Nick Hämmerling geht seinen Weg und kämpft vehement gegen Vorurteile

Handicap? Na und!

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Triathlon als Teamwork: Vor allem auf der Laufdistanz ist Kommunikation das A und O. Es klappt zwischen Nick Hämmerling (links) und Benjamin Koc. Der Behinderten-Sportverband Niedersachsen hat den 28-Jährigen zum „Behindertensportlicher des Jahres 2014“ nominiert.

Weyhe - Von Daniel Wiechert. Es braucht nur Sekunden, bis Nick Hämmerling seine Leidenschaften verrät. Nonverbal. Kaum durch die Tür springt mir ein quietschfideler 28-Jähriger entgegen. Er packt seine Sporttasche – am Abend steht Ausdauertraining für den Triathleten an. Auf der Suche nach der Trinkflasche für die Übungseinheit stolpert Hämmerling über die am Bett lehnende Gitarre – Musik: sein zweiter Lebensinhalt. Doch nicht nur Hämmerling in Aktion, auch seine Wohnung selbst lässt tief blicken. An der Wand schaut mich Hämmerling als vielleicht dreijähriger Dotz an – mit dem Mikro in der Hand auf der Bühne stehend. Jeder, der seine Heimstätte betritt, sieht, was den 28-Jährigen bewegt. Jeder? Nein. Hämmerling nicht. Er ist blind. Von Geburt an.

Ein Handicap, mehr nicht. „Es ist schade, dass man als Blinder auf die Blindheit reduziert wird. Ich will keine Opferrolle. In erster Linie bin ich Mensch.“ Leute, die das nicht begreifen, lässt Hämmerling stramm stehen. Als vor kurzem ein Patient zu Physiotherapeut Hämmerling meinte, er sei doch nur „ein halber Mann“, warf der 28-Jährige ihn kurzerhand aus dem Zimmer. Die Vorurteile nerven ihn. Auch wenn er weiß, „dass diese vor allem durch Unwissenheit entstehen. Mein Wunsch ist einfach: Die Leute sollten auf mich zugehen, Fragen stellen – ohne Zurückhaltung oder Ängste.“ Er selbst lebt das vor, schmeißt sich ins Getümmel, verbarrikadiert sich nicht in seiner Wohnung. „Ich suche den direkten Kontakt, frage Menschen, die ich neu kennenlerne: Was ist deine Geschichte? Ich glaube einfach, dass vielen gute Gespräche fehlen. Jeder hat etwas zu erzählen.“

Hämmerlings Geschichte handelt von Musik und Sport – sie sind seine Ausdrucksmittel. „Ich brauche diese Extreme“, erklärt er: „Wenn ich auf der Bühne stehe oder mich in einem Sportwettkampf befinde, spüre ich das direkte Leben am intensivsten. Dabei geht es nicht darum, im Mittelpunkt zu stehen. Es ist mehr die Atmosphäre, ich bin dann so extrem im Tunnel, auf mich fokussiert.“

„Egal was du hast:

Geh raus, zeig dich!“

Bei der Musik war es ein geradliniger Prozess. Als kleines Kind malträtierte er die Kochtöpfe in seinem Elternhaus in Fahrenhorst, was ihm ein Schlagzeug einbrachte. Zunehmend konzentrierte er sich aber auf das Singen. So überlegte Hämmerling nach dem Abitur an der KGS Brinkum, Gesang und Musiktherapie zu studieren, nahm davon aber Abstand: „Im Musikbereich braucht man meiner Meinung nach kein Studium, um etwas zu erreichen. Das Glück hat der Tüchtige, das habe ich nicht zuletzt durch den Sport gelernt.“ Hämmerling macht deutschen Hiphop, Jazz und Soul. Derzeit hat er ein Projekt mit der Band „Ekstase“ in Hamburg laufen. „In meinen Texten geht es um Persönliches. Ein Lied heißt ‚Ehrliche Wege‘. Es geht um eine Frau, die eine Gesichtsentstellung hat.“ Die Quintessenz des Songs sei einfach, erklärt der Musiker: „Egal was du hast: Geh damit raus, zeig dich!“

Das lebt er vor. Und nutzt dafür den Triathlon. Er habe sich Zeit seines Lebens sportlich betätigt, „aber der Sport stand nie so krass im Fokus. Das hast sich alles langsam entwickelt, bevor es eine eigene Dynamik bekam.“ Und was für eine: Mittlerweile ist Hämmerling mit seinem Guide und Teamkollegen vom Weyher SC, Benjamin Koc, Deutscher Vizemeister im Paratriathlon.

„Nick kam auf unseren Verein zu und hat gesagt, dass er Lust auf diesen Sport hat“, erinnert sich SC-Kollege Horst Wittmershaus, der für Hämmerling auch die Trainingspläne ausarbeitet, an die Anfänge. Damals ergab es sich, dass auch Koc gerade mit dem Ausdauersport begonnen hatte. „Zunächst wollte ich Nick nur einen Gefallen tun“, sagt Koc: „Aber für uns ist es jetzt nicht nur ein Riesen-Projekt geworden. Wir unternehmen privat viel, sind echte Freunde geworden.“

Eine Verbandelung, die im Wettkampf hilft. Beim Radfahren sitzen sie zusammen auf einem Tandem, beim Schwimmen und Laufen sind Koc und Hämmerling mit einer Schnur verbunden. Doch trotzdem: Kommunikation ist das A und O. Auf der Laufstrecke sagt der 32-jährige Koc seinem Partner jede Unebenheit – Gullydeckel, Schlaglöcher etc. – an. Nicht nur deshalb freut sich Hämmerling, dass „Benni voll hinter mir steht. Für uns ist es das Schöne, dass der eigentliche Individual- zu einem Teamsport wird. Ich mag diesen Austausch im ganzen Verein – diese Gemeinschaft ist eine Art Familie.“

Er setzt sich nur die

höchsten Ziele: Rio 2016

Aber Hämmerling sieht noch Steigerungspotenzial im Miteinander. „Ich fühle mich beim SC Weyhe sehr gut aufgehoben. Aber es reicht nicht aus, zweimal die Woche im Wasser trainieren zu können. Die Vereine sollten mehr zusammenarbeiten, den Konkurrenzgedanken zurückschieben, damit ich mehr Schwimmzeiten in den Bädern bekomme. Denn anders kann ich es nicht in die deutsche oder internationale Spitze schaffen.“

Und das will er – bis zu den Paralympics 2016 nach Rio de Janeiro soll der Weg führen. „Ich bin jemand, der sich nur die höchsten Ziele setzt“, sagt Hämmerling: „Ich mag es einfach, an mir zu arbeiten.“ Doch ob es mit Rio 2016 klappt, liegt nicht allein an ihm. Das Internationale Paralympische Komitee hat die Startklassen kürzlich bekanntgegeben. So ist am Zuckerhut zwar ein Triathlon für sehbehinderte Frauen geplant, nicht aber in den Männerklassen: „Was ist das bitte für eine Ungerechtigkeit? So eine Form von Diskriminierung ist doch das Allerletzte – und dann noch im Behindertensport“, schüttelt er den Kopf. Da ist er – Hämmerling, der Kämpfer. Ein lebensbejahender junger Kerl, der zwar nichts sieht, aber weitaus mehr blickt.

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