Ehemaliger Trainer Prokop im WM-Endspurt

Jan Mohrmann: „Weltmeister - ein Traum für Christian“

Alltag in Anderten von 2006 bis 2009: Christian Prokop (links) als Trainer, Jan Mohrmann (rechts) als Spieler. Seit 2008 heißt der Verein in der niedersächsischen Landeshauptstadt HSV Hannover Handball. Foto: imago
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Alltag in Anderten von 2006 bis 2009: Christian Prokop (links) als Trainer, Jan Mohrmann (rechts) als Spieler. Seit 2008 heißt der Verein in der niedersächsischen Landeshauptstadt HSV Hannover Handball.

Sulingen - Von Malte Rehnert. Um den Anruf entgegenzunehmen, muss sich Jan Mohrmann eines Handschuhs entledigen. Es herrschen Minusgrade, als der 34-Jährige mit Terrier-Mix-Familienhund Lila eine Fahrradtour durch seinen Wohnort Lindern (eine Sulinger Ortschaft) unternimmt.

Sein Rezept gegen die klirrende Kälte. Er wechselt zwischendurch die Telefon-Hand („die andere ist mir fast abgefroren“) - und redet sich während einer Radelpause warm. Es geht um Handball und vor allem um einen gewissen Christian Prokop. Der Bundestrainer tritt heute (20.30 Uhr) in Hamburg mit seinem Team im WM-Halbfinale gegen Norwegen an - und Mohrmann drückt besonders fest die Daumen, denn er kennt Prokop bestens. Von 2006 bis 2009 war der 40-Jährige bei Hannover-Anderten sein Trainer. Im Interview erinnert sich Mohrmann an diese Zeit und verrät, was er sich für Sonntag wünscht.

Drei Jahre lang war Christian Prokop bei Hannover-Anderten Ihr Trainer. Welche Erinnerung daran schießt Ihnen als erste in den Kopf?

Wir waren in der Regionalliga Nord eine Mannschaft im Tabellen-Mittelfeld, als Christian kam. Hatten vorher Probleme und einen Trainerwechsel. Er hat dann das Potenzial aus unserer jungen Truppe herausgekitzelt, wir sind gleich im ersten Jahr aufgestiegen und haben dann drei Jahre die Zweite Liga gehalten.

Und die ersten Gedanken, wenn Sie den Namen Prokop hören?

Mega akribisch, Sport-Fanatiker und vor allem Handball-Liebhaber - und der beste Trainer, den ich je hatte. Unsere Erfolge waren zum großen Teil sein Verdienst. In jedem Training hat er 100 Prozent eingefordert, war immer perfekt vorbereitet. Meistens haben wir zwei Stunden oder länger trainiert, jede Einheit war mit Inhalten vollgepackt bis unters Dach. Dazu kamen ewig lange taktische Sitzungen. Für den Handball hat er schon damals alles gegeben.

Um die eigene Profi-Karriere nach einer Knieverletzung inklusive Knorpelschaden irgendwie fortsetzen und das malade Knie entlasten zu können, schulte er vom Rechts- zum Linkshänder um. Und er ließ sich unter Vollnarkose den linken Oberschenkel brechen, um seine Bein-Fehlstellung zu beheben. Half alles nichts, im Alter von 25 Jahren musste er seine Laufbahn beenden.

Ja, das hat er uns mal erzählt. Er war immer schon extrem ehrgeizig und bereit, alles für den Sport zu tun. Dann war es auch logisch, dass er, wenn er nicht mehr selbst spielen kann, sofort Trainer wird.

Sie haben unter Prokop viel gespielt im linken Rückraum. Gibt es eine besondere Situation zwischen Ihnen beiden, die Ihnen ad hoc einfällt?

Ich bin mal zu einem Spiel zu spät gekommen, hatte irgendwie die Zeit verpeilt und war erst 20 Minuten vor dem Anwurf da. Ein dummer Fehler meinerseits. Statt mich vor der Mannschaft rund zu machen, hat er mich von Anfang an spielen lassen. Er hat kein großes Ding daraus gemacht und anschließend sogar noch lobende Worte für mich gefunden. Das fand ich bemerkenswert.

In Interviews wirkt Prokop stets besonnen. Kann er auch mal richtig laut werden?

