stunden. Ich lasse mich beim Training nicht hetzen und mache lieber alles etwas ruhiger.

Und was erwarten Sie sich von der neuen Saison?

Freese:Ich will im Februar zu den Deutschen Hallen-Meisterschaften in Halle an der Saale. Dafür muss ich mich erstmal qualifizieren. Und in diesem Jahr gibt es noch eine U 20-EM (im italienischen Rieti vom 18. bis 21. Juli, Anm. d. Red.). Ich möchte alles daran setzen, dass ich mich in meinem letzten Jugendjahr auch dafür qualifiziere und noch eine internationale Meisterschaft mitnehme.

Nächstes Jahr dann der große Umbruch. Sie müssen in der Frauen-Konkurrenz starten . . .

Freese:Das wird schon ein hartes Stück Arbeit. Wenn man sieht, dass man in der Jugend in den letzten zwei Jahren an der deutschen Spitze mitgelaufen ist und bei Deutschen Meisterschaften Siegchancen hatte, pusht einen das richtig. Bei den Frauen ist man wieder die Kleinste und muss sich gegen die Erfahrenen durchkämpfen. Das ist schon schwer, da den Umstieg zu schaffen. Aber vielleicht klappt es ja.

Was müssen Sie als Sprinterin alles leisten, um vor einem wichtigen Wettkampf in guter Verfassung zu sein.

Freese:Eine gute Sprinterin muss Ruhe bewahren. Sie darf keine Angst vor dem Wettkampf haben, sondern sollte sich darauf freuen. Wenn man Angst hat, ist alles vorbei.

Mussten Sie das auch erst lernen?

Freese:Ich hatte in einem Fall Angst vor einem Wettkampf. Da dachte ich, dass ich es nicht schaffe. Ich bin keine gute Starterin und bei den Dingen, die man nicht gut kann, macht man sich Sorgen. Dann läuft man nicht gut, weil man verkrampft ist und die positiven Sachen nicht sieht. Klar, Respekt vor der Konkurrenz ist immer dabei, aber man sollte lieber Spaß haben und alles genießen. Gerade nach solch einer langen Verletzung sollte ich glücklich sein, wieder laufen zu können.

Sie haben durch den Sport schon einiges erlebt. Welche Erfahrungen haben Sie am meisten geprägt?

Freese:Der Teamgeist innerhalb der Nationalmannschaft hat mich sehr geprägt. Da ist man anderthalb Wochen auf engstem Raum zusammen und motiviert sich gegenseitig. Dadurch entstehen Freundschaften. Aber auch der Kontakt zu den internationalen Konkurrenten prägt. Bei den Weltmeisterschaften habe ich viele Jugendliche aus anderen Ländern getroffen, aus Kuba und Jamaika zum Beispiel. Das ist schon aufregend, die kennenzulernen. Mit manchen verstehe ich mich echt gut, und dann gibt es solche Sachen wie Facebook oder Skype, durch die ich mit ihnen in Kontakt bleibe. So habe ich Freunde auf der ganzen Welt. Und manchmal sieht man sich bei Wettkämpfen auch wieder. Das ist ein schönes Gefühl.

Haben Sie neben dem Sport und der Schule eigentlich noch Zeit für andere Dinge?

Freese:Das sieht momentan ganz gut aus. Ich mache gerade das Abitur. Das können wir auf der Sportschule in Hannover in 13 statt, wie üblich, in zwölf Jahren machen. Zurzeit habe ich nur 18 Schulstunden. Da bleibt mehr Zeit zum Trainieren. Jetzt habe ich auch mehr Möglichkeiten, in die Stadt zu fahren oder mich mit Freunden zu treffen. Das konnte ich letztes Jahr noch nicht, weil ich immer lange Schule hatte und danach gleich zum Training musste. Das kann ich jetzt alles Stück für Stück nachholen.

Bis irgendwann der berufliche Alltag ansteht. Was soll es denn werden? Ohne Sport wird es kaum gehen, oder?

Freese:Ja, wenn das irgendwie passen würde, wäre das cool. Wenn ich auch im Beruf das machen könnte, woran ich Spaß habe, wäre das schon gut. Mal sehen, was es so gibt.

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