Corona und die Folgen für Patienten

Mannschaftsarzt Dr. Schlüsche auch als Mentalcoach gebraucht

Dr. Andreas Schlüsche bei der Stoßwellentherapie in seiner Rehdener Praxis.
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Stoßwellentherapie – auch das gehört zu den Leistungen von Dr. Andreas Schlüsche in seiner Rehdener Praxis.

Dr. Andreas Schlüsche hat viel zu tun. Er kümmert sich um die Patienten in seiner Rehdener Praxis und als Mannschaftsarzt um die Rehdener und Sulinger Fußballer. Und in diesen belastenden Corona-Zeiten hilft er den Menschen auch mental.

  • Corona und die Psyche: Mediziner Dr. Andreas Schlüsche ist besorgt.
  • Nach Infektionen reagierten beim BSV Rehden alle blitzschnell.
  • Den Gang zum Arzt verschieben kann gefährlich sein.

Rehden – Beachvolleyball-Olympiasieger Julius Brink lugt neben der mehrfachen deutschen Halbmarathon-Meisterin Sabrina Mockenhaupt aus einer Ecke heraus. Dr. Andreas Schlüsche hätte eigentlich keinen Grund, diese und weitere Autogramme seiner prominenten Patienten zu verstecken, aber „das ist ja auch schon etwas her. Trotzdem schade, dass ich mir von einigen anderen nicht noch eine Unterschrift habe geben lassen“, gesteht der Allgemein- und Sportmediziner schmunzelnd. In seiner 16-jährigen Zeit als Bundeswehr-Arzt lagen einige erfolgreiche Sportsoldaten bei ihm auf der Pritsche. Doch im Hier und Jetzt, in seiner Rehdener Praxis, scheint sich der 45-Jährige damit nicht schmücken zu wollen. Wichtiger sind ihm jene, die im Moment Hilfe brauchen – und das sind einige. Im „normalen“ Alltag als Hausarzt und – bei weitem nicht nur an Wochenenden – als Mannschaftsarzt des Regionalligisten BSV Rehden und des Landesligisten TuS Sulingen.

Neben den beiden höchstklassigen Fußballteams im Kreis vertrauen ihm auch die Oberliga-Handballer der HSG Hunte-Aue Löwen und Aktive aus anderen Ligen. „Wir haben Patienten aus vielen Mannschaften der Umgebung – das freut uns natürlich“, sagt Schlüsche. Ultraschalltherapie bei muskulären Entzündungen oder Muskelfaserrissen, Stoßwellentherapie bei Achillessehnenbeschwerden, Laserbehandlungen gegen Leiden wie etwa Knochenhautentzündungen und die 4-D-Analyse. Die hat allein in diesem Jahr schon Profis wie Torhüter Domenico Ebner vom Handball-Bundesligisten TSV Hannover-Burgdorf, dessen weiblicher Keeper-Kollegin Nicole Roth aus Metzingen, aber auch Fußball-Junioren-Nationalspielern wie dem Südkoreaner Kyu Hyun Park (Werder Bremen II), Tinahan Tasci (Ajax Amsterdam U19) geholfen hat. Perus Nationalspieler Paolo Hurtado (inzwischen in der türkischen Süper Lig) vertrauten ihm ebenso wie der frühere Werder-Profi Özkan Yildirim.

Lockdown-Vergleich: „Die Stimmungslage ist deutlich heftiger“

„Aber das war alles vor der Corona-Zeit“, verdeutlicht Schlüsche. Seitdem hat sich vieles verändert. Und nun, während des zweiten Lockdowns, sind der 45-Jährige, seine Frau Dr. Anne-Kristin Schlüsche und das gesamte Praxisteam vermehrt auch als Seelsorger, als „Psychologen im Nebenamt“, gefragt. Denn wenn der Mediziner die erste Corona-Welle vom Frühjahr mit der zweiten in diesen Tagen vergleicht, sagt er: „Die Stimmungslage ist deutlich heftiger. Vor allem die Ausweglosigkeit macht vielen unserer Sportler zu schaffen.“

Schlüsche, der 2011 aus freien Stücken vom Oberfeldarzt beim Heer zum Hausarzt auf dem Land umsattelte, hätte selbst nicht damit gerechnet, dass Corona so lange den Alltag beherrscht. „Ich hatte gedacht, dass es schneller eine Lösung gegen dieses Virus geben würde, dass früher ein Medikament zur Behandlung oder sogar ein Impfstoff zur Verfügung stehen würde.“

Stattdessen „kommt man sich manchmal vor wie in einem Entwicklungsland“, ärgert sich Schlüsche über den dürftigen Nachschub. Die fehlenden Dosen für Grippeschutzimpfungen sind das Eine, „aber die sind bei Corona sowieso kein probates Mittel“. Für viel bedenklicher hält er die Lieferengpässe bei den Corona-Schnelltests.

