Patrick Langhorst und Sophia Schlederer radeln Tausende Kilometer – und tun Gutes

Tschüss Alltag! Hallo Welt!

Als „Schritt in die totale Freiheit“ empfinden Sophia Schlederer und Patrick Langhorst ihre Riesen-Radtour.
+
Als „Schritt in die totale Freiheit“ empfinden Sophia Schlederer und Patrick Langhorst ihre Riesen-Radtour.

Einfach mal loslassen - und losziehen. Patrick Langhorst und Sophia Schlederer kündigen Job und Wohnung und radeln Tausende Kilometer – für einen guten Zweck. Unterwegs finden sie die „totale Freiheit“, auch wenn das Corona-Virus für Zwangspausen sorgt.

Sulingen/München – „Ich bin noch nie bepackt auf dem Fahrrad gesessen“, erzählt Sophia Schlederer und rollt dabei das R in ihrem bayrischen Idiom. „Sprich: Ich bin am 23. Mai zum ersten Mal auf mein bepacktes, 42 Kilogramm schweres Fahrrad aufgestiegen – und habe einfach nur gehofft, dass ich die ersten Meter schaffe und nicht umfalle, während 20 Leute Goodbye rufen und uns hinterherwinken.“

Die Szene beschreibt gut, wie die Münchnerin Schlederer und der Varreler Patrick Langhorst in ihr Abenteuer starteten. Einfach mal los. Loslassen. Und losziehen.

Schlederer fiel nicht. Vielmehr kam sie bis zum Schwarzen Meer und noch weiter in den Kaukasus. Knapp 10 000 Kilometer haben sie und Langhorst in den vergangenen siebeneinhalb Monaten abgerissen. Mit Fahrrädern wohlgemerkt. Und für einen guten Zweck. Mit ihrer Tour sammeln sie Geld für das von ihnen gegründete Hilfsprojekt „Home for Koalas“ (siehe Infobox unten).

Was bisher vielleicht als etwas naive Idee daherkommt, begann ursprünglich als ziemlich verkopfte Angelegenheit. „Die Idee ist in einer Midlife-Crisis entstanden“, bekennt Langhorst und lacht dabei – um direkt wieder ernst zu werden: „Vor ziemlich genau zwei Jahren bin ich in die Heimat gefahren, mein Opa war gerade gestorben, die Beerdigung stand an. Parallel hatte ich mich noch auf einen neuen Job beworben, bekam dann die Absage. Ich war down, frustriert und brauchte etwas Zeit für mich.“

Zur Vorbereitung auf die Riesen-Radtour fuhr Patrick Langhorst auch mal von München in die alte Heimat.

Bei einem ausführlichen Spaziergang horcht der E-Commerce-Manager, den es vor drei Jahren aus dem Landkreis Diepholz nach Bayern zog, in sich hinein. „Das war wichtig für mich. Für mich kam die Frage auf: Warum ich mich jetzt so über etwas aufrege, das ich eigentlich gar nicht wirklich haben wollte. Ich stand gar nicht wirklich hinter dieser neuen Job-Aufgabe mit viel Personalverantwortung. Und in dem Moment habe ich mir gesagt: Es wird Zeit, das zu machen, was ich wirklich machen will – etwas, in dem meine ganze Leidenschaft drinsteckt.“ Und so reifte der Gedanke, das Radfahren, dieses Draußensein mit dem Naturschutz zu verbinden.

Bereits 2020 soll es losgehen, ehe die Corona-Pandemie das Projekt platzen lässt. In der Zwischenzeit lernen sich Langhorst und Schlederer in München kennen. „Ich war von der Idee, Fahrrad zu fahren, zu reisen und gleichzeitig etwas Sinnvolles zu tun, etwas Gutes in die Welt zu bringen, echt begeistert“, erinnert sich die 28-jährige Wirtschaftspsychologin und Yogalehrerin: „Und dann habe ich gesagt: All-in, ich bin dabei.“

Am 1. Mai soll der Startschuss fallen. Langhorst und Schlederer haben ihre Wohnungen aufgegeben, die Jobs gekündigt, „ehe das Abenteuer so richtig begann“, wie Langhorst sagt. Am Freitag, 30. April, sitzt er im Büro und kann nicht glauben, was er sieht: „Ich habe meine Arbeitskollegin gefragt, warum zeigt der Selbsttest hier plötzlich zwei Striche an? Sie hat ihre FFP2-Maske zurecht geruckelt und sich weggedreht.“

Ich sage immer: Das Abenteuer beginnt vor der Haustür. Und dafür ist Bikepacking optimal. Auf all meinen Touren bin ich immer von zu Hause los, nie erst irgendwo hingefahren, um dann dort zu starten. So lernt man auch seine engste Umgebung deutlich besser kennen.

