Showtraining beim Barrier TC

Ex-Tennis-Profi Nicolas Kiefer: „Ich bin echt happy“

Er spielt noch Tennis (wie hier in Barrien), setzt inzwischen aber andere Prioritäten – und hat neue Hobbys: Ex-Profi Nicolas Kiefer golft gerne und läuft Marathons.
+
Er spielt noch Tennis (wie hier in Barrien), setzt inzwischen aber andere Prioritäten – und hat neue Hobbys: Ex-Profi Nicolas Kiefer golft gerne und läuft Marathons.

Barrien – Nach getaner Arbeit lässt sich Nicolas Kiefer (43) auf der Holzbank neben dem Platz nieder. Zeit für ein ausführliches Interview mit dieser Zeitung, nachdem er den Barrier TC mit einem Showtraining und anschließender Autogrammstunde beglückt hat.

Bei der Facebook-Aktion „#CoachKiwi“ hatte sich der BTC beworben und den Besuch des prominenten Hannoveraners gewonnen. Der ehemalige Tennisprofi (einst Nummer vier der Welt und Silbermedaillengewinner im Doppel mit Rainer Schüttler bei den Olympischen Spielen 2004) spricht aber nicht nur über Tennis, die anstehenden US Open und Alexander Zverev. Sondern auch über Marathon, Golfen, Hannover 96 – und Syke.

Als Aktiver waren Sie Ende August immer bei den US Open in New York, zuletzt vor zehn Jahren. Jetzt sind Sie in Barrien: Wie fühlt sich das an?

Gut. Früher war alles ausgerichtet auf Tennis, jetzt gibt es andere Prioritäten bei mir. Seit zwei Jahren habe ich meine eigene Marke und kümmere mich darum. Das ist auch total spannend, interessant und macht Spaß.

Waren Sie schon mal hier in der Gegend?

Nein, da brauchte ich das Navi (schmunzelt). Aber von Syke habe ich schon oft gehört.

Ach, tatsächlich? In welchem Zusammenhang?

Über Freunde, die Freunde haben, die vor den Toren Bremens leben. Und mit Axel Finnberg spiele ich in einer Mannschaft beim SCC Berlin. Er ist ja unweit weg von hier beheimatet. Und natürlich über Erik (Barriens Erik Trümpler, d. Red), mit dem und gegen den ich früher öfter gespielt habe.

Platzgespräch: Ex-Tennisprofi Nicolas Kiefer (r.) und Kreiszeitung-Sportredakteur Malte Rehnert auf der Anlage des Barrier TC.

Trotz Ihrer neuen Aufgaben: Wie sehr vermissen Sie die großen Turniere und das Profitennis?

Gar nicht. Tennis wird immer ein Teil von mir bleiben, und ich schaue es mir gerne an – aber es ist nicht so, dass ich da gerne wieder spielen möchte. Weil ich weiß, welche Opfer dafür nötig waren. Es war eine schöne Zeit, aber irgendwann kommt eben etwas Neues. Und so, wie es jetzt ist, bin ich echt happy.

Tommy Haas ist kürzlich in Berlin für ein kurzes Comeback zurückgekehrt. Für Sie gar kein Thema?

Seit Jahren bestreite ich Punktspiele, war also nie weg, sondern immer noch auf der Bildfläche. Mit Ratingen bin ich zweimal Deutscher Meister geworden, letztes Jahr auch mit dem SCC Berlin. Diesen Titel wollen wir nun verteidigen.

Mit den aktuellen Profis konnte Haas, der etwa ein Jahr jünger ist als Sie, ziemlich gut mithalten? Wie fit sind Sie?

Zu Fuß bin ich gut unterwegs und versuche, mich fitzuhalten. Tagtäglich mache ich meine Übungen – diese Routine ist von damals noch drin. Außerdem laufe ich gerne, spiele Golf und surfe. Der Unterschied zu damals: Wenn ich jetzt irgendwas am Körper merke, wird die Pause ein bisschen länger.

Beim SCC Berlin spielen Sie nicht nur bei den Herren 40, sondern sind auch als Jugendtrainer aktiv. Warum ist Ihnen das wichtig?