Erinnerungen und aktuelle „Arbeitsfelder“: Dr. Andreas Schlüsche vor einigen Autogrammen wie dem seiner früheren Patientin Sabrina Mockenhaupt.

Umso erleichterter ist der Vater zweier Kinder, dass ihm seit kurzem der Antigen-Test zur Verfügung steht. Erst dadurch kam Ende Oktober früh genug heraus, dass sich drei Akteure aus dem Rehdener Kader infiziert hatten (wir berichteten). „Ich bin so froh, dass wir diesen Schnelltest nutzen durften und schon 15 Minuten danach reagieren konnten“, verrät der Mannschaftsarzt. Zwei der drei Akteure hatten nichts geahnt, waren komplett symptomfrei, fühlten sich topfit und hätten am 31. Oktober gegen Regionalliga-Kontrahent SSV Jeddeloh gespielt. „Dann wären wir womöglich zum Superspreader geworden“, verdeutlicht Schlüsche das damalige Risiko. Der BSV als Infektionsherd – das wären unliebsame Schlagzeilen gewesen.

Stattdessen: Benachrichtigung der Club-Spitze und Antreten zum sofortigen Massentest. „Die Vereinsführung hat wirklich gut und schnell gehandelt – sehr umsichtig“, lobt Schlüsche. Mehr als 30 Mitglieder aus Mannschaft und Funktionsteam durchliefen die Prozedur – allesamt ohne Befund.

Der Mannschaftsarzt staunt über das Rehdener Teambuilding

Doch es folgte eine gehörige Portion Leere: Quarantäne, auf Eis gelegte soziale Kontakte am Arbeitsplatz und zu Hause, das Ende diverser Fahrgemeinschaften zum Training. Die Team-Übungseinheiten und das Heimspiel gegen Jeddeloh fielen sowieso aus, sofort danach trat das bundesweit verhängte Amateursport-Verbot in Kraft. Weitgehende Untätigkeit bis auf Einzeltrainings und „Zoominare“ per Online-Schalte mit Fitnesscoach Michele Lapenna – das kann aufs Gemüt schlagen. „Aber die aktuelle Mannschaft ist zu einer zweiten Familie geworden – dieses Mal viel intensiver als in den Vorjahren“, sagt der Mediziner, der die BSV-Erste seit 2011 begleitet: „Auch mich hat gewundert, dass sich alle so schnell zu solch einer Gemeinschaft gefunden haben. So wird der Einzelne gut durch diese Zeit getragen. Egal, woher er kommt und wie weit er von zu Hause entfernt ist.“ Großen Anteil daran habe der neue Trainer: „Andreas Golombek bringt da mit seiner väterlichen Art alles mit.“

Abgesehen von der groß angelegten Testung des BSV haben die Fachleute in der Praxis täglich mit etwa zehn Corona-Tests täglich zu tun. Um die Gefahr durch die Pandemie in ihren Räumen bestmöglich zu bannen, investierten Schlüsches erheblich: In den meisten Räumen arbeiten Luftfilteranlagen zum Preis von je 1300 Euro, in den Decken ließen sie überall Außenlüftungsanlagen installieren, Kohlendioxid-Messgeräte zeigen in den Behandlungszimmern die aktuellen Werte an. Mund-Nasen-Schutz und Handschuhe zählen beim Personal und den „Chefs“ zum dauerhaften Standard, Corona-Verdachtsfälle bekommen nur Termine außerhalb der normalen Öffnungszeiten – etwa in der Mittagspause.