Patrick Langhorst

Du musst nicht bis nach Singapur fahren, auch nicht in die Türkei – einfach die wichtigsten Dinge zusammenpacken, rauf auf das Fahrrad und los. Du wirst einen schönen Fleck finden, du wirst schöne Begegnungen haben!

Sophia Schlederer

Langhorst ist infiziert, muss in Quarantäne, hat aber keine Wohnung mehr. „Sophia hat dann rumtelefoniert – und zum Glück hat ihre Familie eine kleine Gartenhütte.“ In einer Hauruck-Aktion räumen Schlederer und ihre Schwester („ein Engel“) die Notunterkunft auf, während sich Langhorst auf sein Fahrrad setzt und in den Münchner Vorort radelt. „Ich habe dann bei meiner Schwester in der Küche geschlafen, weil ich ja auch keine Wohnung mehr hatte und es unklar war, ob ich mich angesteckt habe“, erläutert Schlederer und merkt humorvoll an: „Ich also zwischen Esstisch und Kochplatte auf der Isomatte, Paddy 20 Meter entfernt in der Gartenhütte: Sprich: Wir konnten schon mal das Equipment für die Reise testen.“

Drei Wochen später ist es endlich so weit. Entlang der Donau führt es die beiden durch Osteuropa ans Schwarze Meer. Langhorst und Schlederer radeln in die Tage hinein, fallen abends erschöpft und erfüllt in ihr Zelt. „Plötzlich diese Freiheit und diese Flexibilität zu spüren, war ein großer Aspekt“, sagt Schlederer: „Man merkt schnell: Wenn man wirklich autonom unterwegs sein will, kann man es auch.“

Spätestens in der Türkei ist es vorbei mit der Einsamkeit. „Auf einmal war es eine komplett andere Welt“, betont Langhorst, der auf Fotos mit seiner runden Hermann-Hesse-Brille und der Radmütze im 90er-Style modebewusst daherkommt: „Wir haben so viele Einladungen bekommen, einfach so viele nette Menschen getroffen. Alle fünf Minuten wurden wir zum Chaitrinken eingeladen, zum Frühstück, zum Abendessen – uns wurden Unterkünfte für die Nacht angeboten. Es ist einfach schön zu sehen, dass es auf dieser Welt noch so viel Herzlichkeit gibt.“

Hoch hinaus geht es im Kaukasus: Langhorst und Schlederer besteigen den Kasbek (5 054 Meter).

In der Türkei durchleben Langhorst und Schlederer aber auch eine harte Zeit. „Wir kamen nachts in Istanbul rein, nach einem wirklich harten Ritt. Es gibt da ein Foto, da sehe ich schon recht blass um die Nase herum aus“, erinnert sich die 28-Jährige. Am nächsten Tag brummt ihr Schädel, Übelkeit stellt sich ein, Fieber folgt. Schlederer kommt ins Krankenhaus, bekommt Infusionen und erhält einen positiven Corona-Test.

„Für mich war es körperlich wie mental eine der größten Herausforderungen in meinem Leben“, sagt sie in der Rückschau: „Mir ging es noch nie so schlecht, ich hatte vorher nie das Erlebnis, nicht Frau über meinen Körper zu sein.“ Das richtige Mindsetting habe ihr dann geholfen. „Irgendwie positiv bleiben, sich immer wieder sagen, dass man gestärkt aus so einer Sache herauskommt“, erklärt Schlederer: „Und das hat dann ja auch funktioniert. So sechs Wochen später habe ich gemerkt, dass ich körperlich wieder da bin.“

Nur noch über diese Brücke – dann sind Langhorst und Schlederer mit ihren Fahrrädern in der Türkei angekommen.

Und so reist das Duo weiter östlich, verliebt sich in die halluzinativ daherkommenden Felsformationen Kappadokiens und besteigt den mehr als 5 000 Meter hohen Kaukasus-Berg Kasbek „mit 50-Cent-Handschuhen aus dem Baumarkt“ (O-Ton Langhorst). Im Osten Georgiens stehen sie dann in einer Sackgasse. Die Grenzen Richtung Aserbaidschan und weiter nach Iran sind wegen Corona geschlossen. „In ein Flugzeug wollten wir nicht steigen, deshalb haben wir uns gesagt, wir fahren zurück in Richtung türkischer Riviera und konzentrieren uns erst mal auf Europa.“