Es macht mir unheimlich viel Spaß, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, die jung und hungrig sind, bei denen das Feuer und Leuchten in den Augen zu sehen ist. Man sieht, wie sie sich verbessern, das sind immer Etappenerfolge. Tennis hat mir so viel gegeben in meinem Leben – jetzt möchte ich einfach ein bisschen zurückgeben.

Am Montag starten die US Open. Es gab viele Diskussionen, ob sie wegen Corona überhaupt stattfinden sollten. Ihre Meinung?

Es ist gut, dass der Welt gezeigt wird, dass der Sport funktioniert. Beim Fußball habe ich es anfangs sehr kritisch gesehen – aber es hat wunderbar geklappt. Und beim Tennis scheint es, zumindest beim von Cincinnati nach New York verlegten Turnier, genauso zu sein. Spannend wird, wie sich die Topspieler schlagen.

Warum?

Eine Nightsession vor 20.000 Leuten zu spielen, bedeutet für einen Underdog normalerweise enormen Druck. Jetzt, ohne Publikum, ist es entspannter. Die Chance für einen Außenseiter, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, ist in diesem Jahr größer denn je.

Heißt: Mehr Überraschungen als sonst in New York?

Das könnte gut sein – vor allem bei den Damen. Bei den Herren eher nicht. Wenn Novak Djokovic fit bleibt, wird er es gewinnen.

Was trauen Sie Alexander Zverev zu?

Die Vorbereitung ist nicht gut gelaufen (Erstrunden-Aus gegen Andy Murray beim Cincinnati-Turnier, d. Red.). Und mit Kevin Anderson hat er einen schweren Auftaktgegner. Andererseits bin ich optimistisch, dass er sich durchbeißt. Dieser Kampfgeist ist eine seiner großen Stärken.

Sie haben Zverev und auch den Österreicher Dominic Thiem für Ihre Teilnahme an der Adria-Tour, die mehrere Corona-Fälle nach sich zog, extrem hart kritisiert. Gab es darauf Reaktionen?

Nein, beide wissen auch, dass es nicht optimal war. Sie waren sich vermutlich gar nicht bewusst, was das alles auslöst. Beide wollten wohl einfach nur wieder unter Wettkampfbedingungen spielen.

Erst kürzlich hat Zverev den „Riesen-Fehler“ eingeräumt. Kaufen Sie ihm diese Reue komplett ab?

Ja, schon. So schätze ich ihn ein. Er ist ein großartiger Sportsmann, spielt unglaubliches Tennis und ist auch außerhalb des Platzes ein guter Junge. Er lebt viel in Amerika und hat sich vielleicht von der lockeren und entspannten Atmosphäre, die dort zunächst herrschte, ein bisschen treiben lassen. Jeder Mensch macht Fehler.

Seit etwa zwei Jahren sind Sie Geschäftsmann, „NK #Kiwifash“ ist Ihr eigenes Mode-Label. Unter www.kiwi-onlineshop.de können die Artikel – ausschließlich online – bestellt werden. Wie kam es dazu? Und wie läuft’s?

Es war schon damals immer mein Traum, einmal eine eigene Marke zu haben. Und es läuft gut. Wir sind mit Freizeitkleidung gestartet, das wurde prima angenommen. Dann kam von vielen die Frage: Du warst Tennisspieler, warum gibt es keine Tenniskollektion? Das haben wir dann auch umgesetzt. Anfang des Jahres sollte eine Golfkollektion auf den Markt kommen, aber dann kam das Virus.

Stattdessen sind Sie auf Gesichtsmasken umgestiegen.

Und das hat wirklich eingeschlagen, ist ein Renner. Der Mund- und Nasenschutz schützt uns und unseren Gegenüber.

Wie wirkt sich Corona auf Ihr Leben aus?

Man entschleunigt, ist viel ruhiger. Zum Beispiel bin ich viel spazieren gegangen. Geändert hat sich für mich sonst fast nichts. Bis auf die Absagen der Tennis-Top-Events, die ich in Robinson-Clubs machen wollte, etwa in Thailand oder der Türkei. Und leider wurden alle Marathons gestrichen, die geplant waren.