Corona ist nicht gut für die Waage

Trotzdem weiß Andreas Schlüsche, dass viele aus Angst vor Ansteckung den Gang zum Arzt in diesen Wochen meiden. Das bereitet ihm fast noch mehr Sorgen als Corona selbst: „Diese Krankheit ist ohne Frage gefährlich, aber es gibt auch andere gefährliche Krankheiten.“ Als im Sommer die erste Welle der Pandemie abgeebbt sei und die Patienten zurückkamen, „haben wir relativ viele Krebsarten festgestellt“. Weitaus weniger tragisch, aber trotzdem gefährlich: Etwa zwei Drittel der Menschen, die sich bei ihm einem Check unterzogen hatten, brachten etwa zwei Kilogramm mehr auf die Waage als vor dem Lockdown. Mögliche Folgen: Bluthochdruck und Diabetes.

Immerhin die Gefahr durch Übergewicht dürften Golombek und sein Trainerstab sowie Athletik-„Schleifer“ Lapenna gering halten. Doch alle – auch Dr. Andreas Schlüsche – können es jetzt schon kaum abwarten, wieder auf dem Platz zu stehen. Schon vorher wird der Mediziner wohl einige wiedersehen – nicht nur auf den Rehdener Mannschaftsfotos an der Wand neben Mockenhaupts und Brinks Autogrammen, sondern in seiner Praxis. Zum Lindern physischer und mentaler Blessuren.

Gut durch den Corona-Herbst: Tipps von Dr. Schlüschel

Eine heikle Mischung: Zum gemeinhin bekannten „November-Blues“ gesellt sich diesmal die Gefahr durch Corona. Allgemein- und Sportmediziner Dr. Andreas Schlüsche aus Rehden hat da einige Tipps, um besser durch die Zeit zu kommen:

„Kopfsache“

Die „AHA“-Regel zum Infektionsschutz (Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmaske) sind hinlänglich bekannt. „Wichtig ist aber auch die Hygiene für den Kopf“, sagt Dr. Schlüsche: „Wir müssen lernen, unsere Probleme wegzusortieren, um sie zu verarbeiten.“ Dazu zähle auch, „sich nicht jede Corona-Sondersendung im Fernsehen anzuschauen“. Wichtig sei zudem, einen vernünftigen Tagesrhythmus einzuhalten – „mit ausreichend Wach- und Schlafphasen“. Schlaf helfe beim Aufarbeiten der täglichen Sorgen, trage erheblich zum (auch körperlichen) Regenerieren bei und stärke dadurch die Abwehrkräfte.

In Bewegung bleiben

„Meine Empfehlung: mindestens einmal täglich eine Stunde draußen bewegen“, rät Schlüsche, „am besten bei Tageslicht“. Denn die Sonne dient der Herstellung von körpereigenem Vitamin D, Betätigung im Freien stärke das Immunsystem. „Schon Spazieren gehen hilft, aber Rad fahren und Joggen sollten auch vielen möglich sein“, verdeutlicht der Arzt: „Am besten wäre ein kleiner Triathlon. Das Schwimmen muss angesichts der geschlossenen Hallen- und Freibäder jetzt leider ausfallen, aber Laufen und Fahrrad eignen sich bestens.“

Ist dies tagsüber nicht möglich, empfiehlt Schlüsche, den Bildschirm anzuwerfen: „Es gibt tatsächlich einige nützliche Internet-Videos, das können schon recht kurze Spots sein.“ Als Beispiele nennt er Körperkern-Stabilitätsübungen oder die guten, alten Liegestütze und Sit-Ups. „Das Gute ist: Außer einer Trainingsmatte oder einem Teppichboden braucht man nicht viel mehr.“

„Es werde Licht“

Wenn die Sonne endgültig verschwunden ist (und das passiert dieser Tage immer früher), empfiehlt Dr. Schlüsche ausreichend künstliches Licht mit einer möglichst hohen Lux-Zahl. „Auch das kann die Stimmung heben und dem Herbst-Winterblues vorbeugen.“

Ernährung

Über ausgewogene Nahrungsaufnahme haben sich speziell in diesem Corona-Jahr schon viele Experten ausgelassen. Dr. Schlüsche unterstützt ebenfalls das bekannte Plädoyer zu ausreichend Obst und Gemüse, „aber aktuell rate ich sogar auch zu Nahrungsergänzungsmitteln“. Als Beispiele nennt er Zink-, Selen- und Vitamin-D-Präparate. Darüber hinaus würde er Naturjoghurt wegen dessen probiotischer Kulturen auf die Einkaufsliste schreiben – und Hochseefisch. Der enthalte neben dem wichtigen Vitamin D auch viele Omega-3-Fettsäuren (wichtige Bestandteile der Zellmembranen).

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