Weihnachten haben Schlederer und Langhorst bei 16 Grad nahe Izmir an der Ägäisküste verbracht, Silvester ist in Istanbul angedacht. Wie und ob es dann mit der Reise weitergeht, ist offen. Aber eins ist klar: Dieser Trip hat schon jetzt ihr Leben geprägt. „Ich habe für mich gemerkt, dass es ein richtig gutes Gefühl ist, diese vermeintliche Sicherheit aufgegeben und gegen Risiko eingetauscht zu haben“, reflektiert Langhorst: „Einfach weil du extrem agil bist. Selbst keine Wohnung zu haben, finde ich gar nicht schlimm gerade. Man merkt: Irgendwo gibt es immer was für dich.“ In den Alltagstrott wird es auch Schlederer so schnell nicht zurückziehen: „Mich hat dieser Schritt in die totale Freiheit auch dazu ermutigt, dass ich den Dingen, die ich sowieso schon immer machen wollte, in der Zukunft noch mehr nachgehen möchte.“

„Freundliche und verspielt“: Sophia Schlederer mit wilden Hunden in Georgien.

Wilde Hunde und fliegende Quälgeister

„Seit wir auf Reisen sind, werden wir ständig von Hunden begleitet“, schreiben Patrick Langhorst und Sophia Schlederer am 1. Oktober auf Instagram: „Manchmal sind sie Freunde, manchmal scheinen sie Feinde zu sein. Einige scheinen klug, andere nur aggressiv zu sein . . . man kann es mit den Menschen vergleichen.“

Die Hunde auf diesem Foto seien „freundlich, verspielt und lustig“ gewesen, heißt es in dem Post. Das Bild entstand im georgischen Mzcheta. Problematischer waren die Begegnungen mit Hütehunden in der Türkei. „Wenn da so ein Kangal ankommt, rutscht dir das Herz schon mal in die Hose“, sagt Langhorst: „Das sind ja schon halbe Pferde – und haben dann auch noch so ein riesiges Stachelhalsband um.“ Manche Reisende würde in solchen Situationen gar Pfefferspray einsetzen. „Wir möchten nicht als Feinde in der Natur auftreten“, sagt die Bayerin Schlederer. „Man muss bedenken, dass der Hund nur seinen Job erledigt“, fügt der Varreler Langhorst hinzu: „Wir haben mittlerweile eine ganz gute Strategie entwickelt: Sehen wir eine Schafsherde, versuchen wir direkt Blickkontakt zum Schäfer aufzunehmen. Im Notfall stellen wir die Fahrräder zwischen uns und die Hunde – irgendwann verlieren sie das Interesse.“ Mücken sind hartnäckiger. Schlederer berichtet von „Hunderten Stichen“. Ab Rumänien habe es angefangen: „Wir hatten jeden Abend mit Mücken zu kämpfen, dazu 34 bis 37 Grad, alles staubig.“ Diese Gemengelage führte dazu, dass sich das Duo auch mal eine feste Unterkunft statt Zelt gönnte: „Wir wollten diese Reise nicht zur Qual machen.“

„Home for Koalas“: Die Initiative und das Ziel

Alleine bei den Bränden in Australien sind laut der Umweltschutzorganisation WWF 2019/2020 mehr als eine Milliarde Tiere direkt oder indirekt durch die Flammen ums Leben gekommen. Der Varreler Patrick Langhorst und seine Freundin Sophia Schlederer wollen beim „Wiederaufbau“ mithelfen und gründeten das Projekt „Home for Koalas“. Das Ziel? 15 000 neue Bäume! Dafür wollen die beiden 15 000 Kilometer durch die Weltgeschichte radeln, wollen 75 000 Euro an Spendengeldern sammeln. „Die Spenden werden zu 100 Prozent dafür verwendet, um die abgebrannten Lebensräume wieder aufzuforsten“, betont der Ex-Fußballer des FC Sulingen. Heißt: Alle Kosten für die Tour tragen er und Schlederer komplett selbst. Die Spenden gehen allesamt an die in Baden-Württemberg angesiedelte AGA (Aktionsgemeinschaft Artenschutz), die wiederum mit der australischen Organisation Foundation For National Parks & Wildlife (FNPW) zusammenarbeitet. Weitere Infos unter www.homeforkoalas.com

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

Rehden gewinnt Testspiel in Brinkum mit 2:0

Rehden gewinnt Testspiel in Brinkum mit 2:0

Rehden gewinnt Testspiel in Brinkum mit 2:0
Luca Köhnken allein im Löwen-Kasten

Luca Köhnken allein im Löwen-Kasten

Luca Köhnken allein im Löwen-Kasten
Vom Kraftsportler zum Langstreckler

Vom Kraftsportler zum Langstreckler

Vom Kraftsportler zum Langstreckler
Temin trifft zur Wende im ersten Test

Temin trifft zur Wende im ersten Test

Temin trifft zur Wende im ersten Test

Kommentare