Oh ja - das kann er. Auch wenn es nie so richtig sein Ding war. Aber wenn es mal nicht lief und ihm etwas nicht passte, waren die Ansprachen auch mal ziemlich laut. Und dann hat man seine Ungeduld gespürt. Am authentischsten war er immer, wenn es um die Sache Handball ging. Ansonsten war er sehr locker drauf, mit ihm konnte man Spaß haben und Witze machen. Er war auch mal mit bei einer Mannschaftsfahrt auf Mallorca.

Das war vermutlich 2007 nach Ihrem Aufstieg in die 2. Bundesliga?

Genau. Nach unserem letzten Spiel sind wir 2007 mit dem Bus direkt aus Halle an der Saale zum Flughafen gefahren - wegen unserer ausgiebigen Feierei durften wir jedoch nicht in den Flieger, mussten umbuchen und waren erst sechs Stunden später da. Und es hat uns insgesamt 3 000 Euro gekostet. Christian war an der ganzen Sache nicht ganz unbeteiligt . . . Er war ein kumpelhafter Typ, aber beim Thema Handball hochprofessionell, konzentriert und fokussiert.

Wie hat sich das genau geäußert?

Er war ja, als er bei uns anfing, selbst noch sehr jung - keine 30 Jahre. Wir hatten Spieler, die waren älter - das ist manchmal nicht so einfach und birgt Gefahren. Deshalb hat er immer darauf geachtet, als Trainer eine gewisse Distanz zu wahren. Das war auch notwendig.

Wie hat er Ihre Mannschaft besser gemacht?

Wie soll ich das am besten sagen? Er hat uns eine andere Art Handball beigebracht - vor allem im Angriff wurden wir viel konzentrierter. Und er hat viel Wert auf gutes Zweikampfverhalten gelegt. Wie bei den Franzosen, die fand er schon immer geil.

Mehr Erfolg, größere Bekanntheit - erkennen Sie heute noch den Prokop von früher?

Absolut. Ich habe neulich mit ein paar Freunden von damals darüber gesprochen. Er hat sich überhaupt nicht verändert - weder äußerlich noch von seiner Art her. Als wäre es gestern gewesen, dass er uns trainiert hat. Er hat seinen Stil bis heute beibehalten. Ein junges Team nach seinen Vorstellungen zu formen: Damit war er immer erfolgreich

War zur Anderten-Zeit schon abzusehen, welchen Karriereweg er mal gehen würde?

Man hat auf jeden Fall gemerkt, dass er enorm viel Ahnung und einen klaren Plan hat. Seine Autorität entstand allein schon durch seine Kompetenz. Er wollte hoch hinaus - und mir war klar, dass er mal Bundesliga-Trainer wird. Das passt super.

Und Bundestrainer?

Da war ich, ehrlich gesagt, am Anfang skeptisch. In der Nationalmanschaft waren und sind viele gestandene Spieler, die sich vielleicht nicht mehr so gerne formen lassen. Seine Art ist ihm dann dort in der ersten Zeit ein bisschen auf die Füße gefallen. Aber Christian hat sich da klasse rausgekämpft und weiterentwickelt. Es zeichnet ihn auch aus, dass er bereit ist, aus seinen Fehlern zu lernen und nicht total stur zu bleiben.

Was denken Sie, wenn Sie Ihren ehemaligen Trainer während der WM im TV sehen?

Ich finde das ein bisschen cool. Und ich freue mich für ihn. Ich sehe ihn und sage mir: Ja, das hat er sich verdient.

Gab es in den vergangenen Jahren Kontakt?

Wir haben irgendwann noch mal mit unseren Clubs gegeneinander gespielt, meine ich. Aber seit bestimmt sechs Jahren haben wir uns nicht mehr gesehen.

Waren Sie bei einem der deutschen Spiele live vor Ort oder planen einen Besuch?

Nein, aber ich habe natürlich alle Spiele im Fernsehen geschaut.

Wie gefällt Ihnen die DHB-Auswahl bisher im Turnier?

Vorne gibt es hin und wieder Probleme, das war zu erwarten. Aber die Abwehr ist bärenstark. Wenn sie das weiter auf die Platte bekommen, können sie jeden schlagen. Man muss aber auch sagen: Das Halbfinale ist schon ein Riesenerfolg.

Reicht es am Ende zum ganz großen Triumph?

Ich sage einfach mal Ja. Toll wäre ein Finale gegen Dänemark. Wenn die zwei Länder schon das Turnier zusammen ausrichten, können sie auch gemeinsam im Endspiel stehen. Und dann gewinnt Deutschland mit 28:26. Für meinen ehemaligen Trainer wäre das eine riesige Auszeichnung. Weltmeister - ein Traum für Christian!

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