Wo wollten Sie starten?

In Boston, Chicago und Tokio. Ich habe mir vorgenommen, die großen sechs Marathons zu laufen – alle unter vier Stunden. Berlin ist bereits erledigt, für nächstes Jahr sind zwei oder drei der großen Sechs angedacht.

Ihren ersten Marathon haben Sie in Ihrer Heimatstadt Hannover absolviert, es folgten etwa zehn weitere. Hat Ihre Bestzeit aus dem Jahr 2013 (3:28,20 Stunden) noch Bestand?

Ja, und ich finde diese Zeit unglaublich. Bis heute ist es mir ein Rätsel, wie ich das geschafft habe (lacht). Ich habe nicht gerade den Körperbau für einen Marathon und bin eher der Typ Sprinter.

Was fasziniert Sie am Marathon?

Das Quälen! Der Kampf gegen sich selbst. Und die ganze Atmosphäre. Da kribbelt’s. Meine Gedanken beim Start sind immer: Was machst du eigentlich hier? 42 Kilometer Laufen! Aber das ist irgendwann weg – und ich bin in einem Tunnel. Das ganze Drumherum danach ist auch großartig – ein Traum. Einfach genial, ich liebe es!

Ihr Golf-Handicap ist aktuell 9,5. Wo soll das noch hinführen . . .?

Mein Ziel: Auf jeden Fall einstellig bleiben – natürlich mit Tendenz nach unten. Seit Januar trainiere ich jede Woche mit einem Trainer. Das ist auch eine meiner Leidenschaften. Morgens rausgehen, die Ruhe, dann läuft vielleicht mal eine Hase oder ein Reh über die Bahn – herrlich. Ein Genuss. Da kann ich richtig abschalten.

Ein weiteres Hobby ist Fußball. Sie besuchen in Ihrer Heimatstadt normalerweise fast jedes Heimspiel von Hannover 96. Wie sind Sie als Fan?

Absolut emotional. Gewinnen sie, freue ich mich. Verlieren sie, fluche ich. Das ist eben der Sportler in mir.

Wie wird die nächste Saison der „Roten“?

Sie haben viele Neuzugänge, eine fast komplett neue Mannschaft. Man muss Kenan Kocak (Trainer) und Gerhard Zuber (Sportchef) einfach mal machen lassen. Ruhe und Kontinuität sind die wichtigsten Worte in Hannover. Eine Stadt wie Hannover muss in der ersten Liga spielen. Und ich hoffe, sie schaffen es.

Hintergrund: Der perfekte Tennisspieler

Zum Abschluss des Interviews stellt sich Nicolas Kiefer noch einer „Bastelaufgabe“: Wie sieht sein perfekter Tennisspieler aus? Der 43-Jährige baut ihn sich aus den aktuellen Profis zusammen: „Bei Mentalität und Einstellung zum Sport nehme ich Rafael Nadal, in puncto Leichtigkeit, Gelassenheit und Filigran Roger Federer.“ Beide Topstars tauchen dann noch mal auf: Nadal wegen seiner „Vorhandpeitsche“, Federer bei Volley und Netzspiel sowie beim Aufschlag. Dank seiner „schönen Rückhand“ und der Fitness ist auch der Weltranglistenerste Novak Djokovic in Kiefers Puzzle dabei. Zudem Andy Murray – „wegen seiner Beinarbeit und ebenfalls der körperlichen Fitness“. Und seine Idee beim Thema Matchball verwandeln: „Emotionen wie Kiefer“, sagt Kiefer und grinst.  mr

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

Rehdens Abwehrriegel hält lange

Rehdens Abwehrriegel hält lange

Rehdens Abwehrriegel hält lange
Marcineck weg – und die Nachfolger schon da

Marcineck weg – und die Nachfolger schon da

Marcineck weg – und die Nachfolger schon da
Aus der Traum

Aus der Traum

Aus der Traum
Historischer Sieg: Diepholzer Kreis-Team holt sich Standartentitel

Historischer Sieg: Diepholzer Kreis-Team holt sich Standartentitel

Historischer Sieg: Diepholzer Kreis-Team holt sich Standartentitel

Kommentare